Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (10.1.1927)
- Date
- 1927-01-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Gcmeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Nummer 1 m[t den dunkeln Mächten, die sich Dir entgegenstellen, da , mrt auch von Dir gelte, was von unserem Stammvater Jakob gekündet 'wird: Mit Menschen und Göttern hast Tu gerungen und hast obgesiegt! (1. Mos. 32, 29). Diesen Rstf richtet an jeden von. uns die Religion. Und wie hat siH den Menschen ans seiner Niedrigkeit erhoben, wie hat sie ihm den.. Stempel des Heiligen aus die Stirn gc drückt, so daß er das Tierische ablegte und in seinen S tten veredelt wurde! Nimmermehr wäre der Ber -stc nd imstande gewesen, dieses aus Himmelshöhen ins A enschenleben herabragende „Tu sollst" dem Menschen zur Verpflichtung zu machen, zu einemewigen Gesetz, arf dem der Fortschritt der menschlichen .Entwicklung bemht. Ter Verstand hätte wohl den Menschen lehren kö rnen, wie er am besten seinen ' .Vorteil wahrt, wie ' seine .Selbstsucht zu ihrem Rechte kommt. Und von diesem Gesichtspunkte aus wäre wohl ein Uebereinkommen zullende gekommen, damit ein menschliches Zusammenfelien ermöglicht werde, damit nicht ein Krieg aller gegen al e entstehe; aber niemals hätte er das-Sittengesetz dem Menschen gegebep, das ihn. gemahnt, das Gute um des G rten willen zu tun. Ter Verstand ist egoistischer, eigennütziger Natur, er. fördert die Selbstsucht. £ie Religion allein erhebt die Forderung: „Es ist Tir gesagt, o Mensch, w^s gut ist und was der Ewige von Dir fordert: nichts anderes als Recht tun, Liebe üben und in Temut wandeln vor Teinem Gotte." (Micha 6, 8). ' Und die Formen der Religion, warum be sitzen sie einen so hohen erzieherischen Wert, warum sind sie für die Ausbildung unseres Gefühlslebens so wichtig? Wird etwa dadurch dem Verstände- Nahrung gegeben, wtrden etwa dadurch unsere Gedanken bereichert? Nein. -Was sie uns so wertvoll macht, das ist ihre Wirkung auf Herz und Gemüt. Gerade -- ich will, nicht sagen — der Gegensatz zum Verstandesmäßigen, aber dessen Fehlen, das Hinausgehobensein über alles Denken in eine religiöse Welt, das Gefühl des Verbundenseins mit Gfst, das ist es, was den religiösen Formen Sinn und Bedeutung gibt. Jüdische Eltern dürfen sich nicht raun* detn, daß ihre Kinder nicht mehr mit derselben Liebe, und Anhänglichkeit am Elternhause hängen wie in früheren Zenten. Gewiß sind daran noch andere Umstände schuld)^ voi: allem die Tatsache, daß heute die Eltern sich, um dieX Emiehnng ihrer Minder kaum noch kümmern können, aberJ wieviel wäre jettonnen, wenn sie im Eltern^ hause mit den-sinnigen Gebräuchen unserer Religion vertraut gemacht würden, wenn sie die wunderbar "erhebende Wirkung eines Freitag- oder eines Stderabends erführen. Wer diese einmal wirklich in ihrer ganzen Weihe erlebt, möchte sie in seinem Leben ni«t mehr missen; er wird im Sturm und Braus des Lwens nicht die Erinnerung an ein Elternhaus vergessen, das ihm solche Werte vermittelt hat. Komme - nur niemand und sage: die Formen der Religion sind unwesentlich, die Hauptsache ist der Geist-der Religion, und diesen wollen wir uns aneignen. Eine Idee verflüchtigt sich allzu leicht, wenn wir sie nicht mit einer körperlichen Hülle umkleiden. Und wie wollen wir sie unseren Kindern anschaulich machen, wenn wir sie nicht gestalten, formen?! Wenn eine Religion im Leben ihrer Bekenner fest wurzeln soll, kann sie nicht darauf verzichten, sich äußernch zu manifestieren, und nicht zuletzt auf dieser Erkenntnis-beruht es, wenn das Judentum auf das Tun einen so großen. Wert legt. Formen sind notwendig in der Religion, wie Körper und Seele erst den Menschen ausmachen; sie erst können uns das Religiöse in seiner ganzen Tiefe, seiner reichen Gefühlswelt zur lebendigen Anschauung bringen. Ueberall, wohin wir auch im Kulturleben der Gegenwart blicken, ob wir an die Darstellungen der Kunst denken oder die Erscheinungen auf literarischem und philo sophischem Gebiet betrachten, erfahren wir, daß man der Religion und religiösen Problemen wieder größeres Ver ständnis entgegenbringt, als dies noch vor einem Menschen alter der Fall gewesen ist. Nach einer langen religions feindlichen Stimmung geht wieder der Weg aufwärts, wenn er sich vielleicht auch nicht immer in den Geleisen der überlieferten Bekenntnisse bewegt. Sollten da ttir Juden an dem längst überwundenen Rationalismus fest halten und uns sperren gegen Anschauungen, welche nicht nur das Recht und die hohe Bedeutung der Religion, sondern auch ihre Notwendigkeit für das Leben des ein zelnen wie für das Leben der Völker dartun? — wir, die wir als die Vertreter der modernsten Zeitströmun gen gelten, die wir gleichsam mit einem besonderen Tastsinn begabt erscheinen, das Neue, Kommende vor auszuahnen und sich ihm zuerst hingeben? Hier gilt es für viele unter uns, umzulernen und aus der Lede und Erstarrung, in der uns der Verstand bisher gehalten hat, in das fruchtbare, kraftspendende, von vie len Strömen gespeiste Leben zn flüchten und die R e ligion als eine, ja als die Macht unseres Lebens anzuerkennen. Zum ÄS-jührigen Jubiläum des Jüdischen Nationalfonds. Die nachstehenden, mit geringen Kürzungen wiedergegebenen Ausführungen gehen uns von einer der Ber- 1 waltung des Nationalfonds stahestehenden Seite zu. Aehnliche objektive Darlegungen über andere Bestrebungen von allgemeinjüdischem Interesse sind erwünscht und werden bereitwilligst veröffentlicht. Der Keren Kajemeth l'Jsrael feierte vor kurzem seinen 25. Geburtstag. 25 Jahre lang hat er Land ge kauft, Siedlungen gebaut, Bodenreform getrieben, und das in dem Land, das den Juden und darüber hinaus einem großen Teil der Menschheit heilig ist, in Palästina. In diesen 25 Jahren hat der Nationalsonds 200 000 Tunam oder fast 20000 Hektar palästinensischen- Bodens als ewigen Gemeinbesitz des jüdischen Volkes erworben. Davon liegen etwa 13 000 Hektar im Emek Jesreel, 2000 Hektar in Judäa, 1000 Hektar in der Acco Ebene, 1000 Hektar im Jordanland und kleinere Bodenflächen in' Galiläa und Samaria. Tie Leistung des Keren Kajemethvor allem in den letzten Jahren, wird besonders deutlich, wenn man daran "denkt, daß sein Bodenbesitz bis zuni Jahre 1914 nur 20 785 Dunam oder etwa 2000 Hektar und bis zum Jahre 1922 nur 78 000 Tunam oder zwischen 7000 und 8000 Hektar betrug. Die Tätigkeit des Keren Kajemeth erstreckte sich aber nicht nur auf den Bodenkauf, sondern" auch auf chie Sa nierung und Urbarmachung des Landes, auf die Auf forstung und bis in die ersten Jahre nach dem Kriege auf alle Aufgaben der Kolonisation, die teilweise neuerlich von einem besonderen Kolonisationsfonds, dem Keren Hajessod, übernommen worden sind. Der Keren Kajemeth hat in den 25 Jahren seines Bestehens rund 1800 000 Pfd. Sterl. aufgebracht. Er hat in der Erwägung, daß der von ihm erworbene Boden nicht einem einzelnen, sondern dem ganzen jüdischen Volk gehören soll, feiste Sammlungen nicht auf die Erzielung großer Beträge von einzelnen Reichen abgestellt, sondern auf die Hingabe von Spenden aus der ganzen Judenheit, Kopf für Kopf, Mann für Mann, bis zum letzten Proletarier. Es sollte vermieden werden, daß der jüdische Boden von seinen reichen Söhnen dem Volke zum Ge-