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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1929-01-10 · 1 (10.1.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
5 (1929)
Issue
1 (10.1.1929)
Date
1929-01-10
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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fceuf 6 Gemeindeblatt der Deutsch für überlieferungstreue Schulen bilde. (Ist „Nathan fromm?, ein sehr heikles Thema.) Zwar ist nicht zu leugnen, vah Nathan in der berühmten Parabel von den drei Rrngen für die Reinhaltung und Heilighaltung der überlieferten Religionsformen feinsinnige Worte findet. <Wie kann ich meinen Vätern weniger als Du den Deinen glauben? IIIDoch ist trotz all dieser bedingten, etwas platonischen Anerkennung des Wertes einer'jeden überlieferen Religionsform für ihre Bekenner das vdrwiegende Bestrehen des Dichters unzweifelhaft das. dem D e i s m u s das Wort zu reden, also derjenigen Lehrmeinung, die mit Äbwci-ung jeder übernatürlichen Offenbarung und jedes Zeremoniells nur einen Vernunft glauben anerkennt. Nathan rübmt sich, es genüge ihm, „ein Mensch zu sein" (II .•,). Seine Voreingenommenheit gegen alles Positive, Dogmenhafte in der Religion ist unverkennbar. Der Gedanke reinilcr Humanikas, weltfreudigsten Heideitums beherrscht die Hauvtverionen des Dramas. Die Ouelle aber die'er Hu- Manitas ist im Stücke nicht der Glaube, sondern die Vernunft. Dev/„Nathan", ist also kaum ein gläubiges Stück zu nennen.' Man wird auch zugeben müssen, datz „Nathan der Weile" mit den Grund gelegt hat zu jenem Historismus und jenem blinden Glauben an die Allmacht der Wissenschaft und der Naturgesetze, die das 19. Jahrhundert beherrschte und - die Gläubigkeit ' der Vorkriegsgenerationen untergrub. Ist Wahrheit ist das Bedeutsame. Erst- und Einmalige, für uns Juden Schick'alhäfte des Dramas „Nathan der Weise" in einen Satz, in eine.Frage des Tempelherrn gebettet: „Jind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" (II5.) Dieser Satz ist Kern und Angelpunkt des Srückes, diele Frage eröffnete ein Blickfeld von unmetzbarer Tragweite für die Zeit, in der es zuerst auf der Bühne gesprochen wurde. Sie war der Morgenruf der Judcncmanzipation. der Weckruf des Glaubens an das M e n > ch s e i n, mit Fernhaltung jeder dogmatischen Bekenntnisfärbung. Es ist die Freiheit des religiösen Kosmopolitismus. die hiermit zum ersten Male in der Welt ausgesprochen wird, der menschlichen Freiheit, die zum ersten Male auch den Juden wieder miteinbezieht, einer Freiheit von Mensch zu Mensch, die über alle äußeren Verhältnisse, über alle religiösen und nationalen Schranken das Evangelium der Toleranz in die Welt ruft und ihr zuruft: Es gibt keinen Nationalgott der Juden, es gibt nur einen alliebenden, einen menschheitumfassenden Gott, den das Judentum ebenso wie das Christentum, jeder durch seine edelsten Vertreter. verkündet: der seinen Äekennern von Gott verliehene Ring verleiht ihnen die Kraft und Eigenschaft, „vor Gott und Menschen angenehm zu machen", aber nut, „so sie ihn in dieser Zuversicht tragen". Auch der Juden Aufgabe ist es. durch Taten der Liede, Sanftmut und Verträglichkeit die Kraft ihres (echten) Ringes zu erweisen, auch ihre Religion trägt, den Adelsstempel des höchsten, erhabensten, ethischen Bekenntnisses. Datz Lelüng diese Stufe vorurteilsloser Erkenntnis schon erklommen, datz er Europas Völkern die Lehre von. der religiösen Gleichwertigkeit des Judentums mit dem Christentum und dem Islam eremplariich vorführt und durch den repräsentativsten Charakter seines Stückes aussprechen, demonstrieren lägt, dies ist Leiiings unsterbliches Verdienst für die Juden bis auf den heutigen Tag« Was ist Lessing uns Juden vvn heute? Ist sein Flammenruf vom ethischen Judentum 'an die Christenvölker gegenstandslos geworden? Re'.igionslzatz. Parteifanatismus, Rassenverblendung feiern ihre Orgien heute wie im finsterste» Millclalter, nur ist der Hatz intellektueller, sublimierter, die Aeutzerungsformen iind ge ellschansfähiger geworden. Wieder werden die jüdische Religion und Nation verfehmt. Aber Leiiings Geist protestiert gegen die Verfälschung der Begrufe in der Religion, gegen die Ali o n o p o l st e l l u n g einzelner Religionen, gegen die Vergottung einzelner Rassen. Nur der M e n s ch und seine Tat, losgelöst von aller RaHenzugchörigkeit, von allem Giaubensinhalt, hat Anspruch auf Bewertung. Ter Mensch sein eigener Erlöser, kein Mittler, kein Dogma macht selig. Jedes Wort dieses Leiiingschen Bekenntnis es kann das Judentum unterschreiben. Lesing ist der erst e. der oie universalistisch-ethische Grundsuöstanz, die das Judentum über das Heidentum -und das Christentum erhebt, in ihrem Kern erbarmt und verkündet hat. Lesing ist ein klassischer Zeuge dessen, vis zu welcher Höhe ^.oorurtcilslo-er Ge innung und Wahrhaftigkeit sich der Deutsche in seinen erleuchtetsten Geistern erheben konnte. »Israelitischen Gemeinde. Nummer l Im Laufe des Winters veranstaltet der Israelitische Tempeloerband einen , Zyklus pon Vorträgen. über „Die Stellung des Judentums zu den Kullurproblemen der Gegenwart". > Reihenfolge! der Vorträge 3—5. 3. Sonntag. 20. Januar; vormittags 11 Uhr: Das Bildungsproblem. Rabb. Tr. B a e ck-Berlin?) 4. Sonntag. 10. Februair, vormittags 11 Uhr: Religiöse Strömungen der Gegenwart. Rabb. Dr. Seligmann. Frankfurt a. M.! 5. Sonntag. 10. März, vormittags 11. Uhr: Die neue Ju-. gcnd. Rabb. Dr. L a z a r u s - Wiesbaden. Die Vorträge finden im Bortragssaal der Deta »istenkammer. Neue Rdbenstratze 27—28, statt,' sie beginnen pünktlich. sind unentgeltlich und jedermann zugänglich. Vorstand des Israelitischen Tempelvcrbandes. *) Der für Sonntag, den 13. Januar, vorgesehen« Vortrag nrtttzte auf Sonntag, den 20. Januar, verschoben werden. > Personalien und Kleine Mitteilungen. Wahlen. Das Delegierten-Kollegium des Snnagogen- Verbandes Hat in seiner Sitzung am 19. v. Mts. an Stelle des freiwillig ausgeschiedenen Herrn Willi Hirsch Herrn A l e r - ander Leon und an Stelle des satzungsgemätz zum 1. d. Mts. ausscheidendeg Herrn Michael Flörsheim Herrn Dr. Hugo Zuntz zu" Mitgliedern des Vorstandes des Verbandes erwählt. Eine hiesige Tageszeitung hat vor kurzem über Beschlüsse der Oberschulbehörde betreffend die Einführung jüdischen Religions-Unterrichtes an den höheren Staatsschvlen berichtet. Dem Vorstand der Gemeinde ist bisher noch keine amtliche Nachricht zugegangen, wir hoffen aber, demnächst sachliche Mitteilungen bringen zu können. Die Beerdigungsbrüderschaft der Gemeinde hielt am 9. v. M. im Gemeindehause ihre Generalversammlung ab, in welcher der Vorstand über das abgelaufene Jahr berichtete. Die Brüderschaft Hut wie bisher ihres heiligen Amtes gewaltet: besondere Vorkommnisse sind im Berichtsjahre nicht eingetreten. Verstorben ist in dieser Zeit nur ein Mitglied, Herr Salomon Goldschmrdt, der sich in der Brüderschaft ein bleibendes Andimken besonders dadurch gesichert hat, datz er ihre Geschichte anläßlich ihrer Jahrhundertfeier geschrieben hat. Die Versammlung ehrte das Andenken des vereinten Mitgliedes in der üblichen Weise. Rechtsanwalt Tr. Oscar Nathan, der in der Nacht vom 12. zum 13. v. M. auf einer Reise nach dem Schwarzwald, wohin er sich zur Erholung begeben wollte, starb, hat lange Jahre dem Jugendamt der Gemeinde angehört und. soweit es sein stets schwankender 'Gesundheitszustand gestattete, s.ch um den sozialen und sittlichen Aufstieg der Jugend unserer Gemeinde bemüht. Schon vorher hatte er lange Zeit der von dem inzwischen auch schon verstorbenen Herrn Dr. E r n st Tuch begründeten Arbeitsgemeinschaft der jüdischen 'Jugendvereine angehört, in welcher er dem Frieden und der Verständigung, sowie dem Ausgleich der Gegensätze, die ja besonders von den Jugendlichen stark betont werden, zu dienen strebte. Bei seiner Bestattung. auf dem Begräbnisvlatz der Gemeinde sprachen die Herren Rabbiner Dr. M. acobson, Rechtsanwalt Dr. L. Levy und Landrichter Dr. Feiner. In der jüngsten Nummer des Gemeindeblattes erwähnten wir die Schändung des Fricthifes unserer Nachbargemeinde Harburg. Die Gerechkigk.it ermordet es, nun auch zu erwähnen, datz das evangelisch-lutherische Kirchen amt Hannover in einem Schirmen an den Oberp.ä iden.en der Pror iuz ge en w che'Frevel sich entschieden ausgesprochen, Verfolgung der Täter und Schutz der Friedhöfe aller Konfessionen gefordert hat. Die HombUrgische Universität bat ihre vor kurzem neu geschaszcne Ehrenmünze u. a. Herrn Professor Tullio Levi-Civita verliehen. Professor Levi-Civita, ein bedeutender Malhematitcr, hat im Jahre 1927 an der hie- M

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