Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 9 (10.9.1930)
- Date
- 1930-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 - Gemeindeblatt der Deutsch Die Hamburger Makkabi-Tage waren gut und wertvoll. Mögen sie dem hiesigen Dar Kochba neues Verständnis und mehr Beachtung und dadurch wiederum neue Freunde bringen. Abschließend sei auch an dieser Stell« noch einmal allen Mitgliedern der Gemeind« und allen Instanzen gedankt, die durch Bereitstellung von Quartieren oder Geldmitteln zu dem großen Erfolg der Veranstaltung beigetragen haben. 200 Jahre G'seroh HenKelpöttchen. Der Juden tumult'in der Glbstraße am 26. August 1730 13. Gl ul- 5490. Von Edgar Frank. II. Nachdem der Auditeur um 5 Uhr mit dieser Publikation zustande gekommen war, war inzwischen an allen Orten der Stadt folgendes Mandat angeschlagen: „Nachdem Stadt-Kündig, welchergestalt schon einige Tage her. insonderheit am gestrigen Abend eine große Menge von allerhand Gesindel sich zusammen rottiret, und, so viel an ihnen gewesen, Tumult. Meuteren und Aufruhr in dieser guten Stadt zu erregen getrachtet, auch durch «teinwerfen. Eeschrey und unsinniges Lermen.f bereits den Anfang dazu gemacht, und ohne Zweifel weiter! gegangen/ und die gantze Skadt und alle deren Bürger und ^Ginwohncn^m Unruhe und Unsicherheit würcklich gesetzt haben würde, woferye . nicht G. G. Rath beyzeiten durch gute Anstallten und Eegen- Verfügungen dem Auflaufs gewehrt, und diese rebellische, in den Gemeinden und dieser Stadt Rechten und Verfassung bey Straffe des Todes verbotene Unternehmungen Und Äergcdderungen sofort in der ersten! Brut erstickethätte: ' Als will G. G. Rath, wie Dorgängig.l denen Juden sich still und ruhig aufzüführen, scharff anbefohlen, also fürnehmlich sie, nebst allen und jeden dieser «ladt Borgern und Ginwohnern. Einheimischen und Fremden, erinnert, - ermahnet, und denenselben hicmit alles Grnstes gebvthen haben, auf den Gassen sich nicht verdächtiger Weise zu vezfammeln, noch sich Hauffenweiie zusammen- und durch die Straßen zu ziehen, vielweniger einiges Lermens, Eeschreyes, Steinwerfens, oder der geringsten Unordnung zu urtrerfangen: Mit der Verwarnung: daß alle und jede, welche solcher gestallt sich vergaddetn, oder die nur unter dem zusammen rottirten Haussen sich antreifen lasien, und nicht sofort auf erstere ihnen beschehene Bedeutung sich von einander, und nach ihren Häusern begeben,. sogltich heraus- und in Verhasst gebracht, criminaliter angeklagt, und nach der äußersten Strenge der Rechte, andern dergleichen Tumullanten. Aufrührern und Rebellen zum abschreckenden G^empel, an Leib und Leben ohnfehlbar gestrafft. zugleich auch die Jungen.. welche sich auf den Strassen mit Steinen . unter einander werffen, alsosort ärretiret. und nach aller Schärfte gezüchtigt werden sollen. Wornach sich Jeder zu richten, und für Schaden und Straffe zu hüten hat. N >tum et decretmn in Senatu, publicatumque süb Signatu Saturni, d. 26. Augusti, Anno 1730.“ | Nach diesen energischen Maßnahmen durften die Juden es rgagen, die Straße wieder zu betreten. Für diesen Gntschluß war sicher von ausschlaggebender. Bedeutung die Notwendigkeil, die „Schabbos-Kugeln" — die Stadtmauern galten als Gruw — vom Bäcker zu holen. Dabei kam es noch zu manchen Zwischenfällen. Gine Dicknstmagd wurde gänzlich entkleidet und bis ins Haus verhöhnt. Manchen Schalettopf har man geraubt, ausgegessen oder auch auf die Straße geschüttet. Im großen und ganzen war die Ruhe aber wieder hergestellt. Ginige Radaumacher hatten aber noch nicht genug und wollten den Aufruhr wieder entfachen, und zwar durch folgende List. Sie stiegen auf die Dächer jüdischer Häuser und warten von dort mit Steinen auf vorübergehende Ghristen. „Jhro Magnincen; der Herr Bürger-Meister Sillem und die Herren Gerichtsvekwalter erfuhren hiervon und fuhren öfters ab und'zu. Noch um 12 Uhr und 1 Uhr nachts gelang es 'ihnen zusammen mit Herrn Stamvelen, I. ll. Dr„ und Herrn Prätor Anckelmann durch gütliches Zureden die Menge zu beruhigen und ganz zu decontenanciren.“ Die spanischen Reiter müßten aber noch bis zum 5. Sept. stehen bleiben. „Den Sonntag, als am 27. Augusti, ermahnete Herr Schmied, Prediger zu St. Michaelis, und andere Friedliebende Priester mehr ihre Gemeinen.' von solchen gottlosen »Israelitischen Gemeind«: Nummer 9 Unternehmen abzuftehen und kündigten wiedrigenfalls ihnen den Fluch an." t Auch in Altona wollte, man in icncn ^agen skandalieren, jedoch erstickte der dänische Statthalter solche Versuche km Keime. Ginige der am Aufstand Hauptbeteiligten wurden gerichtlich bestraft, besonders, Hinrich Slopclfeld, Jürgen Holst, Gerhard Schmidt und Franz Joachim Kummick. Im Interesse der Gemeinde und vielleicht auch, um der Geistlichkeit eine Gefälligkeit zu erweisen, versuchten die Behörden damals, den Juden das Schofarblasen am bevorstehenden Neujahrsfest zu verbieten. Sie drangen damit aber nicht durch, insbesondere, weil die -Portugiesen drohten, dann nach Amsterdam auszuwandern. Die Gommerzbibliothek besitzt hierüber ein kurzes Manuskript folgenden Wortlautes: „6. Sept. 1730. Sonclusum et Lommissurn Domino?rätori Anckelmann, den Iüden zu verbieten, sich des Blasens auf die Hörnern in ihren Schulen gantzlich zu enthalten. — Hierauf sind die Juden bei, G. G. Rath eingekommen und gebeten, daß ihnen solches ferner hin erlaubt werde, indem solches nur alle Neujahr geschiehk, widrigenfalls sie sich am selbigen Tage sämtlich aus der Stadt begeben und solches auf dem Felde verrichten müßten. 'Hierauf hat G. G. Rath ihnen solches zwar wieder vergönnt, aber dabei angeordnet worden, „bei dieser Zeremonie keine Fenster zu öffnen.“ Noch am 13. Glul, dem Unglückstage, ließen die Gemeindebehörden in den Synagogen ^ine Bekanntmachung ausrufen, der wir Folgendes entnehmen. Niemand darf mit einem Stock zur Börse kommen, er sei denn älter als 60 Jahre. Gs wurde verboten, an den Gcken zu stehen und Tabak zu rauchen, besonders Sonntags, abends, und überhaupt - auf dem Wall spazieren zu gehen, zu hausieren, vor den Türen zu sitzen und am Sabbath den Schalettopf vom Bäcker zu holen. Vielmehr sollte der Bäcker ihn bringen. Am 8. Glul des nächsten Jahres wurde unter Hinzuziehung des Oberrabbiners Jecheskel Katzenellenbogcn auf den 13* Glul ein Fasttag angesetzt, und zwar für die nächsten zehn Jahre, für Männer und Frauen, für Knaben vom 12. und Mädchen vom 11. Jahre an. Ausgenommen waren Schwangere. Wöchnerinnen. Kranke und Personen von mehr als 60 Jahren. Gs wurde wie an jedem regulären Fasttag bis zum Gintritt der Nacht gefastet, mit Anenu. Thoraoorlesung. Selichaus usw. „Wenn der Tag auf einen Montag oder Donnerstag') fällt, .soll der Wochenabschnitt geleint werden. Wenn aber auf Freitag, dann nach dem Abendgebet» bedarf man nit auszufasten, und nachmittags soll man nit leinen, und wenn der 13. Glul seit gefallen auf Sabbath, so wird am Sonntag gefastet. Auch soll etlicher geben Ablösegeld, ein Wohlhabender 3 Sechsling, Haushaltungsoorstände 18. Heller. Frauen einen Sechsling. Jünglinge und Jungfrauen sind von dieser Abgabe, die nur Kir fünf Jahre festgesetzt ist, befreit. Nach zehn Jahren können die Gemeindebehörden den Fasttaa aufheben oder prolonieren. Zur Grinnerung wurden dann später in der „Hamurger“ Synagoge am Neuen Steinweg, nachher in der Klaus in der Peterstraße und jetzt noch, wie eingangs erwähnt. in den Kohlhöfen Thillim gesagt. Ter Hamburger Judentumult von 1730! Lohnt es sich, die Geschichte der Nachwelt zu überliefern? Gin paar zerbrochene Fensterscheiben, einige Tage bedrückende Angst, einige Selichaus mit besonderer Inbrunst zum Himmel »gesandt, und alles war wieder beim alten. — Dürfen wir die Grinnerung an solch belangloses Greignis auffrischen, nachdem wir die Greuel des Weltkrieges erlebt, die Scknnerzensschreie aus. der Ukraine vernommen, als dort jüdisches Blut in Strömen floß, wir, nachdem wir Mord und Totschlag in Rußland und Rumänien und gar im Heiligen Lande erlebt haben, und gerade jetzt, wo das Judentum von allen Sekten von Feinden umringt wird, von Kommunismus bis zum Nationalsozialismus, von der Kalenderreform biszum Schächtverbot, und wie die Gefahren sonst heißen? Wenn wir jene Zeiten von vor 200 Jahren — damals lebte der Urgroßvater unseres Urgroßvaters — ylit den heutigen vergleichen, so finden wir unsere Gemeinschaft jetzt zersplittert in Gruppen und Parteien, die fast ihre ganze Kraft aufzehren im Kampfe gegen einander. Damals gab es Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten genau so ') Auf Donnerstag kann er gar nicht fallen. Beschäftigt jüdische Handwerker und Gewerbetreibende!