Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 43 (21.10.1870)
- Date
- 1870-10-21
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 politische- Leben gefährdet sieht, so erhellt eS einfach, daß sich da- Experiment nicht bewährt, und man müßte, bevor zu spät würde, rasch eine andere politische Luft in die Staat-- glocke einströmcn lassen, in der alle politischen Theire des Staatskörpersich gedeihlich entwickeln könnten. Allerdings ist eS schwer, mehrere Menschen unter Einen Hut zu bringen, schwerer noch zu verlangen, daß, so wie eS der römische Kaiser Ealligula wünschte, daS ganze Volk einen Kopf hätte, von Oesterreich ließe sich am allerwenigsten beanspruchen, alle Völker unter Einen Verfassungshut zu bringen, am allerwenigsten unter einen solchen, der nur dem Ärmsten Kopfe, dem sogenannten verfassungsfreundlichen angepaßt wurde. Die Verfassung also war in ihrer, gar oft von kompetenten Politikern ßzu gestandenen Einseitigkeit nicht dazu angethan, man könnte füglich annehmen, die meisten Völker in Oesterreich zu befriedigen. Die Eonscquenzen, die sich daranergaben, liegen uns viel zu wenig ferne, wir befinden uns gewissermaßen in ihnen, und die staatsrechtliche Opposition in unserem engerem Vaterlande Böhmen, bekanntlich die Antwort auf die Dezemberverfaffung. ist eS, derentwegen in Wien Experiment auf Experiment folgt, um den Hydrakopf der täglich wachsenden staatsrechtlichen Opposition niederzudrücken und die gebeugte Verfassung wieder aufzurichten. DaS gegenwärtige Ministerium machte wol Miene zum Ausgleich, dieser schien deßhalb wieder zu Wasser geworden zu sein, weil man dessen früher denn je bedurfte, daS Mühlrad der Berfasiung von Neuem zu treiben und das politische Kunigunde und Eduard nicht verstummen zu machen. Daß die öechen den Ausgleich nicht perhorreScirten, vielmehr in einen solchen eingehen wollten, mußte schon daS Eintreten ihrer Vertreter in den Landtag, wenn auch unter gewissem Vorbehalt, dem VerfaffungSstarrsten die Augen öffnen, der den Ecchcn stets den Vorwurf machte, auch nicht einen Schritt der Regierung entgeqcngekommen zu fein. Im Landtage und in einer Adresse au die Krone sprachen dieser gegenüber, die tcchischcn Abgeordneten deutlich neS Herzens durchbcbtcn? Meine Stube wurde mir zu enge, das Herz pochte in gewaltigen Schläge» und drohte daS enge Gehege der Brust zu durchbreche». Ich eilte in die Synagoge. Hier dachte ich meinen einstigen Himmel wicderfindcn in jener befeeligenden Andacht einer heiligen Gemeinde daS bewegete Gemüth beschwichtigen zn können; doch vergebens. Ich trat in eine der größten Synagogen Prag s und an der Thüre standen dieäümiuvruin gentium, darunter Herrchen, denen der erste Flaum eben erst zu sprossen anfing, die inich unwillkürlich an einen gewissen Der» in JesaiaS (Cap. III. 5.) gemahnten. Wie wenig mußten diese Leute tu» die Heiligkeit dieses Festes, um die Weihe dieses AbendS wissen! Sie standen so selbstgefällig mit soviel süffisanter Behaglichkeit da. als ob der Abend tu» vorstcherlichcr Gnaden Willen gekommen wäre, al» ob sie die Helden dcS Festes wären. uin dereittwilleit da- HauS in allen Räumen sich füllte. Wie die Eharone hatten sie Posto gefast, nur daß sic nicht Obolusse, sonder» ein Lächeln, einen Händedruek. eine Verbeugung oder einen ganz devoten Knlzer verlangten je nach Stand tmd Rang dcS Eintrctcndcn. Ich tvollte mit glühendem Ungestüm über diesen Posten eilen, wurde jedoch festgehaltcn, meine Hand ward mir mit graziösem Lächeln abverlangt, und als ich bei dieser Gelegenheit diesen so gnädig sich herablassenden Leuten in- Gesicht, in jenes prosaische Kreuzer- und Ehrsucht strotzende Gesicht schaute, da ivnrde eS mir „kühl biS anS Herz hinan.- Ich verglich die von der Enltur ein wenig beleckten Vorsteher mit den schlichten und wackeren meine- VaterstädtchenS. Hier ein stolzes Nicht- , dort ein einfaches markige-, von wannen Grmüthc und tingefälschter Religiosität erfüllte» Wesen. Hier der bescheiden thuendc Stolz an der Thüre; dort der bescheidene Stolz am Platze, ohne Geflunker und Geflittcr alwürdiges Vorbild der Gemeinde. Hier da» häßliche Hervortretcn eine» aufgedunsenen I ch »; dort da- Verschwinden und Aufgehen der Person in derGesammtheit, welche den Strnipel der Reinheit und Selbstlosigkeit an der Stirne trägt. Ach ging somit nach entrichteten Tribute mit Etwaabgekühlteren Blute auf meinen Platz, in der Hoffnung, durch daS hundert, und unumwunden da- Verlangen der böhmischen Nation auS, klärten die Peffimisten auf, welche in der Herstellung deS böhmischen Staat-rechteda- Grab der Freiheit und Gleichheit aller Nationalitäten und Eonfessiorten erblicken, versicherten die Krone der Loyalität deböhmischen Volkean die allerhöchste Dynastie und an Reich, mit Hinweis auf die stetbewährte Treue und Anhänglichkeit an dieselben, wenn sie jedoch dem Rufe de- Kaisers, den Reichsrath zu beschicken, nicht Folge leisteten, so lag dieß natürlich in ihrem Standpunkte, in ihrer Stellung auf dem staatsrechtlichen Boden, ein solcher Schritt hieße nichtanderes, als sich deböhmischen Staatsrechtes begeben und diesem auf immer entsagen. Auf Grund dieser nothwendig gewordenen Abstinenz der Majorität deböhmischen Landtaggriff die Regierung wieder zur politischen Experimentalphysik respektive nach dem Mittel der Ausschreibung direkter ReichSrathSwahlen. Wenn mit diesen die Regierung nur zu erzielen glaubt, die deutschen Bezirke Böhmens und nicht da- Königreich Böhmen selbst im ReichSrathe vertreten zu sehen, so mag daS für sie momentan genug, imerhin kein Schritt nach vorwärts, sondern ein bedeutender Schritt nach rückwärts geschehen sein, wobei der Zweifel gerechtfertigt erscheint, daß das Resultat deneuesten Experimentes, freilich im Rückblicke auf die Aera Giskra-Herbst-Hasner, nicht mehr neu, einen Erfolg aufweisen werde. Wir stünden dann natürlich dort, wo wir vor dem Experimente gestanden und der Rahmen der Verfassung hätte sich trotz der frischen Vergoldung, neuerdings eine- Sprungezu erfreuen. Es frägt sich nun, wie die böhmischen Juden, alintegrirender Besta.idtheil der böhmischen Nation Angesichtder direkten ReichSrathSwahlen, sich zu verhalten haben, sobald sie an den Bestrebungen der böhmischen Nation einen thätigen Antheil nehmen wollen. Wenn wir heute auf diese Frage, die bei dem bisherigen Modus der RelchSrathöwahlen von Manchem mit Unrecht mit einer Personalfrage ver« stimmige Gebet mich beruhigen zu können, aber auch damit war eS nicht weit her. ES waren zwar dicsclbcin Gebete, wie ehemals, dieselben Melodien wie vordem, allein sic lieben mich kalt. ES waren tt« Worte ohne Sinn, Töne ohne Gemüthsinntgkeit. Ich hörte daS Mühlrad rauschen, aber ich sah daS Mehl nicht. Dem klappernden Hufeisen fehlte ein Nagel. — Das Gebet war geblieben, aber der alte Geist war verflüchtigt. Es waren Menschen ohne Herz. Menschen ohne Herz! Furchtbar, aber wahr! Ja unsere Weisen sprachen ein großes Wort gelassen au»: „Wenn unsereBorfahren," so-sagten sie, „Menschen waren, so sind wir Esel." Ja uitsere Bor. fahren waren Menschen, waren von Menschenliebe und GotteSverehrung beseelte Menschen, wir aber schwatzen endlo» über Humanität und üben sie nicht, prahlen mit religiösen Institutionen und sind über daS Abc nicht hiitau». Wir buchstabircit ohne Berständ- »iß. dilcttiren ewig, spielen Fortschritt und sind schließlich doch nur Marionetten, welche voit den Vorfahren durch Drähte bewegt werden. Wir sind Automateit ohne Selbstständigkeit, kalte Pagoden ohne Herz. Da» waren meine Gedanken zu Ende des Gebete-. Ich verließ ohne Befriedigung meinen Sitz, um mir einen Weg durch die hiitauSströmendc Menge zu bahnen; allein auf halben Wege blieb ich stehen, um einige Gruppen näher in» Auge zu fassen. Zu dichten Kluinpen geballt, drängten sich die Massen an irgend eine leistungSfähige Persönlichkeit mit den wunschseligstc» Zungen. Menscheu, die sich da» ganze Jahr hindurch auf» blutigste hassen, alle Hebel der Jntriguc gegen einander ln Bewegung setzen, drückten sich brüderlich die Hand, überboten sich gegenseitig in den zierlichstcn Wünschen, derweil ihr Herz nicht» als Neid und Scheelsucht einpfand. Ich konnte deren Viele, die e» mit ihrem Gebete und ihren Wünschen gerade so hielten, wie die beiden Töchter Leare», Gonerll und Regan, welche die herrlichsten Redensarten schnitzten, um ihren Vater zu überzeugen, daß sie ihn über die Maßen liebten und dann den gutmüthigen Alten, nachdem er ihnen alle» gegeben, vor die Thüre stießen. 2» ist eine niederschmetternde, aber leider nur zu oft erprobte Erfahrung, daß r» diesen Leuten und nur diesen