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Die Gegenwart · 1870-12-23 · 52 (23.12.1870) · p. Seite 455

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
52 (23.12.1870)
Date
1870-12-23
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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fcer alten PielSt von dem alten weiland rituellen isr. Opfer« gotteSdienst oder an den künftigen Messias zu denken, dag." gen empfiehlt dieser Jud^Beschränkung der hebr. Sprache in der Liturgie, wo der deutschen Muttersprache mehr Spielraum gegönnt würde, u. unbedingte Einführung der Orgel, durch welches mirtum compositum des Liberalismus schein« bar das Judenthum er zu retten glaubt. O diese Rcformprojectmacher sind sehr gescheidte Leute u. wissen ganz Nug zu Werk zu gehen. Anfangs fordern sie nur ganz unschuldige Dinge und reicht man ihnen den Finger, so wünschen sie die ganze Hand. Man will ja nur kleine Umänderungen im Gebete aber nach u. nach kommt rS zu dem wichtigeren Theile und man schwenkt die verderbliche Axt gegen den alten Stamm des JndenthumS und sucht dessen Kern zu vernichten, wobei man sich noch den Anschein zu gebe» weiß, daß man eS ja mit den Juden gut meine und Allee zu dessen Wöhle und Heile unternehme. Diesen Artikel scheint auch Hr. Dr. Güdemann in seiner heutigen Exhortc im Auge gehabt zu haben, und er geißelt diese äütijüdischcn Bestrebungen der Neologen nach Gebühr in sittlicher ernster Ent« rüstung und wahrhaft eifriger priefterlicher Begeisterung für die jüd. Neligivn mit seinem abfälligen Urthcilr, mitHinweiS auf das Channkafcst erinnert er an die glorreiche Maccabäerperiode, wo sich die Priester, gewohnt mit dem Lichte umzugcheu und bewußt des wahre» hohe»' Wertes der inner« Erleuchtung im „Allerheiligftrn" sich nicht blenden ließen von dem Glanze griechischer Bildung und hellenischer Kunst, durch Versprechungen materieller Auszeichnungen nicht ver lockt werden konnten, dem syr. Tyrannen und dessen Götzen zu huldigen, sondern fest hielten an ihrem alten Glauben, den sie mit ihrem Leben verfochten und ihm durch ihre Heldenmüthige Gesinnung und standhafte Consequenz zum Siege verhalfen. Anlehnend an die Schlußstelle der „Makkabäer" wo der HeldcngrciS MatathiaS in seinem Testamente gleichsam seine Söhne anffordcrt, für die Religion zu eifern, fragt Redner in sehr bewegter Sprache, wie sollen und können wir Nachkommen dieser edlen Männer noch für unsere Lehre Eifer betheiligen, da wir gerade unsere heilige Sprache auö unserer Mitte ganz zu verdrängen suchen, uns unserer nationalen Sitten und Eigcnthümlichkeiten — zu unserer Schande sei eS gesagt — fast schämen und wer weiß, waö heute geschähe, wenn ein moderner Syrerkönig uns Rang und Ehr»nftcllen, Glanz und Reichthum und viele Geschenke böte, ob wir so kühnen Widerstand zu leisten fähig wären, oder nicht vielmehr unS billiger zu Concessionen unö verstehen würden, was man leider auö unserem JndiffercntiSmuS gegen alles Jüdische zu schließen vollkommen berechtigt ist, denn heutzutage findet jede Idee eher Anklang und Unterstützung alö specifisch jüdisches Interesse; man feiert alle möglichen großen Männer der ganzen großen Welt, nur nicht die unserer kleinen Nation, von denen unsere Jugend nichts zu wissen braucht, so daß auS unserer schönen Literatur, an der ruhmvollen Geschichte unseres Volkes tabula' rasa gemacht wird, dieses Feld fast ganz brach liegt. Zum Schlüsse seiner, alle Zuhörer mit sich hinreißenden Rede ermahnt Hr. Dr. Güdcmann zur Förderung der jüd. Lehre und ihrer Betheiligung, zu sorgsamer Pflege unscrer Sprache und Literatur, wie auch zur Unterstützung ihrer dürftigen Verehrer, dcr jüd. Gelehrten, darauf hinweisend, daß es mit dem äußeren Prunke des rrstituirten Gottesdienstes nicht abgrthan sei, sondern viel wichtiger zym Fortbestände des JndenthumS für die innere Stärkung des religiösen Sinnes, dessen praktische Anwendung im Lebe», und jeder Vater soll mit dem Anzünde der Chanukalichter diesen Gedanken verbinden, in seinem >ause auf die innere Erleuchtung das Hauptgewicht legen, ' j die Thora im häuslichen Kreise bethätigt worden, seinen § dern, unsere heldcnmüthigen, tapfer« Ahnen als schöne Musterbilder von Charaktttststigktit vor Augen schweben, und danken sollen wir Gott, daß er unS die »eue Aera der Religionsfreiheit erleben ließ, unter der nich freiung von der Religion, Emancipirung vom Gesetze, so,..:rn freie Ausübung der jüd. Satzungen aufzufafien sei. Bei der nachmittägigen Ansprache an hie Stut stimmte Herr Dr. Jellinek zufällig fast im Thema mit Dr. Güdrmann zusammen, indem «zpch er die Wichtig, der hebr. Sprache heroorhob, die man allen andern fremde». Sprachen vorzichen muß, welche letztere freilich bei'den jetzigen leichtern Eommunikationsmitteln auch der entferntesten Länder sehrnothwendig sind, doch bildet unsere Nationalspracht unser einzig unS gebliebener Familienschatz, durch ihre Beibehaltung im Gottesdienste besitzen wir ein geistiges Band, das alle GlanbenSgenossen umschlingt, soweit wir auch auf dem Erde,»runde zerstreut sind. Hr. Dr. Jcllimk suchte in sinniger Weise auf psychologischem Wege Josefs Traumauslegung an den Mund schenk und Oberbäckcr zu erklären, indem Josef ans den Träumen auf den Eharakter beider zu schließen im Stande war und zugleich wissen konnte, wer schuldig sei. Der seit 3 Jahren hier bcstchcndc R.devcrcin „Tibcria" zur homilttischen Ausbildung der Mitglieder (eS sind unge. führ 30) halte bisher kein bestimmtes Lokal zu diesem wich« tigcn Ziveckc und mußte» die armen Rabb. Eandidatcn von einem Orte zum andern, nnstät nnd flüchtig, nnc Kain und der ewige Jude herumwandern und fast jeden Kurs ihren Bestimmungsort wechseln. Durch die Güte dcS hiesigen Cultus-Vorstandes ist diesem IKbclftanbc nun abgeholsen, indem ihnen gestattet wurde, jeden Sabbat Nachmittag im kleinen Wintcr-Bethanse des neuen Tempels oratorische Exercilirn abzuhaltcn, wobei jedoch Fremden der Eintritt nicht gestattet ist. denn die Mitglieder wollen unter sich sein zumal als gegenseitig strenge Kritik gcülN und die Predigt einer eingehcn den Diskusslon unterzogen wird. Allenfalls verdient dies freundliche Entgegenkommen von Seile der Repräsentanz gerechte Anerkennung und zeigt das löbliche Vorgehen, daß man geneigt ist, die Studircnden mit Rath und Thal zu unterstützen. Nächstens soll dcr 4. GründungScomlnerS abgehaltcn weichen, >vo e« hoffentlich nicht so stürmisch hergchen wird, als beim letzten des akademischen Lescvereins, dcr mit Recht wegen feiner stockprcußischcn antiösirrreichischen Tendenz aufgelöst wurde. Zum Vereine „Tibcria" gehören: Deutsche, Mährer, Slavcu und Magyaren, doch sind diese alle vor allem Ocsterrcicher, während beim Studentcncommerse .die öftere. Gesinnung verstummen mußte; es zeigt sich darin so recht augenscheinlich das Produkt despotischer Will kühr, indem nicht einmal Redefreiheit jenen geivährt wurde, jenen, die Oesterreichs Fahne erheben wollten. Das wäre mir ein schönes Ideal von Freiheit, deren Verfechter andern ihre Ansichten aufoctroiren wollen und jede fremde Meinung mundtobt machen. Im Reiche dcr Junker und Mucker geht Macht vor Recht, nach dcr bismarkiichen Blut- und Eifcnthcorie übt die Gewalt, wer sic in Händen hat und man sucht sie durch alle möglichen Mittel zu erlangen. Die neue akademische Lesehalle dürste im Laufe deS . Monats auf Grundlage deS aufgelöste" Vereines, doch mit theilivcise abgcändertcn Statuten consti.-lrt werden, wo alle Nationalitäten, wieder »vic früher Zutritt haben iverdcn. Dcr Zweck deS so modifizirten Vereines ist gegenseitige wissenschaftliche Ausbildung der Mitglieder und Förderung der Eollegialität, indem er sich von dcr Politik gänzlich srrnhält, was auch daö Klügste ist, denn die Studircnden haben viel Wicht g.res zu thun, als politische Kannrgießcrei zu t»e,ben. Von der hiesigen Universität sollte das schöne Beispiel ausgehen, wie sich alle Ltudircnde gut vertragen können, wenn sie von einer Idee getragen von gleichem Geiste beseelt, demselben Zwecke ihre Kraft widnicn, nur ein hohe» Ziel verfolgen : sich so viel als möglich zu vervollkommnen und alle Völker Oesterreich« werden im Großen und Ganzen mit ähnlicher Einlnüthigkcit die« Ideal des Friedens und der Eintracht verwirklichen. Diesmal wurde-der 1. Chanuka Abend im alten Tempel in besonders feierlicher ruhmvoller Weise begangen. Nach dem Abendgebete hielt Hr. Dr. Jellinek eine sehr geistreiche. Alle« begeisternde Rede über die Bedeutung des F steS, wie man eS von diesem Meister deS Wortes nicht andererwarten kann und thatsächlich meist von ihm zu hören ge? 52*

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