Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Nummer 9 ' zählten die Jahre ihrer stolzen Geschichte von der Gründung Ronzs; die in verschriftlichen Welt übliche Zeitrechnung bsginnt mit der Geburt des Stifters ihrer Religion; die Bekenner des Islams zählen nach den Jahren - der Hedschra, d. i. der Uebersiedelung ihres Propheten Mu hamnied von Mekka nach Medina (822) — und in der französischest Revolution — um auch ein Beispiel aus jün gerer Zeit anzuführen — beschloß man im Ueberschwange, nach Jahren der Revolution zu rechnen, gelangte damit allerdings nicht weiter als bis zu dem XVI. Jahre. Wir Juden haben noch aus einem anderen Grunde das Bedürfnis nach einer Zeitrechnung, einer festen Zählung der Jahre. „Mit "fünf Jahren soll der Knabe in die Kennt njs> der Bibel, mit zehn in die der mündlichen Lehre ein geführt werden. Der dreizehn Jahre alte Junge wird Barmizwoh: mit fünfzehn Jahrön ist er reif .für das Stu dium des Talmuds und der achtzehnjährige junge Mann ist reif für die Ehe . . ." so äußert sich in den bekannten Sprüchen der Väter (5, 24) ein Lehrer der Mischna. Und - wie für' das Leben des einzelnen fordert das Religions geseh in der pcntateuchifchen Gesetzgebung, die Zählung der . Jahre auch für die Gesamtheit. Damit aber stehen wir vvr der Beantwortung der in der Einleitung zuletzt gestellten Frage: Haben die Juden früher andere Zeitrechnungen be sessen und welche? : ll. i Jm dritten Buch Mosis, Kav. 25, -heißt es- „Wenn ihr ln das Land kommt,. das ich euch gebe, dann feire das Land einen Sabbat dem Ewigen. Sechs Jahre bestelle dein Fell) und ebenso 'sechs Jahre ^beschneide deinen Weinberg und. sammle ein ihren Ertrag. Silber im siebenten Jahre ist ein heiliger Sabbat für das Land, ein Sabbat bemj Groigen; dein Feld sollst du nicht bestellen und deinen Weinberg nicht beschneiden . . . Ferner zähle sieben solcher Jahftessabbatt: je sieben Jahre sieben mal, im ganzen 49 Jahre . . . Tann heiligt das fünfzigste Jahr; verkündet Freiheit im Laude für all seine Bewohner; ein Jobel sei es auch, daß ein jeder zu seinem Eigentum und ein jeder zu seiner Familie znrückkehre." Hier wird Israel also eine bestimmte Zeitrechnung vorgeschrieben: im Heiligen Land soll jedes siebente Jahr der gesajnte Ackerbau ruhen und jedes fünfzigste Iahe jeder Jsrselir wieder in den Besitz des ihm verliehenen Grundes und Bodens gelangen, den er in Zeilen der Not hat veräußern und ijeder Israelit feine Freiheit, die er auS Not hat auf geben müssen, wiedcrerlangen. Jenes, das siebte Jahr, heißt S ch'm i t t a h, und dieses, das fünfzigste Jahr, Jobel (nebenbei bemerkt, stammt von diesem Namen däs Worjt Jubiläum;. Für die weiteren auf das Sch'mittah-und das Jobeljahr bezüglichen Bestimmungen fei auf den Bi bcltext selbst.verwiefen (vergl. auch 2. Buch Mos. 23, 10—11 und >5. Buch Mos. 15, 1—12). Wann nach der Einnahme Palästinas mit der Zählung! dieser Schmittah und Jobeljahre begonnen wurde, darüber enthält die'Bibel keinerlei Angaben; nach einer Ucborlieferüng, aus die Maimonides, der erste große Kodifikathr unseres ReligionSgesctzeS, Bezug nimmt, geschah cs 14 Jah.re .nach der Eroberung des Landes, d. h., da die Wüstenwanderung 40 Jahre dauerte, 54 Jahre nach dem Auszuge auS Aegnvten. Ter erste Tempel wurde 480 Jahre nach dem Auszüge aus Aegypten, also im 426. Jahre der Schmittah- und Jobel-Zählung, erbaut, und nach 410jährsgem Bestände, also im 836. Jahre dieser Zählung, zerstört, d. h. nach Ablauf voller 16 Jobel- und 5 Schmittah-Perioden. — Tann wurde die Zählung unterbrochen, und zwar bis zur Ankunft Esras in Jerusalem,' d. h.^da der Tempel erst nah'70 Jahren wieder errichtet wurde und Esras Ankunftin Jerusalem sechs Jahre später erfolgte, volle 76 Jahre, so daß das erste Schmittah- Jahr das 13. und das erste Jobel Jahr dgs 56. nach dem Bau des zweiten Tempels waft Diese Zeitrechnung ist aber offenbar nie im bürgerlichen Leben des Volkes Israel, weder in der biblischen, noch in der nachbiblischen Zeit, verwendet worden. Kein Ereig nis, von dem die Bibel, kein Ereignis, von dem die tal mudischcn Schriften berichten, (wird von ihnen unter Ver Wendung der Schmittah Jobel-Rechnung datiert. Auch von der Feier eines Sch'mittah oder Jobel Jahres wird weder in der Bibel, die beispielsweise wiederholt von der Feier des. PessachfesteS berichtet, noch sonst im jüdischen Schrift tum erzählt. Und doch ivurde von jedem vorausgesetzt, daß er wisse, in welcher Sch'mittah und in welcher Jobel Periode man sich gerade befand, denn entsprechende Fragen mußten nach der Vorschrift der Mischna (Sanhedrin 5, 1) dem Zeugen vor Gericht vorgelegt werden. ’lllw Sskfdje Zeitrechnung hat denn nun aber die Bibel selbst'? Darauf ist zu antworten: keine einheitliche. Tas ist auch leicht erklärlich, denn sie ist ja!auch kein einheitliches Werk. Vielmehr verwenden die biblischen Bücher ^durchweg die Zeitrechnung, die ihnen am nächsten liegt.' Tie Zeitrech liiing desersten Buches Mosis basiert durchgängig azif der Berechnung der Lebensalter der^ einzelnen Geschlechts Häupter bis zu den Patriarchen einschließlich. Ter Aus zug der Kinder Israels aus Aegypten dient an acht penta tcuchifchcn Stellen als Ausgangspunkt der Datierung ’). Außerdem ein einziges Mal im ersten Buch der Könige (Kap. 6, 11: im 480. Jahre nach dem Auszüge aus Aegyp ten ward von Salomo der Tempel crbyut. Tiefer Tempclbau selbst wird zweimal in der Bibel (1. Kön. 9, 10 und 2. Chronik. 8, 1 als TatierungÄgrundlage verwandt; im übrigen aber dienen in den ge samten nachpentateuchischen Büchern t er Bibel vor dem Exil die Jahre der Richter und der Könige der Bestim mung der Zeitereignisse und ihrer Tayer. Beispiele hielcsür anzuführen,'erübrigt sich fast; ein! jeder, &er einigermaßen seine Bibel kennt, weiß aus hem Gedächtnis die eine oder andere Datierung zu nenneis. Gleichwohl' seien einige Beispiele genannt. Im 1. Buche der Könige wird an der gleichen Stelle, die den Temphlbau in das Jahr 480 nach dem Auszüge aus Aegypten verlegt, gesagt, daß dieses das 4. Jahr der Regierung Salomos gewesen sei. Jeder Jude kennt das erste Kapitel des Ruches Jesaja, von' dessen erstem Worte der SchabboS Chäsaun seinen Namen hat. Aus ihm erfahren wir, daß Jesaja in den Tagen der Könige Usia, Jotam, Ahas und H!skia von Juda ge lebt hat. Und ebenso kennt jeder Jude die gewaltige Schilderung der Berufungsvision dieses Propheten, in welcher zum ersten.Male eines Menschen Ohren das Kodausch kodausch. todausch vernahmen, jenen Latz, mit dem ein Geschlecht Israels nach dem pudern bis in die fernsten Zeiten seinem Gotte in ehrfürchtigem Schauern und doch voller Hingabe und Zuversicht zujubelt. Diese Vision er lebte der Prophet im Todesjahre des Königs Usia. Auch sein großer Nachfahre, Jeremia, der zweite der „großen Propheten", bezeichnet am Anfänge stines Buches durch die Nennung der Könige die Zeit, in her er wirkte: vom 13. Regierungsjahre des Königs,Josia (bis zum 11. Jahre des Königs Zedekia — d. h., wie an!der gleichen Stelle zu lesen ist,, bis zu dem Fall Jerusalems und der Fortfüh rung seiner Bewohner nach Babylon. Diese sowie die elf ') 2. Buch Mos. 16.1 — 19,1 — 10,17 - 9,1 —. 10. II — 33,18 — 5. Buch Mos. 1.! 1. Buch Mos. 1,1 -