Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Gcmeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. Nu in in er 3 Liberaler Aufruf zur Wahl des Repräfentanten-Kollegiums der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg am Sonntag, dem 23. März 1930. An die Wähler und Wä hierinnen! Orthodoxe urfb Zionisten werben neben» den Religiös-Libe^' ralcn um die Stimmen bcr Eemeindewähler. Jede Gruppe, die eine jüdisch-religiöse Weltanschauung vertritt, mug und soll in der Gemeindeverwaltung vertreten sein. -Line Vertretung jedoch, die nach Beruf und Gewerbe, oder nach politischen Gesichtspunkten, sei es jüdisch-politischen oder staatlichpolitischen' orientiert ist, lehnen wir ab. Wir werben um die. Stirnen derer, die aus Grund der jahrzehntelangen Entwicklung der Dcutich-Jsraelitischen .Gemeinde in Hamburg erkannt haben, das; nur-durch den überwiegenden Einflußdcr Religiös- Liberalen. der Ausbau der Gemeinde zu einer den Ziüt- und Lebensvcrhältnissen, sowie den jüdischen Gesamtinterenen angepaszien Groggemci-ide etmöglicht wurde. Die Erhaltung diesesüberwiegendenEinsluiiesderRcligiös- . Liberalen au> die fernere Entwicklung der Gemeinde bietet allein die Sicherbeit dafür, das; die Grundlage unserer paritätisch zu verwaltenden und pls Einheitsgemeinde zw erhaltenden Gemeinde weder durch religiöse Einseitigkeit gefährdet wird, noch durch den vou der jüdischen Volkspartei und der Jüdisch- Sozialistischen Partei vertretenen Zionismus. für welchen die Gemcindekörperichaflen lediglich die Vertretung einer jüdisch-nationalen Minderheit innerhalb der deut« ichc-i Umwelt bilden sollen. Aus die liberale Partei im Repräientanten-Kolegium sind die bedeutendsten Fortschritte zurückzuführen, welche gerade in der l> tzien Session erzielt wordeiü sind. Auf die Initiative der Liberalen wurde der Religionsunlerricht an den öffentlichen Schulen eingeführt. Die Liberalen haben den Frauen das passive.Wahlrecht .;um Repräientanten-Kollegium verschafft. Die Liberalen haben sich für die Herabsetzung des Wahlilters au.f das 21. Lebensjahr eingesetzt. An unseren bisherigen, bewährten G r u n d i ä tz e n in der jüdischen Gemein depolitik wird auch in Zukunft fcstgehalten werden. Wir wollen die Einheitsgemeinde. ' 'Wir wollen die religiöse Gleichberechtigung. Wir wollen die Religiöns - aber keine V o l k s g c m c i n'd e. Wir wollen, die Stärkung der Kultu-s - v c r bände als Träger des religiösen G e - d .i n k c n s. W i r wollen gleiches Recht für Männer und Frauen." Wir wollen di-r Ausgestaltung des jüdischen Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen uirter Berücksichtigung der besonderen liberalen Belange. Wir wollen die Fürsorge für die geistige und körperliche ErtüchtiguirgderJugend. Wir wollen, die soziale Fürsorge für die Bedürftigen unter müglüchster Heranziehung von staatlichen M i 11 c I n. W i r wollen die-Förd.erung aller kulturelljüdischen Gemeindeaufgab^n sowie der Aufgaben des Gcsämtjudentums. Mit diesen Grundsätzen werden die Forderungen des zu einer -- Weltbewegung gewordenen religiös-liberalen Judentums erfüllt, das in der heutigen Zeit religiöser Erstarkung als seine Ausgabe anstebt, - > Religion und Leben miteinander in Einklang zu bringen. Wer diese das Judentum erhaltenden und stärkenden Grundgedanken des liberalen Judentums verbünden mit dem deutschen Kulturgedanken anerkennt und den obigen gemeindepolitischen Grundsätzen der j Liberalen zustimmt, der must sich ff rdie liberale Liste Alfred L i s s e r entscheiden.? Der Wahlausschuß der Liberalen. Dr. Paul Tentlor, Sidonie Werner, Henry Chassel, Daniel Münden, Dr. Helm.uth Nathan,D r. Hans Sch erbel.AmalieWLtow. Gertrud Alsberg, Harald Brieger, Adolf Easpary, Julius Heckscher, cand. med. Walter Heimann, Gertrud Katzen st ein, Gleichen Salomon, Hpns Simon, Leo Stern, Wolfgang Meyer- U bewald, I. M. Volk. Wählt jüdische Dolkspartei! ö Jahre Zukunft sollen am Wahltage entschieden werden. Wird diese Zeit genutzt werden, lebendiges Judentum in der Gemeinde zu schaffen, oder wird die Gemeinde hierin bedeutungsarm bleiben wie bisher? Das ist der eigentliche Sinn des Wahlkampfes, den wir führen. Die Gruppierung „liberal-orthodox" ist überlebt. Mag in vergangenen Generationen der Kampf um die s gegenseitige Duldung und die Gleichberechtigung dieses beiden religiösen Standpunkte nötig gewesen sein — heute und ganz besonders in Hamburg, wo die Verwaltung der Kultusverbände und der allgemeinen Sozialgemeinde getrennt sind, ist es nur. ein Beweis von Erstarrung, dag noch immer Liberale gegen Orthodoxe — Orthodoxe gegen Liberale im Wahlkampf stehen. Zwischen diese beiden Gegner tritt die Jüdische Volkspartci. Ste vereint in sich Juden aller religiösen Richtungen, sie respektiert ihre religiösen Bedürfnisse und will ihnen gerecht werden. Aber sie ruft die Juden auf, sich daraus zu besinnen, dag die Gegenwart und die Zukunft Ausgaben stellen, an denen alle Juden unbeschadet ihrer religiösen Einstellung zusammen wirken müssen. Die jüdische Volkspartci ist die Partei der sozialen und der kulturellen Arbeit. Wir betrachten soziale Arbeit nicht als Betätigung jüdischer Wohltätigkeit, sondern als Verpflichtung der jüdiichen Gemeinschaft. Was an jüdischer Wirtschastsnot sichtbar wird, ist verstärkt oder hervorgerufen durch das Iudesein des Betroffenen: die falsche Berussumschichtung, weil der Jude von vielen Berufen ausgeschlossen war und praktisch noch ist — die Arbeitslosigkeit. größtenteils als Folge der falschen Berufsschichtung W und besonders gefährlich durch den prinzipiellen Ausschluß jüdischen Personals — die Not des Staatenlosen oder des Emigran- ■ ten, der weder zur Wohnung noch zur Arbeit das Recht besitzt und doch wohnen und arbeiten muß, um leben zu können. Wir,betreibcn die jugendpflegerische Arbeit, weil unsere Kinder das Anrecht auf eine fröhliche Jugend besitzen und i weil nur ein starkes jüdisches Gemeinschaftsleben die seelische Freiheit der Jugend gegenüber der Bedrängung durch den Antisemitismus in Schule und Sport zu schützen vermag. Wir betreiben die jüdische Erziehung im Bewußtsein, dag die wirkliche Vertrautheit mit der Religion und der Geschichte des Judentums die Grundlage der seelischen Freiheit des/jüdischen Menschen ist, und. in der Erkenntnis, dag eine besiere Zukunft nur von jüdischen Führern gestaltet werden kann, die mit allen geistigen und sozialen Problemen des Judentums feit ihrer Kindheit vertraut sind. Wir wißen uns als Teil der einheitlichen Ecsamtjudenheit und betrachten es als'Pflicht der Gemeinde, teilzunehmen an den großen Aufgaben der jüdischen Gegenwart. Wir begrüßen es insbesondere, dag die Hamburger jüdische Gemeinde den Wert ' des Palästinawerks wohl erkannt und begonnen hat, die geistige Verbindung mit Palästina durch das neubhschlosfene Lehrerreisestipendium zu vertiefen. > Wir verlangen, dag die finanziellen M-i t t e l der Gemeinde in immer stärkerem Mage der sozialen Arbeit und der Jugendpflege dienstbar gemacht werden, die wir für die drängendsten und bisher nicht ausreichend beachteten Aufggben der Gemeinde ansehen. Ueber die Hamburger Staatsgrenzen hinweg mug hierbei enge Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden geleistet werden. Wir fordern die weitere Demokratisierung der Gemeinde durch Abschaffung des Stimmenhäufungsrechts, das nur dem Schein nach demokratisch ist, in Wirklichkeit aber der Wahlschiebung Tür und Tor öffnet und viele angesehene Männer davon abhält, zu kandidieren, weil sie zwar für die Ideen ihrer Partei arbeiten, nicht aber aus Stimmenwerbung für ihre eigene Person ausgehen wollen. Wir fordern die RT i ch s o r g a n i i a t i o n der >deut-