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Die Gegenwart · 1870-11-11 · 46 (11.11.1870) · p. Seite 406

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
46 (11.11.1870)
Date
1870-11-11
Page
Seite 406 (sequence 2)
Language
German
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Hetze in den k. k. Lande-- respektive BezirkSschulrath gewählten Advokaten, ist die Leidenschaftlichkeit zu erkennen, mit der dieselben nicht im Interesse der Schule oder der deutschen Kinder, sondern vielmehr au« Opposition dem Prager Stadt« rathe den Krieg erklärt haben. Ein anderer, humaner Zweck sieht ans dieser Kriegserklärung nicht heraus. So gerne wir es vermieden hätten, diese so oft schon besprochene Schulangelegenheit neuerdings zu ventiliren, so bitten uns die Berdrchungen des bereits mehrmals erwähnten Bertrages zwischen der Stadtgemeinde und KultuSge« meinde in verfassungstreuen Blättern, Beranlasiung. diesen nicht das letzte Wort zu lassen. Man wird eS uns von mancher Seite verübelt haben, daß wir gegen eine, den Juden, jedoch nur dem Scheine nach, Bortheil bringende Sache ankämpfen, indem wir doch die Interessen der Juden zu schützen, uns die Aufgabe gestellt haben. Run was das betrifft, sind wir mit unserem Gewissen'im Reinen und beruhigt, denn doch mehr Sinn und Gefühl für das Judcnthum und die jüdische Religion zu besitzen als jene jüdische Clique, die nichtanderes als ein Absccß de- JudenthumS ist. Da aber jüdische Religion llurecht, Rechtsbruch, lügenhaften Commentar, selbst unter llmständcn, aus ihnen einen Vortheil zu ziehen, nicht gestattet, so mußten wir uns als Juden auf den jüdischen Rechtsstandpunkt stellen, auf die Gefahr hin, mit der egoistischen Kritik des einen oder de» andern unserer Glaubensgenossen in Collision zu kommen. Glaubt man je« doch, man dürfe eines BortheilS willen, zum schlechtesten Mittel greifen, dann dürfte auch der Hunger den Dieb vor dem Strafgesetze schützen. Wiewol wir schon einmal auf daS Meritorifche der Jofefftädter Schulfrage eingegangcn sind, so thut es, bei dem manchmal simulirtcn schwachen Gedächtnisse des VorurtheilSvollen Noch, auf die Hauptmomcnte jenes Vertrages hinzu« weisen, an denen die Stadtgcmeinde festzuhalten berechtigt ist und die Anforderungen de« k. k. Schulrathes förmlich zerschellen. Der Absatz (> des Vertrages lautet : Die jetzige Josefstädter Haupt- und Unterrealschule verbleibt in der ErhaltungSpsticht der Hauptgemeinde, in welche sie am l. Rovemdcr Einsamkeit de? Landlebens der Beschaulichkeit hingebcn zu wollen. Er war ein blasser, stiller Mann, über besten intcreffantc» Antlitz eine rührende Schwer,nuth hingegoffcn war, und wenn er sinnend unter der Linde saß, den Mund zu einem schmerzenSvollcn Lächeln verzogen, den Blick verklärt gegen Himinel, da entrang sich mancher schwerer Seufzer der bcklommciren Brust, alfühlte sich diese von der Sünde Wucht belastet. Er betete viel und init Inbrunst, er fastete mehr als daS Kicchengebet erheischt, saß manche Nacht über den Büchern, und so schien denn wirklich alle Leidenschast in ihm niedcrgckämpft, alle Thcilnahme für daS zeitliche Dasein erloschen. Nur eine einzige, sonderbare Liebhaberei war eS. mittelst deren sein Geist, wie an einem letzten dünnen Faden, noch -mit dem weltlichen Leben zusammenhing: dcr blaste, schwarzlockiae Büßer war nämlich ein leidenschaftlicher Schachspieler, saß stundenlang vor dein Brette mit den <»4 Feldern, die Figuren gegen einander in Bewegung setzend. Endlich ward er müde, sich selber den Widerpart zu machen, und er erzog die Bauern von Ströbeck zu guten Schachlstcn, ihnen manche kostbare Spieltraditionen anvcrtrauend. Allein plötzlich verschwand dcr gute Leonhardt. Ebenso gkheiinnißvoll und überraschend, wie er gekommen war, reiste er wieder ab und ivard, wie man nachträglich erfubr, des Halberstäd- 1er Bischofs Beichtiger und von diesem in besonderer Miffion nach Rom geschickt, woher er niinmer wicdcrkehrte. Der Bischof von Halberstadt stellte Handfesten und Freibriefe, offen auf Verwendung Leonhardt » aus, kraft deren den Bauern von Ströbeck viele Frohnen und Gaben erlasten sein sollten, so lange sie da» edle Schach, spiel noch fürderhin pstegcn und den Erholungen durch rohe Balgerelen und verderbliches Würfelspiel entsagten. Soweit der Chronist von Halberstadt. Man wird zugeben, daß de» frommen Leonhardt psychologisch unerklärliche Spielwuth das Dunkel, da» über der Sache schwebt, nicht nur nicht erhellt, sondern noch mysteriöser erscheinen ließe, wmn nicht äut einer ganz entfernten Sphäre, au» der man r» ber 1851 überg,gangen, doch steht der Hauptgemeinde ohne Einsprache der isr. CultuSgemeinde da» Recht zu. diese Schule aufzulaffen, und dann für den Unterricht der isr. Jugend in anderweitiger entsprechender Weise zu sorgen. Der Stadtrath war somit in seinem Rechte, die Schule aufzulassen, dem Bedürfniffefür die, dieselbebesuchenden Schülerin entsprechender Weise zu sorgen, hat er mit dem Beschlüsse, diesen die städtischen Unterrichtsanstalten zu eröffnen, so wie in der Altstädter deutschen Haupt- und Unterrealschule Paralellklaffen zu errichten, Rechnung getragen, eS konnte somit dem Stadtrathe die Absicht nicht unterschoben werden, die jüdischen Schüler der Josefstädter Schule an die Luft zu setzen. Der Absatz 8 de« Vertragebestimmt: Sollte nach Ablauf der 10 weiteren Jahre (d. i. von 1860 bi- Ende des VerwaltungSjahre- 1870) von dem gegenwärtig an der Josefstädtcr Haupt- und Unterrealschule angestellten Lehrerpersonale noch Jemand angestellt oder pensionirt sein, so wird die isr. CultuSgemeinde für die Pensionirung diese- Personals beziehungsweise für den Fortbezug dcr PensionSbezüge aus ihren eigenen Mitteln zu sorgen haben, falls die Hauptgemeinde dieses Personale nicht ganz oder theilweise anderweitig -verwendet. Wie diesem Absätze Rechnung getragen wurde, darüber kann am Besten die k. k. Finanzlandesdirektion Aufschluß ertheilen. Die Josefstädter Schule wurde im Jahre 1781 für die israelitische Jugend begründet, und. stets aus den Mitteln der prager Judengemeinde erhalten, blieb sie eine Judenschule. Kraft des Anschlußvertrages zwischen der Stadtgemeinde und der CultuSgemeinde übernahm erstere die Josefstädter Schule zur Erhaltung auf die Dauer von 10 Jahren, mit dem Vorbehalte dieselbe noch während dieser 10 Jahre aufzulassen. Sie blieb somit eine konfeffionelle Schule, wäre sie enicht geblieben, so ist schwer einzusehen, wie eS der gegenwärtigen isr. CultuSrepräsentanz zugestanden ist, zu interve« niren oder gar dem Stadtrathe den k. k. Landesschulrath entgegenzustellen. Handelte eS sich um den Fortbestand einer konfessionellen Schule, so hat, wenn diese zum Bedürfnisse wird, der Stadtrath die Verfügung zu treffen und dann erst die Schulbehörde zu entscheiden, ob der Stadtrath im Rechte am wenigsten erwarten möchte, ein eigenthümlichcS Streiflicht herüberfiele. Seit vielen hundert Jahren nämlich lebte im Ghetto, d. >., wie man weiß, der Judenzwinger, zu Mainz eine wunder, lichc Legende, die mit der Schachgeschichte de» Ströbeckcr Mönch» in irgend einer geheimen Beziehung steht. Diese Legende beleuchtet die dunkle Partie in Leonhardt'S Leben, füllt ergänzend die offenbaren Lücken der Halberstädter Chronik, beschattet sie aber auch recht romantisch und läßt sie vom mittelalterlichen Sagendust umfließen. So viel steht fest, daß hier zwei Märchen mit einander in unsichtbarer Communikation bleiben, wie die Feuerheerde zweier Vulkane häufig durch unterirdische Gänge im Zusammenhänge stehen, wie sehr sie auch sonst auf der Erdoberfläche durch Tausende von Meilen getrennt auseinander liegen. Die Legende des Mainzer Ghetto kann zwar weder der historischcn Wahrheit, noch der poetischen Schönheit beschuldigt werden, vielmehr ist sie umgekehrt für eine Historie zu schön und für eine Dichtung zu wahr. Doch wir wollen ste zuerst erzählen, wie sie in: Munde de» Volke» lebt — die Reflexionen darüber laufen un» nicht davon. ES ivar einmal zu Mainz ein frommer, hochgelehrter Herr, den man seiner unermeßlichen Wissenschaft halber schlechtweg den großen Rabbi Simon bei: Isaak Darabun nannte. Ec war hrlmisch in dcr Philosophie, Theologie, war Dichter und Arzt, Astrolog und Wnnderthäter. Seine Lieder wie seine Euren, seine Horoskope wie seine Rathschläge standen weit und breit im höchsten Anseheni und seine Tugend war über allen Zweifel erhaben. Allen seinen Größen und Gaben reihte stch noch eine Geschicklichkeit an — seine Unüberwindlichkelt im — Schachspiele. Grafen und Fürsten, ja selbst gekrönte Häupter fanden r» hier nicht unter ihrer Bürde, mit dem damaligen Philidor, dem berühmten Barabun, eine Partie zu wagen, und sei es auch nur, um sich an seinem Scharfblicke und seiner Schlagfertigkeit zu ergötzen. Al» nun diesem große» Dundermanne ein Sohn geboren wurde, ging er hinauf in die

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