Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8 (10.8.1927)
- Date
- 1927-08-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. , Nummer 8 einen Blick aui einen palästinensischen Haushalt zu Wersen^ Es^ wird uns!>anu bei uns manckies ausfallend was wir aus Gcwöhnuig au das Gute gar nicht mehr bemerken. Wir wissen cs .tatsächlich nicht mehr, in'welchem Maße uns die Zivilisation das Leben erleichtert. Tie Technik schont bei der Lösung ihrer großen Aufgaben nebenbei tätlich neue isrlcickiterungcn für die haushaltführendc. Frtiu. Und ganz sicher wird die Entwicklung noch unvorstclilbar so wei 'ergeben.' Ter palästinensische Haushalt ist aber weit von diesen Märchenwundern der Technik ent scrnt. Tie ä^ohnungc» sind sehr teuer und primitiv. Wenn man vor Tel Awiw absieht, so findet man nirgends elektrisches Lick t und nirgends fließendes Wässer. Turch das Rultienbeig Projekt, das das Gefälle £c-? Jordans -^iir Erzeugung von Elektrizität auSnutzt, wird jetzt nach und nach da-? ganze Land Elektrizität bekommen.. Tas Wasser, der ki-slbarsle Artikel, wird beim Gebrauch ab gestuft zu unzähligen Tingen verwandt, bis es wcggefchültet wird. Ter größte Vorzug einer Wohnung-ist eine -eigene Z sternc int Haute. Tenn - sonst kommt zu der Last der Beschränkung »och die der Herbeiholung. Und das bat zeitweilig feine große Schwierigkeit,'denn das „Regieruugswaiser" wird z. B. im Sommer iü Jerusalem mu. zu bestimmten stunden verausgabt. Wir wissen ja-aus der Kriege-zeit, was cs für eine .Hausfrau bedeutet, ansteben zu müssen und rationierte Mengen zu erhalten. Abei Wasserrationierung und seine Folgen für die Hausfrau erschiene uns wie ein Albtraum. Tie Walästincnierir kann nicht wie wir in einen Laden gehen, der ihrer Wo inung am nächsten ist» sondern .muß zu früher Morgcr stunde später wird die Hitze lästig und leiden dir Wa en aus den Markt geben und mit den Arabern fciticfton. Tie Frau, die aus Europakommt, muß sich nicht nur in ihrem Geschmack in -bezug - aus Gemüse und -erglcichcn umstellen, nein, sic muß auch lernen, die Lc ndcs'produktc zu bereiten. Zu beide»! ge lwrt viel gute, Willen Aber es bietet sich hier der Frau eine wichtige Ausgabe, denn in einem Land mit Tropen klima bängt die Gesundheit der Eiugewanderten in hohem Maße von der Ernährung ab. Tas -lochen ist in Palästina etwas, worüber noch viel geredet wird. Und hier können wir wieder cii mal sehen, wie ein Ting an verschiedenen Lrten und zu verschiedenen Zeiten ein anderes Gewichthat. Wir Frauen hier haben die Fürsorglichkeit, die unsere Mütle noch gut jüdisch persönlich der Gliche avgedeihen ließen, beiseite gelassen, wir verwenden uuscxc Zen lieber an)ers für verschiedenartige Tinge und über lassen das -lochen unseren Angestellten. In Palästina gäbt das nicht so einfach. .Haushalten und .-lochen sind nffch wichtige persönliche Probleme. Und das hängt mit einer anderen bedeutsamen Frage zusammen, der der Hausangrstelltm. Juden streben nach Selbständigkeit und. baoen -den T rieb, es weiter zu bringen. Tie idealen Motive, aus -enen beraus die Mädchen nach Palästina kqmen, lassen die Fähigkeit der Hausangestellten in ihren?Hngcu iniudciwertig erscheinen. Tie ostjüdischen Mädchen greisen deshal i nur in größter Not zu Stellet! im Haus h^llk. Natürlich sind sie dann für diese Posten nicht vor' gebildet und (11 gebrauchen. Wohl aber ist die pemeuitischc Jüdin eine ttcuc Hausarbeitcrin. Zu arabischen Tienst bokcn cntschlß ßen sich die Juden nur schwetr, besonders Familien 'mit -lindern, die doch Hebräisch lernen sollen. Nun zu der arbeitenden Frau, der Chalnzah, in Palästina. Ehaluzah heißt Pionierin, und ist ein Ehrentitel gemordet. Tie Ebaluzah ist erfüllt von dem Ideal, Pionier beim Ausbau des Landes Israel zu sein. Und' '»■ gehört zu den Menschen, bei denen dev Wille, ihr Ideal zu leben, zu verwirklichen, Antrieb ihres Handelns ist. Neben dieser Sehnsucht nach Verwirklichung tritt alles zurück, die Beziehung zu Eltern und Geschwistern, zum > Geburtsland, der Beruf, sichele Existenz und Zukunft. Tic Ehaluzah weiß recht gut, was sie gegen all diese Werte eintanscht: schwerste physische Arbeit unter den ^denkbar primitivsten Verhältnissen und unter ' größten!Entbehrungen — dazu eine unsichere und ungewisse Zukunft. Tasür hat sic die ruhige Geschlossenheit und ..Harinonie erworben, die aus dem Einsatz des Lebens verwächst. An die Stelle des persönlichen Interesses und!der Sorge für das persönliche Wohl und die persönliche Zukunft ist das Bewußtsein getreten, einer Gemeinschaft auzugchörcn, von ihr getragen zu werden, ihr' zu dienen. Für die verheiratete Ehaluzah ergeben sich nun eine i von Problemen, die für die bürgerliche Frau nicht 1 in dieser Schwere existieren. Tie junge Gemeinschaft von Männern und Frauen kann sich nicht dtn Luxus er glauben, Kräfte zu vergeuden. .Frauenarbeit ist so wert ■pull wie die der Männer und darf sich nicht damit er .schöpfen, einen .Haushalt zu verwalten. Tic Entwick Jung in Amerika z. B. zielt auch auf eine Vereinfachung der Hauswirtschaft hin. Mit einer Vereinfachung ist aber für Palästina nichts getan. Hier wird neu auf! gebaut, und die Pioniere sind bemüht, die Irrtümer Europas zu vermeiden. Tie Arbeiterschaft hat eine Le bctzsjorm gesunden, die ihren Idealen entspricht. Sie hüt sich zu größeren und kleineren Gemeinschaften zu sammcngeschlossen, die, auf ländlichem Boden angesie bplt, in kirmmupistischer Form ihren Boden bearbeiten, den Ertrag verwalten und ihr Gemeinwesen regieren. Im Rahmen dieser Neugestaltung hat auch die Frauensrage ihre Lösung gesunden. Ich möchte schildern, was ich davon selber gesehen habe. En Eharod ist eine sogenannte „große -twuzah", die etwa :5(>0. Menschen umfaßt. Ein großer Teil der jungen Menschen ist verheiratet. In Europa müßten mit ihrer Verheiratung die Mädchen in großem Maße für die Arbeit verloren gehen. Tas ist in der Kwuzoth unmög- . tich, weil das ein Luxus wäre, und auch die Frauen selber wolle» das durchaus^ nicht. Für diese- Mädchen ist die Ehe keine Versorgung, kein letztes Ziel. Denn sie erkennen, daß die neue Gemeinschaft ihnen geschenkt, hat, um was die Frauen anderer Länder Jahrzehnte gekämpft haben: die völlige Gleichberechtigung. Tie Frauen haben neben allen anderen Rechten das Recht aus Arbeit.' Tarüber Wachen sic eifersüchtig und gehen darin bis zum Aeußersteu. Nur ungern haben sie sich aus der an strengenden Landwirtschaft in die Gärtnerei zurückgezogen. Sie versuchen im Sinne des Wortes, ihren Mann zu stehen. Ich habe Frauen und Mädchen gesehen, die vor Tag um 5 Uhr anss Feld gingen und abends so er mttdct heimkamcn, daß sie in den Schlaf fielen, aus dem sie den andern Tag ebenso früh wieder frqhgemut erwachten, utn erneut an die Arbeit zu gehen. 'Selbstver ständlich sind die Lasten des Haushaltes den arbeitenden Frauen abgcnommen und konzentriert. Iw einer Küche .. wird für alle gekocht, in eine m Speisehaus wird ge gcsscn; für alle wird die Wäsche gemeinsam gewaschen und ansgebessert, so daß den Frauen nur noch die Sorge für den einen Raum bleibt, den sie bewohnen. Und die Kinder? Tie Mutter, die den ganzen Tag arbeitet, die in der Nacht die Ruhe' dringend nötig hat, steht vor einer schweren Frage. - Wer noch nichts von diesem neuen Leben gehört haben sollte, wird von der Lösung dieser Frage eigentümlich berührt sein. Tas Prinzip, das bei uns Krippen und Kinderbewahranstalten X -