Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (11.8.1930)
- Date
- 1930-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Sejte 6 Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. Nummer 8 Matrosen wollten schon mit der Zerstörung der Häuser beginnen, sie wurden aber daran gehindert, weil damit mehr den Patriziern, die die Hausbesitzer waren, Schaden zugefügt worden wäre, als den Juden, die kie nur »gemietet halten. — Tie Gemeindevorsteher, unter denen sich auch der wegen seiner Frömmigkeit und seines Reichtums bekannte Seligmann Jihudoh Cohn —* sein Vater war der Gründer der Hamburger Klaus — befand, „sind ungeachtet der Gefahr am selben Abend ins Raht-Haus gegangen, wo E. Hoch-Edler Raht und die Erbgesessenen Ober-Alten von 9 bis 12 Uhr eins Sonder-Sitzung hatten, weil sie besorget waren, es möchte die Sache weiter, als auf die Juden, angesehen seyn." Deshalb gaben sie dem Anträge der Gemeindevorsteher statt undj Ziehen Bürger-Companien unter Waffen treten, aufziebien und die gefährdeten Strahen besetzen. Die Bürgerwache erwies sich aber nicht als zuverlässig. Die Leute waren ungehalten, weil man sie inihrer Ruhe gehört hatte. Der Rat erlieg ferner auf Veranlassung der Vorsteher auch 2 Ratificationen, die am nächen Tage bekannt gemacht wurden. Am gleichen Abend sind noch 2 Senatoren in ihrem Amjtsornat in der Elbiträhe erschienen, um den Leuten gütlich : zuzureden. Am Sonnabend war die Ruhe noch keineswegs wieder hergeitellt. — Ein Lehrer, der frühmorgens zur Sniagoae ging, wurde verprügelt, ebenso ein weiterer Jude. Gegen Morgen wurden wieder verschiedene Feniter eingewoüsen. „Der Herr CommendaNt war vom Rat angewiesen worden, das, an diesem Tage das Möllern-<Millern-)Thor möchte geschlossen bleiben, weil dieses der Zugang für das Geilndel aus Altona war." — Tatsächlich war nur das Dammtor offen. Durch dieses flüchteten manche Gemeinde« Mitglieder, teils nach Altona, teil in "die Aliterdörfer. — Der Commendant lieh spanische Reiter auf die Strähetz stellen. Die Kapitäne der im Hafen liegenden Schiffe durften die Leuire nicht von Bord lassen. Durch diese Mahnahtne hielt maä sich ^die gefährlichsten Elemente vom Halse. „Der Auditeur Steltzner muhte unter Assistenz von einem Unteroffizier, 12 Grenadieren und 5 Tambours eine Ratification nach Rührung der Spiele ableien", aus der wir den folgenden apszug wiedergeben. . „Wann Stadt-Kündiger mähen sich schon seit einigen Tagen und -jürnehmlich am gestrigen abend, eine Menge unktzndigen 'und frevelhakften Pöbels, in allhiesiger Reuitatl sich zusammen rottiret und,aller Hand auf Plünderung der Häuser und Aufruhr abzielende rebellische Absichten, wo möglich, ins Werck zu richten, den höchit sträfflichen Vorsatz gefastet! Als will E. E. Rath zur Entdeckung der Urheber, mithin auch zur künfftiger Vorbeugung, hiemit erinnert und anbhfohlen haben, dah wer vom Ursprung des Tumults und! von Absichten über die Fortsetzung dergleichen gefährlicher Dinge glaubhafte Anzeigen zu thun vermag, sich sofort ben einem der p. p. Wohlweisen Herren Gerichts Verwalter zu melden habe. Ter Name des An^igenden wird auf! Wunsch verschwiegen, und ihm evtl, eine Belohnung, von 100 Thalern gereicht." (Schlug folgt.) Sprechsaal. l.Znr bicie flubtif träflt dic feine Pekanlworlnng.i Die Jugend im Eemcindeparlament. Verhindert, an den beiden Letzten, entscheidend wichtigen Si^ungen des Repräsentanten-Kbllegiums teilzunehmen. möchte ich nachträglich Stellung nehmen, wenn auch eine Einfluhnahine nicht mehr möglich iit. Es wäre überhaupt wünschenswert, wenn das Interesse an den Dingen der Gemeinde zwischen den ja relativ seltenen Sitzungen nicht hinter den Tüten der Kommissionen und allenfalls noch.Fraktionen verschlossen würde, sondern ein öffentliches bliebe. Und zwar wälje es wünschenswert für alle Mitglieder der Gemeinde, die! Wählerschaft also, um sie aufmerksam und wach zu machen für das. was vor sich geht, 'was geleistet, was versäumt wird, mit wessen Hilfe und durch wessen Schuld! Daj öffentliche Interesse sollte mehr als bisher Ausdruck finden in Diskussionen in diesen Blättern. Sie mühten allerdings ernithaft, sachlich fundiert! geführt werden, u,nd nur mit Argumenten, die auch wirklich mit den Angelegenheiten der Gemeinde zu tun haben. .'Wieder drückt mir eine Enttäuschung die Feder in hie Hand^ sie betrifft die Vertreter der Jugend. Ich erinnere mich an einen Moment auf der gtohen, durch ihre Geschlossenheit! imponierenden Versammlung! der gesamten jüdischen Jugend Hamburgs'im Wilhelm-Gymnasium. Einer der Redner erhoffte einige Repräsentanten-Sitze für die Jugend. Jubelnde Zustimmung! Und jeder verstand in. diesem Augenblick: Vertreter der ganzen Jugend. Kenner ihrer, für alle gleichen, spezifischen Wünsche und Röte, für neue und gröbere Arbeitsmöglichkeiten. Und dann die Unterhaltungen im. Landesausschuh! Was wuhte und sprach man nicht alles von Kampf für die Jugend, gemeinsamen Interessen aller Jugendlichen. Ein liberaler Jugend-Vertreter machte sogar den erfreulichen Vorschlag, dah wir Jugendlichen nicht mit unseren politischen Freunden zusammensitzen sollten, sondern miteinander, als sichtbare.Demonstration, für das Gemeinsame unseres Wollens und gegen partei-egoistische Eemeindearbeit. Man verstehe mich nicht falsch. Selbstverständlich gibt es Abstimmungen, bei denen man sich nach Momenten weltanschaulicher, politischer, wirtschaftlicher Art orientiert! Tann werden auch die Jugendlichen getrennt stimmen. Ich spreche aber hier von den Entscheidungen reinobjektiver Art. in denen die Trennungsstriche nicht vertikal, sondern horizontal laufen sollten. Oder gar keine nötig wären!' Ich spreche z. B. von folgendem Fall: Es gibt in Hamburg zwei jüdische Turnvereine. Unter Fortlassung jeglicher Vorgeschichte berichte ich nur über das Geschick ihrer Subventionsgesuche im Repräsentantenkollegium. Tenn die Vorgeschichte sowohl wie die innere Einstellung der beiden Vereine spielen für die objektive Beurteilung keinerlei Rolle, entscheidend ist allein der Wert ihrer Tätigkeit für die Gemeinde. Die Subvention des einen Vereins sollte verdoppelt werden. Es geschah, und zwar mit den Stimmen der Äolkspartei, die niemals nein sagen wird, wenn es sich darum handelt, jüdischer Jugend zu helfen. Die Subventioir des zweiten sollte erheblich gekürzt werden. Da er sich in finanziell gefährdeter Situation und zugleich vor ungewöhnlich schweren, neuen Aufgaben befindet, kämpfte er für eine Halbierung des ihm ohne objektiven Grund zugedachten Abstriches. Vergeblich! Und zwar nur deshalb vergeblich, weil die Jugendoertreter, die dem anderen Verein angehören oder nahestehen, es für fair und richtig hielten, hielten, der „Konkurrenz" die dringend benötigten Eristenzmittel zu entziehen. Mit Argumenten, deren Berechtigung besser den Landesausschuh intern beschäftigen soll. Kein Wort fiel über den Wert zwanzigjähriger Arbeit an der jüdischen Jugend Hamburgs. Schade, dah der eine Jugendoertreter nicht einiges von dem wiederholte, was er vor ganz wenigen . Wochen als Vertreter des Repräsentanten-- Kollegiums bei einer Bootseinweihung des Bar Kochba zu dessen Würdigung mit starker Betonung sagte. Er hat — nehmen wir den für ihn beiten Fall an — ein sehr schlechtes Gedächtnis und dazudas Pech, dah wir ein besseres haben. Das alles ist betrüblich. Viel schlimmer aber und der Grund, warum an dielen vielleicht an sich nicht so wichtigen Einzelfall diese ausführliche und prinzipielle Erörterung angeschlossen wird, ist folgendes: Wortführer im Kampf für die Herabsetzung der Unterstützung eines Jügendbundes war der Vorsitzende des Landesausschusses jüdischer Jugendverbände! Derjenige also, der, von. allen Bünden jeder Richtung gewählt, im besonderen sich verpflichtet fühlen mühte, einzutreten für das Wirken dieser Bünde. für ihre Unterstützung durch die Gemeinde, der in repräsentativer Weise das Gemeinsame im Wollen jüdischer Jugend, die gegenseitige Hilfe durch seine Handlungen dokumentieren mühte. Aber nichts davon! Er war als erster und am freudigsten bereit, einen der Bünde fallen zu lassen, durch dessen Vertrauen er gewählt wurde. Und ich möchte wiederholen: nicht weil es galt, abzuwägen! Tie Subvention des durch seine Zusammensetzung ihm sympathischeren Vereins war absolut gesichert! Die Ablehnung des Antrags für den Bar Kochba bedeutete unter keinen Umständen einen Vorteil für den eigenen Verein, sondern ausschliehlich «inen Nachteil für den Bar Kochba. Und daran also lag dem Vorsitzenden des Landesausschusses! Was sagt die jüdische Jugend Hamburgs zu diesem Verhalten ihres Vorsitzenden? Hier handelt '«s sich um kernen einzelnen, mehr oder weniger wichtigen Fall, sondern um ein alarmierendes Symptom. Sollte es das Symptom eines endgültigen Zustandes sein, so hätte damit der Versuch des Zusammenschlusses und der gemeinsamen Vertretung jugendlicher Interessen Fiasko erlitten. Es ist Sache der jüdischen Jugend, darüber zu entscheiden, und wenn die Entscheidung anders ausfällt, ihren Vertretern in der Gemeinde ihren^Willen aufzuzwingen. In - Politicis haben die Jugendlichen" es nun ebenso herrlich weit gebracht, wie die Aelteren. Es wird Zeit, dah sie zeigen, warum sie und