Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (10.4.1928)
- Date
- 1928-04-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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I Seite 6 Gemeindeblatt der Deutsch«Israelitischen Gemeinde. Nummer 4 ihres Lebens behilflich zu sein. Aber die Gemeind« könne ihrer Tradition nach keine anderen als schabbosfreie Stellen vermiteln, »md daher begnüge sie sich damit» datz die Be» rufsberatung von anderer», von der Gemeinde unabhängiger Seite, ausgeübt werde: kein Mensch habe daran Anstotz genommen. — So müsse auch bei der Errichtung des in Frage stehenden Religionsunterrichtes verfahren werden. — Die- Gemeinde könne seines Erachtens nur Unterricht in konservativem Sinne erteilen lassen und wenn wie leicht begreiflich — auf der liberalen Seite der Wunsch der Erteilung des ReliAonsunterrichts in ihrem Sinne bestehe, so mützte der Tempelverband ihn eiNrichten, wie ja auch bisher die Verbände Religionsschulrn eingerichtet hätten. Er bitte daher, »ich der Verantwortung bewuht zu sein und den den Traditionen der Gemeinde widersprechenden Vorschlag des Vorstandes abzulehnen. Herr Tr. Lanzkrön, der gleichfalls — in Vertretung ves Herrn Scklotz — vielfach an den Sitzungen des Aus» »chuUcs teilgenommen hat. stellt sich auf den Boden der Tatsache^ datz entgegen verschiedenen eigenen Vorschlägen im Ausichutz Einstimmigkeit darüber geherrscht habe, datz die Gemeinde für die Einführung des Religionsunterrichts sorgen müsse. Angenchts dieses Umstandes und angesichts ferner der Tatsache, datz die Teilnahme an dem Unterricht stets freiwillig sein werde, laste er »eine Bedenken gegen die Berufung liberaler Lehrkräfte fallen. Bester sei es. die Linder der liberalen Kreüe erhielten Unterricht von einem liberalen Lehrer, als datz >ie ohne jeden Unterricht aufwüchsen. 'Er jedenfalls möchte die Verantwortung hierfür nicht tragen. Es mühten aber Kautelen geschaffen werden, und er beantragt zusammen mit Herrn Michaelis daher die Einsetzung einer Kommi-sion für den Religionsunterricht, die alle »ich auf die Einführung und Durchführung des Religions-. Unterrichts an den staatlichen und privaten höheren Schulen beziehenden Angelegenheiten verwalten solle. Herr Tr. Spitzer: Tie von Herrn Tr. Lanzkron aufgeworfene Frage nach der Verantwortung könnte nur aufgeworfen werden, wenn unüberwindbare Hindernisse der Berücksichtigung der orthodoren Auffassung im Wege ständen. Er sehe nicht ein, warum die Gemeinde den Unterricht einführen müsse und ihn nicht vielmehr den Verbänden überlasse. Tie Gemeinde könne mit der Oberschulbehörde verhandeln und den Verbänden den Weg ebnen. Äge'ichts des' fundamentalen Unterschieds zwi'chen der orthodoren und der liberalen Auffassung vom Judentum gebe es nur eine Parität: die Anstellung von orthodoren und liberalen Religionslehrern nebeneinander an sämtlichen Schulen, an denen der Religionsunterricht eingeführt werde. Tas alte Hamburger Prinzip, dah alle Eemeindeeinrichtungen konservativ seien, müsse aufrecht erhalten bleiben: gehe das hier nicht, so mühte die Gemeinde den Kultusverbanden unter Erhöhung ihres Anteils an dein Ertrag der Gemeindesteuer die Fürsorge für den Religionsunterricht übertragen. Tiese Lösung sei nach seiner Meinungdie einzig gerechte. Redner beruft sich sodann auf die Aeuherung eines inzwischen verstorbenen konservativen Vorstandsmitgliedes einer auswärtigen Gemeinde, welches das von Herrn Tr. Fränkel anempfohlene Verfahren — der Anstellung konservativer und liberaler.Religionslehrer — mitzdilligt habe. Es jetzt nach Hamburg zu übernehmen, bedeute einen Rückschritt. Wenn man .keinen farblosen Unterricht wolle, »andern erwarte, dah die Schüler sich ihren Religionslehren» ganz awch'öichn, so könne der Antrag des Vorstandes nicht angenommen werden. Er beantragt daher Ablehnung des Antrags und erneute Beratung der Materie durch den Ausichutz. Herr Heinrich Leon als Kommiüar des Vorstänoes der Gemeinde führt daraufhin aus: Tie Gemeinde stehe über den Parteien. Das habe sie bisher-erhalten und werde sie weiter erhalten. Ter Standpunkt des Herrn Tr. Spitzer würde zur Folge haben, dah eine ganze Reihe von Lindern dem Judentum und der Gemeinde verloren gehen würden. Tas zu verhindern, sei nur möglich bei Einführung des Religionsunterrichts. Von den etwa 2000 jüdischen Schulkindern Hamburgs seim 1000 in den' jüdischen Schulen und einige 200 in der Realschule des Herrn Tr. Loewenherg. Für die restlich:n 700 bis 800 müsse ein Religionsunterricht geschaffen werden, über dessen Charakter der Wille der Eltern zu entscheiden habe. Tas sei aber kein Zweifel, dah es stch m der Hauptsache um Linder liberaler und indifferenter Kreise handle. Wo etwa Eltern einen anderen Unterricht wünschten, solle den Lindern ihr Recht werden. Der Religionsunterricht werde der Gemeinde neue Gemeindebürger gewinnen und auf dem Wege über die Linder das Judentum wieder in die Häuser bringen, aus denen es verschwunden sei.!Die Einführung des Unterrichts sei eine der wichtigsten Aufgaben, die die Gemeinde habe. Herr Dr. Lakmus Sichert seine Befriedigung darüber, da» die Herren Schloh und Dr. Spitzer die Bedürfnisfraae bejahen. Die von letzterem gewünschte Parität sei nicht durchführbar, allein schon wegen der geringen Zahl der Schüler an den einzelnen Anstalten, aber auch aus den verschiedensten schultechnischen Gründen nicht Möglich. Entscheidend sei auch, da« die Oberschulbehörde lediglich mit der Gemeinde sowohl über die grundsätzliche Frage, als auch über alle Einzelheiten, wie Lehrplan und Lehrpersonen, werde verhandeln wollen. Für den. Redner ist es selbstvtrständli^ dah die Lehrer sich im Illnterricht korrekt verhalten und bei den Kindern keinen Anskotz in religiösem Sinne erregen würden. Die von Herrn Dr. Spitzer vorgeschlagene Regelung der Sache auf dem Wege über die Lultusverbände lehnt er ab. Es sei notwendig, jetzt zu einer Entscheidung zu kommen, es handle sich um die Abstellung einer jahrzehntelangen Versäumnis und um die bedeutsamste Angelegenheit, welche die Gemeinde seit Jahren zu erledigen habe. Der Religionsunterricht werde den Mischehen und dem Abfall einen Riegel vorschieben. Darum ist er für Iden Antrag des Vorstandes. Dem Anträge des Herrn" Dr.! Lanzkron schlicht der Redner sich an.!Herr Dr. Fränkel bittet, dem Antrag Dr. Lanzkron- Michaelis in der Form zuzustimmen, dah die Kommistio» zunächst nur für eine Uebergangszeit von einem Jahre gewählt werde. Sie könne lediglich aus Mitgliedern des Vorstandes und des Kollegiums bestehen, erst später solle eine ständige Kommission, deer auch andere Mitglieder der Ge mechde angehören, gebildet werden. jHerr Lisser bekennt, dah er seit langem die — in der Erörterung zu Tage getretenen — Schwierigkeiten gesehen habe. Er habe darum auch sehr mit sich kämpfen müssen, darr gerade von seinem liberalen» Standpunkt aus es sehr ernst und sehr genau mit den Interessen der Konservativen nehme. Ader durchschlagend seien für ihn die Argumente des Hern» Heinrich Levy. Die Mitglieder des Kollegiums hätten für die Erhaltung des Judentums zu sotgen und der Mischehe und dem Abfall entgegenzutreten. Gegenüber der von Herrn Dr.! Spitzer in seinen Ausführungen gesicherten Ansicht, man dürfe den Unterricht nicht in liberalem Sinne erteilen lassen, weil bei Erteilung des Unterrichts durch einen konservativen Lelrrer die Möglichkeit besteht, dah wenigstens ein Kind dem konservativen Judentum gewonnen werde, sei es ihm wichtiger. dah viele Schüler dem Judentum überhaupt und sei es auch nur — nach Ansicht des Herrn Dr. Spitzer — in liberalem Sinne erhalten bleiben. Auch in die er Beziehung müsse man wägen. Aus »eigener Erfahrung berichtet der Rechner, dah gewissenhafte Schulleiter von den Eltern ihrer Schüler verlangen, dah difse Religionsunterricht erhalten. Es :fei nicht entscheidend, ob der Unterricht von einem liberalen j oder, einem konservativem Lehrer erteilt werde: 'ent scheidend sei vielmehr d«r Erfolg des Unterrichts.. Auck ein libsal unterrichtetes Kind könnte das Elternhaus revolutionieren. und umgekehrt seien häufig genug aus konservativ gelotetem Schulen und Anjtajren Menschen von ganz entgegengesetzter Lebensführung hervorgegangen. Wir haben, sagt der Redner, die heilige Verpflichtung, den Kindern, den sonst nichts Jüdisches gegeben wird, das Judentum nahe zu . bringen. Das Primäre sei das Jüdische, erst in zweiter Linie komme der Unterschied der! Anschauungen. Herv Dr. Spitzer: Die Folgen des Vorstandsantrages zeigten sich schon in der Erörterung. Es handle sich für ihn, und seine Kreise um die grundsätzliche verschiedene Auffassung vom Judentum. Rach orthodorer Auffassung beruhe das Judentum auf der einmaligen und umwandelbaren sinaitischen Offenbarung, welche das liberale Judentum in diesem Sinne und . Umfange nicht anerkenne. Handle es sich aber bei der Ertieilung des Religionsunterrichts um die Verwischung dieses Unterschiedes und um Religion schlechthin, so könne man die Kinder such in den christlichen Unterricht schicken, denn auch in lihm werde Religion gelehrt. Auch der Liberale müsse den! Mischmasch-Unterricht ablehnen. Wer noch einen Fünken jüdischen Empfindens habe, .müsse den Antrag des Vorstan er beantrage andere Äs früher. Sie habe folge der Abänderung des andere Mittel. Wolle sje schon jetztnamentliche Ab es! ablehnen: Stimmung. ' Herr A leiander Lev z: Die Eenieinde sei heute eine ... h^te ändere Pflichten und in- Veranlagungsverfahrens auch dem Vorschläge des Herrn Dr.' Spitzer folgen, so müsse sch bei drei Kultusverbänden auch dreifachen Religionsunterricht erteilen lassen. Herr Dr. Spitzer habe ' kein Recht, zu erklären. wer noch einen Funken religiöses Empfinden habe, könne dem Antrag des Vor-