Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 5 (10.9.1925)
- Date
- 1925-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite \ Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Nummer 5 mitj einem Jahresende und einem Iahresanfang ge-. rechnet haben, der von einem nicht bekannten Zeitpunkt an ein festes Tatuni^ den ersten Tischri, erhielt. Ferner gibt, es im Talmud! eine bekannte Streitfrage zwischen ' zwei4 -Mischnalehrern,' von denen zwar der eine die Ansicht vertritt^ dag die Schöpfung im Frühling stattgesunden habe, während der andere, R a b b i E l i e s e r, die sicherlich nicht ohne Grllpd vorgebragene Behauptung ausstgllt, die Welt sei im Tischri erschaffen worden. Es kann wohl k:in Zwei'el sein, -'daß in diesem Meinungsstreit der MüchnaleUrcr die Spuren ' zweier verschiedbiier kalendarischen Ansfaf ungeii sichtbar werdest, die, ivil! .unsere Darlegungen erwei en,. bis aufjdic biblisct c Zeit znruckgchen. Auf andere von £ ampel anj^c führte Bcivei'e iür seine These vom Herhst-Nbujahr versage»' wir ni s einzugthisn, weil sie enrerj Prüfturg nicht standhalten. ■ . Ab r, w wir» der Le'er nim ipit vollnii Rechte einwenden, wie erklären jene Forscher,, welche ninehmen, daß der He bifjahresairsang bereits zur Zeit der mosaischen Ge? setzgebnng bekamst war,- den Umstand, daß e »en der Pentateuch se bst das Nenjahrssest nicht als solches, s mdern nur als „Tag des Poiaimeiihalles" bezeichnet? llich wie erklären .sie den auffallenden Widerchrnch mit dem oben ermähnteir , Befehles Gottes cm Mose,und Aaron, den BefreinngsmoNat als ersinnzu zählest — und-wirdeis ferneren Widerspruch, daß did penkateilchische Gesetzgebung selbst den Nissan als den ernen, den Tiichri hingegen mit seinen Festtagen' als den siebten Monat bezeichnet, wie wir oben gesehen haben? Daraus antwortet I a m p e l mft eitlem Hinweis auf einen mittelalterlichen ^ibelerklärer, daßhder Befehl Gottes an Mose und Aaron inchls über bjeit Jahresanfang bestimme, sondern lediglich! Israel verpflichten! sollte, in der Erinne-- i zug ans Aegypten, jenes in der Seele des nliauslöichlich ilebende Ereignis, den Mounter den MoinateN drs.Jahres immer an nennen.. Fürden Kenner des jüdischen -weiß, ivrr das biblische Gesetz.alles iuibv '.'inng aus Aegypten in Berbindilng bringt rung an den Ans jüdischen Bolzes . nat der Befreium erster Stelle zu Schrifttums, der jedes mit der Be — ich erinnere nrr an Sen Ansdruch lecher lijzias mizrajim in dem »ns allen wort I a m p e l s geläufigen'Kidduschgebete — hat diese Antviel Verlockendes. Daß aber die Bibel den Tag des Poiannenhalls nicht apch Nenjahrstag nennt, erklärt er damit, baß „hier, wie bei allen andern Vorschriften, für bie das biblische Geisetz keine nähere Begründung anführtl . . . Urkpryng und Bedcntung'dieser von der Bibel äkz.-prifiren nnemitischen ^Satzungen in der vorisraelitiichen Zeiti bereits bekannt wjaren." Und tvcnn die Einsetzung des F-stes des ersten Ti'chri in der Bibel gar icht begründet ivi rde, w müsse sein Charakter, nänilich seine 'edeutnng als chresbeginn,. schon .vor dem Zeitalter des lusznges und de! Wüneylvandernng bekannt gewesen sein. So steht d:e >'isseil'chaftliche. Forschung heute. Es läßt sich nicht verkenne i, daß für die Auffassung beider Parteien annehmbare .Grüi de und -Erwägungen sprechen. Und sie werden gestützt dirch jene Mischiia, welche für den Beginn hes Jahres je nach-den. Menschery und Dingen, die in Betracht kommen, in rfthiedene Zeitpunkte angibt, sowie durch den bereits erwählten Meinnngsilreit der Lehrer der Mischna über den '^'iiplintt der Erschaffung der Welt. Zum Verständnis solcher verschiedenen kalei darischen Auffassungen fei nur daran eriiincrt, daß auch nstr heute.noch zwischen fahr und dem Wirtdcm Kalenderjahr 'dem Rechnungschastsjahr unterscheiden— eine Unte tscheidung, die bekanntlich auch in die moderne Gesetzgebung eingedrungen ist. Die jüdischen Kerbstfesttage. Von A. Madelung. Die nachfolgende Schilderung ist dem Romane des Verfassers „Die Gezeichneten" mit Erlaubnis des S. Fischer Verlag, Berlin, entnommen. Madelung ist Nichtjude um so bemerkenswerter ist seine Schilderung der jüdischen Hcrbstfcsttage, weil sie — trotz > manchen Äkinverständnisfes —- ein starkes Einfühlcn in die jüdische Seele verrät. Im Spätfahr haben die Inden eine lange Reihe vdn Feiertagen. Mitten im September beginnt das neue Jahr mit zwei Neujahrstagen. Der.jüdische Kalender lvar nicht ganz sicher und brauchte für seine Berechnung des Jahre -anfüngs zwei Tage Spielraum. - Am zweiten Ncujahrstag-begibt sich die, Gemeinde von der Synagoge an fließeitdes Wasser, um die Sünden.des alten Jahres abzuschütteln. Sie beten mit heißem, eifrigen Begehr, schütteln ihre Kleider aus über dein rinnenden Wasier, auf daß es alle bewußten und unbewußten Sünden mit. sich führen, all die menschliche Gebrechlichkeit des alten Jahres in sich aufnehmen und bergen möge. .'-In einem langen Zug gehen sie zum Fluß und kehren reiu und sündensrei zurück. Es geschah oft, daß auch die Russen ührc Kleider 'ausschütteften, mit höhnenden und gemeinen (Gebärden, obgleich sie selbst alljährlich in Prozession zur.Einweihung des! Wassers ziehen. , Am Neujahrstag schreiben die Engel die Sünden aller Juden in ein großes! Buch und lesen sie Gott vor, und die Juden beten: Am Neujahrsfest wird eingeschrieben, am Bcrsöhuungstag wird besiegelt, wer leben soll, wer durchs Feuer gehen soll und wer -durchs Wasier ... Drei Ding? vermögen das Leben zuretten: gute Taten, Buße und Fasten. Zehn Bußtage läng suchen die Juden unter Beten-und Fasten ihre Sünden im Buch der Sünden auszntilgen; denn wer nicht Avr''dem , Bersöhnungstag seine Schuld aufgclvogen hat, darf nicht ans Gnade hoffen und muß in dem Jahr, das kommt, in den Tod gehen, durch Feuer oder durch Wasser.- Fanatische Inden geißeln einander mit Riemen ans Stierhaut, fasten und be.tcn bis zur Entkräftluig, daß sie am Bcrsöhnungstag rein und geläutert von Sünde und Schuld.Gott vor Augen treten können. Am zehnten Tag nach Neujahr ist der Versöhnunaswa.- Da wird der Toten gedacht. Es-werden Kerzen, der Synagoge gebräunt, dicke Kerzen, die vie>^j Stunden lapg brennen müsien, bis znm (ind, söhliiiiigstags, auf daß es Toten uird Lebendes^ Legenden aus Zeiten, die entschwunden sind, an diesen Tag. Der Tempel in Jerusalem erstes in der Erinnerung: In dichten Scharen,drängt sich das Volk in den mächtigem Ranni. Ein purpnrroter Teppich hängt vor dem Eingang znm Allerheiligsten. Auf deni Berg wird ein Lumm geopfert, dem einzig wahren Gott, dem Gott Israels,'der sein auserwähltes Volk ans der Knechtschaft geführt hat und seine Hand erhebt wider seine Feinde. Der .Hohepriester tritt ins Ällerheiligste, unddas Volk kniet und beugt das Haupt, um nicht hineinzublicken, auf daß die Angen nicht geblendet werden von dem, was kein Auge schauen darf. Und siche, als. sie aufrecht standen, Seite an Seite, ivar nicht Platz für alle; nun aber, da sie knien, ist' des Raums soviel, daß der Tempel ihrer noch weit mehr beherbergen könnte. Und als sie die Häupter wieder erheben, .ist der purpurrote Teppich weiß wie das weißeste Gewand, weiß wie'die Wolle des Lummes: Der Gott Israels hat das 'Lpfer angenommen . . Aber der Tag neigt sich. Die letzte Stunde des Versöhnungstages rückt näher. Weithin bis an die Grenzen des Landes stehen auf Bergen und Höhen Wachposten bereit mit!