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Die Gegenwart · 1870-10-28 · 44 (28.10.1870) · p. Seite 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
44 (28.10.1870)
Date
1870-10-28
Page
Seite 392 (sequence 4)
Language
German
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392 Gchulchan Aruch sich in dm Thalis zu hüllen, ihn al- Schärpe um den Racken drapirt und mit augrUverdrehender Begei- ' sierung mit wild gestikulirendcr Inbrunst die„andächtige Gotte-grmeinde" mit Predigten langweilt, die bäse Augen in dikleidigen Predigtsammlungen schon vor Jahren^ gelesen haben wollen: Daist eine Errungenschaft der Zeit, daist Fortschritt. Wenn der Almemor statt nach dem Ausspruch der meisten Casuisten in der Mitte der Synagoge zu stehen, nahe an die heilige Lade gerückt wird und die Frauengallerien so eingerichtet sind, daß die beiden Geschlechter beqnem mit einander coquettiren, auf einander lorgenettiren können und also jede Weihe, jede Andacht aus dem Hause des Herrn schwindet: Daist ein Angebinde deö lichten Jahrhunderte-, daist Fortschritt! Wenn die Trauung, bisher ein religiöser Akt wol, aber doch mehr privaten als heiligen öffentlichen Charakters, auder bescheidenen Wohnung de- Brautpaar'- in die säulengetragcne Hallen der Synagoge verlegt wird; wenn der Co» pulator, bisher nach dem jüdischen Codex eine Privatperson, zum „geweihten Diener des Herrn" wird; wenn demnach also das Psaffeiithum, die neugebackene jüdische Hierarchie einen neuen Triumph feiert, neuen Wirkungskreis erringt: Das ist ein Strahl des hellen Sonnenlichtes, daist Fortschritt! Denn daS Gebet, statt nach altehrwürdigen, ahnungSschweren und doch lieblichen Weisen gesungen zu werden, nun unter Orgrlklang', Chorus, Trillern und Opernmelodien dahinbranst, wenn überhaupt unjüdische Gebräuche, die man allmälig anderwärts als nutzlos verwirft, bei unS alS nicht genug zu würdigende Errungenschaften einschmuggelt, so ist cS Aufklärung, so ist daS — Fortschritt! Man miSverstche uns nicht, auch wir verkennen nicht alte, überlebte Formen, die so echt und recht daS Gepräge einer dunklen Zeit auf sich tragen, die nicht GotteSgesetze sind, sondern au« dem trüben Gehirne unsinniger Pfaffen stammen. Auch wir anerkennen jene Reformen, die wirklich kein Gesetz alteriren, die hinzngekommenen Gebräuche schwarzer Zeiten mit Gebräuchen einer lichten Zeit vertauschen. Auch wir halten nicht für strammes Gesetz, was nur ein theilweise aeccptirter Brauch war. — Aber darin Aufklärung und Fortschritt zn suchen, wenn die Orgel tönt und der Pfaffe deklamirt und der TaliS gleich der Stola oder dem Cingulum um den Nacken liegt, da« ist Wahnsinn, alberne Lächerlichkeit. Kleinlichkeiten, nichts als Kleinlichkeiten! Eitelkeit nicht« al- Eitelkeit! — Wisst ihr, wer fortgeschritten war? Mose«, der GotteSmann! Er hat uns die Lehre, daS Jeuergksctz deS Ewigen gebracht; er hak nnö aus dem Eigendünkel in die Lichtregion eines GotteSgcsetzeS geführt; er hatte den Muth, mitten in dem ihm umwogenden Götzenglauben von sittlichrcinem GotteSglauben zu sprechen; er war rin Fortlchrinsmann. Und wisset ihr, wer noch fortgeschritten war'? MoscS den Maimon! Cr hatte den Muth, die Philosophie, das Lichtlind des MrnschengehirneS mit dem Lichtstrome de« GotteSgesetze« zn einigen; er war ein FortfchrittSmann. lind Moses Mendelssohn, der Mann mit den Silberblicken und der Silbersprache, der dem verkommenen Geschlechtc wieder die Bibel gab, der den Muth hatte, Europa« leuchtende Bildung in die Lichtstätte deS JudenthnmS z n pflanzen; er war ein Fortschrittsmann! Ihr aber meint« eben so wenig ehrlich mit dem Judenthnm al« mit dem Fortschritte und kommt zwischen zwei Stühle zu siyen. Die Reformer erkennen euch nicht an, die alten Juden noch w e- Niger. Anmaßung, nichtals Anmaßung! Eitelkeit nich tS als Eitelkeit! Schmidt. Ntligioirhaß in der amerik. Politik. In einigen Rew-Dorker Blättern hat sich eine eigen- IhümlicheDiScuffion darüber entspannen, ob Herr.Sigismund Kaufmann, den die republikanische Partei als ihren Candi« baten für das Amt des Lieutenant-Governor aufgestellt hat, mehr ein Vertreter der Juden, oder der Deutschen ist, da Kaufmann in Süddeutschland geboren und der mosaischen Religion angehört. C« wird behauptet, daß, da mit dieser Candidatur den Deutschen eine Concession gemacht werden sollte, Kaufmann al« Jude kein geeigneter Berteter derselben sei. Abgesehen davon, daß die, deutschen Republikaner, denen diese Verhältnisse wohlbekannt sind, seine Candidatur acceptirt haben und sie unterstützen, ist e« im höchsten Grade gefährlich, solche Rücksichten, die selbst in den frömmelnden politischen Regionen Deutschlands beinahe glücklich überwunden sind, in unser Staatsleben einzufahren. Die Religion ist Jedermann- Privatsache und hat mit der Politik nichtzu thun; sie ist weder an eine Nationalität gebunden, noch ein Hinderniß oder ein Beförderungsmittel für freiheitliche oder reactionäre Anschauungen. Ganz besonder« in einem Lande, welchesich der Gleichheit und Freiheit aller seiner Bürger rühmt, müssen wir gegen das Aufkommen einer derartigen Richtung, als dem Geiste unserer Constitution total widersprechend, energisch protestiren. War der.verstorbene Waldeck deswegen weniger ein Kämpfer für die Volksfreiheit, weil er ein treuer Katholik war? Ist Jules Favre, ein eistiger Besucher der katholischen Kirche, etwa reaktionär? Hat Aoolf Cremieux, daS Mitglied der republikanischen Regierungen in Frankreich von 1848 und vom heutigen Tage, deswegen aufgehört ein Jude zu sein? Sind etwa LaSker, der einflußreichste und begabteste Führer der national-liberalen Partei in Deutschland, Dr. Kosch, daS alte hochverdiente Mitglied der Fortschrittspartei, selbst Johann Jakoby keine Juden? Gehört nicht Nigra, der talentvolle italienische Diplomat, so wie Elftädter, der badische Finanzminister, derselben religiösen Gemeinschaft an? Ist etwa der große Philosoph Fichte, gewiß, der wärmste Vertheidiger der Freiheit deS Individuums wie der Gesammtheit, deswegen aus der evangelischen Kirche ausgetreten? Bedarf e« noch mehr Beispiele, so stehen unzählige znr Verfügung. Hat ferner Jemand in dem Kampfe deS Nordens gegen den Süden, wie in dem gegenwärtigen zwischen Frankreich und Deutschland, zu fragen gewagt, ob die gefallenen Krieger Christen oder Juden sind? Oder glaubt man vielleicht, daß die Personen eine bessere Garantie für ihre Gesinnung geben, die au« der einen ReligionSgemeinschaft in eine andere übertreten? Die Zeiten, in welchen man. wie Heine sich sarkastisch entschuldigt, als Mitglied einer bevorzugten Religion „ungestraft silberne Löffel stehlen darf", sind glücklicherweise schon längst überwunden; in den vereinigten Staaten haben sie überhaupt nie existirt. ES ist eine Schmach und Schande, daß eine DiS- Haupt noch an die Oeffentlichkeit wagt, ohne für immer verurlhcilt zu werden. In der amerikanischen Preffe kann ein solcher Geist nicht aufkommcn, da die Praxis — wir erinnern an den General Salomon. letzt Governor von Montana — seit Jahren bereits gelehrt hat, daß bei der Besetzung der Aemter auf die Religion keine Rücksicht genommen wird. In einem Theile der deutschen Zeitungen sind dergleichen Borkommnisse leider nicht selten. E« gibt in derselben eine Sorte von „FreiheitShcldrn wider Willen," die ans dem Jahre 1848 nur da« Maßmann'sche „stumpfe Rüschen und Klumpfüßchcn," sowie die damals in gewiffcn Kreisen zur Kennzeichnung der freihe itlichcn Ideen für nothwendig gehaltene schmutzige Wäsche und deS Kamme« spottendeS Haar, nebst einer Fülle von religiösen und socialen Zöpfen in unser Land herübcrgcbracht und conservirt haben und jetzt von dem Fette der Bewegung leben, in welche sie zu jener Zeit durch eine Ironie de« Schicksalhineingezogen wurden. Einer dieser Rittes glaubt einem anderen Jour-

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