Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (11.8.1930)
- Date
- 1930-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeind«. Nummer 8 Seite 4 j sowie aus dem Bertauf von Grabplätzen gröbere Einnahmen für die Gemeinde zu erzielen sind, da'im Gegensatz zu sämtlichen übrigen Grohgemeinden, welche aus dem Friedhofswesen . arohe'Ueberschüsse erzielen, bei uns Zuschüsse notwendig seien. Beim .Kapitel „Bewilligungen für besondere Zwecke" wird der Beitrag der Gemeinde zum Verband der jüdischen Ee- , meinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte von 2250 auf. 3000 'JtM erhöht mit Rücksicht auf , die j wichtigen Aufgaben, welche der Verband für die Mitglieder der kleineren Landgemeinden zu erfüllen hat. wie der Antrag- I steiler Dr. Kalmus auf Grund einer Eingabe des Versandes oortrug, mit dem Hinweis darauf,'' dah Hamburg i im Gegensatz zu den preußischen Gemeinden gar keine sonstigen > Verbcrndsbeiträge zu leisten habe. ' Zur Bewilligung der üblichen Subvention an den Centraloerein deutscher «taatsbürgeii jüdischen Glaubens erklärten die Mitglieder der Jüdischen Volkspartei ihre Gegnerschaft,. ohne jedoch besondere Anträge zu stellen. Den Hauptrahmen der Beratungen füllte die Debatte über Pas Kapitel „Kulturelle Aufgaben" des Haushaltsplaness aus, die den ganzen zweiten Sitzungsabend einnahm. Sie rpurde eingeleitet, durch ein grohzügiges Referat des Vorsitzenden des Bildungsausschusses, des Gemeindevorstehers Herrn! Philipp, der etwa folgeüdes ausführte: Die Bildungskommission sei im Jahre 1923 entstanden, ohne in der Eemeindeverfassung verankert zu sein: sie habe sich in ihrer ersten Sitzung das Programm gesetzt: 1. Erwerb eines Gemeindehauses mit Vortrags- und | Bibliothekräumen. 2. Ausbau der Bibliothek. 3. Einrichtung von Seminar-Kursen über jüdische Dis-! ziplinen für die Jugend, Studenten, Lehrer und sonstige ‘ Interessenten. 4. Fragen des jüdischen Vorlesungswesens: evtl. Subventionierung eines frei zu gründenden Vereins ftzr das Vorlesungswesen. 5. Gutachtliche Äeuherung zu allen Gesuchen um Bei- : tröge für geistige Zwecke. 6. 'Besprechung über die zunächst erforderlichen Mittel. 7. Geschichte der. Hamburger Gemeinde. Ejin Teil des Programms ' sei schon verwirklicht worden: das Gemeindehaus fei erworben und werde von allen in der Gemeinde bestehenden Bildungsvereinen stark in Anspruch genominen: die Bibliothek, die in den. Wirren der Kriegs¬ und Rachkriegsjahre völlig in Verfall geraten sei, umfasse jetzt schon 18 000 Bände auf allen Gebieten des jüdischen Wissests, darunter eine Anzahl von seltenen, überaus wertvollen^ Schriften. Gegenüber Ausführungen, welche Herr Dr. Kalmus als Vertreter der Volkspartei in der letzten Sitzung über die Äufga xn der Gemeinde auf kulturellem Gebiet gemacht habe, wolle er folgendes erklären: Tie Volkspartei wünsche in erster Linie die Pflege des neuerwachten jüdischen Lebens. Sie sehe im Osten und ist Palästina die Zentren der jüdischen Kultur. Alles andere! interessiere sie nur sekundär. Sie sehe in dem deutschen Judentum einen Splitter der Diaspora und in der hamburgischent Gemeinde einen kleinen Teil des jüdischen Volkes. Das komme ja auch in der Bezeichnung der Partei <zum Ausdruck. Er aber sehe in der jüdischen Gemeinde die Fortsetzung der äpüten Tradition. einer Tradition, die älter ist als die Zerstörung Jerusalems und als der Talmud: dertn die jüdischt Gemeinde eristierte . nachweislich schon zu Zeiten des Viopheten Iirmijah. - Die Volkspartei sehe in dem jüdischest Volk von heulte den eigentlichen Trägers der jüdischen Kultur. Er sehe dasjüdische Volk vom Sinai her uyo glaube an seine Daseinsberechtigung nur dann, wenn es geistig wieder zum Sinai hin will, d. h. wenn es das Polk Gottes sein oder wieder werden will. I« der Liebe zum Heiligen Lande stehe er'hinter niemandem zurück, aber er glaube, dah die Diaspora ein nicht minder wichtiges Zentrum ist und ebenso zentral wie Palästina ihre Aufgaben erfüllen muh. Insbesondere glaube er an die Sendung des deutschen Judentums im Dienste' des Gesamtjudentums. Er sei genau wie die Volkspartei ein Gegner der Assimilation. Er täusche sich aber nicht darüber, dah wir alle miteinander Zionisten wie Nichtzionisten — assimiliert sind, und dah wir nur auf verschiedenen Wegen der Assimilation entgegenarbeiten. sie in der Linie der Theodor Herzl'schen Ideologie, er in der Linie von Franz Rosenzweig. Die Synthese zwischen deutscher Kultur und jüdischem Geistesleben habe der Welt schon Erohes gegeben. Trotz des sichtbaren Niederganges des deutschen Judentums glaube er, dah wir unsere Rolle noch nicht ausgespielt haben. Franz Rosenzweig habe uns in seiner einzigartigen Ausdrucksweise „Menschen aus Zweistromland" genannt. Die Hauptsache ist. dah unser eigener Strom nicht versiegt, dah wir die alten Quellen, die die Quellen unseres Lebens sind, lebendig erhalten. Er wolle an dieser Stelle das Bekenntnis ablegen. dah er sein Amt in vorgerückten Jahren nur deshalb übernommen habe, um die altehrwürdige hambyrgische Gemeinde nach seinen schwachen Kräften in diesen Prozeh einzuschalten. Er glaube nämlich, daß bei allen Vorzügen, die das hamburgische Gemeindewesen besitzt, auf dem Gebiet des jüdischgeistigen Lebens ungeheuer viel versäumt worden ist. . Dr. Kalmus bringt verschiedene Bedenken gegen die Führung der Bibliothek und Lesehalle vor und beantragt mit Rücksicht auf die Finanzlage, den Etatposten von 3375 Reichsmark auf 2000 JUt herabzusetzen. Er sehe keinen Gegensatz zwischen Herrn Philipps und seiner prinzipiellen Auffassung, was die Bewertung jüdischer Geistespflege anlangt. Niemand kann leugnen, daß das Wiederaufleben jüdischen Geisteslebens mit der zionistischen Bewegung unzertrennlich verknüpft ist. Auch Rosenzweig, obwohl Nichtzionist, ist ohne den Einfluß von Nobel und Buber undenkbbar. Ihn zu Herzl in Gegensatz zu bringen, heiht Verkennung des Unterschiedes von politischer und geistiger Bewegung. Gerade auf zionistischer Seite findet Rosenzweig höchste Anerkennung. Die Hamburger Zionisten haben es sehr bedauert, dah dre Hamburger Gemeinde es verabsäumt hat, seiner öffentlich zu gedenken, und s i e waren es allein, die zusantmen mit .der ' Altonaer Gemeinde eine Gedenkfeier veranstaltet haben. Und als der Mädchenschule der Gemeinde ein Name gegeben werden sollte, waren es wieder nur die zionistischen Mitglieder des Schulvorstandes, die im Gegensatz zu den liberalen und orthodoren Mitgliedern den Namen „Franz-Rosenzweig- Schule" in Vorschlag brachten. Im übrigen war es ngch Ansicht von Dr. Kalmus und seiner Freunde bei der konkreten Frage der Bibliothek überhaupt nicht am Platze, so weitgehende prinzipielle Momente ins Feld zu führen. Bei unseren beschränkten Mitteln dürfen wir uns einfach den Lurus, die bedeutendste Bibliothek des Kontinents zy werden, nicht leisten. Notwendig für unsere Jugend ist vorerst nur die Ausgestaltung einer umfassenden Volks-Bibliothek. Wissenschaftliche Zwecke, die nur wenigen zugute stammen, müssen zurückgestellt werden, solange wir gezwungen sind, das Wohlfahrsamt um 30000 3UL zu kürzen. Dr. Plaut stellt Herrn Dr. Kalmus gegenüber fest, dah eine Ehrung Rosenzweigs seitens der Gemeinde geplant gewesen sei. dah sie aber habe unterbleiben müssen, da von - der Witwe des Verstorbenen gewünscht worden sei. äuhere Ehrungen durch unentgeltliche Verteilung von Schriften Rosenzweigs zu ersetzen: eine solche Verteilung werde aber vom Bildungsausschuh beabsichtigt. Der Antrag Dr. Kalmus auf Herabsetzung des Postens für die Bibliothek wird darauf abgelehnt. . .Zur Frage der Subventionierung der Vereine und Institutionen, welche sich mit der Förderung des Religions-' Unterrichts und der jüdischen Wissenschast befassen, gibt Herr Peine im Namen de.r unpolitisch-konservativen Partei folgende Erklärung ab: Wir halten es für unsere Pflicht und unsere Aufgabe, danach zu streben, daß diejenigen, die aus der Gemeinde ausgetreten sind, zurückgewonnen werden und andere, die schon in bezug auf die Austrittsfrage noch nicht schlüssig smd,. vom > Austritt zurückgehalten werden. In der Hoffnung, diesem Ziele dadurch näherzukommen, empfehlen wir, an solche. Institutionen, gegen deren Tendenz bei, einem Teile der Gemeindemitglieder religiöse Ge- ^MU^bedenken bestehen, Subventionen nicht aus Gemeindemrtteln zu gewähren, sondern stellen anheim, solche Subventionierung den betreffenden Kultusverbänden zu überlassen urster gleichzeitiger für diese Mehrausgaben erforderlicher Erhöhung der Quoten für die betreffenden Verbände. - Gr begründet die Erklärung damit, daß es in der Orthodorie als unwürdig empfunden werde. Subventionen kur liberale Institutionen mitzubewilligen, lediglich um finanzielle' Vorteile für eigene Institutionen zu erzielen. Gegen dre Erklärung wendet sich Herr Dr. Fränkel, er erklärte es tut ausgeschlossen, den einzelnen Kultusverbänden diese Gebrete zu überlassen. Die Gemeinde könne sich nicht lediglich mit dem Wohlfahrts- "und Friedhofswesen befassen. Herr Gemeindevorsteher H eckscher betont. dah die Erflärung des Herrn Peme nicht von der gesamten Orthodorie in Ham-