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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1926-10-10 · 10 (10.10.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
2 (1926)
Issue
10 (10.10.1926)
Date
1926-10-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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1 Seite 2 Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeindet Nummer 10 ergreifenden Trauerkundgebung. Vertreter des Gemeinde- Vorstandes, des Repräsentantenkollegiums, die Rabbiner Hamburgs und der Nachbarstädte sowie Abgeordnete vieler anderer Institutionen hatten sich eingefunden, außerdem der Vorsitzende des Kantorenverbandes und viele andere Amtsgenossen. Ter Vorstand und die Beamten des Synagogenverbandes waren vollzählig anwesend. Tie Gedenkrede hiell Oberrabbiner Tr. Spitzer, der einleitend betonte, daß, obwohl nach dem Gebote im Monat Nissan Trauerreden eigentlich nicht zulässig seien, bei einem Manne, der fast to Jahre mit seltener Pflichttreue, nicht nur als Beamter, sondern als Sch'liach Zibbur, als Sendbote der.Gemeinde, tätig war, eine Ausnahme wohl gestattet sei. Er gab dem Schmerz und der Trauer Ausdruck über den schweren'Verlust, den die Gemeinde erlitten. Tie herrliche Stimme, die mehr als -vier Jahrzehnte in den Synagogen zur Ehre Gottes.ertönte, sei verstummt. Durch seinen herrlichen Gesang, nicht minder auch durch seine Frömmigkeit und seine Eharaktereigenschaften habe der Tote sich die Gunst und Wertschätzung aller Kreise erworben. Sein Wirken werde nie vergessen, sein Andenken stets in hohen Ehren gehalten werden. Mtt Trostesworten an die Hinterbliebenen schloß der.Redner. Ter fast unübersehbare Leichenzug bewegte sich an der Gemeindesynagoge Bornplatz vorüber nach dem Begräbnisplatz' der Gegräbnisvlatz der Gemeinde in Ohlsdorf, wo nach einer Trauerseier die Beisetzung erfolgte. Süßkinds Grabstätte schmückt ein Gedenkstein, dessen hebräische Inschrift Rabb. Tr. Löwenthal, jetzt Berlin, versaßt hat. Fahrzeit. Von Rabbiner Tr. A. Posner». Kiel. . Mit dem Worte Jahrzeit — das merkwürdigerweise '"in Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache fehlt — verbinden wir seit Jahrhunderten einen recht bedeutsamen Begriff im jüdischen Leben. Esmag daher nicht ohne Nutzen sein, über die Jahrzeit etwas Zusammenhängendes zu sagen, auch auf die Gefahr hin. Bekanntes. zu wiederholen, denn es muß dabei auch von der Verflachung die Rü>e sein, der dieser Begriff leider erlegen ist. Von einer doppelten Seite aus muß diese Betrachtung erfolgen. Eine historisch-literarische Untersuchung soll die geschichtlichen und die religiös gebotenen Momente der Jahrzeit beleuchten, während die ethisch-verßinliche Be handlung die Jahrzeit würdigen und ihre Beachtung aus eine höhere Warte führen will. I. ' Tie Wissenschaft hat das Tatum, an dem die Einrichtung der Jahrzeit geschaffen wurde, bis heute nicht ermitteln können. Es .erscheint überhaupt fraglich, ob sie rein jüdisch ist. Vielleicht ist sie gar von der katholischen 'Kirche übernommen worden, die im „anniversarium" (Iahrzeitbuch) ein Verzeichnis der an bestimmten Tagen zu lesenden Seelenmessen enthält. Jedenfalls ist die Jahrzeit heute bei allen Juden bekannt. Ihre älteste Erwähnung findet sich bei Isak aus Wien, dem Verfasser der Schrift Lr sarua (um 1250), der davon spricht, daß in Böhmen und am Rhein Waisenkinder das Kaddischgebet sagen, und seit R. Meir ben Baruch aus. Rothenburg (gestorben etwa 1293) wird das Wort Jahrzeii in den jüdischen Quellen erwähnt. Möglicherweise hat die Institution von Deutschland ihren Ausgang genommen, wofür der Umstand spricht, daß ihr Name auch bei nichtdeutschen Juden benutzt wird; in alle slavischen Länder ist er jedenfalls von Deutschland aus mitgebracht worden. Tie' Riten des Jahrzeitstages sind verschieden und sind älter als das uns so geläufige Wort. Da haben wir zuerst den Brauch, am Jahrzeitstage zu fasten. Er war schon zu Zeiten der Tannaim' üblich, mehrfach werden Gelübde erwähnt; keinen Wein trinken und kein Fleisch essen zu wollen; wie „an dlem Todestage des Vaters." (Sch'buoth 20 a, Nedarim ' 12 a). In noch ältere Zeit versetzt vielleicht das „Buch der Frommen" solches Fasten, da es (Nr. 290) berichtet, daß König David über.den Tod Sauls fastete, den er Vater nannte, und den seines Sohnes Jonathan. Wie stets soll auch hier das Fasten den Ahnen im Jenseits noch das Heil der künftigen Welt bringen. Daher fastet auch der Schüler um seinen Lehrer. „Ehre Vater und Mutter auch nach, ihrem Tode". Das Fasten ist eine solche Ehrung, von der man sich nicht. dadurch befreien kann, daß man andere gegen Bezahlung fasten läßt. Ebenso wenig ist es zu billigen, wenn Söhne,' die Kaddisch sagen können, sich hierin durch andere vertreten lassen. An Festtagen, auf welche eine Jahrzeit fällt, darf man nicht fasten. Der Schmerz des' einzelnen darf nicht vor der Freude der Gesamtheit stehssl». Andere das Fasten am Jahrzcitstage betreffenden Ritüalvorschriften sollen hier nicht weiter berührt werden. < Ein anderer Brauch der Feier des Jahrzeitstages ist das Anzünden des. Hahrzeitslichtes. Dieses Licht versinnbildlicht die Seele des Verstorbenen, gemäß den Sprüchen Salomos (20, 27): Eine Leuchte Gottes ist die Seele des Menschen. Dieses Licht, dient allein der Erinnerung an den Verstorbenen. Es in irgendeiner Weise zu Gebrauchszwecken zu benutzen, ist untersagt; es soll für seinen Zweck von den Hinterbliebenen selbst hergerichtet werden, so daß es am Sabbath nicht etwa von einem Nichtjuden vorbereitet werden darf. Das Jahrzeitlicht wird ohne Segensspruch entzündet, da es ja an ein trauriges Ereignis erinnert. Man löscht das Licht, auch nach Ablauf das Jahrzeitstages, nicht aus, weil es ein Symbol des 'Lebens ist. (Kleine Gasflammen oder elektrische Lichter eignen sich also, auch abgesehen von mehr gefühlsmäßigen Erwägungen, nicht für Jahrzeitlichter.) ’ ■ J Ein dritter Brauch endlich ist es, am Jahrzeitstage zu „lernen". Hierfür wird die. Mischna bevorzugt, da die Worte (Mischna) und (Seele) die gleichen Buchstaben aufweisen. Der Brauch, den Toten zu Ehren in der Lehre zu forschen, ist im übrigen uralt. Nach der Erklärung des Talmuds enthalten die Worte (2. Ehr. 32, 33): Dem Hiskia erwiesen Ehre bei seinem Tode ganz Juda und die (Bewohner) Jerusalems einen Hinweis auf die 'Einsetzung einer niy;?', d. h. eine Lcrnveranstaltung an seinem Grabe zu'seinen Ehren. Und Raschi erwähnt (unter Bezugnahme auf eine Stelle in den Responsen der Gaonen) den Brauch, daß Jahr um Jahr am Todestage eines Großen die Gelehrten seiner Umgebung an seinem Ärabe mit dem Volke zusammenkamen, um dort eine Jeschiwah, eine Lernstunde, abzuhalten. Tas ist vollkommen das Vorbild des Jahrzeitlernens. — Bei der Auswahl des Lernstoffes lehnt man lich gern an den Namen des Verstorbenen dergestalt » an, daß Abschnitte gelernt werden, deren Anfangsbuchstaben dem Namen des Toten entsprechen. Dieses Lernen einem Institut zu übertragen, ist sicherlich dann recht lobenswert, wenn man selbst nicht imstande ist, zu lernen. Denn man sollte den sogenannten derabbonon-Kaddisch nach dem Lernen nicht sagen, wenn man sich nicht selbst an dem Lernen beteiligt hat. Psalmen als Ersatz zu

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