Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 47 (18.11.1870)
- Date
- 1870-11-18
- Page
- Seite 414 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mie geworfen hätte. Doch dieß brauchte Hrn. „von- Schwab, nachdem einmal im Stadtrathe warm gesessen, nicht zu kammern, ob unter seinem staatSmännischem Auge da- Iosefstädler Viertel zum Aschenbrödel wird oder nicht, wenn man nur in politischer Ranküne die Josefstädter Schule rettet, mag die Prostitution überhand nehmen, mag das ganze Viertel verrufen werden, mögen die Kirchen und Synagogen vor der Demo, ralisation erbeben. Auf diese und noch andere Uebelstände aufmerksam'zu machen, auf Abhilfe derselben hinzuwirken, war Sache de- Herrn „von* Schwab, da doch der Stadtrath der Neustadt oder Kleinseite vder jedeandern Vierteleinen genauen Einblick in die Vtihältnisse der Josefstadt unmöglich haben kann und auch nicht zu haben braucht. Da- Wenige, wain diesem Viertel zum Ruhen desselben geschieht, hat man in der That dem um die Stadt sehr verdienstvollen Herrn Stadtrath Blaha zu danken. Wir stehen nun abermals vor einer Ergänzungswahl in- Stadtverordnetenkollegium, die auch ‘ das Josefstädter Viertel trifft. Bei dieser handelt eS sich nicht um politische, sondern einzig und allein um nationalökonomische Interessen. Wer diese ehrlich zu vertreten, sich berufen fühlt, eignet sich am besten die Josefstydt zu vertreten. Im Hinblick auf diesen Grundsatz unterlassen wir eauch, einen Kandidaten in Vorschlag zu bringen und beschränken unS nur darauf, die Wähler der Josefstadt zu einem selbstständigen Vorgehen zu ermahnen, indem sie ihre Stimmen auf einen Mann vereinigen, dessen Charakter ihnen Bürge ist, für die Erfüllung eineso wichtigen Mandate-. — . —gajaiMi » suchen und im Schachspiel unsere Kräfte messen.- Man setzte sich zum Brette, dach »ach wenigen Zügen schon kündigte der Papst „Schach dem Königeau. Bestürzt fällt Barabun in seinen Sitz zurück; zitternd und erblaßt stiert den Papst er an. — WaS ist dir? WaS bat dich sa entsetzt? Gönnst du mir deck kleinen Sieg denn nicht? ES gilt sa nicht daS Leben. — „DaS Spiel-, stotterte Barabun, da» Spiet, da» ist e» nicht. Verzeihe, cö ist nichts. ES kann ja nichtsein, setzte er mit Schmerz hinzu. WaS kann nicht sei»? Alter Mann, was bewegt dich so tief? Sprich frei! Wir sind allein. Run wolan l Du hast, o Papst hier einen Zug gcthan. der bisher mein Gcheimniß war und den ich Rirmandcn »och gelehrt, als einen Einzigen, und der bist du im> möglich. — Und wer ist dieser Einzige, dem du den Zug offenbartest? Mein Sohn! mein ewig verlorener Sohn! Wo ist dieser Sohn? Verschwunden ist er mir als Knabe. Verzweistnng und Trostlvtigkcit mir und der jammernden Mutter hintcrlaffend. Gestorben ist mein Elchanau, wenigstens für mich gestorben. Ein wilde» Thier bat ihn zcrriffrn. und mir bat man nicht einmal den blutigen Leibrock gebracht, daß ich die letzten Spuren „och mit meinen Thräncn benetzte. Da konnte der Papst nicht länger an sich halten. Baterl mein Vater! rief er schluchzend. daS Haupt an die Brust de» Alten geleimt, den er mit den Armen mnfaftt hielt. Vater I erkennst du deinen Elchaiian erst an eineni Zuge de» Schachspiele». Mein armer, schivergebeugter Vater! erböte dich und stch mich an. Hab ich euch so viel Leid und Web gethan, ich werde c» bester machen. So sprich doch nur! Sprich Wir von der Mutter. Was macht meine gute alte Mutter? C Gott! las, mich nicht »» Schanden werden, rief derGrei», al» der erste Schrecken gewichen n>ar. Stehe mir bei, Gott meiner Väter, daß ich nicht dem Trug und Wahn erliege, mein Geist nicht in de» WahnstnnS ewige Rächt verfalle. Mein Sohn ein ^Papst! Ein Papst mein Sob»! Wer da» fasten könnte! Und er faßte e» doch, denn also erzählte ihm der päpstliche Sohn die Geschichte seine» Lebe»»: Margarethe, die christliche Magd vermeinte de» Himmel» Lobn zu verdienen, wenn sic mich, das jü. dischc Wunderkind, für die Zivccke der Kirche raubte, und brachte Jur Reform im Judenthum, (Fortsetzung.) Wir kommen nun zur 3. Frage: Worin sollen die Reformen bestehen? Die „Neuzeitgesteht selbst zu, „daß de» Judenthums reine Lehren keine harten Zumuthungen der menschlichen Vernunft machen,- hinterher jedoch folgt: aber indem es der äußeren Handlung Zwang auferlegt, so tritt auch das Judenthum in ein gespanntes Verhältniß zur Vernunftist das nicht ein Widerspruch? „Woher soll da- „gespannte Verhältnißzur Vernunft kommen, wenn daS Judenthum ein ungrtrübtkS Tugendideal hinstellt und der Vernunft keine harten Zumuthnngen macht? Die Vorgänge im Kirchenstaate, die Reduktion der weltlichen Macht deS Papstes möge vielleicht bei Manchem das Gelüste wecken auch im Judenthume reformatorifch aufzutreten, aber die Dringlichkeit liegt nicht vor und auch eine Analogie ist nicht zu erkennen; beim Judenthume gibt eS keine Macht zu brechen, keine neuen Dogmen zu bekämpfen, keine hierarchische Uebergriffe zurückzuweisen. ES ist eine arge Verdächtigung, ein Schimpf, den man der jüdischen Nation zufügt, wenn man sagt: Heute ist Zeit, den Gegnern zu beweisen, daß wir die Gewissensfreiheit nicht zur Bestärkung de- Eigensinnes mißbrauchen, als wenn in vormärzlicher Zeit unter dem AusnahmSzustande , die Abweisung einer Reform nur auS Eigensinn und Nicht aus der Gesinnungstreue refultirte. Die Gesinnungstreuen weisen auch heute, selbst auf die Gefahr als Eigensinnige verschrieen zu werden, eine Reform zurück und sagen: heute gesteht ihr zu, daß wir damals mit einer Reform einen Berrath verübt hätten und doch habt ihr unS mich in daS Kloster zu Mainz, wo ich erzogen war und mir Todesstrafe angedroht wurde, wenn ich je meine Abkunst verrlethe. Was ich da gelitten, biS sie mich zum Priester weihten, wie viel ich da in meinem Herzen ausgcrungen — wirst du mir zu schildern erlösten. Vergebens suchte ich durch Studium und Gebet mein Gcwistcn zu beruhigen, vergebens suchte ich Trost, bald zwischen Klostermauem, bald in Waldeinsamkeit — meine Verzweiflung konnte ich nie mehr Niederkämpfen. Jede Verbindung mit dir war mir abgcschuittcn, und allmälig verblaßten die Bilder der Erinnerung, die Spuren die deiy liebe- Angesicht meinem Gedächtniffe ringeprägt, sic vertzrischVen'HH mit der Zeit, nur durch da- Schachspiel hielt ich, mit dem schönen Lenze meiner Jugend mich im steten Verkehre, und der Zug. den du mich gelehrt, war die einzige Reininiscenz, die sich mir erhalten. Da haben sie mich nach Rom mit einen» Anträge gesendet, ich sah deS Papste- Glanz, und eS erwachte deS Ehrgeizes Dämon in meiner Brust. Ich stürzte mich in daS Gewühl deS Hofstaate», klon»»» von Stufe zu Stufe und suchte durch Befriedigung meiner Ehrsucht den Stachel meine- Geivistens zu mildern und an dem Kelche der Eitelkeit mich zu brrauschen. Aber in der Einsamkeit der Rächte erwachten die alten Erinnerungen um so lauter, und da erließ ich da» Breve, daS euch bedrohte, ich habe eS vernichtet — und nun Vater, sprich: Werde ich, Verzeihung dort oben finden? Das wirst du, sprach Barabun, du bist vom Lichte derWeiSheit nmfloffcn, wie der erste Spiegel eS mir verkündet hat, ein Diadem schinückt dein Haupt, wie eS der zweite Spiegel vorausgesagt, die Prophezeiung des dritten wird sich auch erfüllen, und ich sehe den Büßenden voin Glorienschein umglänzt. Roch lange sprachen Vater und Sohn mit einander, indeß Barabun » Gefährten bänglich deS AuSgangS harrten. Endlich rief der Papst: Zieh' heim in Frieden, mein Vater, ziehe hin und tröste die trauernde Mutter. Möge ihr Herz sich wieder stärken, wie du das in eine einporgcrichtct hast. — Barabun zog von dannen, die SirgcSbctschaft nach Mainz überbringend. Dann schrieb er ein Lied, best Anfang ist: „Elchanan" desien erste Zeile lautet: Gott ist die Liebe. Das- Lied sollen die Mainzer Juden an jedem Reujahrstage fingen und daraus Muth auf ihrer dornenvollen Bahi» schöpfen. Wenige Jahre später, der alte Barabun war in» Grab gesunken, daS treue Weib war ihm nachgefolgt, da kain rin ab-