Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4891256-5444708-5444897--0323-4891523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 2 Nummer 8 Gemeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. Zur Pflege des ÄebrLifchen. I. Neukebräi >' che Sprache und Literatur in Hamburg.) Von Tr. M. SalMrg. Hebräische Sprache und. l>ebräische Literatur stehen jetzt im Mittelpunkt des allgemeinen jüdischen Interesses. Tic Behauptung dürste berechtigt sein, daß das Studium dieser Gebiete überall dort mehr öder weniger intensiv betrieben wird, wo Juden wohnen, die sich als solche fühleit und sich ihres Judentums bewußt sind. Ter Ausspruch des Propheten „Tenn aus Zion wird die Lehre ausgehen und Gottes Wort aus Jerusalem" scheint sich jetzt insofern zu verwirklichen, als die alte Sprache unserer Väter von Palästina aus auf unsere Brüder in der Diaspora belebend wirkt und sie zur Mitarbeit an unserer Kultur anspornt. Tas Verlangen. Neuhebräisch zu sprechen und zu verstehe». ist heutzutage sehr groß, und man scheut in vielen Kreisen keine Mühe und Arbeit, um sich diese Kenntnisse zu,verschaffen. Tas hat außerdem, wie-wir später sehen werden, als natürliche Folge zu einer verbreiteten eingehenden Beschäftigung mit den Schriften jüdischer Vergangenheit angeregt. Unsere alten Schriften, wie Bibel, Mischna und Talmud haben jetzt Eingang auch in diejenigen Kreise gefunden/die ihnen bisher verschlossen waren, und die Nachkommen vieler Familien, in denen seit Generationen jedes Verständnis für diese Tinge fehlte, versuchen, sich mit der Bibel und anderen Werken in. ihrem Urtext vertraut zu machen. Tarf man diese Erscheinung als eine Renaiffanc-edcwegung ansehen: kann überhaupt jetzt von einer jüdischen Renaissance gesprochen werden? Versieht man unter Renaissance in erster Linie eine Erneuerung des geistigen Lebens, die j,angeregt ist durch eingehende Beschäftigung mit alter Sprache und Literatur, dann dürfte man allerdings im Hinblick auf die hebräische Sprachbewegung von einer jüdischen Renaissance sprechen. — Uns aber interessiert heute die Sprachbewegung als solche, die wir im folgenden schildern wollen, unabhängig von dieser Frage. Wir werden diese nur insoweit berühren, als die Schilderung der SprachSewegung es erfordert. Auch wollen wir jene nicht in dem Umfange besprechen, in dem sie'sich in der gesamten Iudenheit auswirkt, sondern uns auf die Beobachtungen beschränken, die wir in unserer Ham burger Gemeinde machen konnten. Das Interesse für neuhebräische Sprache und Literatur ist jetzt in allen Kreisen unserer Gemeinde verbreitet. >und zwar nicht nur bei den Zionisten, die sich hier schon auf Palästina vorbereitcn und einstellen wollen. Es befassen sich mit Neuhebräisch auch viele, die dem Zionismus fernftehen, ganz gleich, ob sie der orthodoxen oder liberalen Richtung angehören. Immer mehr ist die Erkenntnis durchgedrungen. daß zum Verständnis unseres alten Schrifttums die Beherrschung der hebräischen Sprache unentbehrlich ist. Tie Zahl der Lernenden läßt sich zur Zeit nicht genau feststellen, da der Unterricht bis jetzt noch nicht zentral organisiert ist; sie darf jedenfalls nicht zu niedrig angeschlagen werden. Während vor dem Krixge die Nachfrage nach hebräischem Unterricht nur sporadisch auftrat, gibt es jetzt in Hamburg mehrere Lehrer, die eine größere Anzahl Schüler unterrichten. Außerdem treiben viele einzeln oder in Zirkeln ohne Hilfe eines Berufslehrers Hebräisch. Ein genaueres Bild läßt sich nur von der Sprachschule „Jvriah" geben, die von der Hamburger Zionistischen Vereinigung ins Leben gerufen wurde. In dieser Schule wird der Unterricht systematisch von Fachlehrern geleitet. Sie will vollständig neutral sein und ohne Rücksicht auf parteipolitische Einstellung jedem, der lernen will, hebräische Kenntnisse vermitteln. Freilich ist die Schule noch klein und es fehlen ihr noch manche Voraussetzungen zur restlosen Erfüllung chrer Aufgabe. Es sind jedoch viele Kräfte am Werke, die an ihrem Ausbau Mitarbeiten. um sie zu einem Zentrum des Neuhebräischen in Hamburg zu gestalten. Um ihr die pekuniären Schwierigkeiten zu erleichtern, gewährt die Gemeinde eine Subvention. Im vorigen Jahr bestanden an der Sprachschule sechs Kurse, in denen für etwa 60 Anfänger und Fortgeschrittene Hebräisch in Wort und Schrift gelehrt wurde. Gelehrt wurden im wesentlichen Grammatik an Hand von unpunktierten Lesestücken und Uebersetzungen aus dem Deutschen ins Hebräische und die selbständige Anwendung der Sprache durch Sprechübungen und Referate; in den fortgeschrittenen * Kursen wurden ausgewählte Abschnitte aus größeren modernen Werken gelesen, wie Mendele Mocher S'farim, Achad Haam; dazu kamen Referate über Bibelabschnitte. Raschi zum Pentateuch und einzelne-Abschnitte aus dem Talmud.' In allen Kursen wurde dabei das Hauptgewicht auf die Beherrschung der Sprache als solcher gelegt. Es dürfte wohl von einigem Interesse sein, etwas über die in der Schule angewandte Methode zu erfahren. Zhr Prinzip ist. Jvrith beivrith (Hebräisch durch Hebräisch) zu unterrichten; die Methode im einzelnen indes ist im wesentlichen durch das Schülermaterial bedingt. In den meisten Fällen bringen die Schüler einen mehr oder weniger großen Wortschatz und einige formale Kenntnisse mit. und es kommt darauf an, dieses mitgebrachte. Wissen praktisch für den Unterricht auszunutzcn. Der Anfangsunterricht beginnt daher sogleich mit der „angewandten Grammatik", d. h. in Sätzen, Sprechübungen, kleinen Stücken und auch Uebersetzungen werden grammatische Regeln sowohl der Formenlehre als auch der Syntax eingeübt, so daß zugleich mit 'der Grammatik, die letzten Endes in den Hintergrund tritt, eine Beherrschung der Sprache selber allmählich erzielt wird. Sodann werden die Schüler in' die Literatur cingesührt; sie lesen unpunftierte Texte und referieren darüber in hebräischer Sprache. Alle sich daraus ergebenden Tiskussionen werden hebräisch geführt. Ta es sich um Lernende handelt, die ihren Berufen, nachgchen und dem Studium nur wenige Abendstunden widmen können, so muß mit Zeit und Kraft besonders gespart werden. Es hat sich als praktisch erwiesen, um das zu erreichen. in den ersten Stunden hie und da die deutsche Sprache zu Hilfe zu nehmen. Sie wird aber mit dem Fortschreiten der hebräischen Kenntnisse immer mehr ausge schaltet, so daß nach einigen Monaten der Unterricht gänzlich ohne Zuhilfenahme einer fremden Sprache vor sich geht. Auch der Talmud wird in den Kursen nöuhebiräisch erklärt. Tie „Jvriah" ist außerdem bemüht, den Schülern Anregung und Anleitung zum Selbststudium der Heiligen Schrift zu geben. Wenn auch das Neuhebräische nicht allein auf der Sprache der Bibel beruht, so sind doch in der Bibel die Syntax und die Grundsätze der Wortbildungslehre für das Neuhebräische verankert, so daß ihr Studium auch in sprachlicher Hinsicht außerordentlich fruchtbringend ist. ü Die Sprachbewegung hat auch die hier-bestehenden jüdischen Schulen nicht unbeeinflußt gelassen. Ein beträchtlicher-Teil der Lehrerschaft.befaßt sich ebenfalls mit neuhebräischer Sprache und Literatur, um den Forderungen der Zeit gerecht werden zu können. Wenn den Kindern die i