Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 9 (10.9.1930)
- Date
- 1930-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite V «-Mein gar fein; Schrifttum war, sondern gesprochenes Wort, gesprochen vor einer Hörerschaft, die ijns fremd ist, für einen ganz bestimmten Augenblick in 'einer uns fernen Vergangenheit. Was sind uns Assur und Babel, was bedeutet uns der Polytheismus, den die Propheten so unermüdlich bekämpft haben? Sollte das Prophetenwort all diesen Hemmnissen zum Trotz als ein unmittelbar an uns gerichtetes, als ein überzeitliches und für jede Generation von neuem lebendiges auf uns wirken? - Diel« Frage haben Martin Bub er und Franz txblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeind«. Nummer 9 R o s e n j» e i g bejaht, als sie ihr llebersetzungswerk „2e- KündeL' schufen. Sie haben die jesajanifche Drohreds in ihrer herben und trotzigen Schönheit und den jesajanischen - Trostspruch in seiner lyrischen Zartheit und Kraft htneingestellt in unsere Gegenwart, vertrauend auf den Leser, dem sich die Schrift dieses Buches zurückverwandeln wird in das gesprochene, das lebendige Wort. Ob das Buch d.iesen Leser finden wird, das mutz die Zukunft lehren. Die Ilebersetzer' haben — wenn ich sie recht verstehe — ihr Werk nur unternommen, um unser Geschlecht unmittelbar an das Wört der Heiligen Schrift heranzuführen. Das gilt nicht nur für diejenigen unter uns. welche den Urtert noch nicht kennen, sondern auch für die, welche ihn zu gut kennen, um den herben Hauch vom Sinai, wie es Romain Rolland einmal ausgedrückt hat. noch in seiner ursprünglichen Frische z« ‘ empfinden. Ist es aber den Uebersetzern darum zu tun, uns für das Bibelwort in seiner Ilrgestalt zu gewinnen. s» dürfen wir .in ihrem Sinne sagen, daß der Weg nickst wesentlich ist. welcher den einzelnen dem prophetischen Schrifttum entgegenführt. Aber welches auch immer der Weg, unserer Generation zu den Worten Jesajas sein mag, soll über die Schrift hinweg das Antlitz des großen Propheten selbst dem Leser entgegen leuchten, so m)lß das Buch in Zukunft so ■ gelesen werden, wie es hier übersetzt worden ist. Damit meine ich weder das Philologische -fdenn über Einzelheiten der Deutung läßt sich streiten -tnoch das Aesthetische — denn hier kommt es durchaus auf die persönliche Eigenart des jeweiligen Lesers an — sondern ich meine nur die seelisch-geistige Haltung, welche diese Ilebersetzer dem prophetischen Wort und dem> prophetischen Sprecher, dem „Künder", gegenüber einnehmen. Lebendig ist ihnen das Wort, und a l s 'ein Lebendiger - redet — aller Philologie und Historie zum Trötz — dieser große Mensch, der bei all seiner Größe doch so ganz Mensch ist, mit ihnen. Was Jesaja griagt hat, das iit uns wiederholt und gründlich dargelegt und erklärt worden: es handelt sich heute darum, zu erfassen; wie er es gesagt hat. Es handelt sich -darum/ die. ungebrochene Wucht des Angriffes gegen Scheinfrömmigckeit und soziales Unrecht wieder zu einer lebendigen Kraft werden jü lassen, das prophetische Pathos für unsere Gegenwart neu zu erwecken. Nicht als ein postekstatisches Pathos >Mar Weber), nicht als ein Nachwehen visionärer Erlebnisse ist dieses Pathos zu verstehen. Es hat seinen Ursprung in dem prophetischen Protest gegen den Widerstreit zwischen Idee und Wirklichkeit, und in der prophetischen Hoffnung auf eine künftige Harmonie, oder, um es in der Sprache der Propheten za sagen, es wurzelt in ihrem Zorn über Israels Abtrünnigkeit und in ihrer Hoffnung auf Israels Umkehr. . ' Unsere Propheten waren Kämpfer für die Sach^ der Gerechtigkeit. Aber sie waren nicht nur -Kämpfer, j Die „Trostschrifl" Jesajas, dieses, Dokument eiyer fast gigantisch änmutenden Kraft des Glaubens, ist -nicht weniger wichtig für uns, als die sozialethische Zeitkritik, mit der das Buch des Propheten Jesaja beginnt. Zum Wesen der Prophetie gehört nicht allein das kämpferische Pathos, sondern ebensosehr das Pathos der messianischen Zuversicht, die freudige Gewißheit vom kommenden Gottesreich. Erst in dieser Zweiheil vollendet sich der Sinn der prophetischen Botschaft. Und darin scheint mir nicht zuletzt die Bedeutung der neuen Iesaja-Uebersetzung zu bestehen, daß die Uebersetzer den inneren Reichtum und den mannigfaltigen Stimmungsgehalt der prophetischen Religiosität, wie er sich in" der Mannigfaltigkeit des sprachlichen Ausdrucks widerspiegell, in einer bisher nicht annähernd erreichten Feinheit der Abtönung wiedergegeben haben. -Die Schrift. Zu verdeutschen unternommen von Marti iL B über, gemeinsam mit Franz R o s e n z w e i g. X. Das Buch Ieschajahu. —. Siehe auch die hier folgende Uebersetzungsprobe. Der Profeterr-Abfchnitt vom Zaum Kippur. Jesaja 57"—58", in der Uebersetzung hon Buber-Rosenzweig. Es spricht: Dämmet auf, dämmet auf, bahnet einen Weg! hebt fort, was straucheln macht, vom Wege meines Volks! 2a, so hat er gesprochen, der Erhabne und Ragende, Ewig- und Heiligwohnender ist sein Name: In der Erhabenheit und Heiligkeit wohne ich — und bei den Zermalmten und den Eeifterniederten: zu beleben den Geist der Erniederten, ju beleben den Geist der Gemalmten. Ja denn, nicht auf Weltzeit will ich streiten, nicht auf Dauer will ich grollen, denn der Geist, von meinem Antlitz aus leibt er sich ein, die Hauchseelen, ich selber habe sie gemacht. -1 Für die Schuld seiner Sucht ergrollte ich, und ich schlug ihn, mich verbergend, da ich grollte. Er ging abgekehrt aus dem Weg seines Herzens — seine Wege, ich.sah sie. Aber ich will ihn heilen, aber ich will ihn leiten, mit Tröstungen ihn befrieden seine Trauernden, als Schöpfer der Frucht der Lippen Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen! — spricht E r —, ich-heile ihn. Doch die Frevler sind wie das aufgewühlte Meer, denn es mag sich nicht stillen, seine Wasier wühlen Schlamin und Kot aus: Kein Friede, spricht mein Gott, für diö Frevler! Ruse aus der Kehle, - dämpfe nimmer, , posaunengleich erheb deine Stimme,, vermelde . . ■ . meinem Volk ihre Abtrünnigkeit, Jaakobs Haus ihre Sünden! Zwar mich beforschen sie tagtäglich, gelüsten meine Wege zu wissen, ' als wären sie gleich einem Stamm, der Bewährung machte zur Tat, seines Gottes Recht nicht verließ, .heischen von mir Gerichte der Wahrheit, gelüsten nach Gottesnähe: Wozu haben wir uns kasteit — du hast es nicht angesehn, unsre Seelen wir gebeugt — . ud willst es nicht willen! — Wohl: am Tag eurer Kasteiung findet ihr doch ein Gelüst aus und treibt all euren Erwerb bei! wohl: zu Streit und Geraus kasteit ihr euch, mit frevler Faust dreinzuschlagen, — nicht kasteit ihr euch wie's heyttags ist, daß in der Erhabenheit man eure Stimme hören müßte. Soll dergleichen die Kasteiung sein, ' die ich erwähle, der Tag, an dem der Mensch seine Seele beugt?! . ' Daß er seinen Kops binsengleich hangen läßt, Sackleinen und Asche sich unterbettet, willst du dazu ausgerufen haben: Kasteiung! Gnadentag Ihm!? Ist nicht erst dies die Kasteiung, die ich erwähle: die Klammern des Frevels zu öffnen, des Joches Band« zu sprengen