Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 43 (21.10.1870)
- Date
- 1870-10-21
- Page
- Seite 383 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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383 ttcd'ftlt wurde, ein größere- Gewicht legen, so veranlassen undazu die vaterländischen Interessen, welche dm böhmischen Judm gebieten, mit Hand an ein große- und edle- Werk zu legen, von dessen Gelingen da» Wohl unsere- $3attr(an> deabhängig gemacht ist._ '_ 1 So oft schon wurden Stimmen unter den Juden laut, diese durften die letzten sein, welche die Verfassung stützen oder da» böhmische Staat-recht retten könnten. Wir schließen undieser Ansicht, welche von einem nicht unbedeutenden Grade von Srldstunterschätzung zeugt, nicht an, weil wir den Inden im Allgemeinen, den böhmischen inSbcsondere in seiner politischen Stellung dann nicht mehr als Inden auffassen, sobald er sich ihrer al» wahrer, ungeheu« cheltrr Patriot würdig zu machen, und über da- Geflunker einer selbstsüchtigen Cotterie hinwegzusetzen weiß. Mit gewisser Arngstlichleit um die freiheitlichen Errungenschaften, die ihm nur die Zeit und ihre Strömung brachte«, sicht sie im Geiste der politisch kurzsichtige Jude bei einem Verfassung-Wechsel, schon vernichtet, fürchtet er bei der Restituirung de» böhmischen Staat-rechte», sich in seinen Rechten verkürzt. Liegt doch diese Furcht in dem Glauben an den falschen, spitzfindigen Commmtar deböhmischen Staa'.-rcchte-, von Seite der Verfassung-au-bcuter, die so gut wie die Cechcn selbst wissen, daß daböhmische Staat-recht die Freiheit und Gleichheit aller Confessioneu nicht au-schließt, vielmehr unserem Vaterlande und seinen Bewohnern eine hervorragende Stellung im österrreichischen Ländercomplexe anweiscn möchte, so sollte doch schon die politilchc Häutung der Juden dieselben über da» verschmitzte Raffinement einiger ihrer verfaffungSbedürftigen Glaubensgenossen aufgeklärt haben, welche jeden Ausgleich, in der Furcht mit diesem würde ihre egoistische Triebfeder in die Luft geschnellt werden, perhorreö» ciren. Sie zittern schon vor dem Worte „Ausgleich", sie sinken zurück, so sie hören, daß ein Ausgleich im Anzuge sei, und trotzdem wagen cs diese Verfassung-Heuchler sich als ehrliche Oesterreicher zu geriren, während sie, sobald die eine Waagschale sich zu neigen beginnt, den treulosen Liebhaber spielen. Die Juden mögen nur die beiden jedesmaligen Wahlen schlau angelegten Mittel durchschauen, wie man die BerfasfungSblüten treibenden Blätter mit anonymen von „mehreren Israeliten" unterfertigten Appellen auSfüttcrt, deren Quelle man kennt, aus der sie geschöpft sind, wie man sogar so weit geht, die Person Sr. Majestät in die Agitation bezweckende Jnseratendiskussion zu ziehen, uni den Wähler zu verblenden, ihn für einen oft unbeliebten, bloß anfdiktirten Candidaten zu gewinnen, die Juden mögen nur, bevor sie auf ihres Meisters Worte schwören, das jüdischpolitische Taüberall in unserer flachen modernen Gesellschaft gelingt, während Menschen von Kopf und Herz, die nicht heucheln, ihr Herz wie Cordelia auf die Lippen nicht heben können, gemieden und für nicht umgangbar erklärt werden. Vulgus vult decipi, ergo decipiatur war die Antwort, die mir jüngst ein junger Pfaffe auf mein Bedenken betreff der von hriitigen Dhrologen zu rultivtrenden Heuchelei gab. Dies war der ganze Schatz seines latcin. Wiffcns, und fei- NtsjWiffcnS überhaupt, er war so hohl wie eine Kirchenmaus, aber um so fester klammerte er sich an denselben und dieserTaliSman brachte ihn in der That in der kürzesten Zeit sehr weit. Ja, die ehrbare Mat-one „Wahrheit" ist auS Hans und Hof verjagt, derweil das Stuben, kätzchen „Lüge" am Heerde sich behaglich wärmen und ausdunsen darf. Da sah ich unter den vielen Beglückwünschten auch ein merkwürdiges, nach allen Seiten hinlächelndeS JanuSc;c»»plar. eine thevlo. gische Persönlichkeit, die immer lächelt und immer lächelt und — — durch ihr Lächeln zu Amt und Würden sich cinporgclächclt, die ihr nimmer bei der Wiege vorgcsungen. Denn weder besitzt sie Verstand genug, um ihre Stellung zu begreifen, noch die geringste Energie ihr vorstehen zu können. Aber sie kann lächeln, unter allen Umständen lächeln und hat sich ihre Aemter rrlächclt und behauptet sie auch durch Lächeln. Und solch eine wciblich-lächelnde Persönlichkeit gilt für unnahbar, rin Chamclcon, daS alle Farben spielt, wird von ge-bkatt zur Hand nehmen, dessen unvergleichlichen Schlager. Au-fälle und Schimpfereien auf die böhmische Ration sich zu einer Gassenintelligenz au-dustenden Blumenlese vereinigen, mit der man tagtäglich, nur der Berfasiung wegen, delektirt wird, die Juden mögen sich überhaupt die jüdischen Politiker näher brsrhen. wie diese als bloße mit Flitter umkleidete Marionetten figurircn und nur in Hetzartikeln die ganze Staat-wci-heit erblicken; die Juden werden dann gewiß zur Uebcrzeugung gelangen, ob für sie oder nur für die Schleppträger „großer Herren" die Verfassung existirt. Schon da» gegenwärtige Ministerium, bisher den Verfassungstreuen ganz ungefährlich, ist diesen trotz seinem Festhalten an die Verfassung ganz unbequem, weil ihnen die Aussicht aufChrenstellen und andere Sächelchen verschlossen ist, sie sehnen sich nach der eghptischen Fleischkost zurück und murren, weil ihnen der Stab Potocki's nicht allerlei rentable Stellen andern Felsen der Verfassung rieseln läßt. Das ist der Grund der vcrfassungsfrcundlichcn Gegenwehr, der Verleugnung des Vaterlandes und der Pflichten gegen dasselbe, zur Verstärkung der Colonnen, denkt man, seien die Juden gut, als politisches Kanonenfutter. Unterdessen schätzen sich die Juden höher als nur deS Schießpulvers wcrth zu sein, und kümmern sich nach und nach sehr wenig um die Krakchl abfeuernden Franktireur» des deutschen Casino», deren Ziel ein durchwegs verfehlte» ist. Davon zeugt schon die Haltung der Juden bei den letzten Landtagswahlen, wie sie politisch selbstständiger geworden sind und die Diktatur einer wühlerischen Clique von sich abgeschüttelt haben, die es wahrlich mit sich am besten, m>t den Inden gar nicht gut meint. Wer nun von Vaterlandsliebe durchdrungen ist, wer ein Königreich höher hält als ein Departement, wer das Vaterland wirklich glücklich und zufrieden sehen will, kann unmöglich dem Lockrufe einer verzweifelten Clique folgen l Faßt man nun noch den Zeitpunkt ins Auge, in dem die böhmische Nation in den Besitz ihrer Rechte gelangen wird, so kann schon heute das Bewußtsein der böhmischen Juden als Söhne ihres glorreichen Vaterlandes ein beruhigtes sein, wenn unter ihrer Mithilfe all die Wünsche der Ration rcalisirt werden, die auch in sich schließen Freiheit und Gleich heit beider Nationalitäten, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Confessionen. 8. alle« gehegt und zur Specir» der Biedermäuurr gezählt. Utbtc die chaotische Anarchie unserer Geiueindcverhältniffr I Es wäre doch einmal schon Zeit, daß das Volk ans feiner Lethargie erwache, unwillig sich erhebe, jene» häßliche Drtroi abschüttle und in alle seine Angelegenheiten selber rinareife. sonst werden wir gar bald die heilloseste Verwirrung erleben. Echt euch einmal um, waS diele Leute thuu, in deren Hände ihr die Leitung deS geistigen und gemeinnützigen' Lesens legt. Hättet ihr mit meinen Augen gesehen, wie jene Herren am Acnjahrsabcnd vor den an» AuSgangc der Lnnagoge sehnsüchtig »ach ihnen blickenden Arinen kalt und stuunn vorübergingen. und während sie für alle anderen ihnen irgcndioie nützlich sein Könnende ein Lächeln oder ein liebcnSivürdiges geflügeltes Wort hatten, hatte,» sic für diese unglücklichen nach ihrer Unterstützung hungcrig Lechzenden nicht» als ein ablvchrcndcS Nein, ein stolze», Entfernung gebietende» Auge, hättet ihr das gesehen, ihr »värct so empört gewesen wie ich und ihr würdet _— doch z» wem spreche ich? „Du wirkest nicht, alle» bleibt so stumpf „Sei guter Dinge. „Der Stein in» Sumpf. „Macht keine Ringe." Th. M. 43*