Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-12-09 · 50 (9.12.1870) · p. Seite 437

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
50 (9.12.1870)
Date
1870-12-09
Page
Seite 437 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434094--949-4891227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SUn •foKtiictfif •uaiiltig fl. 5.— Hlbjährig „ 2.50 vierteljährig,, ISO Mit Postzuseiduog; Gaozjährig fl. 5.5Ü Helbjährig „ 2.75 vierteljährig,, ILO Kur- Ausland: vanzjährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Inserate »erben billigst berechnet. Die Gegenwart. Israelitische Wochenschrift für politische, sociale und religiöse Interessen. Erscheint an jedem Freitag. vebattia» ». KM nißrattan Prag, tttt« tergafleKrn. 408— t »»hin ave Brief« ». velbsenbnnge, ,, richten finb. Znschriste» »erbe, fronro erbeten. Ra» nnflripte »erbe» bei Nichtvrrwendnng ans verlangen jebach nnsrankirt znriickrr. stattet. $ Nr. 50. _L. ■ l l i i »i Prag 9. Dezember 1870. Ul. Jahrgang. Die französischen Juden und die Republik. Auf dem ganzen europäischen Continente kann sich fein anderes Land als eben nur Frankreich rühmen, sich zuerst an die Spitze der Civilisation gestellt. vor Allem aber den Unterschied der Confessionen ausgrhobrn zu haben. Die franzöfische Revolution von 1792 schüttelte das Joch übrimülhi' ger und schwelgerischer Regenten ob, die in dem Volke den blutgesüllten Leib erblickten, um mit dessen Lebenssäfte die ' Wollust zu nähren und desto üppiger die schändlichsten Orgien zu feiern. Wie mit einem Axihiebe hieb die Revolution entzwei den morschen Staum königlicher Tyrannei und pflanzte den Saamen zur Humanität und Freiheit.. DamalS gab es wol der Juden wenige in Frankreich, aber dennoch athmeten sie zuerst die Frühlingsluft der Freiheit ein. die auö dem Volke, au« desien Herzen hrrvorgrwachsen war. Mit dem Sturze der Republick siel allerdings das wahre freiheitliche Gebäude zusammen, aus dessen Sebutthouien ragte jedoch die religiöse Toleranz wie eine blühende Rose aus einemDornenhügel hervor, weil eben vom Volke die Saat gestreut war, über die die heftigsten Stürme hinwegbrausen konnten. Feuilleton. Aus einer alten Predigt. (Ein alte- Spiegelbild des gegenwärtigen Kriege»), „Wehr dir, blutgierige Stadt I Ball warst du des Luges ganz der Gewalthalten voll, nicht hörte das Raube» auf. Run schallt die Peitsche, und raffeln die Räder, nun traben die Raffe, nun rausche» die Magen; nun schwingt der ReiterdaS flammende Schwert, das büßende Bajonett — wie viel sind die Erschlagenen! weiche Menge von Leichnamen I Ohne Zahl die Entseelten, sie straucheln über die 1 Entseelten. Das ist wegen der Unzucht, wegen der Zauberei, die du triebest, schöngestaltige I Verkauftest du nicht Völker für Genuß, machtest du nicht elend Familien für deine Zauberkünste? — Run gehe ich wider dich, spricht Gott, ich decke auf den Saum deines GewandeS über dein Haupt, ich zeige deine Schande den Rationen, deine Schmach den Völkern; ich sende gegen dich, die ich verabscheue, daß sie dich auch beschmutzen, daß sic dich in dcnKoth treten. Und wer dich stüher liebevoll ansah, er zieht sich von dir zurück, er sagt: zerstört ist die Riesenstadt I — Ach wer bezeigt dir Beileid, woher für dich ein Tröster? — Bist du denn bester al« die Amonöstadt, an Flüssen gelegen, von Baffer etngedämmt, vom Meere umgürtet 7 Und Kusch, da« so zahlreich —wo und Mizralm, da« ohnendlich, und Put und die Turin, — wo? sie, die in dei- «er Hülf» waren l — — „ Ging ja eine andere auch in Elend, Da« erste Kaiserreich vermochte nicht, die grundfesten Prinzipien der Freiheit und religiösen Toleranz zu stürzen, weil sic aus der Schule des Volkes hervorgegangeu sind und der gallische Cäsar nur diesem seine Höhe zu danken hatte, von der ihn nur Eitelkeit, Herrschsucht und ganz andere Interessen als die seines Volke« herabgestürzt, dessen schlichtester Bürger kein so schmähliches Loos zu ertragen hatte, al« der in die Tiefe der Demuth gefallene Kaiser. Mit seinem Sturze qelangte der Letzte der Ludvi'gS auf den Thron, an dessen Namen die rühmlose Geschichte seiner verderbten Ahnen sich knüpfte, aber eö sank nicht die religiöse Toleranz, die einmal vom Volke gepflanzt, nicht mehr auSzujäten war. Unter Louis Philipp, diesem eigensinnigen und genielosen Könige, nahm die Freiheit deS französischen Volkes in rapidem Schritte ab, das als ein nothwendiges liebet zur Entfaltung königlicher Pracht angesehen wurde, aber an der religiösen Tolerant, an der einmal proklamiere« Gleichstellung aller Consrsiionen, wagte sich selbst dieser von seinem Hofe beherrschte König, nicht zn rütteln, weil sie eben ein Werk des Volkes war, großgezogen von diesem »nd genährt. Lange fügte sich die französische Nation in das eiserne Joch, bis das Maaß der Tyrannei zu voll und ihr unerträglich wurde. Die Stürme des Jahres 1848 brachen herein und in Gefangenschaft, sind ja ihre Kinder auch an den Straff^ len zerschmcttect werden, haben sie ja gclovst um die Groben und re Fürsten a.ich i» Ketten geschlagen!" wie? Auch du bist so beran \ läßt dich so übermannen, du suchst Schuß beim Feinde? t deine Festungen wie früherblühre Feigenbäume sind, die Schüttelnden in — den Mund falle»? Ist vielleicht dein Boh zu Weibern geworden? Ach, cS öffnet die Thore dem Feinde und Feuer zehrt deine Riegel. Unverzagt l Waffcr schöpfe du zun» Borrathe! die Burgen befestigt, Lehm gestampft, Mörtel getreten, die Form gegoffen! Frifft dich dann auch noch das Feuer, tilgt dich dann auch das Schwert frifft er dich dann auch fort, wir der Käfer? Darum häufe dich, wie die Käfer, sei vollzählig, wie Heuschrecken I Hast du auch Kaufherren gemehrt, wie Sterne am Him- »nclSzclt — breite doch die Flügel aus Käfer, fleuch, dahin l -Wie Heuschrecken waren bisher deine Kronenträger, deine Führer wie ihre Schaaren, in festen Mauern wohnen sie zur Zeit des Frostes; da die Sonne wieder strahlt, ersch-'nen sie — fragst du auch dann, wo sie gewesen?! — — y Oder schlummern deine Hirten, Königin X Glück! ruhen deine Gewaltigen? sind denn ganz zersprengt drst^ Schaaren über Berge, sammelt sie keiner? Ach, da,»n wäre keine Verharrschung für deine Wunde, n cht zu heilen dein Schlag: „fröhlich schlüge mancher in die Hände, der daS hörte, über den deine Bosheit erging* Schmidt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.