Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 5 (15.5.1930)
- Date
- 1930-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Gemeindeblatt der Deutsch > Israelitischen Gememde. Nummer 5 zum ersten Male in diesen Sitzungssaal einziehen, von dem Willen beseelt, der Gemeinde und der Gesamtheit zu dienen, und diejenigen unter Ihnen, welche aus dem früheren Kollegium in das neue Kollegium zurückkehren. Diese letzteren unter Ihnen werden die Erfahrungen, welche sie in langjähriger Tätigkeit als Mitglieder dieses Kollegiums gesammelt haben, erneut in den Dienst der Gemeinde steilen. Die Erfahrungen manches anderen wertvollen Mitglieder, denen der Ausfall der Wahl die Rückkehr in dieses Kollegium versagt hat, werden der Vorstand und vor allem Sie entbehren müssen. Um so mehr glaubt der Vorstand bei Aufnahme Ihrer Arbeit Ihrer Zustimmung sicher zu sein, wenner von dieser Stelle aus diesen früheren Mitgliedern der Repräsentanten-Kollegiums seinen besonderen Gru'tz esttbietet und ihnen Nochmals den Dank der Gemeinde für ihre bisherige selbstlose und hingebende Tätigkeit auswrichl.! Diese selbstlose und hingebende Tätigkeit darf die Gemeinde gewitz auch vbn Ihnen erwarten. Denn wenn - Sie auch aus verschiedenen Lagern kommen, in diesem einen ^Saal eint Sie mit uns, den Mitgliedern des Vorstandes, die eine Gemeinde. An ihrem Wohl, an ihrkm Gedeihen, an ihrer Blüte, an ihrem Forischritt mitzuarbeiten, kurz ihr i n diesem Hause und außerhalb dieses Hauses bei allen Ihren Beratungen zu dienen, sind Sie durch das Vertrauen der Wählerschaft berufen. ' Wie können wir der Gemeinde dienen? Zweifellos zunächst, indem wir an ihre bisherige segensreiche Tätigkeit aninüpfen. ihre Wohlfahrtsarbeit fortführen, ihre Anstalten erhalten, ihre Bestrebungen um das körperliche, das seelische und geistige Wohl unserer Iugend fortsehen, damit ein Geschlecht heranwächst, das in -rreue zum Judentum > ilcht ^und geistig und körperlich für den Kampf des Lebens gerüstet ist. Wir dienen der Gemeinde, wenn wir uns auf - dem überaus wichtigen Gebiete der Pflege des g e i - stigen Lebens in ihrer Mitte weiter betätigen;- indem wir den Ausbau unserer Bibliothek fördern und namentlich! . der Jugend, dann aber auch allen Kreisen, die es wünschen, in unserem zweiten Gemeindehause die Möglichkeit'-geben, jüdische Geistigkeit zu fördern und jüdisches Wissen zu pflegen. > Wir dienen der Gemeinde und namentlich dem Frieden in ihrer Mitte, wenn wir. wie es bisher tn beiden Eemeindekörverschaften Tradition ist und hoffentlich bleibt, jede Parteipolitik aus unseren Beratungen ausschalten und uns ist ihnen i nur von sachlichen Erwägungen leiten lassen, insbesorrdere daher > allen Zwist über Art und Wesen des Juden- , 1 ums pnd der Iudenheit aus unserer Mitte! verbannen und an Stelle-des fruchtlosen Streites nach Maßgabe unserer Kräfte beilragen zu den Aufgaben des deutschen Judentums, mit dcni wir unlöslich verknüpft sind, und den nicht minder wichtigen grohen und neuen Aufgaben! der Eeiamtjudenheit, mit welcher wir ebenso verbunden sind und bleiben wollen. Meine Damen und Herren, viele von Ihnen werden am heutigen Abend von dem Vorstände der Gemeinde etwas wie ein Programm erwarten, die Darlegung der groben Linie, in welcher der Vorstand sich die zukünftige Entwick- I»ng der Gemeinde denkt. Gewih ist der Vorstand sich dessen bewutzt, datz. die Gemeinde ihren Aufgaben nicht gerecht wird, wenn sie lediglich an das Bestehende anknupjt und nur dieses zu erhalten sucht. Es ist richtig: Eine ganze Reihe , neuer Aufgaben stehen uns bevor und heischen von den! Gemeindebehörden, datz sie sie in Angriff nehmen und der ' Lösung entgegensühren. Tie wirtschaftliche Lage des deutschen, Judentums, der Niedergang des Mittelstandes, die Verengung' der Eriitenzmöglichkeiten namenilich der jungen Menschen, 1 die den Bestand unserer Gemeinschaft bedroht, weil sie die Hausesgründung fast unmöglich macht, die damit verbundenen seelischen und leiblichen ucole unserer Iugend. all das sind Momente, welche Gegenstand ernstester Sorge aller derjenigen sein müssen, die ihrer Verantwortung gegenüber der Zukunft unserer Gemeinschaft sich bewutzt sind. Ob und inwieweit wir hier als Gemeinde bessernd eingreifen, ob und inwieweit wir den nach Tausenden zählenden abseits von der Gemeinde Stehenden jüdisches Interesse und jüdisches Leben bringen können, das zu prüfen, und nach Prüfung dann das als richtig Erkannte zu tun, ioird unsere gemeinsame Aufgabe für die nächsten Jahre sein. All unsere Tätigkeit aber wird äbhängen von den Finanzen unserer Gemeinde, deren Entwicklung infolge der wirtschaftlichen Lage Grund zu ernstester Besorgnis bildet. Diese gesund zu erhalten, ohne' die Leistungen der Gemeinde wesentlich zu beeinträchtigen und ebenso ohne die kommenden Iahre ’ über Gebühr zu belasten, ist ein Problem, das uns vor allem beschäftigen wird. Der Vorstand gibt sich keiner Täuschung hin über die Schwere seiner Lösung, und auch Sie, meine Damen und Herren, die Sie erfreulicherweise voller Schaffensdrang sich ihren Aufgaben zu widmen gewillt sind, werden der Schwere dieses Problems noch inne werden müssen. Aber der Vorstand ist überzeugt, dah es trotz des Ernstes der Zeit beiden Gemeinde-Kollegien gelingen wird, in harmonischer Zusammenarbeit unsere Gemeinde mit Gotteshilfe gesund und stark zu erhalten als eine ir xvoeni dejisroel, als eine Gemeinde, die durch ihre Leistungen, wie durch den 'in ihrer Mitte herrschenden Geist sich selbst und der jüdischen Gesamtheit zum Segen und zur Ehre gereicht." ■ Bürowahl. Hierauf übernimmt idas den Jahren nach älteste Mitglied des Kollegiums, Herr H e i n e m a n n, den Vorsitz und gibt Dr. Meyer für sich und die Herren Peine und Tr. Wohlgemuth die folgende Erklärung ab: Nach allgemein parlamentarischer und bisher üblicher Gepflogenheit wird das Äüro des Kollegiums nach der Stärke der Fraktionen gewählt, da in seiner Zusammensetzung der Wille und die Meinung der Wähler zum Ausdruck gebracht werden sollen. — Wir weisen -darauf hin. datz die Liberalen 7 Sitze mit 2151 Stimmen, die Volkspartei 4 Sitze mit 1337 Stimmen, die Wirtschaftspartei 4 Sitze mit 1034 Stimmen, die Unpolitisch- Konservativen 3 Sitze mit 1065 Stimmen, die Achduth 3 Sitze mit 913 Stimmen erhalten haben. — Gerechterweise mutz daher unseres Erachtens das Büro der Reihenfolge nach aus 1 Liberalen. 1 Volksparteiler^ 1 Wirtschaftsparteiler und 1 Unpolitisch-Konservativen zusammengesetzt sein. — Es ist uns zu Ohren gekommen, datz Vorbesprechungen einzelner Gruppen stattgefunden haben mit dem Ziele, dem Büro eine andere Zusammensetzung zu geben. Wir erklären dahep, datz wir bei der Bürowahl unseren Grundsätzen getreu unpolitisch, d. h. lediglich nach dem Gesichtspunkte der Gerechtigkeit, in dem vorbezeichneten Sinne unsere - Stimmen abgeben werden. Wir erwarten von unseren Kollegen das gleiche. Tr. Kalmus: Ich beantrage zunächst darüber zu beschliehen. ob die hier vorgetragene Anschauung grundsätzlich angenommen werden soll. Dr. Fränkel: Darüber kann nicht beschlossen werden. Datz den Liberalen der Vorsitz gebührt, wird wohl allgemein anerkannt. Für das Amt des zweiten Vorsitzenden kann nicht entscheidend sein die Zahl der Wähler, sondern die Zahl der Mandate. Dann können sowohl die Volkspartei wie die Wirtschaftspartei einen Kandidaten präsentieren. Schon darum ist es unmöglich, den von Herrn Dr. Kalmus vertretenen Grundsatz aufzustellen. Dazu kommt, dah die von den Parteien vorgeschtagenen Kandidaten dem einen oder andern.-nicht genehm sein' können. Dr. Mari: Da die Volkspartei und die Wirtschastspartei beide 'mit vier Sitzen hier vertreten sind, dürfte es sich doch empfehlen, auf die Stimmenzahl bei der Wahl zurückzugreifen. Tann habe die Volkspartei allein das Recht, den zweiten Vorsitzenden zu stellen. Von dieser Auffassung könnte abgewichen werden, wenn eine Partei wegen ihrer grundsätzlichen Einstellung- oder etwa die von ihr voraeschlagene Persönlichkeit nicht geeignet erscheint. Das ist für meine Partei und unfern Kandidaten nicht der Fall. Jsaacsen: Die Wirtschaftspariei erklärt sich für die Bürowahl" solidarisch mit der Achduth und schlägt als zweiten Vorsitzenden Herrn Alerander Leoy vor. ' Dr. Kalmus: Ich beantrage: „Bei der Bürowahl ist mahgebend die Stärke der Parteien, ohne datz die etwaige Verbindung zweier Parteien berücksichtigt wird." Dr. Fränkel: Ein solcher Beschlutz ist unmöglich. Ich beantrage Uebergang zur Tagesordnung; Das Kollegium beschließt mit 13 Stimmen entsprechend dem Anträge. In der nunmehr folgenden Wahl wird Herr jLisser mit 19 von 20 Stimmen zum Vorsitzenden gewählt. Er übernimmt den Vorsitz mit dem Versprechen, mit Gerechtigkeit und Verständnis seines Amtes zu walten, den Frieden im Kollegium und die Harmonie mit dem Vorstande der '.Gemeinde zu fördern. Zum zweiten Vorsitzenden wird mit 14 Stimmen gegen 6 Stimmen, von denen Herr Tr. Kalmus 5 und Herr Heinemann 1 Stimme erhält, Herr Alerander Leon gewählt, der die Wahl mit Dänkesworten annimmt. Dr. Marr: „Wir sehen den Ausgang der Wahl des zweiten Vorsitzenden als bewutzte, durch nichts begründete Brüskierung unserer Parte» an. als Ungerechtigkeit und Bruch mit den parlamentarischen Gepflogenheiten, so wie als demon-