Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 12 (26.11.1935)
- Date
- 1935-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nummer 12 - Gemeindeblatt der D e n t s c h - I s r a e I i t i s c h e n Gemeinde Seite 5 ISRAELITISCHER TEMPEL-VERBAND Im Laufe des Winterhalbjahres 1935 36 veranstalten wir wie in den Vorjahren einen Vortrags-Zyklus über Fragen der Gegenwart Der erste Vortrag über dos Thema AUSWANDERUNG findet statt am Sonntag,15. Dezember, vormittags II'/;' Uhr,,im Großen Tempel, Oberstraße 120 Es sprechen Rabb. Dr. Italiener (Einleitungsworte) und als Referent Herr Henry Chassel, Sekretär des Hilfsvereins der Juden in Deutschland. Der Vortrag ist umrahmt von Chorgesängen Er beginnt pünktlich, ist unentgeltlich und jedem Gemeinde. Mitgliede zugänglich. - Die Termine der anderen Vorträge werden rechtzeitig bekanntgegeben. DER VORSTAND. sein, inneres Wesen umformen könne. Man küninc es \tcitnchr nur gewöhnen, Wrisse Süßere Dinge zu fun, andere 4ji lassen. In Wirklichkeit bedeutete diese Erfahrung keine im Lauf«' der Zeit entstandene skeptische Einsicht in die Grenzen des Erfzieherberufs, als vielmehr ein Bekenntnis /u der besonderen Vitalität jedes einzelnen Kindes, zu weither sie sich mit all ihrer Kraft, (und oft a-lich über ihre Kraft) treu bekannt hat. Sie Wollte auch keine ihr Leben lang unter dein Mangel an Lidbesbeweisen leidenden Waisenkinder großziehen; kleine und grolle Ereignisse im kindlichen Dasein waren ihr wichtig, sie hat sie ernst genommen, wissend, was dies für die Entwicklung des Menschen 'bedeutet. Sie blieb uueh-die Freundin der aus ihrer Erziehung entlassenen Mädchen: ratend und fragend, teilnehmend und helfend hielt sie mit finor unglaublich aktiven Treue überallhin die Verbindung aufrecht. End wenn das freie Leben statt der Erfolge Not und Sorgen brachte, konnte man /u Gertrud Benzian zurückkommen, um durch \crstandnis und Hilfeermutigt von nt-uc|m zu beginnen. Treue bewies-sie auch den Mitarbeitern gegenüber, die sie kameradschaftlich in ihrer bescheidenen Sicherheit von ihrem Wollen zu überzeugen Wußte, wie auch sie stets jeder Belehrung zu-' gänglich blieb, l ud Treue endlidi bewies sie gegenüber der gewählten Pflicht, unter deren Gesetz sie sich ohne Rücksicht auf ihre so erschütterte Gesundheit stellte. Ihr Weg durchs Leben ist typisch für die Generation der jüngsten Zeitenwende, denn sie suchte nach einem Beruf, in deni sie ihr Wesen erfüllen, von der Freiheit zur Bindung kommen konnte. Die Gegenwart, die si<h feindlich abkehrt von Individualismus und Liberalismus und nur der Gemeinschaft Wert und Realität zuspricht, 'wäre nicht möglich geursrn ohne Menschen wie sie. die als einzelne sich auf den Weg machten, die Gemeinsamkeit zu finden. Sie wollte aber nicht jene ästhetisch gefärbte Gemeinschaft der überfließenden Reden und Herzen, die ein Zeitlang üblich war. sondern eine solche der Arbeit, ein kameradschaftliches Zusammenwirken und -stehen im Alltag. Von zwei Quellen war . ihr Weg bestimmt: von der Frauenbewegung und vom Judentum, und eine einschneidende Wendung nahm er im. Kriege. Sie ist IMS» uls drittes von fünf Kindern einer angesehenen, die jüdisch-religiöse Tradition pflegenden Hamburger Familie geboren. Nach der S hulentlassiing verließ sie den Bereich von Haus und Familie — der sie jedoch ihr ganzes Leben lang unsichtbar umschloß — ergriff den Beruf der Lehrerin, welchen sie sechzehn Jafire lang an der Töchterschule der Gemeinde in Hamburg" ausübte. Von der jungen, kaum zwanzigjährigen Lehrerin' wird bereijs berichtet, daß.ihr. Augenmerk nicht nui auf den Unterricht, sondern auch auf die Erziehung der Kinder, gerichtet, war. Damals schon brachte sie den Zögiii gen des Waisenhauses ganz besonderes Interesse entgegen, lüfte sie am liebsten die .Schultätigkeit aufgegeben, um sich < ganz ihrer Erziehung zu widmen. Als das Erlebnis des Weltkrieges, dieser Zeit des aufbrechenden ' Gemeinsinnes auch sie erg«ff, gab sie die Unterrichtsarbeit auf und besuchte das unter der 'Leitung von Gertrud Bäumer und .Marie Baum in Hamburg bestehende Sozial- .pädagogische Institut. Nachdem sie noch eine Zeiitlang im staatlichen Sozialdienst an grundlegenden Einrichtnirgcn für die späten- Berufsschule, als Erzieherin in einem'jüdischen Waisenhause in Berlin und als Geschäftsführerin' tut Jüdischen Frauenbund mitgearbeitet hatte, gelangte sie t')J0 an das Ziel ihrer Wünsche: sie w urde die Leiterin des Mädchen-. Waisenhauses Paulinenstift. mit ihrer Person Wachsen und der ültigen Ausgestall)as Paulinenstift wurde zli ihrem, identischen Werk. Von dem Werden und organisatorisch-hausw i rtsciiaftl ch musterf tung des Heimes hat sie viehnals selbst erzählt. Bereits in der ersten Zeit ihrer Tätigkeit wurdeihr bewußt, daß ein Heim, gerade wenn es ein rechtes Erziehungsheim sein toll, der pädagogischen Idee auch den technischen und den Yerwaltungsapparat unterordnen müsse. Dazu Ixt-durfte es aber einer ganz neuen, bis dahin im jüdischen Anstaltswesen nicht gekannten Art von Mitarbeitern, die ihrer Meinung nach nirgends anders ■ ausgebildet werden konnten, als in den Anstalten selbst. Sie machte selbst/ den Anfang damit, das Paulinenstift als A u s 1> i I d u n g s s t ä t t e auszubauen, schaffte dasjfrühcre Hauspcrsojnal ab und begann mit Ha'ushaltslehrlingen. den Hasen, zu arbeiten. Sie sollten, neben der technisch-praktischen Arbeit, »Ol allem-eines lernen und erleben: V e r a-n t w o r t u n g ■gegenüber der Gesamtheit. Das' schien ihr das Wichtigste für das jüdische An'stalts- Hasen gehe personal. Zu den Zeitlang ganz in Mädchen, sondern auch die K lassung zur Erlernung des Hai rten nicht nur fremde, eine die Kindel Gemeinschaft aufajejiommene Inder, .die nach "der Scliulentshälts noch ein Jahr im Heim verblieben. Dazu kamen später noch — inzwischen war das Paulinenstift vom Staate als Hinrichtung zur Absolvierung des Pflichthaushaltjahrs anerkannt worden - Schülerinnen' von auswärts. Einen weiteren Ausbau in-pädagogischer Umsicht erfuhr das Paulinenstift dann vor einigen Jahren durch die Anglic-derung -einer K I e i;n k i n d e r■Abteilung, denn Ausbau Gertrud Benzian gerade in den letzten Wochen \6r ihrem Tode beschäftigte.; Von den pädagogischen/ Ideen, welche diesem äußeren Werden zugrundelagen.', erhielt die Jüdische < iffenllichkeit bei der Erziehungskonferenz ||9J> eilU n Einblick. Audi in der Zeitschrift, „Der Jude-'* hat Gertrud Benzian ausgesprochen, was sie mit ihrer Erziehung wollte und erstrebte: aus den Kindern selbständige undfreudige Menschen, aus dem von ihr geleiteten Heim eine Statte wahrer, yon,jüdische m Geiste getragener Gemeinschaft machen, innerhalb welcher sie, die Leiterin, nicht* anderes sein wollte als Mitmensch'). Aus diesem Grunde ließ sie z. B. ihre Geschwister*; kitider ständig um Leben und We.ben des Heims te ilnehmen. Nunmehr, da Gertrud Benzian ihren Lebens- und Wirkungskreis verlassen hat. mögen ihre Zöglinge-zeigen., daß sie sie verstanden haben, ijnd das Puulinenstif)," das im deutschen Judentum lind in der pädagogischen Well Wspjdbekannte ' Heim, ihrem Andenken treu auch fernerhine in Ort echter ('emeinschnft bleiben. Demi ..die Stätte.die ei;i guter Mensch DCtratj die ist »trveiht für alle Zeiten".-, '(iDas PauliMpStlri zu e-rzieliunir. Der ."-uele. .In. 8, f Zur lic-feirin ele-r. Anstalt*-