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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1928-03-10 · 3 (10.3.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
4 (1928)
Issue
3 (10.3.1928)
Date
1928-03-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Deutsch-JSraelitischen Gemeinde. Nummer 3 der Mut seiner Meinung, die bis zur Selbstentsaguag gesteigerte Hingabe durch seine tätige Menschenliebe. Er übernahm nie blindlings die Ansicht eines anderen, er hatte immer seinen eigenen Sinn, er vermied es, sich von Tagesslimmungen beeinflussen zu lassen, er war kein rime Server, kein Diener der jeweilig beliebten Richtung, er war schon um der Gefahr willen, anderen zu gefallen, von stählernem Trotz. Wenn Paul Nathan auf Grund seiner umfangreichen Kenntnisse seine Meinung gefaßt hatte, so mußte ec den anderen eigensinnig — was er auch im guten Sinne war — erscheinen. Tic selbständig gewonnene Meinung, aus die er sich eingestellt hatte, verfolgte er cingeleisig, von seinem Weg war er nicht gbzubringen. Anfechtungen störten ihn nicht, die Angriffe bestärkten ihn. -und was auch immer die Folge seiner Aussprachen, seiner Niederschriften sein mochte, .cs mußteso sein, es kam über ihn. erfühlte cs. wie von einer Mission beseelt. Die Treue zur Sache entsprach seiner Treue für Menschen, mit denen > er befreundet war. er pflegte die Freundschaft bis zur vornehmsten Ritterlichkeit. Er besaß die Courage. ' die seltener ist als die körperliche, die Zivilcourage., Und. durch dieses mannhaft unerbittliche Eintreten ward er vielen unbequem, wurde er ein Einspänner, jede Partcidisziplin als Fessel empfindend. Mit Leidenschaft, „mit seinem ganzen Herzen und seiner ganzen Seele" gab er sich dem Kampfe' um die Gerechtigkeit. To schwamm er iu politi'chen Dingen meistens gegen den Strom, und alß der Strom seine Richtung floß -jwenn nicht der Strom, so dach der Wellenschlag —. ward er enttäuscht, verbittert darüber, daß er nicht führend oder mitführend wirken durfte. Das mag manchen eigenartig unbescheiden erscheinen, und doch war es setzten Endes eine zu große Bescheidenheit seinerseits, denn die Rolle des Rufers im Streit, des unabhängigen, unent- .wegten Erkenners und Kritikers, des . durch Kompromisse nie gebrochenen Gewissens, war so viel höher als irgendein Amt; er hätte doch nie ein Amt mit seinen täglichen Konzessionen ertragen; in dem Wunsch, selbst einmal dis Zügel in die Hand zu nehmen, lag eine zu geringe Einschätzung der Kraftleistung, die Paul Nathan täglich durch Schrift und Wort vollführtc. Er pflanzte in uns alle den Glauben an den erfolgreichen Kamps ums Bessere. Darin war •’r Führer und bleibt mit seinem so einheitlich geführten Leben, mit seinen Schriften, mit seinem Mannesmut als Deutscher und als I u d e\ i n Beispiel der Irene, des Mutes, dor Hingabe. Tie Tugenden hat er .ikpflegt, sie uns zur Weiterpflege anbefohlen. Nehemias Anlon Nobel. j Von Dr. Eugen Mayer, Frankfurt'a. M.! (Schluß.) Am landläufigen Sinn hat Nobel wenig „geschrie-; .n"T Für diesen großen Leser, den am wohlsten war irischen seinen Büchern und seinen wie er sie scherzend cinteille, für ihn gab es in Wahrheit nur'eine Ausdrucksform: das Wort, die Rede. Seine '.«'reqigt, oft von dithyrambischem Schwung getragen, war '.avy rein sprachlich ein Ereignis. Das Wort brach ans ihm hervor wie ein Bergbach, es überflutete den Zuhörer und — ihn selbst. Ta türmte sich Bild auf Bild Gesichte wurden Gestalt, und demütig mußte, auch Talmudische Bücher. er ihn nicht verstand, ihm folget:, hingerissen vom Anick des mit der Flut Rjilgenden. In der Tat. diese einbar so mühelos ström:nde Rede war der unaus setzte Kamps eines Menschen mit einem dämonischen . von dem er besessen var, das ihn reden hieß und ihm sprach. Aber es war immer nur das religiöse Element, das ihm diese Kraft zusührte. und es mag, nun aus der Rückschau, scheinen, daß seine berühmten Vorträge über „Gegenstände", selbst wenn diese Gegenstände Kabbala oder Gabirol oder Goethe hießen, aus einem ganz anderen Bezirk seines Wesens kamen, trotz ihres Reichtims im Inhaltlichen und formalen nicht den gleichen Auftrieb hatten wie seine Predigt. Auch bei der Predigt freilich konnte es — selten geyug! — geschehen, daß dieser Auftrieb fehlte, sie über dem Durchschnitt, aber es war. c nen leerlaufenden Motor. stand auch dann noch weit Jenes ..Es' als sähe man konnte auch er nicht herbeizwingen. Vorbereitet im üblichen Sinn waren süne Predigten fast nie. Meist fand er erst in der Nacht zuvor den Plan, nach dem!er sprechen würde, und diese durchwachten Nächte waren von der Pein des^ Schaffms erfüllt. Wenn er aberz dann auf der Kanzel stand, dann war er dem Wort so sehr untertan, daß es vercebens gewesen wäre, es beherrschen zu wollen. Dieser xewaltige Prediger war nichts weniger als ein gewandter Redner. Aus jenem Untertansein folgte mit Notwendigieit, daß es ihm unmöglich war, sich nach den Zuhörern zu richten, sich etwa auf eiy bestimmtes Niveau zu stelle, das allen erreichbar gewesen wäre. Solche Konzession an die Popularität wäre bei ihm nichts anderes l ls Selbstverleugnung, das^ heißt Unwahrhaftigkeit, gewesen. So wie er jene Stellt von Pinchas beutete, wollte i r über der Gemeinde stehen, sie zu sich emporreißen. Nicht lins Hochmut, sondern gerade weil er mit dieser Gemeinde im Tiefsten verbunden war, weil in Wahrheit die Gemeinde es war. die ihn. trüg. Es waren nicht nur schöne, ist erschütternde Worte, die man zu hören bekam, nicht ur kühne, belehrende Auslegung des Schriftworts, es ar ein festlicher Zug von Gedanken und tiefen Erkenntissen, die er dem Hörer darbot, ganz ohne jede vorsichtige osierung, die sich für die vielen noch bevorstehenden redigten aufspart. Ta konnte er am Neujahrstag mit er Frage beginnen, warum nicht der erste Abschnitt der Schrift vorgetragen würde, und fand in der Haftara von Hanna die Erklärung, daß die Geburt des Menschen ichtiger sei als die Geburt der Welt, und von da führte s ihn zur Apologie des Volkes und seiner Gläubigkeit egenüber dem beamteten Priester. Oder es überfiel ihn rie Gewalt des Satzes nSiyn “TU T2»S‘*j“jrQ1) unb am eigenen Wort sich entzündend, ließ er seine überwältigende Vision der göttlichen Schöpfung leibhaftig erstehen. Reigion war ihm, wie er es ausdrückte, das ewige Heimweh >er Seele nach ihrer göttlichen Heimat und der Sabbath >ie Verkörperung dieser Sehnsucht, ein Stück göttlicher Welt aus Erden. Dabei war er durchaus nicht der veltabgewandte Mystiker, für den ihn mancher hielt. Jmner wieder wies er äuf die Nottvendigkeit der prakäschen Uebung des Gesetzes hin, zugleich aber auch auf )ie Verwurzelung im Gegenwärtigen. Wie er es an Kabbj Akiba bewunderte, daß! er so sehr in seiner Zeitichkeit gestanden hatte, so meinte I er einst, der Beginn )er Tefilla laute „Unser Gott und Gott uns'rer Väter" statt der umgekehrten, chronologisch richtigeren Fassung, weil eben nur unser Gott auch der Gott der Väter gewesen sein könnte.! *) Gelobt sei der, durch dessen Wort die Welt ward. 4

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