Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (29.8.1932)
- Date
- 1932-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Gemeinde blatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Nummer T vornehmste Element ihrer sittlich-geistigen Ausbildung; er umfing das Individuum stark und sicher, verband es mit einer Gemeinschaft und seheiikjte ihm einen wannen und fruchtbaren Le-bensbodcn-, Wir aber steht es jetzt mit dieser Lebensform. Hundert Jahre hat sie gehalten — nun wird sie im wahrsten Sinne des Wortes ..abgebaut"! Iliimanisandre. was uns Gesicht der Zeit mit bell: \(IM idlage. m ii s d ä m m e r u'n g! ' Das ist das Grauen packt. ,w.enn wir. das innen dachten. Sdilagliditai tig beleuchtet ein knrzer Gesprächsteil zwischen Etzel und Marie [diese Zerstörung der deutschen Lfbensforni: ..Ich weil!. Sie sind eine llumanistin", höhnt er. ..wir lehnen den Humanismus alift ..l nglückliehe-s Volk", sagt sie. erschüttere von.elie-ser Mitteilung, und faltet die Hände. (Sj M2) ' u * I nie Götzen- und eine Humanismus-Dämmerung! Wahrlich grausige Erschüttern Ilgen — sie machen den heutigen Mi-nsdicn krank, verstört, rasend bis zur Sclbstzerf leisehung. Völlig ratlos fragt er sidt: \\ ie konnte dieses ..deutsche Inferno" nur zustande kommen? Wassermann-KcrkhoWH meint es nicht anders erklären zu können als durch „ein lisjtrult s \ erhängnis". das auf der Menschheit lastet, eine ..kosmische- .Störung". Damit deutet er immerhin zu Recht den Zusammenhang des Irdischen mit einem Ueberirtlischcn an. End Marie nennt den Zustand der jüngsten deutschen Jugend ..Neudeiitsihes Heidentum!"' Biehtig ist darajn, dali der heutige Mensch sich von der religiösen Grundlage völlig gelöst dät. .nif der die. Kultur und die Lebensformen der europäischen Nölker seit mehr als. 1500 Jahren ruhe der Bibel! Und nun taumelt er dahin — ohne Gm ohne- Halt, ohne Ziel. Wohin noch wird er stürzen? Die .Bibel — ursprünglich j^ ein ausländisches G< schenk f i|r Europa - hatte einst einen beispiellosen Erfolg unter r l aliii«' des Christentums. Die vöHaerumfassendc knlturbjcjstimmende Auswirkung ihrer [Lehren war über tausend ihrein ständigem Steige rung begriffen; ihre schönste!kiinstrisdre Auswirkung"— die Gotik. Aber vom fünfzehnten JviIii hundert ab begann das I leide^nm im Europäer w ieder iijufzulM-geliren. auf dem Wege' übA-die Renaissance, die Aufklärung, das MasdpiiH'n/e'itnltier^— die \erclienstie aller dieser Perioden sollen durch diese Feststellung nicht geleugnet werden — bröckelte das Christentum langsam ab, mit ihm die Ih-iiighaltung. mit ihm die W irkung der Bibel. Und in den letzten Jahren vollzieht sich vor unsern Augen der Tiefpunkt dieser Entwicklung: Sowjet rufiland verfemt sie i ml alle, die ihr noch anhangen. nd wir Jiiden West-Europas, wie stehen wir /n pnserra idtutaä? Ist uns die Bibel noch ..nahe, in unseriu Munde in unsefm Herzen"? Sinei wir bereit, diesen unsern rensten ..Baum des Lebens? boefa mit unserm Herzblut unsere \äler taten zu vertqidlgun? Gestehen wir es nur: l wir heutige-' Menschen sinel — nein! Eingetan in die nltiit der Umwelt haben wir teil an ihrem l nee rstäuelnis i die Bibel, au eleT PreiBgabc ihre-s Heiligkeitscharakters nd ihrer Ve-jrpflichtungskraft. der eine me-lir. der {andere U/eniger. I Ohne dieeinzelnen Etappen dieses destruktiven W e-ge-s I ie-r de-s Näheren zu beschre-ibei«, sei nur kurz aufgezeigt, wie ilie Entwicklung des europäischen heidnischen Denkens im h-t/tem Jahrhundert den W e g zur Bibel verbaut hat.*) Die- Grundpfeiler eh'r Bibel sind ilie elrei Gc-gelM-nheiten: Gott, W e- I t. Mensch. Sie werden nicht diskutiert: sie sind selbstverständlich in ihrem ..Das": nur über das/„Wie" ihrer Beziehungen müssen markante- Lehren gege-bon w«-rjjjjn. die sieh von denen andrer Nolke-r scharf unterscheiden. Diese Haltung nennt die europäische- Ratiei in ihrem Iloehlinil .,iiarv":es sei zunächst nur CHI ..Glauben' — aber kein \\ issen. Und nun nimmt sich das Wissen dieser drei Geaebenhi'iten an und will sie beweisen, will sieelefinieren. Ipie- .Ratio formt zahlreiche- Gotte-sbeu eise — und dann Kommt Kant .und beweist. daftt sie allenicht stichhaltig sind — dal! also Metaphysik nidit möglieh ist. Daraus entsteht der falsche Schluß: wenn wir Gott nicht beweisen Könne n, so existie-rt er nicht. Man vergißt dabei, daß dies Jkht-Bewi isen-Könne n nur zeigt, daß unser Wissen, unsre Erkenntnis ni<ht dazu auskeichenc es ist also e-in Versugen s Subjekts ele-r Erkenntnis, nicht aber.des Objekts. Fausts Schluß: ..l nd sehe-, daß wir nieJits wissen können" hat das *) I«Ii schlie ße mich von hier ab in einigen Züge n an Franz ff os c n z w e i g s ..Sie ru ele-r Erlikung" an. neunzehnte Jahrhundert und die- Gegenwart nicht zur Selbstbescheidüng geführt: der Hochmut der einseitigen Vernunft ist herrschend geworden. Wie aber sedlteein Mensch, der erfüllt ist von den Lehren der Materialisten, von den Lehren Niet Zs ch e s oder H u ck« 1 s bis zur These- F r e u d s , de r Religion als einen ..Massenwahn" bezeichnet, wie sollten ilie- Massen, die der Gottlosen-Propaganda ztiströme-n — wiesollten sie allenoch eine n Weg zur Bibel finden, die in alle n ihren Teilen gegründet ist auf der Wahrheit lies Faktums ..Gott"? . I Auch eh-r Welt als einer Selbstverständlichkeit rücktedie Philosophie auf der einen, die Naturwissenschaft auf der andern Seite zu Leibe. Das Resultat? Bei Kant: „Wir kennen nur das Weltbild, das unsren Erkeniitniskategorien möglich ist. nicht abe r elas Ding an sich.'* „Und sehe, eluß w ir nichts wissen können." — Aber nein — elas 11. Jahrhundert weiß es be sser: elie großartigen'Fortschritte der Naturw issenschaft — sie machen uns alles ganz klar. — Welträtsel gibt es nicht mehr: elie Gesetze und Kräfte, die wir gefunden haben, sind die We-lt! Sei denkt der heutige Mensch. Wie sollte er noch Ehrfurcht haben ve>r der Bibel, eieren We-lt erfüllt ist von tausend Geheimnissen unel Wundern? L ud Schließlich der Mensch! Die- Bibel spricht ihm eine Seele zu, die überdies, gütlicher Funken ist. Daraul stützt sieh elie Möglichkeit, ihr Gebote und Verbelleaufzuerlegen: daher ist sieve>r Gott verantwortlich füll ihr Tun und Lassen: el a h er kann elas Tun des Menschen lohn und Strafe nach fich ziehen. Die' moderne Wissenschaft aber beruft sieh auf Kants Darlegung, eluß wir unser ,.lch'" auch nur aus eh r Mannigfaltigkeit seiner Reaktion auf elie- Objekte kennen, also von ihm selbst nidits wissen, und schließlich hat es das 1<). Jahrhundert zu einer „Psydiologieohne Siele" gebracht. „Seele-" — das ist nur eine Fiktion, nur ein Sammelname für ßew ußtseinsaktc. Dem kommt die N a t u r- Wissenschaft zu Hilfe mit der Lehre, de:r Mensch sei .nur ein höher entwickeltes Tier; Abstammung, vom Affen sei klar bewiesen; Denken sei nidits als materiale Gehirnfunktion; ..Gew issen" sei «:ine Illusion, die nur zu unnötigen und eler Gesundheit schädlichen Hemmungen führe. Audi hie-r elerselbe voreilige Schluß: da wir das Letzte ele-r Seelenicht definieren können, existiert sie nicht! Und gerade solche „negative- Psychologie" ist in.-den letzten 30 JaluTcn in tausend und abertausend Zeitungen, in tausend und abertausend Büchern popularisiert worden. Wer solche; Gedanken über den Menschen, über die- Seele in sich aufgenommen hat. dem ist der Weg zur Bibel verbaut;.denn wenn es keineverantwortliche Seele. kein/Gewissen gibt — wie lädierlidi ist es dann,-»irgendwelche sittlichen Gebote anzuerkennen, wie unmöglich, «le-r Tauro als Gesetz Verpflichtungskraft zuzusprechen! Wie alw;r sollten, wo die drei Grundpfeiler ele-r Bibe-I ze-istört zusammenstürzen — wo Gott, Welt unel Menschcnseelo negiert werden — elie tragenden Verbindungsbalken zwi- sehen ihnen nidit in den Sturz mitgerissen werden? Und so klingen dem heutigen Menschen die elre-i Begriffe: Schöpfung, Off en b a r u n g und E r I ö-s u n g wie ein Märchen, wie ein Lied für die Kinderstube. Ks sind ja keinewissenschaftlich irgendwie brauchbaren Begriffe — darum wirft; sie der heutige Mensch zum alten lasen. Da stockt mau denn schon beim ersten Satz der Bibel: „In Anfangend Gott Himmel und Erde" und weiß e-s vie-1 besser. „Anfang" gab e-s nicht: denn elie- Welt ist e-wig: zumindest we-iß elie-, Geologie bestimmt, daß die Erde Millionen Jahre alt ist. ..Sdiuf'. nein, die Materiewar von selbst unel entwickelte sidi von selbst. ..Gott" — wir sahen schon, wie man elie-se-n G.rmidpfeifer gestürzt hat ..II im tue) und E r d e" — eine Iii Ische Gi-geiiüberstellung. Nun gar ele-r Begriff ..Offenbarung"! Der erscheint selbst vielen Menschen, die sich die Grundpfeiler nodi nidit haben zerstören lassen, 'als ganz untragbar: Das bedeutet ja, daß es e-ine- Verbindung gäbezwischen dem göttlichen und dem menschlichen Geist. Das ist nicht wissenschaftlich nachzuweisen -— also existiert es nicht. Das Wort der Bibel: „Gottsprach" ist also — Lüge und kann allenfalls ersetzt werden eliireh ..Mose sprach" — falls eine-m elie hoehw ohlweise Bibelkritik nicht längst elie- Ueberze-iiguiig beigebracht hat. elaß doch Nlose die Tauro nicht niedergeschrieben hat — Wie solltesieh ..OlfenbaHing" deni heutigen Menschen noch eröffnen lassen? . ' Leichter vielleicht ließe sich e-in Zugang zur „Erlösung-" linde n, obgleich das Wort durch die christliche Terminologie