Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 6 (10.6.1930)
- Date
- 1930-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 6 Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. Seite 5 ^bleiben, um das Ziel zu erreichen. — Ferner berichtete der Vorsitzende, die Frage der Gründung einer Kreditkasse habe dadurch eine Förderung erfahrend datz sie einem Ausschuß des Repräsentanten-Kollegiums der Gemeinde, bestehend aus den Herren Reich, Jsaacsen und Stoppelmann, überwiesen worden sei. Im Interesse des schwer um seine Existenz ringenden Standes der Handwerker und Kleingewerbetreibenden begrüßt der Verein es, daß' zwei führende Mitglieder des Vereins dem Ausschuß angehören. — Bei der Berichterstattung über die Tätigkeit des Vereins selbst : wurde der Wunsch ausgesprochen, daß die Gemeinde bei. ollen jüdischen Institutionen. Stiftungen und privaten jüdischen Grundstacksverwaltungen ihren Einfluß dahin ausübe. daß bei Vergebung von Aufträgen und Arbeiten der jüdisch« Handwerker und Gewerbetreibende bei gleicher Leistungsf fähigkeit den Vorzug erhalte: auch wurde die Vergebung von Notstandsarbeiten durch die Gemeinde gefordert, deren Pflicht es sei, den Handwerkerstand produktiv zu unteri stützen. Das sei schon lange keine Standesfrage mehr, sondern eine Frage von brennendem allgemeinen Interesse. Der Vor, sitzende verspricht alles zu tun. daß bei der Vergebung von Arbeiten innerhalb der Gemeinde und der ihr nahestehenden Institutionen der jüdische Handwerker bei gleicher Leistungst fähigkeit den Vorzug erhalte, hält aber die Vergebung von Notstandsarbeiten durch die Gemeinde wegen der verminderten Steuereingänge und der erhöhten Inanspruchnahme ihrer Fürsorgeeinrichtungen für kaum möglich. — Auf den geschäftlichen Teil der Sitzung folgte ein Vortrag de» Redakteurs 2. Lehmann ..Die Affäre Dreyfus nach den neuesten Veröffentlichungen . der von der zahlreich erschienenen Zuf Hörerschaft mit größter Aufmerksamkeit angehört wurde und einstimmigen herzlichen Beifall fand. Der Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser e. V., Hahntrapp 5. veröffentlicht soeben das neue Verzeichnis der ihm angeschlossenen Häuser in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanoen, der Schwei; und Nordamerika. ■* Kunst» Wissenschaft und Literatur. Von Prof. Ernst Cassirers umfassender Philosophie der symbolischen Formen ist vor einiger Zeit der 3. Band unter dem Titel: „Phänomenologie der Erkenntnis" erschienen. Prof. Eduard Meyer, der Ordinarius für alte Geschichte an der Berliner Universität, ein geborener Hamburger, der vor einigen Monaten seinen 75. Geburtstag feierte, hat sich auch um die Erforschung der Geschichte des alten Israel verdient gemacht. ^' Heinz Liepmann, ein Sohn unserer Gemeinde, ist durch sein« Auszeichnung mit einem zweiten Preise des New Parker Verlages Harver & Brothers, der ihm für seinen soeben erschienenen Roman „Die Hilflosen"') zuge>prochen wurde, plötzlich in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Schriftsteller gerückt worden. Heinz Liepmann wurde am 27. August 1905 als Sohn der Eheleute Siegmund Liepmann und Frau-Hermine. geb. Holländer, geboren. Sein Vater fiel im April 1917 bei Douay, seine Mutter folgte ihrem Gatten im Festruar 4918 in den Tod. Liepmann, der bis dabin die Oberrealschule vor dem Holstentor besuchte, siedelte nach dem Tode seiner Mutter zu Verwandten nach Bielefeld über, wo er bis zu seiner Schulentlassung m Jahre 1921 verblieb. 1 Unter dem Einfluß der Inflationszeit betätigte er sich sodann in den verschiedensten Berufen, in einer kaufmännischen Lehre, als Bergwerksarbeiter, als Eärtnerlehrling, endlich in irgendeinem belanglosen Betriebe in Frankfurt a. M. als Laufbursche und zuletzt wieder in kaufmännischer Tätigkeit in einem Bankgeschäft. Die Mittel, die er sich in der letzten Stellung erwarb, ermöglichten es ihm, zwei Semester auf der Universität in Frankfurt a. M. zu studieren. Dann war er, fast durch Zufall, zeitweilig Schriftsteller und wirkte später eine zeitllang in Frankfurt a. M. an den städtischen Bühne als Dramaturg, dann in gleicher Stellung zwei Jahre an den Hamburger Kammerspielen. Liepmann ist jetzt Theaterreferent für den Ullstein-Verlag und zwölf andere Zeitungen. Uns in Hamburg! dürfte besonders interessieren, daß Liepmann als Schüler einer der ersten war, der dem eben begründeten Bar Kochba angehärte. Während seiner Tätigkeit als Gärtnerlehrling in Lindau am Bodensee war er im Jung- Jüdischen Wanderbund tätig und eine zeitlang auch Gauleiter ') Rütten & 2öniit(;, Frankfurt a. M. für Bayern. — Einige seiner erste» Arbeiten bewegen sich auf jüdischem Gebiet. In den Jahren 1925/26 erschienen im Familienblatt aus seiner Feder die Erzählungen: „Die verlöschende Kerze" und „Die Jüdin von Worms", und eine Besprechung des Brodschen Romans Reubeni in der Jüdisch-liberalen Zeitung. Jüdische Momente klingen auch in seinem ersten Roman: „Die Nächte eines alten Kindes" an, der offenbar manche Erinnerungen-aus seiner eigenen Kindheit widergibt. Außerdem treten eine Anzahl jüdischer Personen in einem soeben vollendeten Roman auf, der in der Inflationszeit spielt. Als das Jugendamt der Gemeinde zu Beginn des letzten Wintersemesters feine Freitagabende einrichtete und Einladungen zu ihrem Besuch an alle ihm erreichbaren alleinstehenden jüdischen Jugendlichen in Hamburg ver>andte, erging auch eine Einladung an Heinz Liepmann, dessen Antwort uns bereits damals auffiel. Er dankte für die Einladung, der er nicht folgen zu können erklärte, und' fuhr dann fort: „Nicht unrerlasien möchte ich, zu bemerke,^, wie dankenswert ich die Einrichtung dieser Freitag-Abende für junge, ortsfremde,' oft heimat- und freundlo>e Menschen empfinde, um so mehr, als ich eine derartige Institution infrüheren Jahren oft bitter vermißte." Das Palästina-Reifeftipendium, welches vor kurzem von den Gemeindebehörden für hiesige jüdische Lehrer bewilligt wurde, ist Fräulein L. Traumann, Lehrerin der Israelitischen Töchterschule, zugesprochen worden. Fräulein Traumann wird voraussichtlich im Frühjahr 1931 das Heilige Land besuchen. » '? Neue sqnagogale Kompositionen. Unter dem Titel 8csiire simroti hat soeben der Allgemeine Deutsche Kantorenverband eine Reihe synagogalcr Kompositionen herausgegeben. die ihm anläßlich eines Preisauisschreibens zugegangen sind. Von Hamburgern sind in der Samnilung die Herren Jacob Katzen st ein und Oberkantor Leo Kornitzer mit je drei Kompositionen vertreten. ' Der Israelitische Tempel-Verband veranstaltete in den letzten Monaten einen Zyklus von drei Vorträgen. Im ersten Vortrage schilderte Rabbiner Dr. Italiener die Gestalt Moses, des größten Propheten des Judentums, und entwickelte die Gedankenwelt der mosaischen Gesetzgebung mit besonderem Hinblick auf Sie Strömungen und den Geist unserer Zeit. 2m zweiten Vortrage sprach Rabbiner Dr. Dienemann -Offenbach über Mohammed. Er schilderte in klarer und verstänülicher Weise die'gegenseitige Befruchtung des Judentums -und des Islams und verwies auf das besondere Jnteresie der Judenheit an der Bekennerschaft des Islams angesichts des gegenwärtigen palästinensischen Araberproblems. Der Darlegung der geistigen, ethischen und religiösen Vorzüge des Judentums vor dem Islam galten die letzten Ausführungen des Redners. Den Beschluß der Vorträge machte Rabbiner Dr. B aeck-Berlin, der in weitausholender geschichtlicher Darstellung ein Bild der seelischen und politischen Lage der Iudenheit um die' Wende unserer Zeitrechnung gab, aus welcher erst Gestalten wie Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth erwachsen konnten und der Nachwelt verständlich werden. Der Redner gab dann des weiteren ein Bild der seelischen und politischen Lage der damals bekannten unter der Herrschaft der Römer stehenden abend- und morgenländischen Welt, welche für eine Lehre, wie hie von Paulus begründete, empfangsbereit war. Dr. Baeck behandelte den Gegenstand seines Vortrages rein geschichtlich und vermied daher eine Auseinandersetzung zwischen den religiösen Anschauungen des paulinischen Christentums und des Judentums,. was von mancher Seite als eine Lücke in seinem sonst wie immer stilistisch und rhetorisch glänzenden Vorttage empfunden wurde. Einen bisher unbekannte« Brief! Gabriel Rießers vom 14. August 1833 veröffentlicht das Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. in einer seiner jüngftenNummerm Rießer verwendet sich in diesent Briese für Leopold Zunz, der sich um jene Zeit in einer sehr bedrängten Lage befand, bei dem Adressaten des Brieses. Michael Ereizenach (1799 bis 1842), der damals am Philanthropin in Frankfurt a. M, wirkte. Die Wiedergabe des Brieses seinem vollen Wortlaute nach erscheint unnötig; indes sei hier dasjenige kurz skizziert, was für uns in Hamburg in dem Schreiben von Interesse ist. Da ist zunächst det Hinweis des Briefschreibers agf seine Frankfurter Beziehungen; mit Namen nennt er drei Männer: Dr. Heß, Dr. Well und B. H. Goldschmidt, über die der Herausgeber des Briefes, Dr. Siegmund Hirsch, allerdings nichts mitteilt. Rießer spricht dann weiter von „allen andern, die in Frankfurt meiner mit Liebe gedenken". — Gegen Schluß des Br«efes bedankt Rießer sich bei Ereizenach dafür.