Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (10.7.1926)
- Date
- 1926-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 den! Gemeindeblatt der Deutsch-Ist hektischen Gemeinde die der auf im fti- Zahrzehnten jedoch kvar die Beschäftigung mit dech TalMpd allmählich den breiteren Volksschichten völlig fremd geworden, der sogen. ,.t a l m u d i s ch e Gei st" war in jsßerritf gekommen, die Kenntnis des Talmuds ward febi glich Sache der " h colo gen nnd Nalbiuer, der nickstljernsstänge 'ckamdon und Kenner des Talmuds winde ein soziales Unikum — und so wurde der Talmud ein; eso re risch es Werk für Fach kr e i s e. i Und dennoch müche schon 'eine rein egoistische Erwägung, .das Mario der S e t ö st e r h a l t u n g und der Erßalrun^ jüdischer E i g c u.w e r t i! e i t und h storiichee Ko ikinuiPit - von der religiösen mtö Ehrenv licht der Be cl ästigung mit dem Tatnind als Grundqnelle aller jü dis Heu Gesetzgei'nngganz abzes-Aen -eine,' jüdischen A l l g e m e i n i: c i l dir V.'rpNichtung an erlegen, unsre Zugend mit diesem größten S.l a n d a j d w e r k jüdischer Gesinnung und Geiuniug irgendwie bjskanntzumacken. Es ist einfach ein nnei! täglicher Hohn, daß Männer wie Tinler, Fritzsche uiid Genossen in ihren von Z chd e n viekgeleienen Werken uns Paragraphen aus Originalquellen des iTalmuds und der Kodices unter Nase reihen, wäbrend der jüdii.öe Leser, namentlich jugendliche, völlig außerstande nt, ein solches ssiitat seine Richtigkeit zu prüfen. h- ' Wasj für ein Bild bieret sich dem Beschauer heutigen; U n l e r r i ch t s b e t r i e b e , soweit er unsre dische Jisgcnd betrissr? Soweit Städte in Frage kommen, in denen es keine spe-,irisch j n d i s ch e-Volks oder Mittet schulte gibt, kann von "einer «och so obers ächlichen Fähigkeit des Talmudlernens leinerlei Rede seist. Der ,.R e l i gä o n s u q t e r r i ch t", der im besten -Falle gegeben wird und der sich aus einige Stunden in d:r Woche 'beschränk, bietet kaum Raunt und Gelegenheit fürdie flüchtige Envähnung und theoretische Würdigung des Talmuds als größtes jüdisches Geisteswerk, geschweige dah er die vraktrsche Bestliästigiing mit dem Original und Jstbalt auch nurin den bescheioeusten Grenzen gestattet. Bleiben nur noch die wenigen Großstädte, in denen jüdische Knaben- und Mittelickn-len vorhanden si-id (nicht in allen bildet der Talmud einen lrnterrichtsgeeensland). Es sind dies: Hamburg, Frankiert, Köln, Leipzig und Fürth Nürnberg. An den füni Realschulin dieser Gemeinden gehört der Talinuduitterrichr zu den o:dnungs sträßige« UnterrlchtSfächern mit etwa sechs Wocheustundem . Allerdings läßt sich die Tatsache nicht leugnen, daß .in der Talmud Tora Realschule in Hamburg — und von ihr soll im folgenden vornehmlich die Rede sein — bei den weitgesteckten Lehrzielcn,_die dort im Prosanunterricht verfolgt werden nnd werden m ü s s e n, für eine i.ntensive Kenntnisnahme nnd Vertiefung des Talmudstudiums wenig Zeit und Raum übcigbleibt. .Ter Unterricht muß sich nur mit einer peripherischen Kenntnisgabe in talmudischen Dstigen begnügen, e> können mur Kostproben verabreicht werden. Tatsächlich kaum zwei Prozent der Schüler entläßt die Anstalt mit der Bc- . .sähigung, auch izur eine mittelschivecc Seite im Talmud 'selbständig zu bewältigen, soweitsie nicht durch Unterricht außerhalb der Schule dazu in den Stand gesetzt werden. Dieses Ergebnis ist nur zu natürlich in Anbetracht der ungeheuren formal-sprachlichen und sachlichen Schwie rigkeiten, die dem Lehren und „Lernen" des Talmuhs entgegenstcljen. Im Rahmen einer Schute, deren weltliche und religiöse Ziele gleichweit gesteckt sind, werden sich immer nur Minima l.l e i st u n g e n in diesem schwierigsten aller Fächer erreiche^ lassen. Unter dieser. Beschränktheit in der Endleistung und Zielsetzung leiden jedoch am meisten diejenigen Schüler, die stu Nummer 7 eine spezifische Begab int g für das Talmuddium aufweisen. Tenn es gibt-,, das ist unsre Behauchung, bei uns Juden eine eigentümliche funktionelle Verskandesanlage für das Talmudstudium, ,es gibt Klasse von „G o m o r o h kö p f e n", und das tiefere Eindringen in die talmudischel Problematik fordert und! fördert eine spezielle Veranlagung des Schülers. Diesen speziell Begabten, dieser Oberschicht talmudischer Intelligenzen kann die Schule mit ihren Normal- -pchsen Und ihrer geringen Stundenzahl gar nicht oder nur in sehr "geringem Maße gerecht werden. t! \ Es war daher ein besonders glücklicher Gedanke des C a r l e b a ch, gleich zu Beginn Amtstätigkeit an der Talmud Tora Realschule früheren Direktors seiner vorI'fünf Jahren neben der Schule eine Je sch iw ah nns! Leben zu rufen, die den besonders sür Talmud interessierten und begabten Schülern die Gelegenheit zur Intensivierung und gründlicheren Etfassung. tal mndischer Belange verschaffen sollte, wie sie nun einmal im Nahmen des Klassenunterrichts nicht möglich.ist. Dem Keitner der Verhältnisse ist nicht unbekannt, mit welchen Schwierigkeiten. ideeller und materieller Art die Durch 'sühxung dieses Planes verknüpft war. Eine Reihe hervorragendest Kenner und Lehrer des Talmuds wurden. zu dies!em ^Zwecke als Dozenten angestellt, die unentgeltlichetwa fünfzig ausgewählten Schülern der Oberklassen derlTalmud Tora nachmittags Unterricht in Mischna und GeiNara erteilten und, vom Leichteren zum Schwereren und Schwersten fortschreitend, die Schüler in das Verständnis und die Erfassung der halachischen Geistesprobleme einjührten. Außerdem wurde der schulentlassenen akademischen Jugend dort Gelegenheit geboten, ihr Wissen und Interesse in halachischen und exegetisch-religionsphiloso phischen Dingen zu vertiefen. Nun hat am 3 0. Mai. die erste öffentliche Prüfung der Hörer der Jeschiwah anläßlich ihres fünfjährigen Bestehens vor geladenem Publikum stattgesunden. Mc n muß gestehen; Was man dort an Wissen und Scharfsinn von den Lippen dieser talmudbeflissenen Jünglingsschar zu hören bekam, hat jeden sachverständigen Zuhörer mit bewunderndem St.aunen erfüllt. Hier ist tatsächlich Un;eahntes vollbracht worden. Was da vorgetragen wu:de, wie es vorgetragen wurde, das war eine Spitzenleis ung, die in Deutschland heute ihresgleichen nur noch vielleicht einmal: in der Jeschiwah zu Frankfurt a. M. sinnet. Wir hatten den Eindruck, daß das an dieser Jugend Ge eistete etwas ganz Neues, seit hundert Jahren iw §a »bürg Unerhörtes darstellt: Knaben zwischen 12—17 Ja )ren legten hier Proben eines Könnens und Scharssin is ab und gaben Beweise von einer tiesinnerlichcn Durchdringung talmudischer Probleme, von einer Zouveräi en Beherrschung schwieriger Ideen komplexe, von Tiner Se bstsicherheit und Unverblüsftheit der Dialektik - die dem Kenner ein Lächeln der Bewunderung, und'Rührung abgewinnen mußten. Ja, auch der Rührung: es wac rührend und schön zugleich zu sehen, wie diese jnrgen Augen in heiligem Eifer erglühten, wie sie sich am eigenen Feuer entzündeten,» wie diese Kaumerwachsenen, jungen Rossen in her Rennbahn vergleichbar, mit schtoer verhaltener Lust auf den Wink des Lehrers harrten. Bi sind überzeugt, daß auch der strengste Kritiker und osteuropäisch geschulte Lamdon an dieser Leistung seine intellektuelle Freude gehabt hätte. Das ist cs, worin wir da^ Neue, seit langem Einzigartige dieser Leistung er en: eine dem Ideal! talmudischen Verständnisses so hl formal wie gedanklich adäquate Durchdringung