Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 12 (26.11.1935)
- Date
- 1935-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4891256-5444737-5445061--1104-4892226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde .Nummer 12 N'ii hl mehr der JulxM des „Wellfreundes", nicht mehr das jauchzende ..Wir" des die Well liebend erfassenden jungen Dicltters klingt aus den neuen Gedichten von Kranz Werfel im-, entgegen5). Ks ist einsam und still geworden um ihn. Tiefer sithl er den Sinn der Dinge: » Vnheimlicher- Wird mir die Welt. Je tiefer sich mein- Lehen jährt. I Was ringt« der kleinste Blick erfahrt. Mit Zauber-Kerne mich befällt. * Ks ist, als oh ein anderer Mann Verstund in mir, was mich nmrannt, I Indes mein Seihst, dicht nebenan, < Erschrocken und schwerhörig staunt. Freunde und Welt hahen sieh vor ihm zurückgezogen, näher gerückt sind die Toten, Überallher kommen sie ihm entgegen: der uralle Ahn. die getreue Magd, der Jugendgefährte, der kranke hllc Herr — sie alle arme Kreaturen — sie alle ausgestoßen in des ..Wellraums Äther-EU" — sie alle reich im Erlebten, wenn die befreite Seele entdichtet wird —, „wo alles lockrer, leichler, heiler wird". l'nruhig. ein Vagabund'der Städte, zieht zwischen Erwachen und Schlaf cjer Dichter durch die Lande: Ihr Völker der Erde, mich rührt Das Bleibende, das ihr vollführt. Ich selbst, ohne Volk ohne Land, j Stütz nun meine Stirn in die Hand. ( herall verfolgt ihn der „Blick der Kreatur", der in seiner ..leiderstarrten Dauer" das Geschöpf vom Schöpfer scheidet. Stumm wird es in ihm: ' Denn aus Nichts hat mich heschieden In sein All der Herr des Lichts. Und das Nicht« in mir sucht Frieden Immer wieder nur im Vichts. i l'id wie dem Mensrhen aus dem Schlafe, dem Vergehen ins Nicli s. ein neuer Tag wird, füllt sich alltäglich noch einmal alles Hollen* Segel. Jeder Tag. jede Stunde — alles Geschaffene wird /um Wunder göttlicher Kraft, dem der Dichter sich demütu* hingibt. Gebet In der Dämmerune Wenn ich schreibe, Herr, sei ich Dein Stift, Tauch mich in mein Blut als Deine Feder, Wolle schreiben mich mit schöner Schrift! Denn mein eigner Sinn ist voll Entweder Vnd voll Oder, voll Sowohl — Alsauch Stören und verstören kann mich Jeder. Aber wenn ich in den Winterrauch Durch das Fenster starre irrs Vertagen So wie jetzt, belebt mich fremder Hauch. Therm, Blatt vernehm ich Dein Weissagen Flüsternd zu Dir selbst. Leicht wird mein I*eih; t . Denn er ist durchdrungen und getragen .. . Herr, hier bin ich! Faß mich an und schreib! In diesem Teile seiner Gedichte — llymnarium — spüren wir Jüdisches in der Seele des DichJers in der demütigen Hingabe an das Kleine, in der Bereitschaft, Griffel zu sein, in dem inbrünstigem Verlangen. Gott zu lobpreisen. Daran ändert auch Bichls, daß das äußere (iewand oft der Österreich-katholischen um.wMt entnommen ist. die auch sprachlich in dem in Gedichten oll störenden Gebrauch von Fremdwörtern sich bemerkbar macht. Neben Madonnengedichten werden Visionen der Propheten (Elia, .lesaia. Kzechiel) gestaltet — und aus dem F'rleben unserer Tage klingt es uns entgegen im „Mysterium der Auserwählung": ehtaf und Erwachen." Neue Gedichte. I'aul Szolnay Verlag. Doch habe Trost. Nur jene, die,dich hassen. Beschwören, daß dein Heil vergeudet sei. | Diese Gedichle, die über alles Zeitliche und alles Trennende in .all ihrer Einsamkeit das Gemeinsam-Menschliche geben, sind grade dem jüdischen Menschen in Deutschland bedeutsam. Wir sollen sie lesen und an ihnen lernen, was wahre Kunst isl, wie Leben in geformter Sprache sich dichtet. In der Not der Stunde engt sich unser Blick ein. oh des besonderen Leides vergessen wir oft die leidende Kreatur um uns. End Mi diesen 'Gedichtet können wir uns prüfen, ob wir nicht — allzuoft im Stofflichen!>cfangen — an manche Gedichte strengere Maßsläbe leget müßten. Wie tief Werfel die Verantwortung vor dem Wort fühlt zeigt die „Legende von der Sprache": , Dinge sind vielleicht nur Zeichen. Doch das Wort ist mehr als Schein. In sein Herz hineinzureichen Heißt der Gottheit näher sejn. An die Wende der Zeilen hat uns das Schicksal gestellt. Aus einer Welt der Fülle sind wir ausgesloßen in eine Zukunft, in der wir Schritt für Schritt]uns den Boden unseres Seins erobern müssen. Was unser war, was unser bleibt - Tage. Menschen unseres Leides sagen es uns Stimme, die einen jeden voir uns ruft. Menschen unserer Hören wir auf ihre» Keine Zeit zum Zaudern! Boten warten nie. Ist der Ituf ergangen: 7 Mach dich auf! Karl Wolfskehl. Der vorstehende Aufsatz wurde im August abgeschlossen; langt aus Raummangel erst jetzt zur Veröffentlichung. , •r ge- HILDE OTTENHEIMER: Gertrud Benzian zum Gedächtnis Wir berichteten vor kurzem, daß anläßlich der ersten Wiederkehr des Todestages von Gertrud Benzian auf dem Begrähnisplatz der Gemeinde in Ohlsdorf ihr Grabstein enthüllt wtirde und im PaulinenstifL der Stätte ihres segensreichen Wirkens, eine Erinnerungsfeier stattfand. Die nachstehenden warmherzigen Gedächtnisworte, die erstmalig in den Blättern des Jüdischen Frauenhundes erschienen, sollen zeigen, wie Gertrud Benzians Persönlichkeit und Leistung auch außerhalb Hamburgs gewürdigt wurden. für* Leistung eines Erziehers laßt sich mit Worten schwer erfassen. Denn es ist ja das Charakteristikum alles Erzieherischen, daß es sich jeweils mir zwischen zwei Menschen, dem Erwachsenen und dem Kinde, dem Geformten und dem Enge formten, vollzieht. Was von diesem seelisch-geistigen Vorgang anderen sichtbar wird, ist eine spezifische Treue. Diesebesaß Gertrud Benzian in hohem Maßer. Sie äußerte sich als Treue zu der Person des, Kindes, das nicht it wesenfreinde Schablonen gepreßt, sondern seiner Art gc-. maß erzogen werden sollte: erzogen nicht durch äußere Mittel, gar durch Zwang, sondern durch Appell an Einsicht und Ycrstiindnisw illigkcit. Häufig gab sich die an die Person des Kindes glaubende Treue Wen Anschein von Skepsis. Denn wie oft warnte Gertrud Benzian vor dem iiberschw anglichen Erziehungsoptimismus einer bestimmten Periode: so oft bezweifelte; sie, daß man das Kind erziehen. Gedenket der Jüdischen Winterhilfe Hamburg! Bank: M. M. Warburg & Co.; Simon Hirschland - Po,slschccfi: Hamburg 150 54