Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (10.5.1927)
- Date
- 1927-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite 2 Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. , ,. | Nummer 5 suchte unser Jubilar die von seinem Großvater in der Heimatstadt begründete Volksschule und nach Absolvierung des Gymnasiums das Lehrerseminar, das er 1890 nach bestandenem Examen verließ. Nach einjähriger Lehrtätigkeit an der städtischen Volksschule seiner Vaterstadt wandte er sich nach Frankfurt a. M., wo er an der Jeschiwoh, und dann nach Randegg, wo er unter Leitung des gelehrten Rabbiüers Picard seine Kenntnisse in den rabbinii'chen Tiszfvlinen erweiterte und auch die Rab binatsautorisalion erhielt, widmete sich dann in Heidcl berg, Zürich und Äürzburg philosophischen, pädagogischen und sprachlichen Studien, und trat erst dann, wohl ausgerüstet mit rabbinischcm und weltlichem Wissen, in die eigentliche Berufstätigkeit ein. Zuerst Assistent seines Paters im Würzburger Rabbinat, ging er 1899 als zweiter Rabbiner und akademischer Religionslehrer nach Hohenfalza (Jnowrazlaw), um bereits drei Jahre später, nach dem Tode seines, Amtsvorgängers, des noch unvergessenen Rabbiners Tr. T a v i d H a n o v e r, nach Wandsbek überzusiedeln. In den fünfundzwanzig Jahren nun, die Rabbiner Bamherger in seinem jetzigen Wirkungskreis verbracht hat, chat dr eine reiche Wirksamkeit nach den verschiedensten Richtungen hin entfaltet. Seiner Gemeinde war er allzeit der warmherzige, von tiefer, schlichter, Frömmigkeit er füllte Lehrer und Verkünder ■ des Gotteswprtes. Wäh rend des Krieges entwickelte er eine, ausgedehnte Tätigkeit in der Fürsorge für die in den Lazaretten seines Be zirkes untergebrachtcn Verwundeten und jüdischen Kriegs-' gefangenen. Was - vor allM aber ihry, über den Kreis ° seiner Gemeinde hinaus, in der Hamburger Gemeindx Freunde und Verehrer gewonnen hat, das ist seine milde, versöhnliche und bescheidene Persönlichkeit, ist sein selbstloses Wirken in der hiesigen Henry Jones-Loge/ deren Brüddr ihm vor mehreren Jahren bereits durch seine Wahl! zum Präsidenten ihr Vertrauen und ihre Ergebenheit bewiesen haben. --*3 _. Endlich, aber nicht zuletzt, sei hier noch des Wir kens chnl'erss Jubilars für die weitere Allgemeinheit gedacht. Tie gefeyestreue Vereinigung Achduth hat ihn, der in diesem Falle so ganz besonders der Erbe seines großen Großvaters ist, in ihren Ausschuß berufen: in dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden betätigt er sich als Mitglied des konservativen' Ausschusses für' den fsteliaionsunterricht. — Mehrere wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gebiete des Midrasch, die teils als selb . ständige Schriften, teils in Sammelwerken erschienen sind, und vondenen einige, bereits druckfertig vorliegend, noch . der Verönentlichung entgegensetzen, geben Zeugnis von seinem Wissen, wie eine größere Anzahl homiletischer Beiträge in jüdischen Zeitungen von seiner Kunst, dem - schlichten Manne das Bibelwon nahezubringen . . . punkte stehenden englischen Gelehrten I. G. Frazer: „Zweck und Entstehungsgrund der göttlichen Gesetze der Bibel auf Grundlage der Denkweise primitiver Völker zu ermitteln." (S. 40). Tie in Frazers „Folklore in the Old Testament" angewandte wissenschaftliche Me thode ist die der Folkloristik (Volkssagenkunde). „Sie durchforscht — erstens — unsere Bibel nach Ideen, Anschauungen und Lebensbräuchen, die denen primitiver Völker der Jetztzeit oder prähistorischer Zeit ähnlich oder geistesverwandt sind 'oder sein sollen." (S. 13). Zwei tcns glaubt sie ähnliche Sitten und Riten der Lebens Haltungen selbst zeitlich undräumlich getrennter Völker aus dieselben Ursachen (Urmotivc) zurückführen zu können. Trittens,sucht und findet sie auch in den so ermittelten „leitenden Ideen" des bei allen Völkern gleich wirkenden Volksgcistes den Schlüssel zum Verständnisses mythischen Gehaltes religiöser. Erscheinungsformen selbst hochentwickelter Kulturen, weil ans Grund der Stetig keil geistiger Entwicklung kein Volk, seinen Urzustano verleugnen kann. (S. 4.) So findet sie die Erklärung für manche unseren, heurigen Verständnis fernliegenden Lebensgcwohnhciten unserer biblischen Vorfahren und für bis heute unergründetc biblische Satzungen in den von Aberglauben beeinflußten, naiven Vorstellungen wilder Volksstämme, bei denen auch ähnliche Sitten und Gebräuche vorgefunden wurden. Frazers Forscherfleiß sin bet bei den Negern, Mongolen, Buschmännern und vielen anderen Völkern Wesensverwandtes zu Berichten der Bibel über die. Sintflut, den erster, Brudermord, den Verkauf der' Erstgeburt, die Liebesäpfel, die Schwager ehe, das Bitterwasser bei Ehcbruchsverdacht, Genuß von Fleisch zusammen mit Milch und vieles andere. Ge radczu überraschend wirken stellenweise die auf Grund dieser vergleichenden Analyse gewonnenen Resultate. -lieber eine solche originelle Motivierung »vollem wir kurz berichten. Bei vielen afrikanischen Hirtenstämmen herrscht die Sitte, die Milch der Kühe überhaupt nicht zu kychen, i weil sie in ihrem Aberglauben befürchten, die Erhitzung der Milch bewirke ein Eintrocknen des Euters der Kuh,, sogar Schmerzen derselben, selbst deren Tod. Frazer führt nun auch das.biblische Verbot des Zu sammenkochens von Fleisch und Milch auf diesen Aber glaube,, zurück, das Muttertier werde geschädigt beim Koche« seiner Milch mit Fletsch. Läge nun, — so argu anentiert Blau — wie F.razcr meint, dem Thora verbot des Milch Fleischkochcns der Gedanke der sym pathetischen Magie, d. h. des Mitleidens des getrennten Teiles oder Gliedes mit dem Muttertier zu Grunde, dann müßte auch jedes- Kochen der Milch für sich verboten sein, da ja bei jedem Kochen des Sekrets, d.- i.- der Milch, auch die Mutter mitleidct. Nirgends aber heißt cs in der Bibel: „Tn sollst keine Milch kochen." (S. 4<>.) uns Jlit vielen Lesern des Gemeindeblattes wissen wir- -ins, wenn wir unserem Jubilar zurufen: jnz's anrn nrw -wijte Bibel als Quelle für Folkloristik. Die so betitelte Arbeit des bekannten Hamburger Oberlehrers Tr. Armin Blau sollte jeder selbstbewulßte Jude lesen, dem die Bibel als das heilige Buch des jüdischen Volkes mehr bedeutet als ein Arbeitsgebiet für die Mannigfachen Methoden bibelkritischer Forscher. Mit großer Freude wird er Schritt für Schritt den geist reichen Ausführungen folgen, mit denen Blau den Hciligkeilscharakter der Bibel zu wahren versteht gegenüber dem grandiosen Versuch des aus bibelkritischem Stand¬ _ Es würde für einen kurzen Bericht über die Bla u schc Schrift zu weit führen, noch näher auf die Fülle iu teressanter Einzelheiten einzugehen. Hier handelt es sich darum, die Lektüre dieses Büchleins allen Freunden der Bibel nahczulegen. Tenn Blau hat es verstanden, der Methode hypothesenlustiger Folkloristik vor dem granitene« Thorawort ein Halt zu gebieten.- Erstens beläßt Frazer den Worttext der Bibel nicht in seiner Integrität (S. 5) und findet die nötigen Analogien oft nur durch zu weit gehende Schlüsse (S. 7-), »pagemutige Auslegungen und hypothetische Argumentationen (S. 45). Zweitens — und gerade diese Feststellung macht die Schrift für gesetzes txeue Juden so lesenswert,-rläßt sich keine folkloristische Brücke schlagen von der idealen Auffassung der Bibel zum Aberglauben primitiver Völker, von dem „absolu-