Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 42 (14.10.1870)
- Date
- 1870-10-14
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 gesunken zu sein, und glauben sie wirklich, daß schon in der Verfassungstreue Glauben-treue liege, so kann cS bei ihrer Vorliebe, jede andere Verfassung zu perhorrcSciren, nicht befremden, wenn die Herren LandtagSabgeordncten mosaischen Glauben-, dir Verfassung, die auch ihnen als Juden, Moseüberliefert hat. im Rahmen der ciSlcithanischen Verfassung einer solchen Revision unterzogen wissen wollten, daß sie mit Regirung aller jüdisch religiösen Vorschriften, am heiligen, der Buße gewidmeten VrrsöhnungStage im Landtage sitzen und allerlei Allotria treiben dürfen. Scheint cö uns doch natürlich, daß die Juden, so lange sie im Drucke und in der Knechtschaft lebten, ihrem Gotte dennoch dafür dankbar waren und nach jedem erlittenen Unglücke gotte-fürchtiger und strenggläubiger wurden, sollte doch unter den gegenwärtigen Verhältnissen die GlaubenStreue in Israel intensiver denn je zuvor sein, wo cS den Juden gestattet ist, ihre Religion frei auSzuüben, ihr Glaubensbekenntniß offen abzulcgen. Wenn nun die Staatsgrundgesetze die Gewissens- und Religionsfreiheit wahre», so sollten d»ch ihre Anbeter, die verfassungSfrenndlichcn Cliqueögcnossen, in erster Reihe, ihren Rachbetern mit gutem Beispiele vorangehen, die jüd. LandtagSabgcordneten hätten somit den betreffenden Paragraph der Staatsgrundgesetze zu Leben bringen, ihn praktisch dadurch in Anwendung bringen müssen, entweder beim Oberstlandmarschall um Vertagung des Landtages anzusuchen oder einfach wcgzubleiben. Die jüdischen Landtag-abgeordneten jedoch verspürten nicht die geringste Lust, auch nur einen Tag dem Kreise ihrer Genossen sich zu entziehen, weil sie ja nur e i n e n Glauben kennen, den Glauben an die Verfassung. Wollte jedoch die Regierung die Intensität dieser Glaubensstärke nach dem Glauben an eine Jahrtausende alte Verfassung bemessen, so müßte sich natür. lich eine mathematische Aufgabe ergeben, welche lautet: Wie groß muß die Anhänglichkeit der jüdischen LandtagSdcputirten an die österreichische Verfassung sein, die doch erst zwei Jahre alt ist, wenn ihr Festhalten an die durch die Bibel gebotene Verfassung im Alter von einigen tausend Jahren so stichhältig ist? sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tobt." So die Bibel. Mir aber ging besonders eine Stelle nicht mehr audem Kopfe. — „Da ergrimmte Kain sehr" -- — ergrimmte! Und warum? Weil ihn Gott, ganz im Gegensätze zu Abel, nicht gnädiglich ansah? Dann also war» die verletzte Selbstliebe, welche mit ihrer ganzen, bei einem Naturmenschen, wie Kain, mir so gewaltigeren Macht in demselben den Grimm geweckt. Denn warum soll ich, der Kain, Gott minder augenchm sei» alS Abel! Bin ich denn geringer, schlechter alS er, ist meine Dpfergabc nicht eben so werthvoll alS die scinige, stehen die Früchte de» Feldes beti Erstlingen der Hccrdcn nach? Run wie tnnner dem sei, meine Gabe sicht der Herr nicht gnädiglich an, ich gelte ihm geringer denn Abel. Ja dieser nimmt fast alle Liebe Gotte» für sich allein vorweg, und nichtverbleibt für mich. Allein selbst ohne daS Stadium de» R c i d c S unbedingt durchinachen zu müsien, l> a si t Kain den Abel; sein Sinnen und Trachte»» kennt nur Eine» die Vernichtung de- Gehaßten, welcher mehr gelten soll, aler. der Kain — „da redete Kain mit seinem Bruder Abel . . . erhob sich wider ihn . . . und schlug ihn todt". Ruu känn er mir nicht mehr v o r gezogen werden, incht alle Liebe Gottevorw c gnehmcn, nein, nun ist Kain derjenige, weil alleinige, der jene Liebe empfahl» mutz. So da- Raisonncincilt der Selbstliebe, nach der eine»», der immateriellen Richtung. Allein ivcr einmal erkannt hat, datz der Pentateuch. >»'ic überhvupt die Bibel, nicht allein Geschichte, nicht allein religiösesondern auch weltliche- Gesetzbuch, nicht alleiu «in Versuch einer Gottc-auschauung, sondern auch ein Saininelwerk von Allegorien ist. welche bald da» Ucberstnnlichc der naiven Anschauung-weise eine» Naturvolkes, wir es damals da» Volk Israel noch war .faßbar machen, bald da» Thun und Lassen de» wirklichen Leben» unter idealen Gesichtspunkten erscheinen lassen sollten, wer diese Vielseitigkeit der Bibel im Auge behält, der wird auch nicht umhin können, zu diesen» zwischen Kain und Abel bi» zur Vernich- Was haben auch solche Verfassung-freunde, die zum Theile im ehemaligen Prager Ghetto, zum Theile im Ghetto einer Landstadt geboren, heute nicht, von Gotte- Gnaden, sondern durch die verschiedenen Agitation-mittel vom tiefen Nichtin den hohen Landtag gekommen sind, waS haben sie mit den Juden gemein? Müssen doch diese stolz darauf sein, daß ihre glaubenSgenössischen Landesvertreter, da- Mandat angenommen haben, um am Versöhnungstage im Landtage einige Stunden abzubüßen! Immerhin ist eein charakteristische- Merkinal der Zeit, ein Gradmesser der Charak.ergröße im Allgemeinen, wenn Juden ihre eigene Religion so wenig achten, daß selbst Nichtjuden daran Anstand nehmen müssen, und es bleibt die alte Regel immer neu, daß derjenige, welcher sich nicht achtet, die Achtung Anderer nicht verdient. Unsere jüdischen Politiker, die den sich ihnen auS der Verfassungstreue ergebenden Götzen der Ehrenstellen und Auszeichnungen anbeten und mit Abfall von der BerfaffungSarmee drohen, wenn man sie nicht da- und dorthin wählt, gehen in ihrer Selbstüberhebung so weit zu glaube n, man müsse stolz darauf sein, daß sie nicht ihre Religion wechseln, wie man die Handschuhe wechs elt. So weit geht ihre Glaubenstreue! Allerdings leben wir in einer Zeit, wo der Jude im politischen Leben aufhört Jude zu sein, das gilt natürlich, so lange er seinen politischen Standpunkt verficht, im Interesse der Nation, der er angehört, im Interesse de- Vaterlandes zu wirken glaubt, feine politische Stellung jedoch schließt da. wo es sich um den eonfeffionellen Charakter, um Beobachtung religiöser Vorschriften, um Heilighaltung der Religion handelt, den jüdischen Standpunkt nicht aus. Das mögen die Herren beherzigen. Vom staatSmännischen Standpunkte auS betrachtet, kann man sich zu dem LogismuS hinreißen lassen, daß man rin guter Politiker sein könne, ohne ein rechtgläubiger Jude zu heißen, vom jüdischen Standpunkte jedoch, der nicht au« dem Auge gelassen werden darf, soll man ein rechtgläubiger Jude sein auch dann selbst, wenn man ein eminenter Politiker ist. Beides läßt sich freilich bei unseren einheimischen Politikern tung der Letzteren gediehenem Zwiste — diescin ersten Kriege der (biblischen) Welt — nach einer anderen, »natcriellen Deutung zu suchen. Wie also, wenn Abel überhaupt nur ei» Repräsentant der no»nadisirei»den, ihr Leben durch Viehzucht fristenden Völker der ältesten Zeiten, Kain dagegen Repräsentailt der bereitauf einer beträchtlich höheren Stufe der Cultur stehenden Ackerbautreibenden, ansätzigen Völker wäre, und der zwischen beiden Eulturstufen erfolgte Zusa »»»»nciistotz in der I n t e r e si e n c o ll i si o n derselben seinen Urs prung gehabt hätte, denn daleuchtet von selbst ein, datz e» ganz gut in» Jiiteressc der Roinaden — nach der Bibel: Abel» — hätte stehen können, die von den Hcerden kahlgrwcideten Stellen zu verlaffcn und andere, an» liebsten die mit saftiger Saat bebauten Felder der Ackerbauvölkec — den Kain » der Bibel — aufzusuchen, »vorauf dann natürlich nicht anderes hätte erfolge» können, al» die iin Interesse der S c l b st e r h a l t u n g beiderseits nothwe»»dige Bekämpf»»i»g, wo »nöglich Vernichtung de» Gegner». Der Trieb der Sei bst er Haltung also könnte al» materieller, die Selbstliebe überhaupt al» „»etaphystschec Grund nicht allein de» Streite» zlvischen Kain und Abel, sondern aller nachfolgenden Zwiste. Streite, Kämpfe und Kriege gedeutet werden, und zwar zivischen zwei Ei nz c l n e n sowohl alden auf Tod und Leben sich entgcgenstehenden Faintlicn, Stäniinen, Völkern, Rationen, Staaten.... So ungefähr »nein an jene Bibelstelle gckilüpfter Gedankengang, und wenn nicht» mehr, so schien »nir wenigsten» dainit die Richtung gefunden, in welcher allein die Antwort auf »»»eine Frage nach dem Wesei», den Ursachen und letzten Gründen de» Kriege» zu finden sein dürste. Ja, nur au» der R a t u r und der geistigen Beschaffenheit de» Menschen herau», wird inan die Gesetze der Krieg»- Entstehung ableiten können, ui»d durch Kenntnitz Würdigung derselben so viel Macht über die Gewalt der Leidenschaften gewinncn, u>u ihrer Herr zu werden, wie ei der Mensch über alle aitderen Raturkräfte überhaupt geworden, denn ain Ende find ja die Triebe und Leidenschaften doch auch nur Raturkriste, müssen