Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 50 (9.12.1870)
- Date
- 1870-12-09
- Page
- Seite 442 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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442 4hisch nnb brutfdb wird die Berwallung der k. Hauptstadt oeführt oft mit würdeloser H ü r t t, oft grrabc mit Hintansetzung deutscher Interessen u. s. w. Diesir Aufruf war vnier Andercm auch vom Stadtroth« Hrnn Schwab, vom Stadtverordneten H. Dr. TedeSco, vom Stadtverordneten Herr Dr. Wiener mit unterfertigt. In der Mittwoch stattgehabtrn Bersammluug des piagrr Stadtverordnetenkollrgiums widerlegte gründlich Hrrr D»'. PrachenSky die in jenem Aufrufe gegen die Siadlvertrrtung geschleuderten Jnvrktivrn und sagte uutcr Anderem: „Diese Herren, die mit uns so verfahren, unterfangen sich, uns Bedrückung der deutschen, Naiion vorzuwersrn! Einen Beweis hicfür haben sie freilich nicht geliefert. Es liegt nicht einmal im Charakter der böhmischen Nation, daß sic überall nur herrschen und die andere Nationalität unterdrücke» wollte. Wir haben es mehrfach bewiesen, daß wir friedlich und vcrtiäglich »eben, ober keineewegs unter ihnen leben wollen. Sehen wir «ns unfri r Bei eine an, dir Bürgen effvurce, der akademische Lesrverrin, die Technik u. s. w. waren ursprünglich für beide Nationalitäten, aber nein, diese Herren wollten nur ein deutsches Kasino, nur eine deutsche Lesehalle, deutsche Technik n. s. w. haben, und diese ihre großdruischrn Tendenzen wvl.cn sie auch in der Grmeinde- Verwaltung durchsetzen, und wir eben waren es, welche die' scm einseitigen Treiben rin Ende machten. Sobald die Gemeinde wieder dir Autonomie erlangte, wurde durch den verdorbenen Bürgermeister in der Brrwaltunq alles so eingerichtet, daß keine von d>n beiden Nationalitäten Ursache zu irgend welchen Beschwerden über Bednickung batte. Daß die deutsche Nationalität hier nicht unirrtincki oder hinweggefetzt wild, hiesür liegen Beweise in Hülle und Fülle vor. Alle Eingaben werden sysuniatisch immer in jener Sprache erledigt, in welche» sic übe»reicht wurde». Soll etwa die „würdelose Härte" darin liegen, daß wir mit grvßeni Aufwande deutsche Schulen enichteten, für die wir feine deutschen 5kindrr haben und dir wir bei der unzureichenden Anzahl bölmischer Säulen mit lölmischrn Kinde,,, füllen müssen. Oft das dir „windelosc Härte," wenn iwr selbst nanihafte Opfer bringen, um nur mit unseren drutsi' en Nachbaren Frieden zu haben? Und dennoch stehe» diese Herren nicht an, n»S der Bidnirlnum, ilnrr Nationalität zu beschuldigen. Jeder, der nur ein Biechc» Gerechtigkeitssinn besitzt, muß diesen Vorwurf als eine böswillige Berlenmdnng zurückweisrn und darum eben mußte es auffallend sei», daß selbst einige Herren welche in dieser Versammlung sitzen, wie die Hur«-» Herget. Jnnrk, Klandis Dr. Schubert, Schwab, Dr. Cklmeylal, Beiih, Tcdc Sco und Wiener ebenfalls keinen Ausland »ahmen und die böswillige Brschiildigi,' g mitnnterschrirbcn. Wenn diese Herren wirklich je grrrchtsertigtrii Grund zu etwaigen Beschwerden hatten - und daran zweifle ich sehr — so wäre cS ihre Pflicht gewesen, dieselben hier, im Stadtverorductenkollcgiuni össiiillich vorzubringen und uni Abhilfe anzusuchcn, Und diese löbliche Versammlniig hätte sicherlich ihrem Allsuchen entsprochen. Das wäre inüiinlich und ehrlich gehandelt; aber hinter fremde Firmen und noch außerhalb dieser Versammln» z sich zu verstecken, war keineswegs m Ordnung. Im Grunde dieser unserer Erfahrung erlaube ich mir an den Herrn Bürgermeister die Ansrage zu richten, ob von den genannten Herren iiberhaupt welche Beschwerde überreicht und was in Folge dessen veranlaßt worden war? WciterS. ob der Herr Bürgermeister der Ansicht ist, daß zur Wahrung drr Ehre und der Würde dieses Kollegiums etwas zu Veranlassen sei?" Hieraus riwiedcrte Bürgermeister D i l t r ich: Ich muß gestehe»/ daß mir von diesen Herren niemals eine Beschwtlde überreicht wurde »nd daß v. I. 1861 und auch seitdem ich das Bürgermeisteramt bekleide, in der Gemeindeverwaltung die volle Gleichbrrrchtigung strengstens gewahrt wird und keine Nationalität Ursache hat. sich über ein ihr etwa jugesügirs Unrecht zu beklagen. Der in dem angeführ ten Aufrufe enthaltene Angriff hat mich ebenfalls unangenehm, berührt, und ich konnte dar über nicht ins Klare kommen was die Hcrren mit der „würdekofen Hätte" eigentlich meinen. Ich kann hier mit gutem Gewissen das Zeugniß oblegen, daß der deutschen Rationalität in keiner Richtung Unrecht geschieht. Alle Eingaben werden in jener Sprache erledigt, in welcher sie verfaßt sind, im Stadtrathe wird in beiden Sprachen referirt, debattirt, ja in Angelegenheiten» betreffs der GemeindegaSanstalt, ausschließlich in deutscher Sprache. *** Die ungar. Schafvoll Wasch- und Kommissions- Aletien-Eestll schuft hat jüngst ihren Preistarif erheblich ermäßigt, so daß vorauszusehen ist, es werde dieses nützliche und gut geleitete Unternehmen einen noch größern Zuspruch finden, als dies bisher der Fall war. Unter den Aktien-Jnftiluten, welche in den letzten Jahren ins Leben gerufen wurden, nimmt überhaupt die ungarische Schafvoll Wasch- und Kommissions-Gesellschaft einen hervorragenden Rang ein — Dank ihres BerwaltungSratheS und des tüchtigen kommerziellen-Direktors Herrn Karl Kühe. (Neues Pcster Journal). Berichtigung. Wir sind in der Lage, die in der vorigen Nummer dieser Blätter, Herrn Simon Koref betreffende Notiz damit berichtigen zu können, daß die in derselben erwähnte Depesche des Fremdenblattes bezüglich der Sradtverordnetenwahlen nicht von Herrn Koref herrührt. Inland. Denn 2. d. fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde in Wien die Bekleidung von zehn jüdischen und von zehn christlichen Waisenknaben (letztere nach derAuS- Wahl des Bürgermeisters) mit vollständigen Wintcranzügen von Seite eines israelitischen WohlthäterS und in dessen Gegenwart statt. Ein Waisenknabe sprach im Namen der übrigen den Dank für diesen Akt deö WohlthunS aus. — Die niederösterrcichische Statthalterei hat auf die Eingabe deS Borstandcö der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde das Wahlrecht auch jenen jüdischen Glaubensgenossen bewilligt, die nicht Mitglieder der Kultusgemeinde sind, sich aber durch einen Steucrbeitrag an den Lasten der Gemeinde betheiligen. — Im israelitischen Tempel in der Seitcnstättengasse sollte Sonntag« Nachmittags die Hochzeit der Manufakturwaaren- Hävdlrrin Fräulein Fischer mit dem Kaufmann I. Kurzweil aus Klosterneuburg stattfinden. Im Hause der Braut, Nußdorfcrstraßc, waren die Hochzeitsgäste versammelt, nur auf die Hauptperson, auf den Bräutigam wurde noch gewartet. Dieser aber brachte durch sein Nichterscheinen Alles in peinlichste Bcrlcgenhcit. Der Prediger Dr. Jellin c k, welcher die Trauung vornehmen sollte, erhielt die Mitthcilung: „Ein großes Unglück ist geschehen, die Hochzeit kann, nicht stattfindcn." Herr Kurzweil hat sich angeblich, um noch^einige dringende Angelegenheiten zu ordnen, Samstag Vormittags von feiner Braut entfernt und kehrte seitdem weder zu dieser, noch in seine Wohnung zurück. — Glücklicher erging es einem jüdischen Drcchslcrgescllen, der nach vielen Schwierigkeiten eine BürgcrStochter katholischer Konfession zum Altäre führte. Da« Mädchen zerwarf sich mit ihren Eltern, welche die Heirat nicht zngebcn wollten, und wurde konfessionslos. Später drängte sich ihr die Ueberzeu« gung auf, daß die Religionslosigkeit ihr nicht zum Heile gerathcn könne und wurde deshalb Jüdin. Dr. Jelinek gelang e«, zwHchen Tochter und Eltern eine Versöhnung hrrbeizuftthren, mrd segnend legten sic vor der Trauung die Hände auf daS Haupt ihres andersgläubigen Kindes. — In einer der nächsten Sitzungen der Kultusgemeinde wird abermals die Frage der Einführung von Orgeln in den beiden großen Tempeln Wiens erörtert werden. Dieser Neuerung opponiren die Orthodoxen, während der intelligentere Theil der Gemeinde dafür ist. Ein hervorragendes Mitglied der Kultusgemeinde hat sich bereit erklärt, in dem Tempel der