Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 2 (12.2.1929)
- Date
- 1929-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4891256-5444712-5444923--0394-4891588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
kette 6 Semeindeblatt der Deutsch.Israelitischen Gemeinde. Nummer 2 geben, welche in der Elternschaft mit großer Befriedigung auf-!I«nommen wurden. Ferner machte er Mitteilung von der Emil Heu ng des wahlfreien L a t e i n u n t e r r i ch t s, der in Zuunft ermöglicht, daß die Absolventinnen der Schule nicht nur in die Obersekunda einer Oberrealschüle, sondern auch eines Realgymnasiums werden übertreten können. — An die Referate schloß sich eine längere Aussprache, welche die feste Verbundenheit der Elternschaft mit der Schule aufs neue bestätigte und bewies, daß die von der Gemeinde gemeinsam mit der Schulverwaltung erstrebten Ziele immer mehr Verständnis in. den Eltrrnkreisen finden und ihr Gedanke der einheitlichen Erziehung dergefamten jüdischen Schuljugend Hamburgs sich' immer mehr Bahn bricht. Zu einer eindrucksvollen Lesflng-Gedenkfeier versammelte die Talmud Tora-Realschule ihre Lehrer und die Schüler der Oberklässen am 25. v.M. im Vortragiaale des Gemeindehauses Johnsallee 54. Frohe erwartungsvolle Stimmung lag. auf den Defichtrrn der Schüler, die zum ersten-Male die Räume des neuen Hauses betraten. Die mit edlem Bilderschmuck gezierten Wände des Treppenhauses sowohl wie die. vornehmen Räume erweckten sogleich festliche Stimmung. Ten Auftakt der Feier bildete die von Oberlehrer Dr. 2- Iacobsen mil straffem Rhythmus und kontrastreicher Gliederung gespielte Coriolan- Ouvertüre von Beethoven. Rach dem von einem Primaner vorgrtragenen Vorspruch auf Lesfing von Hans Leip, ergriff Oberlehrer Niemeyer das Wort zum. Festoonrag. Dem Vortragenden ging es.nicht so sehr darum, Lesstngs Sendung als Dichter und Vorkämpfer des Toleranzgedankens darrutun, als den Schülern ein einprägsames und kindertümliches Lebensbild des^ großen Menschen vor Augen zu führen und ihnen den unbeugsamen Wahrheitssucher, den unbestechlichen Kritiker und den Gegner von Halbheit und Schein nabezäbringen, den ringenden! Menschen, der im Dienste der Wahrheit ein Leben voll Entbehrungen und Verkennungen willig auf sich nahm. Lessings! Lebenskampf und Menschentum stellte der Redner in den Vordergrund. Seine Tapferkeit und sein aufrechter, gerader Charakter seien das Bewundernswerteste an Lesfing gewesen. Die drei Ideen der französischen Revolution, deren Siegeszug er nicht erlebte, hätten in ihm schon Leben gewonnen: Freiheit der Religion und der Meinungsäußerung, Gleichheit der Rechte zwischen Religionen. Standen und Völkern, und Brüderlichkeit, die er in -mustergültiger Freundschaft bewährte. Die drei Hauptfeinde in Lessings Leben seien gewesen: Mißverständnis, Arm.ut und Unglück. Wie wenig Verständnis er schon im Elternhyuse fand, wurde an einzelnen bezeichnenden Briefstellen gezeigt, ebenso wurde seine Armut in der Schul« und Studentenzeit mit ihren hemmenden und beschämenden Wirkungen anschaulich. Dann zeigte der Vortragende, wie das Mißgeschick Lessing Schritt für Schritt verfolgt hat, ein Mißgeschick, dasnie in eigenem Verschulden zu suchen' rst, sondern immer nur in Widrigkeiten des Lebens, die unabwendbar waren, so. als ihm, dein spät Vermählten, nach fünfvierteljährigem Eheglück mit dem ersten Kinde auch die Gattin starb. Lessing sagt mit Beziehung auf die Rot seines Lebens: „Das hahme Pferd wird im Stalle gefüttert und muh dienen, das wilde in seiner Wüste ist frei, »erkommt aber vor Hunger und Elend." So war sein Leben voller Widrigkeiten, ohne daß sie ihn zu verbittern, seinen Mut zu beugen oder ihn in seiner Auffassung von dem hohen Beruf des Schriftstellers und Wahrheitskünders irre zu machen vermochten. „So war Lessing", schloß der Redner, „ein Frommer, Ehrerbietiger vor allem hohen, mutig uud wahr, ein echter Edelmann ohne Adelstitel, ein freier Mensch und ein guter Mensch." DenAusklann de: Weihestunde bildete der Voxtrag einer Haendelschen Passacaglia von Dr. Iacobsen. die, gänz im wuchtigen Geist und Aufbau im Stile Lessings, sichtlich alle Hörer in ihren Bann schlug. D r. A. B l. * Die Deutsch-jüdische Jugend veranstaltete am 20. v. M. eine Lesfing-Morgenseirr, zu welcher außer den Freunden der Gemeinschaft zahlreiche Gäste und Ehrengäste erschienen. Den Mittelpunkt der Feier bildete die Festrede des Herrn Prof. Dr. W. A. Berendsohn, der ausführte: Feiern verpflichtet. Wozu verpflichtet uns eine.Lessing-Feier? Wir Juden sind Lessing Dank schuldig. Aber die Danksagung genügt nicht. Als Deutsche müssen wir.die Weltanschauung uno Gesinnung zu verstehen suchen, aus der heraus Lessings Toleranz stammt und die Emanzipation der Juden schließlich reifte. Deutsche Humanität ist die Krönung einer langen Entwicklung, "die von der Antike über den Humanismus zu »ns reicht. Sie bindet die vertiefte Idee des Menschen an die bereicherte Idee der menschlichen Gemeinschaft. Humarwtät ist Mitmenschentum, ist Religion der Menschlichkeit. Aus religiöser Erschütterung Kraft zum guten Handeln gewinnen, ist Wesenskern jeglicher Religion. Daß wir vom Boden unseres Judentums aus in uns solche Gesinnung erringen, ist Lessings Mahnung heute wie damals und imwerdar. B. Am 9. o. M. wurde der Deutsch-jüdische Studentenbund gegründet unddamit der Zusammenschluß der deutsch-iüdisch gesinnten Studenten vollzogen. Der Bund will alle Studenten vereinten. die nach Kultur und Vaterland Deutsche, nach Glaube und Abstimmung Juden sind, und das Wissen um die Probleme des jüdischen Deutschen vertiefen und Persönlichkeiten heranbilden. die bereit und fähig find, den Kampf um Gleichberechtigung unp Gleichnchtuna des iüdischen Deutschen zu führen. — In zwangloser Folge finden alle zwei bis drei Wochen Vortrags- und Ausspracheabende, sowie gesellschaftliche Veranstaltungen statt. — Dem Vorstand gehören an: stud. med. Waller Heima"nn, Moltkestraste 53, stud. phil. Betty ft e i m et n n', stud. iur. Edg<ar Blitz, dipl. rer. pol. Else Kanin. Die Hamburger Zionistische Frauengruppe ist eine Vereinigung von 150 Hamburger jüdischen Frauen, die auf dem Boden des Basler Programms stehen. Ihr Ziel und Zweck ist ein dovpelter: einmal will die. Frauengruvpe die Verbindung aufrecht und lebendig erhalten mit den Pionierfrauen in Palästina. dann aber auch ihre Mitglieder zu aufrechtes. selbstbewußten Jüdinnen erziehen und das Wissen vom Judentum bei den Frauen verbreiten. Zur Erreichung des ersten Zweckes hören wir visrzehntägia ein sehr ausführliches 'Pressereferat aus Monistischer und arabischer Pressei ferner linden ollmonatt lich Zirkelveranstaltungen statt, in denen palSstinen1ssck,e Themata besprochen werden. Um die Kenntnis unterer Mitglieder über ihre Aufgaben als Jüdinnen, als jüdische Mütter, als Gattinnen. Hausfrauen und Volksgenoisinnen zu heben und zu vertiefen, haben aoir einen Vortraqsrvklus über „die Erziehung des iüdischen Kindes". Ferner konstituierte sich eine Arbeitsgemeinschaft „Pflichtenkreis der jüdischen Frau", in der in sehr ausführlicher Weile alle Rechte und Pflichten der Jüdin hinsichtlich der Ehegeietze und ihrer Stellung im ftause, die Kultur des jüdischen Hauses im Alltag und an den Festen bis zu den Verpflichtungen der jüdischen Frau der jüdischen und der nichtjüdischen Umwelt -gegenüber behandelt werden soll. Unsere Kinder versammeln sich einmal wöchentlich, um im Sviel die hebräische Svrache zu lernen, in einem Spielkreis unter Leitung eines hebräischen Lehrers und einer jungen Lehrerin. Mitglied der Frauengruvve kann jede Jüdin werden, die Schekel bezahlt: als East ist uns jede jüdische Frau willkommen. lS. Seite 8.» H. Möller. Diel Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden bat das erste Heft ihrer vorläufig zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege herausgegeben. Die Zeitschrift stellt eine Zusammenfassung ihrer bisherigen periodischen Veröffentlichungen. des N-ich^chtendienste; und der Ze^akah, dar. Zweck der neuen Zeitschrift ist die umfassende' wissenschaftliche und auf die Bedürfnisse der Praxis abgestellte Bearbeitung aller Gebiete der jüdischen Wohlfahrtspflege unter Wahrung des Zusammenhanges mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege. Be- - stellungen nimmt die Zentralwohlsahrtsstelle Berlin-Charlottenburg 2. Kantst'raße 158, Postscheckkonto Berlin 140 017 entgegen. Der Abonnementspreis t>eträgt 8 J{; für Gemeinden. Vereine, .Anstalten und Mitarbeiter 4 .U jährlich. Wie schon seit weit über 100 Jahren, entwickelt auch heute noch der Frauenverein für Wöchnerinnen in unserer Gemeinde eine segensreiche Tätigkeit. In der Not, die durch den wirtschaftlichen Niedergang so viele Familien betroffen hat, itt mehr als je die Zeit des Wochenbettes eine Zeit der Sorge für viele Frauen. Da macht es sich der Verein zur Aufgabe, in verschwiegenster Weise der werdenden Mutter und der Wöchnerin zu helfen. Es steht einer jeden Frau frei, die ihr gewordene Hilfe als Darlehen zu betrachten und dieses in besseren Zeiten zurückzuzahlen und so wieder anderen Müttern zu helfen. Nur an eine der Vorstandsdamcn muß sich die werdende Mutter wenden, und ihr wird geholfen werden. Der Vorstand besteht aus den Frauen: Sophie Heilbut, Hansastraße 55 ' p.: Hedwig Michael, Schlüterstraße 10: Henrietta Leon. Jsestraße 119: Luise Derenberg, Frauenthak 9: Gertrud Schönfeld, Jnnocentiastr. 9: Martha Flörsheim. Parkallee 15: Elka Gotthold, Parkallee 47: Johanna Marcus, Bismarckstr. 108.