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Die Gegenwart · 1870-11-18 · 47 (18.11.1870) · p. Seite 415

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
47 (18.11.1870)
Date
1870-11-18
Page
Seite 415 (sequence 3)
Language
German
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damals eben so dringend wie heute dazu aufgefordert, habt unebenso al- Eigensinnige und Finsterlinge verlästert wie heute, weil wir dem Rufe nicht Folge leisteten und an der auSgoorsenen Angel uns nicht verfangen wollten; nun in einigen Jahren werdet ihr wieder das Geständniß ablegen. daß wir im Rechte waren, unS in unserer konservativen Gesinnung nicht beirren zu lasten. Die „Nzt.- mischt allein einen Topf zusammen und zu einem Körnchen Wahrheit nimmt sie eine ganze Handvoll Spreu, denn wenn eS auch wahr ist, daß die Unwissenheit bezüglich ter religiösen Dinge heutzutage in Israel groß ist, so sind doch die in einem Athem fort gebrauchten Schlagwörter: „Heuchler- „Dunkelmänner. „jüd. Jesuiten- und die Lamentationen über da« abhauden gekommene „GottcSbewußtseinnichtals eitle Phrasen. Welchen Gewinn soll der JesuitiSmuS im Juden« thume erzielen wollen? Sollte er streben, die lobte Hand zu bereichern, oder Einstuß auf die Staatspolitik zu üben? Und wenn eauch wahr wäre, was die „Nzt.- sagt, eS würde in Israel wimmeln von solchen Kategorien, die sich breit machen und da« Judenthum verstümmeln, kann da eine Reform im Judenthum abhelfen? Damit daS GotteSbewußtsein wieder rinkehre, die Heuchelei aufhöre, der JesuitiSmuS allen Halt verliere, daS kann nur durch eine ehrliche, gründliche Belehrung bewerkstelliget werden, aber nicht durch Reformen, daß man an da« Judenthum selbst schneidert, AuSschnitte macht und neue Flecke aufsrtzt; da« würde erst recht den JesuitiSmuS in volle Bewegung bringen, statt ihn bei Seite zu schaffen. Und worin sollen diese Reformen bestehen? Ist es daS CnltuSwesen, der „Usanzenkram," der die Steine de« Anstoßes in sich birgt, besten Kruste den Kern der Religion ersticket, und daher wegzuräumen sei? Nun, wir können durch eigene Wahrnehmung ronstatiren, daß solche gehärmter Mann im Bcttelkleide nach Mainz. Niemand wußte woher. noch weßhalb. Der blasse, stille Mann that Niemanden etwas zu Leide. De- Nachts saß er über den Büchern, die Welt um sich her vergessend. Düster und in sich gekehrt, nahm er an irdischen Freuden keinen Antheil. Nur zuweilen gönnte er sich eine selßame Erhohlnng — an dem Schachspiele, das alö der letzte dünne Fa. den ihn noch an das weltliche Leben knüpft. Gerne lehrte er anderen das Spiel, doch Einen Zug weiß er, dm theilt er Nicinanden mit und will ihn mit sich in das Grab nehmen. Er gibt über seine Abkunft keinen Bescheid, er nennt sich schlechtweg Elchanan, von., Almosen ein kärgliche- Leben fristend. So schlich er noch zehn Jahre im Ghetto zu Mainz umher, bis man ihn eines Morgens, vor dem offenen Buch sitzend in bcm Lehnstuhle zurückgefallen, als kalte Leiche fand. Zu jener Stunde aber, alder Bettler Elchanan, „Zu Mainz sich eingefunden, War in Roin der Papst verschwunden." Wir geben diese mittelalterliche Nachdichtung der biblischen Erzählung von Joseph in Egypten allen Kunstrichtern preis und überiaffen eS den Geschichtsforschern, den Kennrrn der Völker Psychologir, den Kundigen der Volkssagen, sich den Zusammenhang zwischen Leonhardt zu Ströbeck und Elchanan zu Mainz nach eigenem Gutdünken zu erklären. Wir sehen hierin daS uralte Motiv, die Katastrophe durch Zerreißung deS Familienlebenhcrbeizuführcn und den versöhnenden Abschluß dadurch zu bewirken, daß daS der Famitte entriffene Mitglied durch mannigfach verschlungene Abenteuer zum Retter und Schirmvogtc der Seinigen wird. Aber nicht daS poetische Element ist es, daS uns an die Sage feffelt, sonder,» die psychologische Seite, die der Beziehungen zur Gegenwart nicht entbehrt. Wer gibt uns ein Schachspiel, in dein der reine Geist allein die Waltung hat, der Mensch an dem Nächsten nur den Menschen s»eht und nicht die Eonscssion, die Nationalität, den Firlefanz von National-Ehre und verletzter Eitelkeit, die Hunderte in Tod und Elend jagt? Wann werden sich die auseinandergeriffcnen Mitglieder der großen mmschlichen Familie an dem Einen gemeinsamen Zuge wieder erkennen? Wann wird es ein Schachspiel geben, daran die Völker sich wiederfinden, wenn sie grollend auseinandergegangen? Gewiß nicht eher, als bis sich dir Völker zun» Brettspiele Reformen erst die Heuch let geschaffen. Leute, die sonst nie einen Gottesdienst besuchten und so ehrlich waren kein Hehl daraus zu machen, daß dergleichen Dinge keine Anziehung-« kraft für sie haben, kamen dann herbeigeströmt in einen schö« neu Tempel mit herrlichem Ehor und noch herrlicherem Or« gelklang — und man hat darin manche „Ueberladungen" über Bord geworfen — und dennoch kamen alle die neugewonnenen Besucher nicht zum Gottesdienst, sondern nur um den Gesang zu kontrolliren und mit den Damen zu koketti, reu. Nebenbei sei noch gesagt, daß diese Männer eS waren, die nach Reformen schrieen und von diesen die Andacht, die Erhebung und die Einkehr erwarteten. In welchem Lager ist demnach die Heuchelei und der JesuitiSmuS zu suchen, da, wo man mit dem „Usanzenkramsich zufriedenstellt, oder da wo man ohne Reform kein wahrhaft frommer Jude sein kann, vorgibt? Eine Reform, denken wir ferner, wenn sie veredelnd auf die Gesammtheit wirken soll, muß für alle gleichmäßig, für Alle bindend sein. Wie kann aber im Judenthume bei diesen an Größe so verschiedenen Geineinden eine gleichmäßige Reform eingeführt werden? Endlich gestehen wir auch offen, daß wir die Eausalität zwischen einigen schwerfälligen Jesuiten und dem JcsuitiSinus nicht vermögend sind, zu erkennen und bei aller Anstrengung unseres Geiste« dennoch nicht begreifen, wie mit Abkürzung de- Sündenregisters der Heuchelei ein Riegel vorgeschoben wird? JsteS aber da« Gesetz, dessen Inhalt man nach einer neuen Faoon zuschnciden und dein Volke mundgerecht, ihm die „Confessio» zugänglichmachen soll? Wo anfangen und wo aufhören? Die nach Reformen schreien, werden mit dem was gesetzlich erleichtert werden könnte, nicht zufrieden gestellt; ihre Wünsche gehen viel weiter, ihnen zu Liebe müßte setzen, statt als Figuren deffeiben einzelnen Menschen zu dienen. Wir find noch gar nicht auS dem Heroenthuin recht herausgekommrn. da» die Entscheidung der Geschicke in die Hände von Individuen legt, welches die Rohheiten eines Achilles bewundert, der die Leiche Hcktor'S siebenmal um die Mauern Troja'» schleppte, und nur darum bewundert, weil der Vandale einen klassischen Namen hat und von Homer besungen wurde. Aber cs kamen noch andere Geister, ein Hcsiod fang von den „Arbeiten und den Tagen" verspottete das Heroenthuin und die Heldenspielerei — und zeigte, daß dir Welt nicht dci» Einzelnen gehört, sondern Jedem, der denkt und schafft und wirkt und so zum Ganzen der Menschheit gehört. Wir erinnern unS an Kaiser Maz, der einst den Anssprnch that: Frankreichs Könige herrschen über Esel; England« R-gentrn über gewöhnliche Menschen, der deutsche Kaiser aber über lauter Könige. Denn die Franzosen müssen tragen, was man ihnen auffegt, die Engländer thun eS gerne — die deutschen Fürsten aber nur, wenn eS ihnen beliebt. Dahin aber müßte eS mit den Völkern ihren Diplomaten gegenüber kommen, daß jedes sich in dem Ganzen fühlt und nicht von dem Mißverständniffe einzelner Verwüster abhängt. Wie hätte jemals ein so heilloser Krieg, mü: der gegenwärtige, in so frivoler Weise entzündet, mit so leichtfertigen Motiven begonnen, mit solcher Raserei zum AuSbrnche kommen dürfen, wenn die Nationen selber ihre Feeihcitcn nicht von den» Zufalle der Jndividualitäten abhängig machen und der Selbstständigkeit nicht entsagen würden. Weg mit Homer — den Hesiod. müßt ihr lesen I Lerne t von den Ströbeckcr Bauer», wie inan sich nicht durch rohe Balgercien und blödsinniges Würfelspiel, sondern durch Scharfblick und Umsicht seine Freiheit erkämpft. Lernet an der Ghetto-Legende, daß cs eine» allgemeinen Zug des MeuschcnthumS gebe, daran Vater und Sohn, Bruder und Bruder sich wieder erkennen, darin der Fürst auf feinem Throne sich mit dem Lepten in feinem Reiche als Mensch wieder erkennt. Dann werden die politischen Fragen leicht ihre Lösung finden, znn» heiterem Kampfe der Rede wird die parlamentarische Debatte, der Völker Stämme froh vcreineud, diplomatische Noten werden zu Liedern und der Krieg eine „harmlose Partie Schach" werden.

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