Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-12-09 · 50 (9.12.1870) · p. Seite 438

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
50 (9.12.1870)
Date
1870-12-09
Page
Seite 438 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434094--950-4891228
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

mit ihnen die blutige Revolution, die den König seine- Throneentsetzte, der in ein Land flüchten mußte, um den Kelch debitteren Wermuthzu leeren, den ihm die Rück« sichl-losigkit gegen ein der Freiheit würdige- Bock bereitete. Unterdessen wurde vom Volke die Republick proklamirt und mit ihr Freiheit (libert-)j Gleichheit (igalitl) und Brüderlichkeit (frsternitü). Diese drei Grnndprincipieu, die Pfeiler einer zu erstarkenden Nation, wurden nicht nur ausgesprochen, sondern auch praktisch zur Geltung gebracht. Die provisorische Regierung zählte zu ihren Mitgliedern den Juden Cremieux al- Justizminister, den Juden Goudcheaux als Finanzministcr. Es wurde nun zur Präsidentenwahl der Republick geschritten, zwischen Cavaignac und Napoleon ward zu wählen. Das LooS fiel auf letztem, nachdem sich die meisten Departementfür ihn entschieden. Der Staatsstreich vom 2. Dezember lHf>2 schuf das zweite Kaiserreich; trotzdem Napoleon die Republik beschworen, beunruhigte ihn der Kitzel des EhrgeitzeS, der ihn zum Ursurpator machte. Wir sehen unter dem Auge dieseherrschsüchtigen Monarchen die Freiheit unterdrücken, aber nie den Unterschied zwischen Pen verschiedenen Eonfessionen aufkommen lassen. Dafür spricht die Ernennung de- Juden Fould zum Staat-minister und Großschatzmeistcr. dessen Erhebung in den Grafenstand. Man sieht nun daran-, daß es Napoleon III. nicht wagte, an dem alten Erbstücke de-Volke-, der Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse, zn rütteln. Mit dem blutigen preußisch, deutsch-französischen Kriege erstand für das zweite Kaiserreich eine verhängnisvolle Epoche. Nachdem der deutsche kriegführende Theil nach mehreren Schlachten blutige^Siege an seiner Fahne geheftet, erfolgte S.'dan, mit ihm die Gefangennahme Napoleons. Diese verdiente Katastrophe mußte für Frankreich eine Abner, der Jude. Deutsches Märchen nach W. H a n ff. Juden gibt es überall und sic sind überall Inden: Gcscheidt mit Jalkenangcn für den kleinsten Bortheil begabt, hartnäckig desto hartnäckiger, je mehr sie mißhandelt werden, ihrer Hartnäckigkeit sich bewußt nnd sich etwas darauf rinbildend. Daß aber doch ein Jude durch seine Geschcidthcit einstweilen zu Schaden kommt, bewies Abner, als er eine- Abends zuin Thore von Marokko hinaus spazieren ging. Vergnügt in sich hineinlächelnd wandelt er langsamen Schrittks ans der belebten Straße. Vergnügt ist er. denn er überlegt, was er heute geivonnci». Er ist Kaufmann und Arzt zu gleicher Zeit, und so hat er heute einen Sklaven »nt einem heimlichen Fehler verkauft, eine Ladung Gummi um einen Spottpreis erhandelt und einem reichen kranke» Mann den wolthucnden Trank bereitet. Eben war er aus einem Gehölze wieder auf die Straße herausgetreten, als er ei» lautes Geschrei herbeilausender Menschen hörte: eS waren kaiserliche Stallknechte, demOberstallmcister an der Spitzt, der ihm schon von Weitem jurirf: „Mensch, hast d» nicht ein kaiserlich Pferd mit Sattel und Zeug vorüberrennc» sehen?" Abner antwortete höflich: „Einen vortrefflichen Renner, mit zierlichem Huf nnd silbernen Hufeisen, goldigem Haar und langem Schweis." „Er ift'8! er ist'S rief die ganze Rotte. „Cs ist der Emir; aber sag' wo ist er hingelaufen?" „Hab ich doch gar kein Pferd gesehen," antwortet Abner lächelnd, „wie kann ich sagen, wo es ist hingelaufen, dcS Kaisers Pferd." Erstaunt über düsen Widerspruch wollten die Stallleute just über Abner herfallen. als ein anderes Ereigniß dazwischen kam. Gerade ivar auch der Leibschooßhund der Kaiserin entlaufen tinfc ein Hanfe schwarzer Sklaven rief schon von Weitem: Habt Ihr den Schooßhund der Kaiserin nicht gesehen?" „E» ist kein Hund, den ihr suchet," sagte Abner, „sondern eine Hündin." „Allerdings," rief der Eunuch „aber wo ist er?" sehr traurige Wendung nehmen. Die P.okt»mirnnß der Re> publik, die Constituirunz einer provisorische» Regierung, zu deren Mitgliedern wieder Cremieux zählt, waren die noth«» wendige Folge entsetzlichen BerratheS. So wie man aber in der Noth seinen Freund erkennt, so erkannte die französische Nation in den Inden die aufrichtigsten, m.t fühlenden Freu», de. In der gefahrvollsten Periode, in der der Feind seinen Fuß auf dem Nacken einer edlen Nation stemmt, scheut es der 72 jährige Jude Cremieux nicht, sich an der Spitze der in Verzweiflung kämpfenden Nation zu stellen, rastlos zu arbeiten und fein Vaterland, vor den übermüthigen Eindringling retten zu helfen. So bietet der französische Jude, der in diesem mörderischen Kriege dem Tode kühn in- Gesicht sieht und jeden Fuß breit' seines Vaterlandes zu ver« theidigen sucht, ein ergreifendes aber auch nachahmungSwertheS Beispiel der Vaterlandsliebe, der Begeisterung für eine Idee und des hartnäckigen Widerstandes. Der französische Jude steht zu seinem Volke, mit und unter dem er lebt, im Frieden wie im Kriege, im socialen wie im politischen Leben ist er durch und durch Franzose. Nicht heute so, morze» anders, nicht aus Klügelei und in politischer Spitzfindigkeit heute mit dem Volke, morgen gegen dasselbe gehen, liegt in dem Charakter des französischen Inden. Der Jude Cremieux war und ist durch und durch Republikaner, nicht Ehrenstellen waren mächtig genug, ihn von seinem Standpunkte zu verrücken, als einen der edelsten Söhne Frankreich; sieht man den charakterfesten Greis heute die Zigel der Regierung eines verzweifelt kämpfenden Volkes führen, bewundert man die Inden, wie sie mit orientalischem Feuer und römischem Heldenmuth: sich in das Schlachtgetümmel stürzen. Cremieux, so wie jeder französisch: Jude betrachten die „Ein kleiner Wachtelhund, der auf dem linken Beine hinkt." „Ja. ja, das ist Alinc, riefen die Schwarzen, außer sich vor Freude, als hätten sie sie schon. „Die Kaiserin liegt in Krämpfen. Sprich, wo ist Alinc?" „Ich habe gar keinen Hund gesehen," antwortete Abner lächelnd, „wußte auch gar nicht, daß die Kaiserin einen Hund besitzt." Als dicß die Stallieute und die Schwarzen hörten, wurden sie hoch ergrimint, und da sie gehört, wie er Alles so genau wußte, ivarcn sie fest überzeugt, daß er Hund nnd Pferd gestohlen habe. Der Stallmeister und der erste Eunuch packten deßhalb den lächelnden Inden nnd führten ihn vor den Kaiser. Dieser berief sogleich den Rath der Acltcsten zusammen, in welchem er den Vorsitz führte, nnd ließ zum Beginn des summarischen Verfahrens dem armen Juden fünfzig Sohlcnstrciche aufmeffcn: alle- Winseln half nichts, der Kaiser that de» Spruch, daß der Philister die Schmerzen de- Prinzen Abdallah und dir*-Krämpfe der Kaiserin mit dem Kopfe bezahlen solle, wenn die Flüchtigen nicht wieder bcigcbracht würden. Noch erscholl der Pallast von dem ^Jammergeschrei des Inden, als die Kunde kam, Hund und Pferd seien cingefangcn. Erst jetzt konnte Abner zu Worte kommen und sich rechtfertigen. „Großmächtigster Kaiser, durchlauchtigster Königs" rief er. „Ich schwöre bei dem Gott meiner Väter, bei Moses und den Propheten, daß ich dein heiliges Pferd und meiner gnädigen Kaiserin liebenSwiirdigcn Hund »üt meinen Leibcsaugcn incht gesehen habe. Ich spazierte, nichts denkend, in dem kleinen Gehölze, wo ich Seiner Herr, lichkcit dem Oberstallmcistcr und seiner Wachsamkeit der schwarzen Aufseher des Harems begegnete. Da gewahrte ich im Sande die Spuren eines ThiercS, und da mir solche Spuren genau bekannt sind, erkenne ich sie alsbald als die Fnßstapfen eines kleinen Hundes : langgezogcne Furchen im Sandboden lassen mich auf die Eiter einer Hündin schließen, welche vor Kurzem geworfen, und der an einzelnen Stellen aufgewühlte Sand gibt mir den Schwanz de- Wachtelhundes zu erkennen; eine Pfote, die weniger scharf ausgeprägt war, deutete auf einen kurzen Fuß. Was daS Pferd deiner Hoheit betrifft, so sah ich im Gehölz den feinen, kleinen Huf, der auf die edle Raffe wies; die gleichmäßigen Spuren ließen mich ans einen schönen Gang schließen. Auf einen» Marmelstein gewahrte ich einen Strich, den nur echte- Silber ziehe,» kam». Der Staub

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.