Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 49 (2.12.1870)
- Date
- 1870-12-02
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
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schuß wurden gewählt die Herren: I. Fischer jur. 8t., E. Fleischer meä. 8t.. H. Flusser meä. 8t., K. Kohn jur. 8t., H. Lichtenstern jur. 8t., E. Schückjur. 8t., H. Taußig meä. 8t., und L. Thorsch jur. 8t., Der Wahl ging der Rechenschaftsbericht des früheren Ausschußes voran. Die Zahl der Mitglieder beträgt 300 der Vermögensstand belauft sich auf 1200 fl. Unterstützungen wurden bereit« in der Höhe von circa 500 fl verabreicht. %* Verwahrung. In Nr. 331 der „Politik" ist folgende Verwahrung zu lesen. Herr Redakteur! Als Verehrer Ihres Blattes und eifriger Parteinehmer der in dem Blatte vertretenden Ansichten und Gesinnungen und als geborener Ccche, sehe ich mich veranlaßt, Eie auf einen PassuS Ihrer hcutigcn Walbesprrchungen aufmerksam zu machen. ES heißt daselbst: „Der Verfassungspartci in Prag bleiben nunmehr nur noch die Juden" u. s. w. Ich zweifle sehr daran, daß die Inden, worunter doch alle hier wohnenden zu verstehen sind, i:iit den Gesinnungen der gewissen Kasinopartei einverstanden sind, vielmehr behaupte ich durch meine gemachten Erfahrungeu, daß zwei Drittel von unS, zur nationalen *'artei sich rechnen, welches sich auch bei allen Wahlen der Ult* und Josesstabt deutlich manifcstirt hat. Daher durch daS gewissenslose Benehme» der Kasinojuden die größtenthcilS aus jungen, unerfahrenen, ehrgeizigen in Reichthum geborenen und in Müssigang erzogenen Menschen bestehen, den gesammten hier wohnenden Juden dadurch ein großer moralischer Schaden verursacht wird, weil wir zu der Kasinoclique nie gehört haben und hoffentlich auch nie gehören werden, und dieselben dadurch in den Augen unserer böhmischen Mitbürger herabgesetzt werden. Mit vollkommenster Hochachtung Euer Wohlgcborcn ergebenster G. A., Kaufmann. Prag, 20. November 1870. %* Todesfall. Den 28. v. wurde der Schneidermeister Herr Herrmann Weiner zn Grabe getragen. Was uns bestimmt, diesem Manne dieses bescheidene Plätzchen zu widmen, ist dessen humaner Sinn und biederer Charakter, durch die er sich im Leben ausgezeichnet. Ein vorzügliches Moment in demselben bildet der rastlose Liebesdienst, den er den Todlen geweiht hat. Mit seltener Aufopferung, ja ohne Furcht, sein eigenes Leben in Gefahr zu fetzen, hat Herrmann Weiner sich an jede Leiche, mochte sic auch mit dem auöge- - sprochensten Eontagium behaftet gewesen sein, gewagt, wo kein anderer hinzutrctcn, den Muth hatte, was namentlich zu jener Zeit stattgchabt, wo die Cholera wüthend, reiche Ernte gehalten hat. Kranke zu besuchen, sie zu trösten und wo möglich zn erheitern, gehörte zu seiner LicblingSthätigkeit. Der Verstorbene war eines der ältesten Mitglieder der Bcerdigungsbrüderschaft, deren Vorstand ihm in den letzten Jahren, in Anerkennung der stets uneigennützigen Dienstleistung, das Amt eines Cursors verlieh, daS er pflichtgctrcn bis zu seinem Ende erfüllte. DaS überaus große Geleite der jüdischen Bevölkerung beim Leichenbegängniße d:S Verstorbenen sprach für die Achtung, die er genoß. Au dem Sarge hielt Sr. Ehrwürdcn Herr Rabbiner Singer in beredten und zum Gefühle sprechenden Worten die Leichenrede. Sowol diese als überhaupt die Bercilwilligkcit, mit der Herr Singer sich erklärt hat, dem Verstorbenen einen Nachruf zu widmen, tnüssen wir lobend hcrvorhebcn. *** Driginellro Telegramm. Prag 28. November. Bei den Prager Gcmcindcwahlen drangen bei schwacher (?) Bctheilignng die cechischen Kandidaten durch: In der Altstadt mit 400 gegen 210, in der Neustadt mit 586 gegen 205 auf der $ leinfeite mit 2.34 gegen Ml Stimmen. ... Die Stadt ist ruhig. — So lautet das von Hrn. Simon Korcf an das, „Fremdenblatt" abgeschickte Telegramm. Man entnimmt demselben deutlich daö Bedauern KorefS über die Ruhe in der Stadt. Wir erklären es uns ganz einfach. Wenn es ruhig ist, beschränkt sich da« Telegraphiren nur auf Eine Depesche, die exclusive der Drahtspesen 80 kr. abwirft, wogegen, wenn es unruhig ist, mehrere Telegramme crforderlich sind, bei denen das Geschäft schon rentabler wird. Je» dcnfallS soll man nach Auffassung Koref'ö in Wien der Ansicht sein, die bösen Rechen schlagen nach iedeSüialigen Wahlen, so viel Köpfe wund, al« sie Stimmen mehr haben dem» die Deutsche. *.* Wessely'» Bibliothrk. Der hiesige Buchhändler Herr Härpner hat die 15000 Bände starke Bibliothek des im Früjahre verstorbenen Herrn Prof. Weffely käuflich an sich gebracht. Inland. Wien. Der Bankier, Herr Anton Schnapper, ist hier im hohen Alter gestorben. — (Ein neues Börsenpa- Pier.) Den Besuchern der Börse wurden den Tag vor den Wahlen in d>e isr. EultuSrepräsentanz beim Eintritte in die „heiligen Hallen" roth bedruckte Papiere in die Hand gedruckt, welche eine Kandidatenliste für die stattfindende Wahl des israelitischen Gemeindevorstandes enthielten. DaS neue Papier also, wie man sieht stark ausgeboten, fand aber in Folge der darauf verzeichneten Namen nur wenig „Nehmer." — (Israelitische K u l t u S g e m e i n d e.) Bei den am 27. v. M. stattgehabten Neuwahlen für den Vorstand wurden Kuranda mit 512, Frankl mit 516, Dr. Mauthner mit 495, Hofmannsthal mit 318 Stimmen wieder. Gustav Simon mit 315 von 544 Stimmen neugewählt. Dr.Knep* lcr und Sigmund Pollak, die mit den meisten (277 und 269) Stimmen in der Minorität verblieben, kommen in die engere Wahl. Lemberg. Einem allgemein gefühlten Bedürfniß, nach Einigung und Kräftigung der Interessen unserer hiesigen israelitischen Arbeiter abzuhelfen, haben sich mehrere Handwerker zusammengefunden und beschlossen einen Ha nd wer k er, U n t e r st ü tz u n g s v c r c i n zu gründen, welchem auch ein Vorschuß-, Witwen- und Pensionsfond angereiht werden wird. Es ist zu wünschen, daß diesem Vereine allseitig Vorschub geleistet wird, da derselbe zur Verbesserung der Lage unserer jüdischen Handwerker, von großem Nutzen sein kann, überhaupt empfehlen wir allen großen und bemittelten, der Arbeiterklasse angehörigcn Personen, mit gutem Beispiele voranzugchen, um so auf die niederen Stände ermunternd einzuwirkcn und das Gedeihen dieses guten Werkes herbeizuführcn. — (Getauft.) Aus Lemberg, 24. November, schreibt man dem „Wdr." : „Bielbcgangen Frevels halber" befindet sich der Berl Schloß, ein Jude aus Buczacz, auch der „rothe Beer" genannt, im Lembcrger Strafhause in Haft. Berl, der schon „draußen" im feindlichen Leben so manchen kühnen Plan auSgedacht, trug sich auch „drinnen" mit kühnen Gedanken. Vor einiger Zeit, cS sind seitdem kaum acht Wochen ins Land gegangen, trat Berl an dem Tage, der gesetzt ist, die Klagen und Beschwerden der Gefangenen im Strafhause zu schlichten, vor seine Oberen hin und—weinte. Befragt über sein Begehren, den Grund seiner Trauer, Hub Berl an, er habe lange genug mit bitterer Schande die Bande des Jndenthums gelitten, öfters habe er sich ob seiner geistlichen Sinnesänderung schon Vorwürfe gemacht; heute könne er die Drangsaale nicht länger ertrage» — er wolle Christ werden! Er wurde also in die Christenlehre gegeben, lernte vom Hauskaplan das Kredo und was sonst zum Christen noch weiter gehört. Bald wurde Berl aus den geistlichen Exerzitien wieder entlassen und ist endlich in den letzten Wochen in der HauSkapelle der Anstalt feierlichst getauft worden. Seine Pathinnen waren hochnoble Damen, die ersten Namen unserer Adelöwclt, und unser Berl erhielt in der Taufe den Namen Bernhard. Berl'S frommes Beispiel blieb nicht ohne Nachahmer. Zwei im Hause seßhafte Verwandte des nunmehrigen „Bernhard," der gelbe Sainvel und der krumpe Feivel, meldeten sich sofort in die „Christenlehre" und dürfte» bald die Taufe empfangen." (Wir glauben nicht zu irren, wenn wir annehmen, daß mit diesen drei ehrenwerthcn Herren ebenso wenig dem Judenthum ein Abbruch