Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 49 (2.12.1870)
- Date
- 1870-12-02
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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430 sich eine Lande-rabbinatSrepräsentanz bestehend aueiner Anzahl Mitglieder auf eine gewisse Periode, diese wieder wählen unter sich einen Vorsitzenden, Vorsitzenden Stellvertreter und Schriftführer. Die LandeS-RabbinatSrepräsentanz ist in geistlichen Angelegenheiten der Repräsentanz der böhm. ^andeSjudenschaft koordinlrt und hat einzig und allein die Aufgabe, in rin oder zweimal im Jahre abzuhaltenden Sitzungen, den Rechenschaftsbericht der Lokalrabbiner entgegenzunehmen, mit diesem da- Jahr hindurch im Verkehr zu stehen und der Behörde gegenüber, sobald diese von ihr Gutachten abverlangt, kompetent zu erscheinen. Jede von der Landc-rabbinat-'Repräsentanz angestrebte Neuerung oder Abschaffung von Institutionen hat nur im Einverständnisse mit der Repräsentanz der böhm. LandeSjudem'chaft zu geschehen, so wie auch nur etwaige MeinungSdisfcrenzcn ausgeglichen werden können. Es müßte überhaupt ein Medium im Beisein der b. Lj. R. gefunden werden, dem Lokalrabbiner in seiner eigen il chm Thätigkeit nicht hinderlich, wohl aber darauf Rücksiclit zu nehmen sein, daß er auf die Gemeinde keinen Druck aueübe und insbesondere sich nicht mit hierarchischen Gelüsten trage. Handelt e» sich nicht um eine geistliche Herrj.haft, sondern ausschließlich nur um die Ordnung, die überall stattfinden müsse, wenn man jeder Destruktion Vorbeugen wolle, Für die pflichtgemäße Obsorge der Jugend in religiöser und instruktiver Beziehung zu sorgen, den OrtSrabbiner, dem diese Obsorge anvertraut sei, nicht verkümmern zu lassen, ihn vielmehr zu Ehren zu bringen, ist die erste Aufgabe der Gemeinden. Die Repräsentanz der böhm. Landesjudenschaft, der unstreitig daS Verdienst zugeschriebcn werden muß, der Journalistik, dieser Stimme der öffentlichen Meinung, in Sache der KreiSrabbinate Gehör gegeben und auf Auflassung derselben hingewirkt zu haben, möge sowohl von Vorständen als Lokalrabbincrn größerer Gemeinden Gutachten abverlan» gen, nach denen sie sich selbst ein Urtheil bilden und eine zweckmäßigere Jnsti..,1io» schaffen könnte alö die der verblichenen KreiSrabbinate. L. S—n. Wähler ein. So hat da» schwäbische Casinokind sich von der Furcht erholt, die ihm da» Antlitz so bleich gemacht. Doch nicht lange währt c». und ein anderer Doktor, der noch keinen Tod ans seinem Gewissen, aber auch noch keinen Kranken gesehen hat, räth ihm Krcuzbrunnen zu trinken und zu laufen — zu jedem einzeln der Wähler. Und der schwäbische Lauser, begleitet von seinein Krankmwärtcr, begibt sich zu jenen Leuten, die er gewiß in andern Zeiten und unter andern Berhältnisien nicht über seine Schwelle läßt und bath, wie der Bettler und sein Erbe nur um eine — Stimme. Ganz zerknirscht und dehmüthig geworden, vcrläßt Schwäblein die primitiven Lokalitäten, nachdem er jede Hand gedrückt hat. in die zuvor etwa» andere» gegeben wurde. Wo aber sein Bitten und Flennen und selbst der Einfluß de» ihn begleitenden langen Feldwebel» nicht» genützt haben, ging er hängenden Kop. se» weg und — seufzte. Ja, sagte der Feldwebel zu seinem Vorgesetzten, Cie müsirn viel verschuldet haben, daß Sic so wenig Smnpathien genießen, ich weiß nicht, wie e» ausschcn wird, llnd so dämmert e», bi» der Abend hereinbricht und sich die schwäbi. schc grade Linie in einen eliptisch geformten Fauteuil wirft. Der Abend wird ihm rin langer Tag und er klopft an jener Stelle seiner Bnist, wo da» Herz nur dann erst schlägt, wenn man die Menschen braucht, e» klopft und er betet: Ich habe mich über- »u'ithig betragen, Gewaltthätigkeit geübt. Spott getrieben, zum -ohne gereizt, ich bin zügellos gewesen, ich habe gesündigt, mich schwer vergangen, habe feindseelige Besinnung gehegt, Verderben gestiftet, habe mich dem Irrthum hingcgcben und zum Irrthum verleitet, ich habe gesündigt, ich habe gefehlt. Unser Vater unser König! laß die Stunde der Wahl eine Stunde de» Erbarmen» und eine Zeit der Gnade vor Dir sein. Und noch am selben Abend stürzt ein kultueller Bote, mit dem Briefe aus Angara. VII. Haben wir nun einmal die Ueberzeuzung gewonnen, daß der Standpunkt der G.'genpartci kein berechtigter, daß dies kein Fortschritt ist, was sie für denselben ausgibt; daß es falscher Liberalismus ist, den sie als Molto all ihrer Bestrebungen genommen; daß es hierarchisch: Gelüste sind, was sie als Ordnungsliebe dahinstellt: so lässt sich folgerichtig leicht ein Urtheil über ihr Gebühren vor, im und nach dem Eongresse fällen. ~ ES läßt sich nicht läugnen. daß die Orthodoxie in Bezug auf das Seminar eine unberechtigte Stellung einnimmt. Sie kündet cS ja weit und breit, daß sie gebildete auf der Höhe der Zeit stehende Rabbiuen will, die — natürlicher Weise — vor Allem Rabbinen seien. Nun fragen wir unS: Hat die Jeschiba zu Unghvär oder Tokaj schon ei.ien Rabbinen geschaffen, der im Stande wäre, einige fehlerfreie Zeilen deutsch zu schreiben? — Und was noch mehr: Ist denn die Jeschibah, wenn uns irgend welcher Schulplan in dieselbe hineingetragen wird, nicht auch ein Seminar? — Hat der überall anerkannte orthodoxe Rabbiner in Eisenstadt eine ähnliche Anstalt gehabt, aus der sich gcsinnungStüchtige Gemeinden ihre Leiter holten? — Schreitet er eben jetzt nicht in Berlin zur Gründung einer ähnlichen Schule? — Und wir sind überzeugt, daß es Niemanden einfallm wird, jenen deswegen zu verdächtigen oder ihn minder oUhodox zu nennen. Wir sagten eben, der Standpunkt der Orthodoxie in Bezug auf das Seminar sei ein falscher. Und doch können wir vertheihigcn, wenn wir uns im gegnerischen Lager umschauen und dessen Rabbinen mustern. Die Herren Rabbinen von drüben sind in Bezug auf Talmud und über Haupt jüdische Theologie so total unwissend, daß es eine Schmach ist. Die Wenigen aus der alten Schule, welche sich einen modernen Anstrich gegeben, die Löiv, Hochmuth, Stein Hardt etc. ausgenommen, sind zumeist Duodez-Rabbinchen, die den Mund immcVvoll Phrasen haben, die in einem Zuge sechs Schriftsteller zitiren und keinen einzigen verstehen, die über Abcndblatte in der Hand, in da» Zimmer, wo Schwäbchcn reumüthig im Sessel saß und ruft patctisch: Da lesen Sie, dainit Sie stauncnl Sic und Ihr Nebenbuhler werden aufgcfordert, Ihr stadtvcrordnctliche» Programm klar zu stellen I Wie, wa», welcher Gedanke, ich muß nemoriren, laufen Sie zu Dr. R. er möge stilisire,«. ich kann nicht begründen. Schwäbchcn liest in dem Abendblatte die Aufforderung vieler Wähler, auch die Zeit, für die eine Wählervcrsammlnng anberaumt ist, aber er findet keinen Ort, wo sie stattzufinden habe. Kann doch nicht in der Luft sein oder verläßt mich die Vernunft I Vorsehung I steh mir bei, laß mich einen Mann sinden, der mir sage, wo ich Rede zu stehen habe. Kaum gewünscht, und c» tritt der kultuclle AmtSschreiber ein. Gut, daß Sic komm«! Sic müssen cruircn, wo die für 7 Uhr Abends anberanmte Wählcrversammlung stattfinden werde. Und AmtSschreiberlein lauft in alle jüdischen Restaurationen und erkundigt sich und rekognoScirt den Platz, wo der rhetorische Wettkampf ausgenommen werden solle. Behenden Schritt» begibt sich der kultuclle Gefreiter in die Wohnung und meldet gchorsamst. daß er sich seiner Aufgabe vollkommen entledigt habe! Hotel Katz wird al» da» Schlachtfeld bezeichnet, wo einer der beiden Gegner durch Wortkanonen hingestceckt^ werden solle. Ganz aufgeregt fängt nun der schwäbische Ritter an, die unterdcß gebrachte Rede zu memorircn und büffelt und büffelt so lange, bi» er sie wieder vergessen hat. Den Tag über, an dem Schwäbchcn allerlei Schwindel bekommt, werden alle kultuellen Flaschcnzüge in Bewegung gesetzt, die Avantgarde in» Feuer geschickt, Bajonnctangriff gemacht, in die Häuser gedrungen. Wahlzettel requirirt» und terrorisirt. bi» die erhoffte Stunde heranrückt, wo der schwäbische Dcmostene» und sein Gegner die Rednertribüne besteigen sollen. 3m Speisrsalon steht man 5 sage fünf Wähler, und einige.