Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 42 (14.10.1870)
- Date
- 1870-10-14
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434078--879-4891165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
376 X schwer in Anwendung bringen, da sie eben solche Politiker wie Juden sind. Ganz besonderaber erstreckt sich die religiöse Anforderung nnf jene Juden, die nebst ihrer volitischen Stellung, einer jüdischen CultuSgemeinde vorstrhen, welche zur Forderung berechtigt ist, daß Männer, die den CultuS überwachen, eine Ueberschreitung der Religion sich nicht zu Schulden kommen lassen dürfen, wenn sie dir Juden nicht zur Ansicht verleiten wollen, daß der Vorsteher einer Juden« gemeinde ebensogut ein Christ sein dürfe, wie der Bürger- . meister einer Gemeinde ein Jude sein könne. B. Berlin 9. Oktober 1870. (0. K.) Dablutige Waffcnspirl auf französischem Boden hat in un- Berlinern wieder einmal dareligiöse Gefühl geweckt, welcheim segensreichen Frieden so sehr schlummert. „Blut und Eisen" die Parole unsere- Bundeskanzlersollen den Ferment bilden, die Einigung Deutschlands hrrznstellen, sollte auch „Blut und Eisen" da- Judenthüm zu.sammenhalten? Israel bedarf zu seiner Befeftigung keiner Mordinstrumente, rö kann und wird nie untergehen. Anderaber gestaltet csich mit der Gottesfurcht, mit der GottrSverehrung. In Fric- LenSzeitcn schießen die verschiedenartigsten reformistischen Anschauungen empor, cS wird zwischen den Bekcnnern eine- und desselben Glaubenum haarspaltende Religionsdiver« genzrn gekämpft, rS herrscht im Gottesdienst, in der Frömmigkeit keine Einmüthigkeit und nur „Blut und Eisen" vermag in uns Andacht zu erwecken! Ich meine ganz ein« fach den blutigen Krieg, die Thräncn, die Eltern ihren Kindern, Kinder ihren Eltern, Familien ihren thcuern Angehörigen uachweinen, welche auf dem Cchlachtfelde hingestreckt wurden oder verbluteten. Blutige Thrünen find e-, die dazweischneidige Eisen erzeugt! Diese Gefühle, welche der bittere Wermuth der Leiden rege gemacht, haben in den, im Strome der Zeit dahinrauschenden Neujahr-tagen und am heiligen Bersöhnung-tage zur Andacht gestimmt, die leider lange, in unserer Metropole vermißt wurde- Da- Schluchzen der durch den Krieg vcrwittweten Frauen, da- Wehklagen tiefgebeugter Greise, da- Jammern zu Waisen gewordener Kinder erfüllten die Gotteshäuser mit Trauer und Wehmuth, der 8anv tokef, diesegräuliche Register aller Unglücke, denen der schwache Erdensohn anheim fallen kann, erschütterte mit seinen Klagetönen die schwüle Luft, da- Ganze steigerte sich zu einem furchtbaren Echo der auf dem Felde von „Blut und Eisen" nach Hilfe Stöhnenden. Alle Synagogen von der orthodoxen Adaß Israel Gemeinde angefangcn, bizum erformistischcn Tempel hinauf, waren überfüllt auch von solchen Juden, die daganze Jahr hindmch GotteSzweiflrr sind und die Religion für ein Luftgebilde betrachten. Im Unglücke zeigt sich Israel groß, rS sollte oberauchzu jederZeit, in jeder Situation seine Größe bekunden, die stetvon allen Völkern bewundert wurde. — ik — alle wir diese selbst, nach und nach der Willensmacht de- Menschen bizu einem gewissen Grad unterthan werden. Darauf aber mö. gen die Denker unserer Zeit aufmerksam gemacht sein, wie unendlich noth rö thäte, über die eigentlichen KritgSwisicnsch'iftcn. über die bloße Technik de- Kriegehinweg, eine gemeinverständliche Metaphysik de- Kriegeauszuarbeiten, damit die Maste» aller Völker in die EntstchungSgcsttzc de- Krieges Einsicht, und über den Krieg selbst zu disponiren einen Anreiz mehr gewännen. (Osten). lvocheuchronik. , V Fasten im hohen Alter. Am verflosienen Bersöh« nungStage hat Herr Josef Pollak Fabrikant trotz seinem hohen Alter von 101 Jahren von Eingang bis zum Au-gange dehohen Festes gefastet und sich demohngcachtet recht wol gefühlt. *.* Stolz will ich den StraKoniher. Herr Fürth einer jener jüdischen Laiidtag-abgcordnetcn, die vor purer Verfassungstreue am h. Bersöhnung-tage in dem Fünfkirchner Land« tag-faale saßen und schrieben, hat sich noch'am selben Tage beeilt, den jüdischen Tempel zu besuchen, um doch hier wenigstenbeim Nachmittag Gottesdienste gesehen zu werden. Der erste; der ihn gesehen hatte, Herr K.suchte Herrn Fürth eine Aufmerksamkeit damit z» bezeugen, daß er demselben Maphtir kaufte. Herr Fürth darüber nicht wenig überrascht, ließ sich zu den Ansrufc verteilen: Wer war so toll? — aber Herr Fürth deklamirtr doch, wiewol er im Landtage ge — schrieben hat. %* Dpernsinger und Lantor. Der frühere Eantor der Ncusynagogc Hr. Lasndan, d-r auf Griind seine- Engagement im Stadtthcater z» Leipzig, daselbst weilt, um noch vor seinem Auftreten operistische Ausbildung zu genießen, wurde vom Leipziger Synagogenvorstand mit dem Bordeten am Versöhnungstage beim Mussaphgottesdienste beehrt. Hr. Landau kam in Berücksichtigung de- Krankheitsfalles de» in Leipzig fungircuden'Kantor-, der Einladung entgegen und unterzog sich, unter großem Beifall von Seite de» Publikums, feiner Aufgabe. V Miobrauch mit der Kanzel. Es ereignete sich oft in manchen Synagogen, die keinen Prediger haben, daß die Vorstände derselben, junge Leute, deren Vorleben und geistigen Fähigkeiten nicht gekannt sind, die Kanzel besteigen lassen, um sie von da auentweder einen ergiebigen Unsinn oder Moral predigen zu lassen, die von dem Verhältnisse ihre- Alterzu dem der Zuhörer in ausfallender Weise ad« sticht. In Erwägung dessen, daß die Kanzel, namentlich großer Synagogen, nicht dazu mißbraucht werden darf, jugendliche Aspiranten, die weder ein philosophische- Studium, noch überhaupt allgemeine Bildung Nachweisen könne», debütiren zu lassen, ist, um sich nicht einmal einer Blamage ou-zuse« tzeu, Vorsicht zu empfehlen. Glaubt mau de- GratiSvortra« geö wegen zu folgern, für nichtkann man nichtverlangen, so kann sich ein solche- Raissonement auf Kneipen erstrecken in denen man gegen freie- Entree den ersten besten Bänkelsänger hört, Synagogen bleiben immerhin eine geheiligte Stätte, in denen die Kanzel jener Ort ist. wohin würdige, wissenschaftlich gebildete approbirte Rabbiner gehören. *** Dir Aklirnbrsihrr der Meisrlsynagoge, Nach vollzogenem Umbau der Mcisclsynagoge wurde», da die Mitt.l derselben n.cht hinrcichtcn, den Kostenaufwand zu bestreite», Aktien au-gegcben. Seit jener Zeit sind schon einige Jahre verflossen, ohne daß noch eine Aktie ausbczahlt wurde. Tie Synagogengrmeindc ist durch die Emittirnug von Aktien nichtanderes als eine Aktiengesellschaft. Wenn nun die Aktienbesitzer da- Vergnügen haben, auf die Anöbezahlung ihrer Aktien ad calendas graecas zu warten, so sollten sie doch auch da- Vergnügen haben, bei vorkommendcn BorstandSwahlcu in der Synagoge, Stimmrecht zu genießen. Wenn der Mitthcr eines Synagogcnsitzcs — man nehme den geringsten Miethfchilling mit 5 fl. an — stimmberechtigt ist, so sollte der Besitzer einer Aktie im Wrrthc von :"»0, 100 fl. um so eher wahlberechtigt sein. Bei dem Umstande jedoch, daß man. um nach der biehcrigen Eonlanz zu schließen, die Aktien werthloS findet, wäre freilich die Stimmlosigkeit zu entschuldigen. In nächster Zeit wild in der Meiseisynagogc rin neuer Vorstand gewählt, wir rufen demselben die „Aktien" in-Gedächtniß. V Ein neuer verein. Zu den vielen in Prag bestehenden isr. Wohthätigkeitsvercinen gesellte sich der „israelitische Kran- 42*