Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-12-23 · 52 (23.12.1870) · p. Seite 456

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
52 (23.12.1870)
Date
1870-12-23
Page
Seite 456 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434098--970-4891246
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ist, da rr in seinen gedankenreichen und popu« orträgm e« versteht, sich in die Denkweise gewöhn« Menschenkinder und auch wirNichrr Kinder zu versetzen. > treffend waren die gelungenen Anspielungen auf die dt. Tagesereignisse und die Paralelle zwischen dem rühmvollen Maclabäerkampfe und dem jetzigen Kriege, von dessen ^Gräueln sich jeder sittlich denkende Mensch mit Eckel und Entrüstung abwenden muß. Damals kämpften die Israeliten für׳ eine Idee, für die Erhaltung der wahren Freiheit und opferten ihr Gut und Blut, die Lehren ihrer Religeon dethätigen zu können, während die heutigen Großmächte nur ihren Besitz vergrößern wollen, die verkörperte Habsucht im Großen spielt in solchen Gewaltstaatcn die Hauptrolle und das muß oft der Gewalt gegen das Recht Subvention leisten, 001003 volens für dynastische Interessen und monarchische Eroberungsgelüste sich echauffiren. Herr Oberkantor Prof. Snlzer, der trotz seines vorgerückten Alters noch über eine starke barytone Stimme verfügt, leitete mit erprobter Meisterschast den gesanglichen Thcil (unter Begleitung eines EhorS und Harmoniumflügels) dieses Gottesdienstes, der von einem zahlreichen Publikum besucht wurde, wie es sonst selten der Fall ist, weil zufällig der Sonntag mit dem Feste zusammenfiel; crstcren feiern fast alle hiesigen jüd. Kaufleute und Geschäft-Männer statt des jüd. SabbatS, des eigentlichen RuhetageS unserer Nation. Früher bediente man sich der Ausrede, man könne 2 Tage in jeder Woche nicht das Geschäft sperren. Nun in der neuen Aera hätte man es nicht nötig, da Niemand mehr gezwungen werden kann, den Sonntag zu heiligen, und doch bleibt Alles beim Alten; freilich könnte man einwenden, man müsse die chr. Bediensteten auch berücksichtigen und ihrentwegen den Sonntag frei geben, umsomehr da an diesem Tage wenig gekauft wird; doch würden sich die Verhältnisse allmälig anders gestalten) bei einem gemeinsamen festen »nerschütterlichen Willen, ein Eardinalgebot der Thora nicht allgemein zu verletzen, wenn nur Viele im Vereine den Entschlnß fassen würden, unter keiner Bedingung den Samstag zu entweihen und lieber nur Sonntag, wenn auch nur einen halben Tag das Comptoir offen zu halten. Gelegentlich will ich noch einen Uebclstand erwähnen, deu die hiesige CultuS Gemeinde in süßer Nonchalance oder zu weit gehender Nachgiebigkeit schon lange duldet, daß nämlich während des HauptgottcSdienstcS Sabbat Morgens im Tempel der Seite»stättcngasse, dem ersten in Wien, in nächster Nähe Handlungen geöffnet sind u. z. zumeist von jüd. Fir« men, eines sogar im Tcmpelgebäudc, hart an den Eingang ins Gethaus; oft kann man eng an der Vorhalle ein Milchwagerl sehen und gerade vis-a-vis (Nr. 13 die Gasse ist ziemlich abschüssig) werden regelmäßig, wie an Wochentagen Fässer und Kisten auf Wägen geladen — Kann unter solchen Umständen noch überhaupt von Andacht die Rede sein, oder wirkt das Alles nicht vielmehr störend auf den ins Gotte-hauS Eintretende»'? Besonders fühlen cS unangenehm die rückwärtigen Bankreihen und jeder Andere ist dadivch verletzt. In Ansehung der Feier und Festtage ist nach Artikel 13 der interconfcssionellcn Gesetze in der Nähe des Gotteshauses bei jeder Religionsgenossenschaft während des Hauptgottesdienstes Alles zu unterlassen, was eine Störung oder Beeinträchtigung der Feier zu Folge haben könnte. Gesetzt einige Israeliten hätten ihre Berkaufsläden in der Umgebung einer Kirche, von welcher Confession immer, so würden sie sicherlich so viel Ausland besitzen und während des HauptgotteSdicnsteS ihre Locale sperren, um keinen An« stoß zu erregen; thäten sie es aber nicht, so könnte man sie polizeilich dazu verhalten, und doch haben sie nicht einmal soviel Takt gegknüber ihrer eigenen Synagoge. Wenn sie schon nicht, wie es doch vorgeschriebe» und Sitte seit jeher ist, sich den ganzen lieben und heiligen Säbbattag vom Han« del zurück ziehen können oder wollen, so sollten sie doch wenigstenS freiwillig dieses kleine Opfer bringen und Freitag Abendetwafrüher die Gewölbe sperren und Samstag Morgenein lvrnig später öffnen, da der Gottesdienst zumeist gegen 10 Uhr beendet ist. Indem wir unfern alten Gesetzen auch vor dem Gesetze Achtung zu verschaffen wiffen, erlangen wir zugleich Annerkeanung bei andern GlaubenSbekeanern. Einen eigenthümlichen Eindruck macht e-, wenn man zuweilen Tempelbesucher am Sabbat Geld in d׳e Armen» büchfen werfen sieht, oder wenn Purim am Sonntag ist, werden von officieller Seite Samstag Nacht beim Vortragen der Megillah Sammelteller zum מחצית השקל aufgestellt, da man wahrscheinlich voraussetzt, daß die Meisten mit Geld versehen sind, n n einen alte» Brauch einzuhalten, umsomehr als man zweifelt, Sonntag Früh wieder zukommen und dieselbe Geschichte sich nochmals vorlesen zu lassen. Man könnte sich ja den Appetit zu סעודת פורים verderben, ebenso fahren Manche am Samstag auf den Gottesacker, die Gräber ihrer Angehörigen aufzusuchcn (gewiß der passendste Tag zu dieser Pietätsbckunduug) und beschenken die daselbst befindlichen Armen. Ein Kaufmann aus einer großen, allgemein für fromm geltende» ung. Gemeinde sah ich an einem Sabbat vor seinein Comptoir stehen, wie er sich seine Zigarette, natürlich ggnz ungeniert und behaglich, schmecken ließ. Zufällig geht sein Bekannter vorüber und ersucht ihn um Feuer, um sich einen gleich — עונג שנת zu bemerken. Wir sind ja Lands» leute, wozu sollten wir uns vor einander schämen. Nachdem er angezündet, entfernt er sich dankend mit dem üblichen ״Guten SchabbeS" welchen Gruß der erste Herr freundlich erwiedert. ES ist dies sehr charakteristisch und zeigt, daß die Religiösen, sobald sie ihre Scrupel in dieser Beziehung verlieren und irgend ein Gebot übertreten, sagen, wir müssen, wie sie glauben, nicht beim Kleinen steh'n bleiben, sondern alles Heilige über Bord werfen und noch überdies damit Scherz treiben. Es ist nicht, Gott behüte, meine Absicht -n dcnunciren, sondern ich werde von lautern Motiven geleitet, und will, daß diese wohlgemeinte Anregung von denBetrefsenden berücksichtigt und das Getadelte wo möglich beseitigt werde. Möge dieser »nein frommer Wunsch kein pium desideriam bleiben! Man sollte es keinem glauben, daß in einer so großen Weltstadt wie Wien, wo der Sinn für Ideales durch den allgemein verbreiteten Materialismus erregt wird, die Hingebung für die geistigen Interessen de- Iudenthums sich auf ein Minimum reducirt durch zahlreiche Gelegenheit gebo« ten ist, dem Studium der Thora zu obliegen. So D in dem Bethamidrasch der Schiff-Synagoge die löbliche Ein« richtung getroffen, daß man zu jeder Tageszeit im warmen Zimmer eine reichhaltige hebr. Bibliothek benützen kann, ohne an gewisse Stunden, wie anderwärts gebunden zu sein. Nach dem Abendgebete werden mehrere Vorträge gehalten zur Belehrung und Erbauung. * Wochenchronik. *** Dr. Tederko als Demostenes. Schon unzählige Male haben wir die Uebcrzeugung gewonnen, daß, so oft es sich um eine demonstrative Rede der deutschen Minorität de- Stadtverordneten - Collegiums gegen die öechische Majorität desselben handelte, in der Regel ein Jude eS ist, der vom deutschen Casino vorgeschoben wird, weil wahrscheinlich nach Auffassung desselben, der Rücken eines Juden in unserer freien Zeit gut genug wäre, nm die verdienten Streiche, die die Urheber einer Demonstration treffen sollten, aufzu« fangen, und wieder ist ein Fall zu verzeichnen, der darauf schließen lassen mnß, die deutschen Mitglieder de- Stadt« verordneten-CollegiumS oder respektive, das deutsche Casino, diese Baumschule, in der germanische Auswüchse groß gezogen werden, beabsichtigen entweder den Juden der Lächerlichkeit preiszugeben oder ihn als den bloßen Prügel zu benützen, um sich selbst schließlich als unschuldig aus der Affaire zu ziehen und dadurch den Juden der böhmischen Nation gehässig zu machen. Anders könne man es sich nicht erklären, daß immer dieselben Juden im Namen der deut» -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.