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Die Gegenwart · 1870-10-04 · 45 (4.10.1870) · p. Seite 399

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
45 (4.10.1870)
Date
1870-10-04
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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599 de« Berwaltun-jahre- 1870 au« den Stadtrcntcn brsoldrt. So hat die Ctadtzrmeinde al« der eine Contrahent gehandelt I Wie benahm sich hingegen die isr. Cultu-gemeinde oder vielmehr ihre Repräsentanz alder indere Contrahent? Hat sie die vereinbarten Rechte und Verbindlichkeiten geachtet? Rein. Hat sie al- Vertragschließender Theil gegenüber dem, der isr. CultuSgtmeinde aus dem Vertrage erwachsenden Nutzen, den Recht Ssiandpunkt ehrlich gewahrt? Rein. Hat sie dem Inhalte einer mit ihrem Namen unterfertigten Urkunde in redlicher Weise Rechnung getragen? Nein. Sie hat nichtmehr und nichtweniger gethan aleinen Vertrag gebrochen, nnd sie hat Recht in Unrecht verwandelt. So sind die Segnungen beschaffen, die undie Vertretung der Israeliten Gemeinte, alrin Au-läufer de-deutschen Casino, bereitet. so sind ihre Recht-anschanungen, so ihre Recht-begriffe. Um nur der Stadtgemciude Hindernisse zu bereiten, mußte die jüdische Repräsentanz in flagranti für die Auf- > rrchterhaltung einer Schule plaidiren, die sie sonst perhorreScirte, und gerne vernichtet gesehen hätte, und dieß nur, weil der Ctadtrath nicht im deutschen Casino seine» Sitz hat. Der Vorsitzende Hr. Dr. TedeSco hat am IO. Dezember 1866 im Namen der einen, Vertrag schließenden Partei die Abtretung-urkundr unterzeichnet, in der deutlich gesagt ist, daß da- Eigrnthum der Josefstädter Haupt- und Untcrrealschule mit dem Tage der Unterfertigung der Urkunde, an die Prager Etadtgrmeinde übergeht und die Uebertraguug des Eigenthum-rrchtcS der Josrsst. Schule an die Prag. Stadtgem. rinverleibt werde. Heute ist diesem Herrn al- Stadtverordneter, der Vertrag ein alter Plunder, heute hat seine Unterschrift keinen!■ Werth mehr, nun, nun weil der Stadtrath nicht im deutschen Casino seinen Sitz hat und — Vrutu« ein ehrenwerther Mann ist. Nicht ander-, ja ärger thnt e- Hr. Dt. Wiener. Dieser wachtet der Blamage seine- Amt-kollegcn ein besondere« Relief zu geben, er referirt im k. k. Landesschulrathe gegen den Beschluß de« Stadtrathr« die Josefstädter Schule aufzulaffen und sieht einen abgeschlossenen Vertrag für etwa« Imaginärean und da- Allenur, weil der Stadttalh nicht im deutschen Casino seinen Sitz hat und weil — Bruturin ehrenwerther Mann ist. Hat ja schon dnser Herr einmal al- Mitglied de- Präger StadtrathcS gegen den Stadtrath prozessirt, warum sollte er als Mitglied de- StadverordnetenkollegiumS nicht wieder gegen dem Stadtrath in einer, die vitalsten Interessen der Stadtgeweinde alterirenden Angelegenheit, einen Rechtsstreit führen! Ist doch Dr. Wiener ein fanatischer Jude, dem an den Fortbestand einer Indenschnle mehr gelegen ist, alan dem ganzen Schutrathe, dem da- Judenthum mehr am Herzen gewachsen ist als da- Deutschthum, dem, wo esich um die Interessen der Judenheit handelt, seine eigenen Interessen in die Lust zu blasen, ein Leichteist und dieser Dr. Wiener sollte und könnte eine Judenschule aufgehcn lassen, wer könnte so thöricht sein, dieß zu glauben! Daher fort mit der Stadtgemciude, fort mit der Gleichstellung, fort mit jedem Rccht-gedankcn, fort mit dem Frieden zwischen dem Juden und Nichtjuden, alias mit jedem Vertrag, a bas mit allem Rechte, eine Judenschule muß fortbestchen, so lange deutsche Gesittung, deutsche Intelligenz die jüdische Vertretung beherrschen. Nur Polizei, Polizei! wa- DaS Zeitalter, in welchem Kasimir der Große auf dem polnischen Throne saß, ist in der Geschichte wegen seiner allgemeinen Eittenverdcrbniß und Lockerung aller Familienbandc bekannt. Diese Gebrechen hatten sich aller Schichten der cnropäischcn Bevölkerung bemächtigt. ES war das Zeitalter der Cicilianischen Vesper, der Geißelbrüder, der Johanna von Neapel; daS Zeitalter, in welchem Bocaecio seinen Dekameron geschaffen. Diese Blutvergiftung in allen gesellschaftlichen Factoren erreichte ihre höchste Steigerung gerode zu jener Zeit aiS Kasimir der Große mit dem ungarischen Hofe, an wclchein ein Verwandter dcS Königs, Karl Robert, residirtc, in Berühnmg kam. Diese Berührung mit einem ob seiner losen Eilten berücksichtigten Hose hatte auf Kasimir einen »in so größer» Einfluß, als dieser in seinem häusliche» Leben nicht sehr glücklich und ohne tnännliche Nachkommen war. Er sing an. von einem Extrem in's andere leidenschaftlich sich zu werfen. Er hatte drei Frauen: Anna Aldona, welche im Jahre 133N starb und ihm drei Töchter hintcrließ; ferner Adelheid, Tochter des Landgrafen von Heffen, die sich der Liebe ihres Gatten nie erfreute, vielmehr von ihn» verschmäht und ins Gefängniß geworfen wurde, wo sie nach einigen Monaten starb, und endlich Jadwiega «Hedwig» von Glogau, von der er ebenfalls zwei Töchter hatte. Der großmächtige Herr auf dem Throne der Piasten, der über Millionen von llntcrthanen zu gebieten hatte, war schwach bis zur Ohnmacht gegenüber den niederen Leidenschafte», ivclche feine Seele zerriflen und ihn des Famiiicnglückes beraubten. Er sucht in A»Sschweisungen die Sorgen des Thrones zu vcrgeffcn, auf welchem er jene herrlichen Regcntentugcndc» entfaltet hatte, die ihm den Namen des BaurrnkönigS verschafften. Nachdem er der schönen Bvhnii» Rvkirzana überdrüssig geworden, erwählte er die Jüdin Esther gewöhnlich Esterka genannt, zu ihrer Nachfolgerin. Opoczno. eine kleine Kreisstadt nnd Starostci in der ehemaligen Wojewodscht ft Candomir. hat in Folge dieser königlichen Liebschaft historische Berühmtheit erlangt. Hier an den Ufern der Wenglanka und der Drcwiza errichtete Kasimir ein herrliches Schloß, um desto öfter bei seiner Geliebten weilen zu könne». Bon allen königlichen Favoritinnen erfreute sich Esterka, der höchsten Aufmerksamkeiten. Mit Schönheit und Geist begabt, wußte die bezaubernde Enkelin der Ahasverischcn Geliebten sich in der Gunst ihres Herrn zu erhalten. Obgleich auS einer armen Aamilie «nstammt — ihr Bater war rin Schneider — zeichnete sie sich so sehr durch natürliche Anmuth und gefälliges Wesen auS, daß Kafimir den häuslichen Frieden und die Liebe zur landgräflichen Tochter Adelheid ihr znin Opfer brachte. Er errichtete für Esterka einen herrlichen Edelhof, in welchem sic lange Zeit ihren Wohnsitz hatte. Noch heute schildern Volkslieder im Munde des dortigen Volkes die Liebe Kasimir's zur schönen Jüdin. „Der große König Kasimir trank süßen Meth bei Esterka," singt noch heute der Bauer, wenn er auf die Ruinen des Hofes von Oporzno weist. Die häufigen Besuche, mit welchem der königliche iebhaber den Aufenthaltsort seiner Begünstigten bechttc. erregten den Haß und Neid der Hosdamrn, welche es nicht ertragen konnten, daß der große Kasinnr eine Jüdin öffentlich mit Ausmcrksamkeitcit überhäufte. Mehr als einmal fand man an den Mauern des Schlosses zu Krakau höchst problcinatische Ausschristen und Zeichnungen, unter denen am häufigsten zu lesen war: „Der Hof der Königin von Jerusalem." Aber diese öffentliche Verletzung der guten Sitte war den Glaubcnsgciiosse, Esthers durchaus nicht gleichgültig. Waren sie von der allgemeinen Eittenvcrdcrbniß angestrckt, so hätte» sie sich über diese Erhebung ihrer Glaubensgenoflcn gefreut und ihre Stcl- In,ig zu ihrem Nutzen auSzubcuten versucht. Wohl haben spätere Geschichtsschreiber die ausgedehnte» Privilegien, welche üasimir der Große den Juden seines Landes verlieh oder vielmehr erneuerte, diesem Liebesverhältnisse zu einer Jüdin zugeschrieben. Die Geschichte hat aber durch Fcslstcllnng der Data auf ö Klarste bewiese», dap die Gunst de» Königs gegen die Juden älter war, als seine Liebe zu Esterka. Dir Juden konnten sich vielmehr über das öffentliche Aergcrnib, welches die königliche Maitrcffe jüdischen Glaubens gab. nicht hinwegsctzcn. Vielleicht wirkte bei ihnen auch die Furcht, cS möchte die Gunst der Jüdin den Rrid der Bevölkerung gegen die Juden erwecke». Genug sie wollten der Sittenschäiiderin sich cntäußern und thatcn in ihrein Eifer, was ihnei» leicht hätte verderblich iverden können. Nachdem mehrere Attentate aus Esterka s Leben gescheitert waren, beabsichtigten sic, das Schloß, in welchen» sie wohnte, in Brand z» stecken. Die Vcischwvrnng wurde jedoch entdeckt, Kasimir ordnete eine strenge lliitrrsuchung an, und die Verschwörer wurden zu peinlichen Strafen vcrurthcilt. Da aber zeigte sich daS jüdische Herz. Die königliche Geliebte legte für ihre Feinde eine Bitte beim König ein, und dieser milderte ihre Ltrascn. Nur einige der am stärksten Gravirte», darunter der Bürgtrineiftrr von Opoczno, wurden der Strenge des Gesetzes übrrlaffen. Dieser Umstand, erzählt die Sage, »nachte der Jüdin den Aufenthalt in Opoczno verhaßt »»nd sie verlegte daher in« Einverständniß 45*

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