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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1929-12-12 · 12 (12.12.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
5 (1929)
Issue
12 (12.12.1929)
Date
1929-12-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nummer 12 Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. <47 Prozent bei den Katholiken) und 59 Prozent bei den Erwerbstätigen der Reichsbeoölkerung. Addiert man die vorstehenden Prozentsätze der Selbständigen, Angestellten und Arbeiter, so ergeben sich bei Juden, bei der Gesamtbevölkerung und bei den Katholiken nur 84 Prozent. 88 Prozent und 39 Prozent. Die Differenz gegen 100, nämlich 16 Prozent bei den Juden. 12 Prozent bei der Gesamtbevölkerung und 11 Prozent bei den Katholiken sind die Prozentsätze der „Berufslosen Selbständigen", auf die wir noch zurüäkommen werden. Bei der Besprechung der Tabelle, die die Stellung im Beruf zur Darstellung bringt, bemerkt das Stat. Landesamt zu dem verhältnismäßig groben Prozentsatz der Selbständigen bei den Juden im Bergleich zum Prozentsatz der Selbständigen der Gesamtbeoölkerung: „Die Juden aber bevorzugen die selbständige Arbeit." Dieses Bevorzugen ist nicht nur bei den Juden der Fall: das Bevorzugen der Selbständigkeit ist eine ziemlich allgemein menschliche Erscheinung, nur ist da meist „der Knüppel an den Hund, gebunden". Gerade in Hamburg sehen wir, daß der Drang zur Selbständigkeit auch bei den Arbeitern vorhanden ist. Von den Inhabern der sogenannten Bauchläden, von Karrenhändlern, auch von Grünwarenhändlern, überhaupt von den Händlern derjenigen Waren, zu deren Vertrieb keine groben Vorkenntnisje und Vorbildung gehören, sind sehr viele aus dem Arbeiterstande hervorgegangen. In der Gesamtbevölkerung können natürlich nicht alle Erwerbstätige selbständig sein, und wir wissen ja, dab die moderne Entwicklung auf die Verunselbständigung der Selbständigen hinausläust. Schon jetzt täuscht der Prozentsatz der ^.Selbständigen", weil die Berufsstatlstik zu ihnen „auch die Direktoren. Geschäftsführer, teilenden Beamten und sonstigen Betriebsleiter" ^ählt. Da können es nur noch die Tüchtigsten und am besten Vorbereiteten zur Selbständigkeit bringen. Dab der Prozentsatz der Selbständigen bei den Juden Up. vergleichsweise hoher ist. hängt — namentlich in Hamburg -- mit der besseren Schulbildung zusammen. Was von den Selbständigen gilt, gilt auch von den Angestellten in besseren Stellungen. Ein Beispiel aus meiner Praris: Als ich noch im Handel tätig war <im vorigen Jahrhundert), begünstigte ich das Fortkommen eines jungen Mannes, der die Volksschule besucht hatte und als Laufbursche bei mir eingetreten war. Sein Vater war Arbeiter. Er hatte eine vorzügliche Handschrift, «in vorzügliches Gedächtnis und war sehr anstellig. Trotzdem scheiterte der Versuchs ihn in höhere Stellung zu bringen, an mangelnder Vorbildung. Wäre er Jude gewesen, so würde er als Hamburger sehr wahrscheinlich die Talmud Tora- Schule besucht haben, ganz gleich, welche religiöse Richtung oder soziale Stellung seine Eltern gehabt hätten, und dann würde er es zweifellos zu einer höheren Stellung und später wahrscheinlich zur Selbständigkeit gebracht haben. Ich habe dem langjährigen Direktor der Talmud Tora-Schule, Herrn Dr. Goldschmidt, gegenüber einmal geäutzert. dab ich es für verkehrt halte, die Talmud Tora-Schule mit minder begabten Schülern zu belasten, die nicht imstande seien, das Ziel dzr- Schule zu erreichen, worauf er mir erwiderte, dab es auch diesen Elementen in ihrem späteren Fortkommen außerordentlich nützlich sei, wenn sie fremde sprachen gelernt hätten: sie könnten dann doch einen französischen und englischen Brief verstehen und. kämen dann im Geschäftsleben besser vorwärts. Daran ist zweifellos viel Wahres. In meiner Schrift „Konfessionelle Militärstatrstik" <erschienen 1917 — 2. Auflage 1925) weise ich nach, dab in Deutschland von den katholischen Kindern 4 V* Proz., von den. evangelischen 9 Proz., von den Juden aber 60 Proz. höhere Schulen besuchen. Aus diesen Zahlen erklärt.sich der hohe Prozentsatz der Angestellten und der Selbständigen der erwerbstätigen Juden, und damit wieder hängt das vergleichsweise höhere Einkommen der Juden zusammen. <NB. Ich hätte die Schulprozentsätze gern für ein uns näher liegendes Jahr als das Jahr 1911 berechnet, auf das sie sich beziehen. Das neue „Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reichs, das die Schulstatistik der Schulerhebung für das Schuljahr 1926 27 bringt, gibt die Konfession nur von den Schülern der Volksschulen an — mit Ausnahme der Schüler Hamburgs, das als einziger deutscher Staat keine Angaben über die Konfession gemacht halt Bei den Schülern der übrigen deutschen Staaten bilden die jüdischen Schüler 0,303 Prozent der Dolksschüler, während die Juden im Jahre 1925 0,90 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachten. Trotz der vielleicht etwas niedrigeren Zahl von Kinderg bei den Juden, läbt sich daraus schlietzen. dab schon im volksschulpflichtigen Alter nur ein Drittel der jüdischen Kinder die Volksschule besucht, von denen wohl noch ein Teil später in höhere Schulen übergeht, die von etwa 65 (in Hamburg, wie ich berechnet habe, weit über 65) Prozent der jüdischen Kinder besucht werden dürften. Wenn dir Deutsch-Israelitische Gemeinde (siehe Gemeindeblatt vom 12. August 1929) für Schul- und Erziehungswesen etwa 30 Proz. ihres Gesamt-Etats verausgabt, so ist das nicht nur eine Wohltätigkeitssache, sondern — gleichgültig. ob beraubt oder unbewußt — auch eine Ausgabe, die ihr in höheren Einnahmen wieder zugute kommt. Das Statistische Landesamt stellt einander gegenüber, daß von den Erwerbstätigen unter den Juden nicht weniger als 60. Prozent im Handelsgewerbe beschäftigt smo. gegen nur 40 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. Von den männlichen Erwerbstätigen sind dies bei den Juden ' sogar 70 Prozent gegen 45 Prozent bei der Gesamtbevölkerung, von den weiblichen jüdischen Erwerbstätigen 37 Prozent gegen 30 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. Ich möchte hierzu darauf aufmerksam machen, dab naturgemäß in der bedeutenden Handelsstadt Hamburg von allen Wirtschaftsabteilungen die Wirtschaftsadteilung. „Handel" (die ja übrigens „Handel und Verkehr" umfaßt) am stärksten de- . setzt ist, dab dieser Prozentsatz bei den Erwerbstätigen!des ganzen Deutschen Reiches aher — mit 15 Prozent — viel niedriger ist, während er bei der Gesamtheit der jüdischen Erwerbstätigen oes Reiches nicht wesentlich von dem Prozentsatz der jüdischen Erwerbstätigen Hamburgs abweichen wird. Leben doch 67 Prozent der Juden Deutschlands in seinen 45 Großstädten und auch in den Kleinstädten werden die Juden überwiegend im Handel erwerbstätig sein. Ein genaues Bild hierüber werden wir erst bekommen, wenn die Lücke ausgefüllt sein wird, welche dadurch in der Statistik der Berufszählung von 1925 besteht, daß sie nicht auch nach der Religionszugehörigkeit bearbeitet worden ist. Diese Lücke wird, was die jüdischen Erwerbstätigen anbelangt, demnächst dadurch ausgefüllt werden, daß die „Akademie für die Wissenschaft des Judentums" diese Arbeit übernommen hat. Sie hat sich diejerhalb an die jüdischen Gemeinden usw. gewandt, die sich wieder an die betr. Statistischen Landesämter gewandt haben. Die Veröffentlichung im Maiheft der Monatsschrift des Hamburger Statistischen Landesamts dürfte bereits eine Ausstrahlung der Bemühungen der „Akademie" und der Opfer der jüdischen Gemeinden und der Akademie sein. Bekanntlich ist die moderne Grobindustrie aus dem Handwerk hervorgegangen. Es sei nur an Krupp und Mannesmann erinnert. Da die Juden in Deutschland bis weit in das vorige Jahrhundert hinein nicht Meister werden konnten, (weil die Innung, der die Meister angehören mußten, keine Juden aufnahm) so sind die deutschen Juden nach dem Fallen dieser Schranke erst nach und nach in der Industrie erwerbstätig geworden. Ein Bruder meines Vaters mutzte noch ins Ausland auswandern, weil er — ein Hamburger — das in seiner Vaterstadt erlernte Handwerk (Handschuhmacher) als Jude in Deutschland nicht selbständig ausüben konnte. In Paris konnte er später schon das Ehrenamt eines Handelsrichters bekleiden. Immerhin waren im Jahre 1925 12 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen Hamburgs in „Industrie und Handwerk^ erwerbstätig, 13 Prozent der männlichen, 10 Prozent der weibischen jüdischen Erwerbstätigen, gegen 36 Proz. bzw. 20 Proz. bei der Gesamtbeoölkerung. Der Prozentsatz der in der „Industrie" Erwerbstätigen ist bei den Juden Hamburgs im Vergleich zu den Prozentsätzen der Berufszählungen von 1895 und 1907 zurückgegangen: damals hatte er je 17 Prozent, also schon 5 Prozent mehr betragen, während der Prozentsatz der im „Handel" erwerbstätigen Juden, der damals 55 Proz. bzw. 54 Proz. betrug. 5 Proz., bzw. 6 Proz. niedriger war als 1925?) Trotzdem ist, wie wir noch sehen werden, „in tke long run" eine Zunahme her in Industrie und Handwerk erwerbstätigen Juden auf Kosten der im Handel erwerbstätigen zu erwarten. Ganz so grob wie es nach den Prozentsätzen von 1925 und 1907 erscheint, ist der Rückgang der m der „Industrie" erwerbstätigen allerdings nicht. Ein (wohl nur geringer) Teil desselben liegt an anderer Rubrizierung. *) Einige 1907 und 1895 noch unter „Industrie" rubrizierte Gewerbe <z. B. Apotheker. Barbiere. Kleiderreinigung, Kammerjäger) sind 1925 unter „Gesundheitswesen" rubriziert?) Auch im Industrie und Handwerk zeigt sich bei den Juden der verhältnismäßig starke Aufstieg zur Selbständigkeit. 41 Prozent der dort Erwerbs- ' *) (Siehe: Stat. Mitteilungen über den Hamburgischen Staat. Berufsaufnahme vom 12. Juni 1907, Bd. Nr. 2. S. 277.) ') Stat. des Hambg. Staates Heft XXXIS. 13.

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