Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 42 (14.10.1870)
- Date
- 1870-10-14
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 378) — •) In Berlin wurde vor einiger Zeit ein bairischer, jüdischer Unteroffizier begraben. Gei seinem TvdeSbrtte waren viele Glaubensgenossen, die mit ihm die letzten Gebete bete« ten. — Ein preußischer Major äußerte sich über die Halmug der israelitischen Soldaten: Die Israeliten haben sich bei Saarbrücken und Wörth so tapfer bewiesen, daß sie ohne Zweifel bald die höheren Stellen erhalten werden. *)Gefechtin'der jüdischen Synagoge zu Berfa il l e. Eine gottgeweihete Stelle, ein Ort, welcher zu gewöh.nlichen Zeiten nur mit heiliger Scheu betreten wird, kann in Kriegszeit auch der Schauplatz schrecklicher Mord» und Gräulseenen werden. Ein Beispiel davon, liefert folgende Begebenheit. Zu Versaille in der Nähe von Paris haben sich nach kurzem Wider ftande 1200 Mobilgarden an die 14. Kavallerie-Brigade ergeben Nur ein Offizier mit beiläufig 50 Mann vertheidigten sich tapfer, sie haben sich in eine jüdische Synagoge festgesetzt und nachdem sie die Thüren vrrbarrikadirten, schoßen sie aus dem Fenster auf die Preußen. Nach einer halben Stunde gelang es endlich den Preußen in den Tempel rinzudringen. Schritt für Schritt zogen sich die Franzosen fechtend zurück, bis zur Stelle wo die heilige Lade steht, die Thüren von den großen, schönen, und reichverzierten Kasten wurden durch Schüsse gesprengt, und in die Vertiefung vom Kasten hat sich der Offizier mit noch einigen seiner l'cut? geflüchtet. Endlich mußten aber diese Tapfern der Urberzahl weichen. Nachdem die Meisten todt oder verwundet waren, haben sich 1L Mann ergeben, und der Offizier fiel von 4 Kugeln durchbohrt bei der heiligen Lade nieder, den Kopf auf einer herausgefallenen Gesetzrolle, die ebenfalls von vielen Kugeln durchlöchert wurde. Der prachtvolle Tempel ist furchtbar zerstört. *) Eine seltene Feier hat den 25. September in Ludwig S b n r g stattgrfunden. Die hiesigen Israeliten hatten bisher ihre Todtcn auf dem jüdischen Friedhofe zu Höchberg begraben. In neuester Zeit hat die kleine Glau benSgkmcinde einen eigenen Begräbnißplatz gegründet. Am ist derselbe durch den Rabbinen, Kirchenrath Dr. von Maier aus Stuttgart, feierlich eingcweiht worden. Den nächsten Anlaß gab der Tod eines jüdischen Kriegers, Heinrich Heidcmann, hcimathlich in der Nähe von Frankfurt a. O., der als Gefreiter eines brandenburgischen Infanterieregiments in der Schlacht bei Gravelotte im tapferen Kampfe mehrere schwere Schußwunden erhalten hatte und denen er, ungeachtet der sorgfältigsten Pflege, in einem hiesigen Lazarethc erlegen ist. Der junge Mann ist erst 26 Jahre alt, seit einem Jahre vcrheirathct und seit 14 Tagen Vater eines Kindes! Das israelitische Vorsteheramt hatte Einladungen zur Thcilnahmc an der Feier erlassen, welchen die Geistlichen beider christlichen Eonfessionen, die StaatS- und Stadtbehörden, eine große Menge hiesiger Einwohner und viele Israeliten aus Stuttgart, Eannstadt u. s. gefolgt sind. Kirchcnralh Maier hat dabei ergreifende patriotische Worte gesprochen. Die üblichen Salven wurden von einer Militärabthcilung gegeben und rin Mannerchor sang paffende Lieder, wahrend man den ersten Sarg auf dem neuen Friedhof unter den ScgcnSworten de« Geistlichen in die mütterliche Erde senkte. (Ist.) M l s c e l l e n. X Das preußische Gesetz gestattet wol den Ucbcrtritt zu einer andern Neligion aber nicht die gemischte Ehe. 'Der Doktor Stern, rin Israelit, liebte außerordentlich eine sehr schöne protestantische junge Dame und erfreute sich ihrer Gegenliebe. Beide kamen miteinander überein, bestimmten den Hochzeitstag — allein das Gericht gab die Erlaubnis nicht dazu. Traurig begleitete Doktor Stern feine Geliebte «y ihre Wohnung, lief aber gleich zum protestantischen Geistlichen und ttat zu deflen Religion über. Sogleich schrieb er seiner Geliebten: „Nichtkann uns mehr tteunen, ich bin Protestant." Zu seinem größten Erstaunen fand er, aber eine Billet von seiner Geliebten in seiner Wohnung, auf welchem die Worte standen: Auch die Religion kann unS nicht mehr trennen; ich bin Jüdin geworden. X Die „Trib." erzählt folgende kleine Novelle, welche ein Berliner Bürger bei Begleitung einer Proviantkolonne nach Frankreich kürzlich in folgenden buchstäblich wahren Vorgänge erlebt. Unser Landsmann, schreibt daS Blatt, kommt nach Nancy und hat überaus große Noth, ein Quartier zu. finden. Seine letzte Hoffnung ist rin freundliche- Hau-, welchem er zucilt. jedoch nur, um von dem Wirth mit Achselzucken abgcwiescn zu werden. Doch scheiyt der Mann ein menschlich Rühren gegen den schon bejahrten Obdachlosen zu fühlen und deshalb weist er ihn, dem er wohl seine Abstammung angesehen haben mochte, zum — Rabbiner. Dieser empfängt den GlaubcnSgenoffen liebevoll, überzeugt ihn jedoch unschwer, daß bei ihm weniger Platz alirgendwo zn finden ist. Halbverzweifelt geht unser Landsmann zu seinem Wirth zurück, der ihn hieher geschickt, und erneuert seine Bitte mit großer Dringlichkeit. Endlich läßt sich der Wirth bereit finden, den Bittsteller unterzubringen, wenn er mit — dem Keller fürlirb nehmen will. Natürlich ist er gern bereit. Er findet sich mitten unter eleganten Möbeln, Kisten und Kasten, die hier untrrgrbracht sind, so gut zurecht als es gehen will, nur eine Bitte hat er noch: eine Schüssel mit Waffer, da er seit Tagen umsonst danach gestrebt hat, Derartiges zu erlangen. Auch dazu ist der Wirth bereit, er rückt sein Bett von seinem Platz und hinter demselben steht ein komfortabler Waschtisch. Dankbar entläßt er nun den Wirth, doch wie er an die Reinigung gehen will, fehlt wieder ein Hauptrequisit — die Seife! Da er mit Bitten nicht mehr beschwerlich fallen möchte, macht er sich selbst daran zu suchen, aber vergebene Mühe. Beim Suchen fällt ihm indessen ein Photographie- Album in die Hände; vielleicht, denkt er. ist die-einejAtrappe in der das Gesuchte zu finden. Er öffnete, und was findet er auf dem ersten Blatte? Das wohlgetroffene Visitenkarten- Porttät seiner Tochter. Er glaubt zu träumen, so weit * kann doch wohl eine Aehnlichkeit mit einer fremden Person nicht gehen; er zieht die Karte heraus, da steht die Firma des Berliner Photographen. Der Alte vergißt sein Leidwesen, die Waschung und die Seife, er stürmt wie behext zu seinem Wirthc. Herr! ruft er aus, dies Album ist in meine Hände gefallen und ich finde darin dies Bild, kennen Sie diese Dame? Nein! — antwortete der Gefragte — aber eS ist die Schülerin meiner Tochter, die in Berlin bei einem Herrn Gouvernante war. Kennen Sie den Herrn zufällig? — Ein Wenig, antwortete unser Landsmann, ich bin es selbst! Die Freude der beiden Herrn war groß; leider hatte der Wirth seine Damen längst auS dem Gebiet des Kriegsschauplatzes entfernt und der Berliner mußte darauf verzichten, die frühere Lehrerin seiner Kinder zu begrüßen. Aber ihr Vater setzte eine besondere Ehre darein, zu zeigen, daß die Franzosen dankbar seien. Seine Tochter war bei seinem Gaste wie das Kind der Familie gehalten, ihr Vater sollte im fernen Fein- - deSlandc sich bei ihm wie zu Hause fühlen. Und also geschah cS und unser Landsmann hatte guten Tisch und gutes Bett, herrliches Waschwasser und die schönste Seife. ES leben die Visitcnkartcnbilder im Album! X (Schloß F erri ere s). Das Hauptquartier des Königs von Preußen befindet sich feit einigen Wochen auf Schloß F e r r i c r e s, einer Besitzung der Freiherren von Rothschild. Der pr. StaalSanzeiger veröffentlicht die nachfolgende Beschreibung r In Frankreich hat bekanntlich in Folge der Revolution von 1780 nach und nach eine derartige Zersplitterung deS Grundes und Bodens Statt gefunden, daß größere Ländercomplexe in der Hand von Privaten zu den Seltenheiten gehören. Da die Nähe der Hauptstadt den Grund und Boden vertheucrt, so sind die Güter bei Paris natürlich die kleinerem, und wenn Ferneres hiervon eine Ausnahme macht.