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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1929-10-02 · 10 (2.10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
5 (1929)
Issue
10 (2.10.1929)
Date
1929-10-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde Nummer 10 Gebets ist der Borbeter im Wechsel! Der Vorbeter selbst ist keine durch l>e-> abgesonderte Person, je-! die traditionellen Teile Vorbeter vortreten . . . Gemeinde, wird er geihr;uihr oder und Gemeinde, das kann als Abgesandter der nicht gebend und vermittelnd den Rücken ihr zukehrend vor Träger dek mit der Gemeind«.' sondere Weihen ausgezeichnete des Mitglied der und Melodien beherrscht, Schliach Zjbbur. nannt, und steht gewandt, sondern ... in ihrer Mitte a» einem Pult. Es entsteht so das Bild einer Volksmenge, hie vor den König tritt und einen Sprecher aus ihrer Mitte gewählt hat. Diesen Charakter trägt denn auch das Gebet. Kein Helfer, kein Mittler, kein Heiliget kann angerufen werden. Allein Gott gegenüberstehend muh der Mensch seine menschliche, seine kreatürliche Unzulänglichkeit und Unmöglichkeit vor dem Heiligen und Ewigen erleiden. Nur ein einziges großes Du steht ihm gegenüber — so übermächtig, daß, manchmal in' Scheu sich abwendend, das Gebet keine Anrede mehr wagt, sondern nur von ihm spricht, nicht mehr zu ihm. Nicht einmal ein böser Feind, ein Satan, lindert die Schroffheit hes Gegenüberstehens. Der, „Ankläger," der ganz selten erwähnt wird, ist keine Macht neben der Allmacht, die auch das Furchtbare und Schreckliche wirkt. Höchstens werden einmal die Väter oder die Märtyrer erwähnt, Gott gleichsam an seine Liebe zu ihnen erinnert: um ihretwillen erbarme dich der Enkel. Tie Grundsäße der Talmudlehrer machen sich hier bemerlbar, die in strengster Reinheit die Einheit Gottes betont wissen wollten und alles müßige und bunte Spiel der Phantasie aus dem tiefen Ernst des Gebetes verwiesen. Daß die Phantasie nicht fehlte, beweist die talmudische Agada, die mit Sagen, Legenden und Märchen, naiv, innig, phanthsti'ch und erhaben, die himmlischen Dinge umspinnt. Aber'das Gebet sollte sich vor dem Unsagbaren bescheiden — ein Talmudlehrer tadelte einen Vorbeter, der an einer Stelle das traditionelle „großer, mächtiger und furchtbarer Gott" ^erweitert hatte: „Glaubst du, damit den Preis Gottes nuß erschöpft zu haben?" Mit dem Faßbaren sollte eS sich hauptsächlich beschäftigen: mit Gottes Walten im Mensstenleben — und sollte sich in Ernit sittlichen! Forderung än den Menschen bewußt seiner bleiben. Ter erhallen, mungen Gedanke die traditionellen blieb nicht in seiner, reinen Ausprägung in späteren Jahrhunderten gewannen mystische Ströeinen Ein ' luß auf das Gebet und schoben zwischen Gebete des Talmuds neue Stücke ein. Wo die Rabbinen die dem Menschengeist, gezogenen Schranken anerkannten und betonten, da sprengte die Herzensglul der Mystiker die Fesseln. Sie betonter einseitig das Irrationale in der Gottheit, der Wortstrom ihres Preises zerreißt alle Dämme. Es kommen da erstaunliche und unübersetzbare Dinge vor. Die hebräische Sprache bietet die Möglichkeit, mit einer großen Menge fast gleichklingender Worte des Preises und Jubels ein beinah sinnverwirrendes Getöse anzürichten, das besonders an Festlagen in der Ueberleitung zur Keduscha wie ein gestauter Strom zuletzt gewaltig in das Dreimal-Heilig sich ergießt. — Um die Erhabenheit und Unnahbarkeit Gottes recht eindrücklich zu Gemüt zu bringen, brachen sie auch mit einem andern Grundsatz der Rabbinen und schoben zwischen den Menschen und Gott die Engel ein, deren zitternder Lobgesang den unendlichen Abstand fühlbar macht und damit das Unfaßbare des. liebend zum Menschen sich neigenden Gottes zum Bewußtsein bringt. Ein typisches Beispiel eines Gebets der Mystiker i,l die Merkaba-Keduicha in den Segenssprüchen des Sch'ma. Auch die herrlichen Engelpreislieder an Rosch haichana und Jom Kippur stammen aus diesem Ideenkreis. Bei der stark konservativen Einstellung der Synagoge sind beide Arten, das rationale und das irrationale Gebet, nebeneinander erhalten geblieben, wodurch der jüdische Gottesdienst eine über din Zeitströmungen stehende Gültigkeit bekomme» hat und einen Reichtum religiösen Lebens, der auch den verschiedensten Bedürfnissen etwcks bietet. Das jüdische Gebet hat eine ausgesprochene Eigenart als G e m e i n de g e b e t. Auch das Gebet des einzelnen in seinem Hause hat fast den gleichen genau festgelegten Wortlaut, und der Talmud empfiehlt, zur selben Zeit zu beten wie die Gemeinde, denn dies sei „«ine Zeit der Gnade". Es liegt der Gedanke zugrunde, daß der Mensch in die Gemeinschaft eingeordnet sei und kein Recht habe, etwa mit einem Ueberschuß an religiösem Empfinden jsich Oeffentliche Quittung. Wir erhielten an Spenden: 10 Jt.il von Frl. Edith Weißberg und Herrn Bernhard S. Jacobson zur Ablösung der Danksagungen für die Glückwünsche zu ihrer Verlobung. 20 3t.H von Herrn Eottschalk Driedburg zur Ab- \ lösung der Danksagungen für die ihm anläßlich seines 80. Wiegenfestes erwiesenen Aufmerksamkeiten. 25 Jt.il von der Firma I. L. M ö.hring u. Co anläßlich der Eröffnung ihrer neuen Geschäftsräume Neuerwall 12—14 zugunsten des Kindererholungsheims Wilhelminenhöhe. ferner anläßlich der Errettung aus, großer Gefahr als 17102 ,11713 10.— 3t.il 10.— Jt.it 35.— Jt.il ' 160 Tschechokronen. Den Spendern verbindlichen Dank. Vorstand der Deutsch-Zsraelitischen Gemeind«. selbst bei Gott eine Sonderstellung zu schaffen, sondern daß er den schwächeren Brüdern dann, beistehen solle. Man kann freilich sagen: diese Stellung als Eeineindegebet und der festgelegte fremdsprachige Teil hindern das persönliche Nahkommen des Menschen an Gott. Das trifft in einem gewissen Grade zu. Gott ist immer mehr der König, dem man huldigt, als der Vater, dessen Ohr jederzeit bereit ist. Doch ist dieses nicht zum Schaden der Frömmigkeit. Das gemäßigte religiöse Gefühl bleibt in geziemenden Dck-r^nken, während die Glut oder die Not jederzeit die Schranken überspringen und in größere Nähe, dringen wird. Das Gefühl der Ehrfurcht kann und darf kein Mensch Gott verweigern, und es findet im .festen Gebet seinen Ausdruck. Das Erfahren der Liebe und Gnade aber, die wie ein Parador neben der Erhabenheit und Furchtbarkeit Gottes steht, soll persönliches Erleben bleiben und nicht im Mund der Gleichgültigen allgemein gemacht werden. Das jüdische Gebet kennt auch den Ausdruck Vater, und manches Beispiel zeigt, wie heiß er empfunden wurde. Aber er tritt zurück hinter den Ausdruck Gott und König. Es wird Abstand gewahrt und nicht die Sprache innigsten Erlebens zur allgemeinen Gebetssprache gemacht. ' In den Piutim ^religiöse Dichtungen zu ben Feiertagen) und den Selichot «Bußgebete) kommt auch das besondere Empfinden des einzelnen sehr deutlich zum Ausdruck. Für den N i ch t j u d e n ist das jüdische Gebet meist ziemlich befremdend: die festgelegte Zeit unb Haltung, der festgesetzte, fremdsprachige Tert und vor allem .die beträchtliche Länge, die besonders an den Feiertagen durch Einschaltungen aller Art lawinenartig anschwillt. Diese Wortstürze und -Ströme sind ja kaum physisch zu bewältigen, wie soll es dabei noch möglich sein, Andacht zu bewahren? Doch ist dies ein Urteil Außenstehender. Freilich. „Andacht" uit schlichten Wortsinn, ein Bedenken der Worte, die man spricht, ist wirklich für die meisten nur stellenweise möglich. Allein schon die Kenntnis der hebräischen Sprache reicht beim Durch'chnittsbeter meist nur soweit, die gebräuchlicheren Wörter und Sähe zu verstehen. Doch ist das schließlich nebensächlich, denn im Grunde ist das wahre Gebet überhaupt wortlos: ein stummes Stehen in Gottes Nähe, ein Sich hinwerfen, ein Gefäß-werden. Erfüllt-werden. Um bieten Kern des Gebets werfen alle Religionen einen bedeckenden Mantel — sei er schlicht oder glanzvoll, das entspricht der besonderen Eigenart —, hier ist es die überstürzende Fülle der Worte, die seit Jahrtausenden bewahrte Sprache der heiligen Bücher und Gottesoffenbarungen, die den Beter von der profanen Außenwelt abtrennt und eine besondere Atmosphäre des Heiligen um ihn breitet. In ihn kommt „Fülle". — Ein der „Andacht" entsprechendes Wort wird auf das jüdische Gebet angewandt: „Kawwana", dem einfachen Wortsinn nach: Richtung, Abiicht — im übertragenen Sinn (bos Wort ist in der Mystik gebräuchlich): Richtung auf Gott, Versenkung, Inbrunst. Besonders in einem, ostlüdtschen Gottesdienst, der noch ursprünglicher und weniger beherrscht ist, spürt man 'eine der „Andacht" gleichwertige religiöse Stimmung sehr deutlich und stark. Man kann nicht den Gottesdienst betrachten, obne auch den synagogalen Gesang zu erwähnen. Einen besonders starken Ausdruck findet die Religion ja in der Musik, und da jeder bildliche Ausdruck dem Judentum versagt war.

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