Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 9 (10.9.1929)
- Date
- 1929-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Nummer 9 J Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. . GeschO dem schwer kämpfenden Jüngling von frühe an erworben hatten, half ihm auch hier, den richtigen Weg zu finden. Denn Wegweiser nach Hamburg in das Haus des Abraham Eugen heim waren ihm einmal seine alten Wohltäter, der Seidenfabrikant Isaak Bernhard und. seine Gattin Rösele, die Mendelssohn vor mehr als zehn Jahren erst als Hauslehrer ihrer Kinder und dann als Buchhalter in ihr Haus genommen und damit aller Nahrungssdrgen überhoben hatten. Sie hatten nicht lange zuvor eine Tochter an den Sohn des angesehenen Vorstehers Gelting verheiratet, und „Madame Getting" gehörte bald zu der engsten Freundschaft, des Hauses Eugenheim, insbesondere der ältesten Tochter des Hauses, der reizvollen Frontet. Dann aber war es der Freund und Lehrer seiner frühen. Jugend, von dem Mendelssohn selbst sagt, dah er ihm al ein altes zu danken habe, was er in den Wissenschaften profiti rt habe, Doktor Aharon Emmerich Eumpeti"), ein Urenkel der berühmten Glücket Hameln, der ihm, nie er ihm einst in Lessing den Freund seines Lebenzugeführt hatte, nun in Fromet Eugenheim die Frau seines Lebens zuführte. Dieser interessante Mann, den m in in mancher Beziehung einen Moses Mendelssohn vor Moses Mendelssohn nennen kann — nur datz ihm von dem Schicks il nicht gegeben war. seine Sendung zu erfüllen — war nar kurzem erst von Berlin nach Hamburg übergesiedelt und bitte in dem ihm durch verwandtschaftliche und freundschaftlihe Bande nahestehenden Hause Guaenheim seine Wohung < ufgeschlagen. Bald nach seiner Ankunft hatte ihn durch den Tod seiner Gattin schweres Leid gettoffen. Um so eis iger wünschte er den Berliner Freund zu sich nach Hambtzrg. o kam Mendelssohn unter den glücklichsten Vorzeichen. geleite nach Was verstä „Neue ausge zwar Auger einen und empfangen von warmen oarmen Freundschaftswünschen, sah und er — verliebte sich. ihm in geistreich-witziger. Polemik gegen seine allzu ijdige und nüchtLrn-besonnene Rezension von Rousseaus Heloise" Hamann, der „Magus des Nordens", vorgl hatte, vollendete sich nur allzuschnell: ein Paar, licht schwarze, wie Hamann gemeint hatte, aber blaue waren wundertätig genug, sein „eiskaltes" Herz in blühenden Frühling zu verwandeln. 3 ie vier Wochen, die Mendelssohn von Mitte April bis Mitte Mai 1761 in Hamburg zubrachte, gehören zu den < naenehmsten seines Lebens. Er kam in ein Haus, dessen Geist und Ton, dessen Gesinnung und Lebensart ganz dem intfprach, was ihm als Wunsch vor Augen stand. „Wo finde ich Liebe und Freundschaft so verbunden als in Ihrem Hause!", ruft er einmal Fromet gegenüber aus. Die Briefe, die er während der etwa einjährigen Verlobungszeit an seine Braut richtete und die in der Jubiläumsausgabe der MentelssohnscheN Werke zum ersten Male einer breiteren Oeffe itlichkeit zugänglich gemacht werden, gewähren, uns einen wund rvoll deutlichen Einblick in ein Hamburger jüdisches Haus jener Zeit,. in den Verkehr seiner Menschen, in seina Besch iftigung, in seine Vergnügungen. Wir sehen den erwünsc »len Besucher aus Berlin unter der neuen Bekanntschaft „herumschwärmen", wir sehen ihn mit dem alten Fremde Gümpertz philosophieren und dann wieder das Theater b-suchen. Wir folgen ihm'auf dem Wege zu Gelehrten jüdiscken und christlichen Bekenntnisses, dem hochberühmten Oberiabbiner Jonathan Eybenschütz sowohl wie dem Literc ten und Uebersetzer I. Ehr. Bode. Wir sehen ihn geschäftliche Verbindungen aninüpfen. aber ebenso wohl auch eine Partie L'Hombre nicht* verschmähen. Mit der schalkhaftei jüngeren Tochter des Hauses, der munteren B r e n d el, weih er brüderlich-schwesterlich zu scherzen: die zahlreichen Freundinnen der ältesten Tochter lernt er kennen und beschäftigt sich mit ihnen voll wärmster Teilnahme. Aber schöner als all dies, lockender und anziehender sind seine Unterhaltungen mit Fromet, der rasch und klar Erwählten seines Herzens. Sie ist nicht leicht, diese Unterhaltung, für lien verliebten Philosophen, der zwar tausenderlei zu sagen hat, wenn er nicht bei ihr ist, dem aber alles verschwunden i 1. sobald er in ihrem Hause ist. Alle seine Grundsätze „in 2 nsehung des Frauenzimmers" muh er verleugnen. „Ihr. Haus frequentieren. Sie und Ihre Familie kennen, liebste Fronet, und vom Frauenzimmer schlecht denken, ist in meinen Auger unmöglich." Aber das steigert nur die Verlegenheit und Schüchternheit des Freiers, die in der Strenge altmqdisch-jüdischer Tradition wie in der steifen Galanterie wer Um f. Kauintaiin.sZreudenlval. Ti« Jamiiie Gomperz, 3.164 ff.; 'tzhiiiipson-Feslscdrisl, 2 172 ff.: (eine Gravfchrisi I. bei Grunwald, Hamburgs beul (che Juden. 3. 340. Unsere - , neuen Ablösungs-Telegramme in Heften zu 10 Stück sind zum Preise von 6 9tM erhältlich bei Herrn Hermann Teitelbaum. Haynstrahe 9, Hansa 8206, der auch den Verkauf und die Besorgung von Einzeltelegrammen übernommen hat. Verwaltung des Kindererhvlungsheims Wilhelminenhöh«. des Zeitalters, aber auch in den individuellen Eigenschaften eines ausWiehlich vernunftvoll gelehrten Interessen hingegebenen Mannes ihre tiefbegründete Ursache haben. Ist sie nicht voller entzückend-komischen Reizes, jene Abschiedsszene des Bräutigams von der „Jungfer Braut", die in einem wüsten Gartenhäuschen in Erwartung des trennenden Postillons sich abspielt und auf die der nach Berlin Heimgekehrte in leidenschastsbewegter Reue zurückblickt. „Vergessen Sie es auf ewig. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie unruhig mein Herz damals gewesen. Die Küsse selbst, die ich von Ihren Lippen gestohlen, waren mit einiger Bitterkeit vermischt, denn die nahe Trennung machte mich schwermütig und unfähig, ein reines Vergnügen zu geniehen. Ich ärgerte mich über meine Dummheit, dah ich Sie ganze vier Wochen habe lieben können, ohne mich mit Ihnen töte ä tete zu unterhalten. Was für angenehme Stunden habe ich nicht verscherzt! ganz ungebraucht verschwinden lassen! .Jetzt, dachte ich da alle Augenblick der Postillon dich abrufen soll: ergreifst du die erste Gelegenheit, deiner Geliebten dich zu erkennen zu geben. Das erschien mir überaus töricht. Kurz, unter diesen unangenehmen Reflerionen ist endlich auch die letzte Stunde verschwunden, die ich in.Hamburg zugebracht, und ich sah mich auf dem Postwagen neben Herrn Jtzig Eisenstadt! Verdient ein so halb genossenes Vergnügen, dah wir daran gedenken?" — Fast genau 10 Jahre später nahm ein anderer, freilich 10 Jahre jüngerer Liebhaber in einer entgegengesetzten Ecke Deutschlands Abschied von der Geliebten, und auch er hat uns. eine Schilderung dieser Abschiedsszene hinterlassen. Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinen Augen welcher Schmerz!" Das war ntzn freilich der junge Goethe: ein neues Zeitalter deutschen Lebensgefühls war angebrochen: und auf den Frankfurter Jüngling. ' der hoch zu Roh davonritt, wartete kein Postwagen und kein Jtzig Eisenstadt! — Trotz aller Hemmungen jedoch: er lernt in diesen Wochen Fromets zärtliches Herz kennen, ihre Gefälligkeit gegen jedermann, ihr sanftmütiges Naturell, das so ganz seiner eigenen Art entspricht, welche ihre Glückseligkeit auch nur in den stillen Vergütungen der Liebe und der Freundschaft sucht, ihre heitere Natürlichkeit und ihren freundlichen Bildungswillen, kurz, mit jedem Tage überzeugt er sich mehr von der Uebereinst.immung ihrer Gesinnungen. So kommt es zu jener sein ganzes Leben beglückenden Verbindung, die nach seinen eigenen Worten „rein von allem gemeinen Verdacht", „fern von allen eigennützigen Absichten", „fern von allem Zwang der Zeremonien" und „über die gemeine Denkungsart hinweg" war. Bei alledem bleibt die Vernunft die Herrin sernec Gefühle: die zahlreichen Briefe an „meine liebste Eugenheim" zeigen viel Zärtlichkeit, viel Empfindung, aufrichtige Neigung und Ergebenheit, gewih auch hin und wieder einen Ausbruch leidenschaftlichen Sehnens, ungeduldiger Ruhelosigkeit. wie denn auch gegen Ende der Verlobungszeit das trauliche „Du" sich zuweilen einstiehlt: aber die grobe, die gewaltige Leidenschaft, dienach Hanianns Worten gleich wie der Tod Philosophen und Idioten gleichmache, überwältigt niemals den „beständigen Liebhaber und Verehrer, der Sie zärtlich liebt und zeitlebens lieben wird." * * Die Vernunft, die Mendelsohns Wahl leitete, war. wie man so sieht, nicht eine Vernunft materieller Gesinnung. Eine solche hätte ihn - zu diesem Bunde nicht veranlassen können. Denn gerade damals befand sich das Haus Eugenheim wirtschaftlich in sehr mihlicher Lage. Wie wenig in solcher Situation Mendelssohn aber ein Hindernis für feine Neigung, wie' sehr er sie im Gegenteil beinahe als einen Vorzug ansah, beweisen die sehr charakteristischen Worte, die er gelegentlich seiner Fromet schreibt: „Ich glaube, meine liebste Fromet. «ie wären lang so liebenswert nicht, wenn Gott Sie in Ihrem brillanten Stand gelassen hätte," Als Mendelssohn nach Hamburg kam. war Fromets Datckr