Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 47 (18.11.1870)
- Date
- 1870-11-18
- Page
- Seite 418 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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418 Heimath bezeichneten sie größtentheil- : Thorn, Culm, Dan- -ig und Tilsit, mehrere derselben sind zur Auszeichnung mit den^ eisernen Kreuze vorgeschlagen: die meisten kamen Süden Dörfern Evlombry, Ogy, Servigny, Rctonfay, Flan. ville und Laquenexy. Wenige Minuten vor ü Uhr ließ ich den Gottesdienst beginnen. Ein Unteroffizier trug die sämmtlichen Gebete sehr angemessen vor. Vor dein Schlußgebet Olenu hielt ich die Predigt über den Text au- Iereinia Eap. 31. Ber» 15 und 16: .So spri1,t der Ewigehalte zurück deine Stimme vom Weinen und dein Auge von Thränen, denn ein Lohn ist für dein Thun, ist der Spruch de- Ewigen, und sie werden zurückkehren audem Lande de- Feinde-. Und Hoffnung ist für die Zukunft, ist der Spruch de- Ewigen, und ewerden zurückkehren die Kinder in ihr Gebiet. Ich mahnte meine Krieger Muth zu fassen im Vertrauen und in der Hoffnung auf Gott. Jeder möge heute an diesem heiligen Tage mit dem Erzvater Jakob auvollem Herzen geloben und beten: .Wenn Gott mit mir sein wird und mich behüten auf diesem gefahrvollen Weg, den ich gehe, 2v ich nach errungenem glorreichen Frieden heimkehre in in alterliche- Hau-, so soll der Ewige mir zum Gotte lieine innere Stimme werde ihm alsdann den Spruch de- Ewige«, de- Erhöreraller aufrichtigen Gebete, verkünden: Nicht vergeblich ist deine opferwillige, tode-muthige Hingebung, .ein Lohn ist für dein Thun," du wirst ruhmgekrönt zurückkehren aus den mächtigen Ereignissen, welche die Söhne de- Vaterlandes mit GotteSmuth und Gotteskraft heldenmüthig vollbringen, ertöne laut und vernehmlich die Gotte-verheißung einer großen Zukunft für da- Vaterland, da auch die beinahe feit zwei Jahrhunderte entfremdeten Kinder wieder zurückkehren werden in den Schoß ihrer Mutter. Ich entwickelte dann anschließend die Bedeutung de- BerföhuungStagS in der obwaltenden Lage und schloß mit einem Gebete für den König, unfern Schirmherr», dessen Verbündete, für dadeutsche Heer, die deutschen Stämme und für Israel. — Eine wahrhaft erhebende Andacht herrschte während deganzen Gottesdienstes; so innig und bewegt wurde wohl selten gebetet als an diesem Abende. Als ich von dem Gebete des Erzvaters (Jakob) über die .Heimkehr zum eigenen Heerd in Frieden" sprach, mußte ich. unterbrochen durch das Weinen und Schluchzen der Zuhörer, mehrere Minuten inne halten. Mit Ausnahme der wenigen Soldaten, welche den Lazarelhdicnst versehen und deshalb in St. Barbe blieben, begaben sich alle Uebrigen nach Beendigung des Gottesdienstein ihre Quartiere zurück, manche mußten einen dreistündigen Weg zurücklegen. Am anderen Morgen waren sie alle zur festgesetzten Zeit erschienen. Der Vorbeter von gestern verrichtete daS Schachri». und Muffaphgebet und in Ermanglung einer Thorarolle erklärte ich den Inhalt des TageSavschnittcS und die Haftara au- IesaiaS. Aulpüpfend an den verlesenen VrrS über den Tod der Söhne Arons beleuchtete ich das Wesen jener hohlen Begeisterung, welche zum Untergänge führen müsse, weil sie ohne Sittlichkeit und Religion, nur aus dem „fremden Feuer," aus der Sucht nach eitler Größe und falscher Gloire entsteht, während der ächten wahren Begeisterung, die aus dem Streben nach Recht, Wahrheit und Liebe hcrvorquillt, der Sieg nie ausbleibt. Da unter den Anwesenden mehrere sich befinden, welche in den Schlachten gefallene Krieger betrauerten, sprach ich noch über die tiefe mnstcrgiltige aber stille, gottergebene Trauer AronS bei dem Tode seiner geliebten Söhne. ES fand übrigenwie üblich nach SchachriS eine Seelenfcier (HaökoraS RefchomoS) statt, in welcher ich noch ein besonderes Gebet für die gefallenen Krieger einschaltete. Rach dem Musiaph, gebcte verblieb noch eine Anzahl zurück mit Gegenständen der Andacht sich beschäftigend. Um 3 Uhr fand sich die fromme Gchaar wieder ein mit Ausnahmen von wenigen, welche sich schon zum Borpoftendienste für den folgenden Tag bereit halten mußten. Wir beteten sämmtliche Gebete von Mincha und Reilah; ein Unteroffizier war auf sein Verlangen Vordeter für Mincha und ich für Reckah.. s Nachdem der Gottesdienst mit Sonnenuntergang beendigt war, richtete ich an die Anwesenden noch einige Worte der Anerkennung für die fromme, lebhafte Betheiligung am Gottesdienste, der mir selbst eine thenere Erinnerung fürganze Leben sein werde. Hierauf ergriff Herr Hirsch b e r g, Vicefeldwebcl au- Eulm, dem, wie ich hörte, die Ernennung zum Lieutenant bevorsteht, daS Wort, und drückte mir im Namen seiner Kameraden den herzlichsten Dank auS. Ich wurde beauftragt, Großh. Stadttabinat den Dank aller Anwesenden zu überbringen. Es fei ihnen schon , längst ein H-rzen-bedürfniß gewesen, in einer Stunde gemeinsamer Andacht ihr bedrängte- Herz vor Gott auSzuschütten; sie hätten jetzt dem Drange ihre- Herzengenügt und würden in freudiger Stimmung und mit ruhigem Gewissen der Zukunft entgegengehen. Im Namen sämmtlicher Kameraden wurde ich von Herrn Hirschberg ersucht, einen Gottesdienst für da» 1. Armeerorps bald wieder abzuhalten. In gehobener Stimmung trennte sich die andächtige Schaar. Am folgenden Tage den 6. October machte ich Sr. Epcellenz General v. Manteuffel Anzeige über den stattgefundenen Gottesdienst, und indem ich demselben Seitens meiner und der isr. Soldaten ebenso innig wie ergeben Dank abstattete, trng ich ihm das Verlangen der letztern nach baldiger Wiederholung eines Gottesdienstevor. Herr von Mauteuffel nahm meine Mittheilung freundlich entgegen und äußerte seine freudige Befriedigung. Er beauftragte mich, Großh. Stadtrabbinat seinen Dank für meine Sendung zu überdüngen. Den ferner« Gottesdienst betreffend, frug mich Herr v. Manteuffel, wann ich denselben zu halten gedenke, er erachte jedoch in Anbetracht der Verhältnisse einen solchen erst nach Ablauf von drei Wochen für thunlich. *) Unter den nach der Schlacht von Sedan nach Mainz eingebrachteü 6000 französischen Gefangenen befanden sich 6 jüdische Ofiziere und nur 2 gemeine Soldaten. Unter 7000 weiter Eingebrachten waren nur 2 jüd. Soldaten. Unter den 4200 Gefangenen aus der eingenommenen Festung Schlettstadt aber waren 120 Israeliten. Seit einigen Wochen ist e-Privatleuten erlaubt, die französ. Kriegsgefangenen in Arbeit zu nehmen, und die dortige ifr. Gemeinde bestrebt sich, die Gefangenen jüd. Glaubens bei ihren Glaubensgenossen unterzubringen, damit sie nach den isr. Religionsgesetzen lebeu können, und eS ihr sehnlichster Wunsch ist. *) Mehrere preußische Zeitungen berichteten, daß der Haß der französischen Juden gegen die Deutschen so groß sei, daß sie sogar gegen ihre Glaubensgenossen den preußischjüdischen Soldaten keine Rücksicht nehmen und ihnen nicht einmal für Bezahlung zu effen geben wollen. Daß dem aber nicht so, und der Jude immer bereit ist, dem andern zu helfen, kann man aus den Berichten eines eben vom Kriegsschauplatz heimgekehrtcn isr. Soldaten entnehmen. Es war, so erzählt er, nach der Erstürmung von Wcißenburg, mein Regiment hatte eine Riesenarbeit vollbracht. Halbtodt vor Hunger. Durst und Ermüdung kam ich nach Solz, schleppte mich von Haus zu HauS, um ein wenig auszuruhen, und mich zu erquicken, mein ganzes Geld hätte ich für rin Stückchen Brod hergegebcn, alle Häuser aber waren überfüllt von unseren Truwen. Endlich kam ich in daS Haus eines Juden, die nmv zeigte mir dies an, 40 bis 50 von unseren Leuten waren schon drin. Ich ging zum Hausherrn bat ihm nm ein Stückchen Brod. „Ihre Kameraden haben schon Alles aufgezehrt" gab er mir zur Antwort, wie ich ihm aber sagte, daß ich ein Jude bin und beinahe vor Hunger und Mattigkeit sterbe, führte er mich in sein Schlafzimmer, schloß seinen gut verwahrten eisernen Geldkasten auf, nahm ein halbes Brod und ein Fläschchen mit Branntwein heraus: „Da essen und trinken Sie" sagte er, „rS ist das letzte, ich habe es für mich und meine Familie behalten, aber Gott wird schon helfen.