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Die Gegenwart · 1870-11-25 · 48 (25.11.1870) · p. Seite 424

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
48 (25.11.1870)
Date
1870-11-25
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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fit so biffe MiSbräuche, so vielt- Nbergländische, darum U* gen sie ihn bei Seite und gehen hin und schaffen sich in einer Zeit de- Fortschritteneue — Mi-bräuche, neuen, modernen Aberglauben: Väter sagen für ihre verstorbenen Kinder und Männer für ihre Frauen Kadisch; am Fahrzeit gehören jetzt alle Verwandten de-Leidtragenden: Der Schwager, der Neffe, die ganze Sippschaft zu den rcvn zur Tora gerufen zu werden, und dergleichen Unsinn noch mehr. Wollet ihr Reformen, die Eingang finden, und meinet ihr eehrlich und aufrichtig mit Juden und Iudenthum; so überlaßet nur den .Usanzenkram* jeder Gemeinde selbst, die da» Cultu-wesen nach ihrer Bildungsstufe, nach ihrem Bedürfniße und nach ihren Verhältnissen schon regeln wird und wirket dahin, daß die Jugend einen gründlichen Religion»- untcrricht erhalte, daß sie, als der künftige Träger de- IndenthumS, diese- Judenthum, feine Lehre und die seinen Bekennern zukommeude Aufgabe auch gründlich kenne. Freilich müßte man l oder 2 Generationen zuwarten; aber für die jetzigen erwachsenen Juden geht ohnedie» jeder Aufruf zur Reform verloren, wir müßen schon auf sie verzichten, wenn wir nicht den Zankapfel in Israel werfen und die einzelnen Gemeinden noch in Zwcilagrr theilen wollen; denn die Einen fordern da- Unmögliche und die Anderen wollen au» Mißtrauen und Furcht auch das Mögliche nicht zugestehen. Nur ein neue» Geschlecht, vertraut mit seiner Lehre, kann die im Judenthume möglichen Reformen zuwege bringen und ohne Spaltung einsüliren. Diese Zeit vorzubereiten, dahin nur sollt»» jetzt die Reformenbestrcbungen gehen; dazu aber gehört, wie gesagt, ein gründlicher Religionsunterricht von tüchtigen wissen-reichen und gewissenhaften Lehrern, deren Herz ganz und voll für da- Iudenthum schlägt, und nicht wie sie jetzt durchschnittlich zu finden sind, daß sie nur ihre Schüler so ein Rcligion-büchrlchen herableiern laßen. Schaffes ab diese Bücher, andenen jeder verdorbene, deutschlesende Hausirer oder Student die RcligionSlehre tradiren zu können verweint; dazu erhebt euere Stimme und machet eueren Einfluß geltend, daß die Bibel wieder da- Religionsbuch werde,' und die qualificirten Lehrer werden bei jedem Abschnitt Gelegenheit n»d Stoff finden. Moral und Gesetz, die reine Lehre de- Iudenthumden Schülern in» Herz zu legen und eine solche mit der Bibel und ihrer Erläuterung vertraute Generation wird dann zu den möglichen Reformen greifen, ohne Unfrieden im Lager hervorzurufen, ohne auf Opposition zu stoßen. L. Wien 23. November (O.-K.) Vielleicht dürfte manche Provinz-Gemeinde uns Wiener um den mannigfachen geistigen Genuß, der uns heute auf einmal von heiliger Stätte aus geboten wurde, mit Recht beneiden; denn wir bekommen an einem Sabbat drei gediegene Kanzelvorträge zu hären, außerdem hat man aber noch Gelegenheit, sich fast wahrend deganzen Ruhetage» geistig zu beschäftigen, da auch in dem Beth Hamidrasch und klci- Neren Bethäusirn von eigen-hiezu bestellten Lektoren vorzetragen wird. Um aber auf die Hauptreden zurückzukommen,so eröffnet? Hr. Rad. Dr. Güdemann den Reigen durch eine sehr gelungene Exhorte im neuen Tempel, die um so mehr da» Interesse des Auditoriumzu fesseln geeignet war, al» sie zeitgemäße Tagesfiagen, den Centralfriedhof und die Mischehe eingehend beleuchtete. Der g. H. Redner lehnte seine sehr richtigen Anschauungen an die entsprechenden Bibelstellen de» Wochrnabschnittrs. Wir Israeliten ahmen darin unserem Stammvater Abraham nach, daß wir bezüglich der zwei wichtigsten Lebkn-moinente. der Heirath und de» Begräbnisse-, unsere rigenthümliche Sitte haben'und festhalten. Nicht als ob wir starr an unseren ererbten Bräuchen zum Trotze hangen wollten oder etwa an« Separation-gelüste, um den Svn, derling neben dir übrige» Rationen zu spielen, nichtweniger alda-, trotz unserer allgemeinen Menschenliebe haben wir ein kleine» Kämmerchen im Herzen, dafür unsere nächsten Angehörigen refervirt ist. denen unsere Liebe bi» über . den Tod hinaus bewahrt bleibt; es ist dieein gesunder na-! türlicher Zug. eine echt national patriarchalische Einrichtung, j darin manifestirt sich unser reger Familiensinn, daß die Piej tät gegen unsere Angehörigen nie aufhört. Wie angelegen 1 läßt sich unser Patriarch sein die anständige Beerdigung seiner j geliebten Frau Sarah, obwohl er gewiß mit der Los; Cheth im besten Einvernehmen lebt, May kam- I mert er sich doch darum eine Familiengruft um schweres j Geld anzuschaffen, und die Höhle Machpelah bildet für dessen I späteste Nachkommen eine Andachtsstätte und Erinnerung an ihre großen Ahnen. Anderseits benahmen sich die Bne Cheth, obschon sie sehr liberal und einen hohen Grad von Freisinnigkeit gegen den Fremdling Abraham bekundeten oder vielleicht gerade deßhalb, sehr rücksichtsvoll gegen Abraham und überlassen ihm eine gewünschte Ruhestätte, ohne deßhalb ihre Theilnahme zu versagen. Mit' welchem Rechte kann also der Wiener Gemeinderath Gewissenszwang üben und die Juden dazu verhalten, daß sie in einem konfeffionSlosen Friedhofe ihre Todten begraben, da e» ja sehr leicht ginge, auf dem Centralfriedhofe eine paffende Abtheilung zu machen und damit die Juden ungestört daselbst ihre religiösen Bräuche vollziehen könnten, wie sie ja überhaupt ihre Leichenbestattungen in feierlicher Stille und Einfachheit abhalten und nicht in der Lage kommen mußten, die Gebeine ihrer Stamme-genoffen wieder aus dem Gottesacker herausnehmen zu laffen, damit sie auch an den Sterbetagen ihrer verschiedenen Verwandten und bei ähnlichen Borkommnißen ganz unter sich am Grabe der Ihrigen, ihr andächtiges Gebet zu Gott verrichten könnten. Schließlick dürfte es kaum Vorkommen, daß ein Bekenner des Judenthmr» nicht lieber vorziehen würde, von dieser gemeinsam!» Wohlthat Gebrauch zu machen, da ja schon viele bei Lebzeten für eine ordentliche Bestattung sorgen und die Unbcmittl'cn durch die p"n- Vereine unenltgeltlich beerdigt werden, was bei anderen Konfessionen nicht so leicht ginge. (Komisck sieht eS aus, wenn Gemeinderath Frankl von seinen Talmwkcnntniffen spricht.) Nicht minder sorgfältig bekümmert sich unser Patriarch um die Heirath seines einzigen Sohnes Jizchak, indem er wohl weiß, daß von einer glücklichen paffenden Eheveffen ganzes Lebensglück abhänge "jSn *rnS*o Ski »ari* /k)o beauftragte er seinen treuen Diener Clcazar, indem er davon überzeugt ist, daß nur da ein friedliche-, natürMS, eheliches Bcrhältniß statt haben könne, wo beide Theil schon früher etwamigeinander gemeinsam haben, durcl Abstammung, Familie, gleiche Anschauungen und Staut einander nahe stehen, da wird das freundschaftliche Ba»o durch die Ehe um so inniger und fester geschloffen uu) der Segen kann nicht auSbleiben, wie auch in der NatM das Achnliche sich gegenseitig anzieht. Wo aber diese Vobedingungen fehlen, scheint daS Verhältniß zwar interessant Pikant zu sein, doch ist es nicht eine gesunde lebensfähige-Einrichtung. Lasset nur einige Zeit verstreichen, die für dev Moment schön färbende Schminke verraucht und die nqytheiligen Folgen bleiben nicht aus. Wollen wir also unser jeb. Familienleben, den nationalen Gemeinsinn erhalten, so.müssen wir festhalten an unsere schönen Sitten und nnS null vermischen mit Fremden, weder im Leben, noch nach demslben; denn die confessionSlosen Mischehen untergraben dch Familienglück, führen den Ruin der Heranwachsenden Ju/end herbei und die Vermischung der Friedhöfe führt zu reinem bleib.nden Religion»- frieden. Darauf begeben wir ruck in die Synagoge der gr. Schiffgaffc, wo die nach Inhalt md Form gleich treffliche Rede Sr. Ehrw., de» Rabb. Hm. Spitzer durch besondergute Auslegung der Midraschi» und passende Anwendung der Bibelverse sich au»zeichnete/und allgemeinen Beifalls theilhastig wurde. / . Nachmittag um 3 lihr versammelte sich ein zahlreiche- Publikum darunter auch Nichtisraeliten zum ersten Gotte»-

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