Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-12-09 · 50 (9.12.1870) · p. Seite 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
50 (9.12.1870)
Date
1870-12-09
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434094--952-4891230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seiten desselben hervorgehenden Trompeten begleitet war. Der Vorschlag de- Dr. Sonneschein wird genehmigt, also jom teruoh gegen die Ansicht Wise'S beidehalten. vr. Meyer beantragt wetimloch atho rc. zu streichen, weil diese-Gebet auf die veraltete Idee beruhe, daß Gott als König über Israel mit Ausschluß aller andern Völker über dasselbe zu Gericht sitzt u. s. w. Dr. Wise vertheidigte diese Stelle und wünscht dieselbe beibehalten zu sehen. Nach einer längeru Debatte wird beliebt dafür wetimloch al kol hoaulom sc. zu setzen. AuS beßephcr wird auf Antrag Wise'v chajim wescholom, und auf den Hübsch'S Anachnu wechol Amcho beth jiSroel g e st r i ch e n. Journalistik. Unter dem Titel „Sieh nach deinem Hause Israel!" bringt die „Isr.. W." folgenden charakteristischen Artikel: Der Ausfall der Wahlen zum preußischen Abgeordne- Imhause ist unsern Lesern bekannt, er hat wohl kaum Jemand überrascht, er nimmt für den Augenblick noch wenig die Aufmerksamkeit des großen Publikums in Anspruch. Aber der Krieg wird ein End; nehmen, das parlamentarische Kampffeld wird wieder eröffnet werben, und das Abgordnetenhaus — ist auf drei Jahre gewählt! Es liegt unS stets fern, Gegenstände der innern oder äußeren Politik hier besprechen zu wollen, insofern sie nicht von jüdischem Gesichtspunkte ans beleuchtet sein wollen, oder speziell jüdische Interessen berühren. Letzteres ist hier aber h ö ch st wahrscheinlich der Fall. Wir setzen das Zahlverhältniß der Parteien als bekannt voraus. Die conservative hat, wenn auch nicht die volle Mehrheit der Stimmen gewonnen, doch große Aussicht in ihrer großen Zahl, im Bunde mit Freiconservativen u. a., viele wichtige Fragen in ihrem Sinne entscheiden zu können. WaS kann sie vereint inib in gegenseitiger Unterstützung mit dem Ministcrinm Eulenburg-Mühler in drei Jahren auf dem Felde der Gesetzgebung zu Wege bringen! Sollen wir uns etwa auf ihren guten Willen („gut" in unserem Sinne) oder auf ihren Mangel an gutem Willen („gut" in ihrem Sinne) verlassen? Nun sott der Israelit bei allen Schickungen und Ereignissen sprechen: „auch dies ist zum Guten!" (gam su l'tobah). Wir wollen dieser Borschrift Nachkommen und unsere Ansicht über das „Auch gut" bei dem Ausfall der Wahlen aussprcchcn. Er mag dazu diene», dem spezifischen borussischeu Hvchmnth eine harte, wohlverdiente und wohlapplicirte Lehre zu gebe», d. h. wenigstens den l i beraten Männern der altpreußischen Provinzen, bei denen sonst jener Dünkel eben so stark ist, wie bei den Junkern; — und so mag die | Niederlage, welche sie erlitten haben, gut machen, was der kriegerische Erfolg in dieser Beziehung zu verderben, schlimmer zu machen geeignet ist. Man wird sich doch wohl sagen : wohin würden wir gelangen, wenn wir auf Altprcnfien angewiesen wären °? wie verschwindend, erdrückt von der Mehrheit der unter dem Einstnß von Landjunkern, Landräthcn und Pastoren Gewählten, würden die wenigen Vertreter der Städte u. s. w. Pastellen ohne die mächtig- Hülfe der neuen und nenestrn Provinzen? Würden wir nicht demnächst flott zurücksegel» in das Fahrwasser Friedriche Wilhelms des Eiste n, unter die Herrlichkeit des Eorporalftocks? Wo bleibt, d. h. wo bliebe die Intelligenz derjenigen, welche sic als Allodium zub sitzen wähnen? Indessen Berechnungen pessimistischer Natur sind gerade jetzt unzeitgemäß und illnsorisch. Wir haben nun dem „Auch gut" genügen wollen; jetzt gilt cs warnen und auf Vorsichtsmaßregeln Bedacht nehmen. Das Ressort des Ministerium des Innern, der Justiz, der Finanzen geht unS hier wenig oder gar nichts an. „Mit Anstellung eine- Juden mehr im Staatsdienste ist uns nicht geholfen. Desto mehr intekeffirt uns da» Resort des Herrn von Mahler, und hier liegt die Sache zugleich am allerbe« denklichstcn! Die katholische Fraktion tritt mit mehr als 50 stimmen ins neue HauS, und da die Rechte schon nahezu die Hälfte der Stimmen (circa 200 unter 432) besitzt, so ist es vollkommen gewiß, daß die katholische Partei den AuSschtaö geben, und ebenso gewiß, daß sie — abgesehen von etwa ganz speziell katholischen Fragen — Herrn von Mühler, ihrem guten ihrem besten Freunde, eine entscheidende Majorität sichern wird. „Die Annahme deS Unterrichtsgesetzes ist jetzt in sehr nahe Perspektive gerückt," wir können uns durchaus nicht mehr getrösten, daß es auch ohne unser Zuthun und Abwehren zu Fall kommen wird. Daher „sieh nach deinem Hause, Israel!" Es liegt heute noch nicht in unserer Absicht, die Gefahren. mii denen dieses Gesetz unsere höchsten religiösen Iutereffen bedroht, zu besprechen; wir haben zuvor die traurige Aufgabe unserer Schwäche darzulegen, zu.n Bewußtsein zu bringen, um desto mehr zur Anspannung unserer geringen Kräfte anzuspornen. Wir haben kein Central- oder anch nur Provinzial-Orgaa (in Altpreußcn), um unsere Beschwerden, Anliegen, Anträge zu formuliren. Der einzige offen stehende Weg: der Entwurf einer Petition durch einen sich dazu berufen Fühlenden oder Glaubenden, die Veröffentlichung und Versendung zum Behufe der Unterschrift durch Gemeindevorstände u. s. w., ist ein sehr umständlicher, mißlicher. Da es indeffen keinen audern gibt, so muß er betreten werden; auf die Zahl der Unterschriften kommt eS dabei wenig an; die „Sutro'sche Petition" — die eine« Einzelnen also — hatebenso gute Dienste geleistet, wie die gelegentlich von vielen Gemeinden überreichten. Das Haupthinderniß liegt in dem Umstande, daß ein sehr großer Theil unserer Gebildeten die Gefahr gar nicht kennt, unterschätzt, oder von dem rechten W.'ge der Abhilfe gar nichts wissen will, und so trifft das alte böse Wort ein: „Deine Verderber und Zerstörer gehen von Dir selbst, auS." Die Liberalen, Juden und Christen, streben nach der confessionslosen Schule. Daß wir mit dieser, wenn ihr Prinzip conscquent durchgeführt würde, wohl zufrieden wären, haben wir oft genug ausgesprochen. Dieses Streben ist aber für jetzt a u S s i ch't S l o S! WaS wird nun von jüdischer Seite geschehen? Ein großer Theil der daS große Wort Führenden wird sprechen: „WaS kümmert eS unS? Laßt Wühler in seinen Schulen walten, w i r schicken unsere Kinder in gar keinen Religion--Unterricht, lassen ihnen höchstens einige Privat Religionsstunden geben und haben somit, was wir begehren." Fordern w i r dagegen "für die confessionelle Schule Gleichberechtigung der jüdischen Religion und des jüdischen Religions-Unterricht?, fordern wir Berücksichtigung der jüdischen Schüler in Bezng auf Sabbat und Feiertage u.dzl.m.: so stoßen wir auf Widerstand in unserer Mitte, c? erhebt sich da- Geschrei über „hierarchische Bestrebungen" und andere für unsere Verhältnisse ganz sinnlose Stichworte. Daß die ganz christliche streng kirchlich „durchsäuerte" Schule die Herzen und Köpfe der jüdischen Schüler doch am Ende verwirrt und das Iudenthum schädigt, da? sehen jene kluge Leute nicht oder eS macht ihnen auch keine Sorgen. Aber dieselben Männer denen das Indenthum nichts, dafür aber die ä u ß er e Ehre und Stellung der Juden alles gilt, sehen auch nicht einmal ein, daß diese äußere sociale Gleichstellung der Inden nie erreicht werden kann, so lange die christlichen Kinder in der Schuleschen, daß daSIudenthum nichts gilt, nichts bedeutet, überall i gn ori r t wird. Und sind denn alle Juden im Stande, für ihre Kinder die Schule zn wählen? Was wird auS den Tausenden, die auf die Elementarschule angewiesen sind, welche .außer christlichem CatechiSmuS u. s. w. fast gar nichts lehren soll? DaS kümmert freilich unsere „Großen" und Wortführer nicht! Und diejenigen wieder, welche sich vielleicht pes-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.