Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1870-10-21 · 43 (21.10.1870) · p. Seite 381

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
43 (21.10.1870)
Date
1870-10-21
Page
Seite 381 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/4890378-5433916-5434080--886-4891171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ftm «foiMtrtftir •naivirig fl. fl.— t*mm% „ 2.50 vtettsljährig,, 1.80 Mit P,flz«se»d»»g: CuiWrifl fl. 5.50 $«Ojftrig „ 2.75 vierteljährig „ 1.50 Für- AuSland r «aa-jährig 4 Tdlr. Halbjährig 2 Thlr.^ Inserate werden bil» ligst berechnet. Die Gegenwart. Israelitische Wochenschrift für politische, sociale und religiöse Interessen. «Erscheint an jedem Jrettag. «rbattia, ,. »iftratl»» Prag, M. tergaffe«». 4»S—i »»di» alle Briefe ». Gklbsendnngtn z, richte« sind. Zuschrifte» »erb«, franco erdete». Mi« ouskripte »erbe» bei Nichtvrr»r»d»,g a»f «erlange» jrbach u»sraalikt znriickerstattet. Prag 21. Oktober 187V. ///. Jahrgang. Pr. 43 Die politische Erperimental-Phyfik in Oesterreich. Seit mehr denn zwanzig Jahren spielt in Oesterreich die politische Experimentalphysik eine große Rolle, ohne daß sie einen endgiltigen Erfolg auszuweisen hat. Die verschiedenen Regie» rnnzSapparate waren nicht im Stande, dem politischen Beobachter Beweise zu liefern von der CenKipetalkrast der das ganze österreichische Staatengebilde vertretenden Völker, weil in den jeweiligen Regierungssystemen zu wenig Centrifugalkraft herrschte, nm die verschiedenen Nationalitäten für sich zu gewinnen. Zumeist gilt diese politisch physikalische Erfolglosigkeit der Zeit vom Jahre 1861 bis zum gegenwärtigen Momente. Man praktizi'rte in ihr die Lehre vom Druck und Gegendruck, von centralistisch-dualistischer Anziehung-- und Abstoßungskraft, von der Leere im Raume, von der Intensität de- BerfassungSlichteS, das nur den kleinsten Theil der ciSleithanischen Hemisphäre erwärmt und erleuchtet, von der Finsterniß in Gestalt von. UltramontaniSmnS und Feudalismus, der man alle Gegner des Dualismus geziehen und noch zeiht, von den funkelnden Sternen auf der Brust der Verfassungstreuen, aber nirgend herrscht Einheit und gleiches Maß für Alle, Faktoren, welche in erster Reihe zur Consolidirung eineerschütterten Reiches gehören. Mit Einem Male wurde der österreichische Staatskörper und mit ihm die Gesammtopposition in zwei Hälften gelheilt, die zum politischen Bandwurm geworden, der, wiewohl an einem Punkte durchschnitten, von Neuem wächst und größer wird. Der eine Theil EiSleithanien genannt, schien, trotz der Thcilbarkeit, an Widerstandsfähigkeit nichts verloren zu haben, weßhalb man, um den irreparablen Fehler gut zu machen, sich bestrebte, dem abgeschnittenen Thcile stets von oben rasch einen galvanischen Strom zuzusühren, der in dem, in Permanenz gebliebenen mm possumus gegenüber der Majorität der österreichischen Bevölkerung gipfelte. Bckannllich ist das durch einen galvanischen Strom erzeugte Leben ein Leben ohne jeden Organismus, ein Scheinleben. Nicht anders scheint es mit der Verfassung zu sein, so bald ihr der galvanische Regierungö« ström entzogen wird, zeigt sie sich in ihrem Scheinleben. Die Verfassung ist somit das Resultat eines jener vielen Versuche. Zu Versuchen gehören notorisch zwei Körper, der eine, an dein der Versuch vollzogen, der andere mit dem der Versuch ausgeführt wird. Wenn nun die österreichischen NcgicrungSphysiker den politischen Luftdruck der Verfassung mit der Vnftpumpe der öffentlichen Meinung prüfen wollten, so müßten sic zuerst alle Völker unter dem Apparate stellen. Verträgt in diesem nur, wie es sich bisher auch hcrauSstellt, rin kleiner Theil die politische Lust, während der andere und zwar größere Theil sein -Feuilleton. Reujahrsabelid-Rachklilngk,*) Trotzdem ich daS fünfundzwanzigste Jahr bereits überschritten, besitze ich drch »rch eine fromme, nicht zu verwindende Schwäche, die ihren Sitz in meinem Herzen hat und jährlich einmal mit solcher Macht hervorbricht, daß alle BernunftSgründe daran scheitern, meine ganze Männlichkeit daran zu Schanden wird. ES ist dieö eine gewisse Scheu, so ein definirbareS Etwas, waS mich beim Hcrannahen de- ReujohrSabendS erfaßt, daß ich mich räthselhafter Thrünen nicht erwehren, eines unerklärte», jede LrbenSregung hemwenden Schmerzes nicht entwinden kayn. Schon glaubte ich mich diesmal davon befreit, schon waren einige mich sonst schmerzlich berührende Momente, ohne tiefere Eindrücke zurückgelasien zu haben, spurlos hinwegegangen, waS mich glauben ließ, daß jene Weichheit deS Herzens starrer, jene zittrnrde in brau, sende Schwingungen leicht zu versetzende Empfindsamkeit stabiler geworden, als plötzlich der ReujahrSabend mich eines andern belehrte. Schon am Nachmittage, als ich auf meinem Zimmer a,«gelangt, allein mich befand und meinem Gedanken freien Cpirlramn lasten durfte, überkam eS mich mit einer nie geahnten Intensität. Mein Geist begann zu schwärme». Meine rastlos arbeitende Phantasie verfemte mich in die .stindcsjahrc zurück, wo ich in» väterlichen Haufe in patriarchalischer, wahrhaft erhebender Weise das Fest feiern sah. Ich sah den kleinen Tempel von. hundert Mergelt durchglüht, den Altar mit Cannnt und zahllosen in allen Farben siinnnernden Steinen geschmückt. Dort an der Spitze stand der greise Ehrfurchtgebietende Führer der Gemeinde, dem hohen Priester vergleichbar; dort die hundcrtköptigk Gemeinde in einer Andacht begriffe», welche alles Niedrige und Gcincine, alle peidenschaftei» nnd Sünden, allen Eigennutz und EgoiSmuS, alle Falschheit und Persidie in daS Meer der Vergessenheit drängte. Und wenn erst der Vater seine Hände segnend auf daS Haupt deS KindcS legte, so kan» ed mir nicht andervor. als ob der ganze Hiinmel niedergestlegen wäre und alle Eeeligkcit aut diese heilige Stätte auSgegoffen hätte. Die Mensche«» schienen mir das Rirsrnmaaß der Engel angenoinmen zu haben, ich selbst fühlte in mir eine über alle Berechnung erhabene voin GotteShauche angc«vehte Krnft erivachsen. so daß ich mit den» Patriarchen aus rufen mochte: Wahrlich dies ist da- Gotteshaus und dies sind die Pforten deS Himmel». DaS Wunder nun, daß solche h,»lbverkl»»gci»e Erinnerungeu,! mich wehmütig stimmten? Daß sie die schluinmernden Saiten mei- •) verspätet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.