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Die Gegenwart · 1870-11-11 · 46 (11.11.1870) · p. Seite 409

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
46 (11.11.1870)
Date
1870-11-11
Page
Seite 409 (sequence 5)
Language
German
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409 r versucht worden und hat als unfruchtbar sich erwiesen und möchte sich wieder alt unfruchtbar erweisen. Gesetzt et würden die Gelehrten aller Parteien, die Orthodoxen und die Reformer, die Eonservativtn und die Liberalen zusammeytteten; gesetzt sogar dm Fall, sie würden sich einigen und wanche Beschlüsse fasten können, dürfen sie den Gemeinden ihre Beschlüsse aufbringen? Die Wenigsten würden sich füget», selbst solche, die an den Verhandlungen sich betheiligt, bei der Abstimmung aber in der Minorität geblieben, würden keinen Machtspruch anerkennen und die Legalität der Beschlüsse fort bekämpfen. In Eultutangelegknheiten, in Tewissentsachen ist es sa nicht wie auf dem Gebiete des Rechtet, daß man durch Betheili« gung an der Abstimmung sich der Majorität fügen müsse und nicht mehr das Recht habe, das Resultat anzufechten. Mit aller Macht wehrt man sich gegen ein-Zentralorgan ans Furcht es könnte die Gewissen vergewaltigen und jetzt soll sich ein solches iustalliren und den Gemeinden aufoctroiren, was ihrem Gewissen vielleicht große Skrupel macht. Doch die ,Neuzeitsagt ja selbst r "Das vermag we« der die Mittelpartei noch die Friedeosstümperei und am wenigsten der wissenschaftliche Jesuitismus, sondern die werkthfitige freimüthige und furchtlose Reform." Also diesen Hän- / den allein fällt die große Aufgabe der Reform zu, aus ihrem Schooße allein soll sie hervorgehen? Die aber sind nicht die Häupter der Synagoge und ihre anzustrrbcnde Reform keine Reform für das Judenthum inSgrsammt, sondern nur für. eine Partei im Jndenthum. Nun eine solche Partei de» steht ja schon ziemlich lange, konnte jedoch nicht bei aller Anstrengung das Volt zur Erkenntnis bringen, daß ״dieses vermeintliche Jndenthnm geradezu unjüdisch sei," und Hoffentlich wirb das Volk, wenn es auch immer der Veredlung zustrehen und seinen religiösen Sinn läutern wird, dieser Erkenntniß sich für immer verschließen. (Fortsetz ung folgt.) Berlin, 1. November (0.-6.) Berlin, die vielg «schmähte ״Stadt der Intelligenz," mag wohl über verschiedene geistig-religiöse Talente verfügen, die in solch reichlicher Qualität auch anderen Städten Europas und Amerikas zu Gebote stehen, — aber in einem Punkt ist sie wirklich das Mekka der norddenkschcn Intelligenz, nämlich in Bezug auf die Quantität der Geistlichen und Rabbi, neu. Jede wirkliche oder vermeintliche Richtung ist daselbst vertreten, von der krassesten Hyperorthodoxie bis zum freisinnigsten DeiSmuS, und diese Lehren verkündigen — 8,ft>u>. a ch t Rabbiner und Predeger! Drei sind von der Gemeinde, resp. den despotischen Repräsentanten, derselben auf» okstoirt. aber sehr fette Sinekuren verwaltende Rabbiner; drei sind Prediger der Reformgemcinde, überaus achtbare Persönlichkeiten, die — in richtigem Selbstbewußtsein — sich nicht ״Rabbiner" nennen und benennen lassen; die zwei übrigen sind Rabbiner von Zweigzemcinden, der Eine der bekannte Führer der Hypcrorthodoxie von Eisenstadt, der Andeke der Repräsentant des gemäßigten TraditionalismuS. Die Gemeinde ״Schochare Hatob" — von der wir hier reden — besteht beinahe 13 Jahre und vereinigt in sich alle wahrhaft reltgkösen ,Elemente des Berliner JudenthumS. Sie besteht gegenwärtig aus circa 800 Mitglicdrrn, aus allen, desonders bemittelten Schichten der Gesellschaft. Dieses Emporblühe»» verdankt die Gemeinde besonders ihrem seit 5 Iahren segensreich wirkenden Rabbinen Dr. N as ch e r, der erst vor einigen Monaten auch in Naab so große Tnumpfe er« rungen. Nascher gilt in ganz Berlin allgemein für den geni. afften Redner, der durch die bezaubernde Gewalt seiner Sprache, ein zweiter. .Orpheus, selbst die oft steinernen. Herzen seiner überaus zähkrcichdn Zuhörer mächtig bewegt. Fär heute will ich Ihnen nur von Einem Bortrage des Genannten berichtet der hier großx- Aussehen gemacht, und viel, überaus viel zym orn teei7j>-beiträgt. Herr Rabbiner Dr. Rascher wurde von de« Vorstände des berühmten Berliner Handwerkervereiu, wo die bedeutend- > Pen Gelehrten und Schriftsteller Populäre Virstsonven hak« ten, aufgefordert, eine Eröffnungsrede zu hatten. Herr Dr. N. kam diesem ehrenvollen Aufträge bereitwiMgst nach und wählte zum Gegenstände seines Vortrages das Lhema: ״Die EntwickekungSgefchichte des Handwerks, «ktbesonderem Nachweis auf das jüdische Alterthum; kn brillanter Darstelluug und gründlicher Fachkenntniß hob der Redner hervor, daß das Mittelalter keine Handwerksgeschichte habe, weil im 1b. und 16. Jahrhundert, als die deutsche Literatur sich in die Stätten der Arbeit verpflanzte, in der Zeit der Mristersänger nämlich, als deren prägnantester EypuS Hans Sachs, ״der Schuhmacher nnd Poet dazu" gilt, bat Handwerk für die Juden zu gut war; in der neueren Zeit, «wo der Früh׳ lingshauch der Freiheit zu wehen begann und sich die Inden allmählich zur socialen Stellung auftau-en, da geschah wiedernm die merkwürdige nnd recht charakteristische geschtchikiche Thatsache, daß die A»den zum Handwerk sich zu gut dielten und den ״goldenen Boden" desselben außznnutzen verschmäh» ten, was um so beftemdender ist, da unsere GlaubenSgenos« sen stets für das Prattische eingenommen waren. Erst der allerneuesten Zeit ist eS beschied en, Handwerk und Handwerks« stand zur Blüthe zu bringen und in dieser Hinsicht nicht an! das griechische und römische, wohl aber an daS jüdische Al« l terlhum anznknüpsen, denn dort war da- Handwerk den Stla« ven überlassen, hier hingegen war die Arbeit die Thätigkiit des freien, iin gesunden Volksleben wurzelnden Mannes. — Das wäre das bloße magere Gerippe des prächtigen Bortraget. Die sehr zahlreich versammelte Zuhörerschaft belohnte j den geistreichen Redner mit stürmischen Beifall«; vre Borst« I tzende bezeichnet« den anderihalbstündigen. freien Vortrag als ' ein ״eminentes Kunstwerk" was es auch tu allen׳ seinen Thcilen war. WochemhrouiL.! *** Dem Vernehmen nach wird ein Erlaß׳ des Mini« J sterinmS für Kultus und Unterricht, in Anknüpfung an eine! frühere Verordnung, die Frage der ReligionSübungen der! Schüler in den Mittelschulen durch Feststellung der Voraus- > setzunge» und Bedingungen, uuter welchen eine Verpflichtung I derselben z» den R'ligionSübungeu noch weiter aufrecht zu galten ist, zur Lösung bringen. *<* Wohlthätige», Die ״Pilsuer Reform" veröffentlicht das Resultat des ersten BerzeichnißrS der milden Spen« den für die Witwe des ermordeten Travuii.-k. DoS Vcrzeichniß euthält 271 Namen, aller Stände, aller politischen Parteien, aller Eonfcsslanen. beider Nationalttäten, (diesmal eine erfreuliche Elnmüthigkeit) und weist die Tum«: von׳ 832 fl. auf. Möge auch die k. Hauptstadt Prag, die GebartS« stätle der trostlosen Witwe und ihrer vier unversorgten Kinder hinter der Humanität der Stadt Pilsen nicht zurückblct« den und den Aufruf im Jnseratentheil diesesBttlttet beherzigen. %♦ Verein ״Ch&nak■." Der Vorstand diese- Vereines zur Unterstützung armer Kinder, hat eine Reihe von Litznn gen abgehalten nnd die Wahl der ihm von Lehrinstituten > nnd Synagogen vorgeschlagenen Kmder vorgenommen. Die »m Vorjahre festgesetzte Zahl 20 wurde auf die erhebliche Zahl 50 erhöht. Wegen der im Vorjahr« sich alt unzuläng« lich erwiesenen Lokalität, dessentwegen eine Anzahl von M>t» gliedern zurttckgewiesen werden mußte, wurde vom Vorstände beschlossen, in diesem Jahre den elegant hergerichtewn Eon׳ viktsal znm Zwecke des BetheilnngSakKS, der in feierlicher Weise vorgenommen werden soll, zu adaptiren. Die Aus« nähme neuer Mitglieder pro 1870 stndet betm Vorsitzenden Herrn Fr. Leipen (Prag Siüski'sche» Hau») noch immer

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