Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 41 (7.10.1870)
- Date
- 1870-10-07
- Page
- Seite 370 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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370 I tf)n sprechen. Alle Welt weiß, welch bewunderungswürdiger Redner Herr Gtcniinn; ist. Ader besonders muß man ihn von seiner lieben Revolution sprechen hören. Er erzählt nicht die Thatsachcn, er malt sie mit Liebe und erweckt gleichsam die Personen vom Tode. - Herr Ercniieui; sprach also von 1848. Cr sprach hier aber mit Bercdtsamkcit, mit Bewegung und der zärtlichen Bewegung eines Greises, der sich eine glückliche Jugend inS Gcdächlniß zurückrnft. — Wie ist dies alles so weit entfernt! seufzt unser Freund. — Wie ist dicö alles so nah! crwiedcrt lebhaft der tlriucrcpublikanische EliaS. Und indem er den Borhang seines Fensters bei Seite schiebt, richtet er einen langen Blick auf dicTuillerien. Ein andcrcSmal ging er am Arme eines befreundeten Deputirtcn über den Platz Bendnme. Plötzlich wendet er sich ganz schnell nach rechts, den Weg nach dem Kultusministerium cinschlagcnd, wobei er sortsnhr, sich zu unterhalten. — Wohin gehen Sie denn? fragte der Drputirte. — Ins Ministerium, sagte er. Ich irrte mich, und schon seit zwanzig Jahren irre ich mich, wenn ich diesen Platz durchschreite. Mir lommt es immer vor, als wäre ich noch Justizminiftcr. — Das ist seltsam.— Jedoch, fuhr der berühmte Redner fort, ist daö kein Ehrgeiz, sondern eine Ahnung, die ich habe; ich bin sicher, daß ich noch einmal Minist,r werde. Er ist eS wieder geworden. — Paris. Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hat Herrn Ernst Hendle, Advokat am ApprlationSgcricht zu Paris, Tochtcunauu des Herrn Albert Cohn, zu seinem Geheimsrcrrtär ernannt. Herr Advocat LiSbonne aus Montpellier wurde zum Präfrct drö Departement Hcrault ernannt. Die Herrn Lcvy, Professor am Lyccurn Ludwig deS Großen und Vönt), Bcarnicr am Observatorium erhielten den Orden der Ehrenlegion. Herr Advocat Milland wurde zum ersten Generaladvocatcn am AppcllationShofe zu Lyon ernannt. (Univ. Jsr.) Kimst, Theater -lind Literatur — Deutsche Bühne. Am 24. 27. und 29. v.M.trat im k. ventsch. Vandeetheater Hr.Arnau vem Ctadllheater in Leipzig in einem dreimaligen Gastspiele in drei verschiedenen Rollen ans: Am ersten Abend als König Lear im gleichnamigen Stücke, am zweiten Abend als König Friedrich in Gutzkows „Zopf und Schwert" und am drittcnAbcnd als Stauffacher im „Wilhelm 2eil." S ämmtliche Partien deuten darauf hin, daß der bisher als Charakterdarsteller cngagirt gewesene Schauspieler plötzlich in's Fach der Hcldenväter übergehen soll. Allerdings ist rin solcher Wechsel eines erst sieben und zwanzigjährigen CchaiypirlerS rin kühnes Wagestück und wird dieses zu einem noch größeren, wenn man die Anforderungen kennt, die an einen Hcldenväter gestellt werden. Herr Arnau, wie gesagt, betrat zum ersten Male die Bretter unseres Kunftiustitnis in Rollen, die er nie zuvor gespielt und liorribih' didu in dem kurzen Zeiträume von acht Tagen lernen und studiren mußte, ohne früher die ihm erst in Prag zugetheilten Rollen zu kennen, llntrr solchen llmständen bleibt dem redlichen .Kritiker nichts anderes übrig'als Hrn. Arnau ob seines Fleißes, Gedächtnisses und seiner Auffassungsfähigkeit zu bewundern, sich in eine haarscharfe Kritik einzulasscn oder gar daS kritische Sccirmcsser an einem durch einige Tage förmlich abgehetzten Schauspieler anzulrgcn und ihn zu zergliedern, kann nicht Sache eines Referenten sein. Herr Arnau ist jedenfalls ein sehr begabter Schauspieler, dessen Talent unter Laubr'S Augen gepflegt und entwickelt wurde und auch verdient, weiter gebildet zu werden. Man wird uns zwar einwrndrn, das pragrr Theater sei bereits herangebiideler Künstler würdig, habe aber keineswegs die Mission zu rrsüllcn, erst Talente auSzubilden; dem gegenüber führen wir das wiener Burgtheatrr als Beispiel vor, das in der Kunftwelt sich eines vorzüglichen Rufes erfreut. Le. w in Skis erstes Auftreten war in Schiller'- „Räuber" er gab den Franz Moor, der für ihn entscheidend wurde, trotzdem sein Repertoir nicht reichhaltig und er selbst in anderen Rollen äußerst mittelmäßig war, das Kunstinftitut der wiener Burg nahm dennoch keinen Anstand Lewinöki's Talent zu unterstützen. Dasselbe gilt von Sonncnthal. Wir hatten Gelegenheit, bei dessen ersten Debüt im wiener Burgtheater vor 12 Jahren ihn als „Don Carlos" weniger zu bewundern als die Direktion, die es gewagt hatte, einen Anfänger bäar aller Bühnensicherheit einem kunstsinnigen Publikum vorzuführen. Laube ftdoch hat trotz den an Sonnenthal haftenden Mängeln und Unmanieren, dessen Talent zu entdecken, schätzen und pflegen gewußt. Die Entdeckungsfahrt lohnte sich nur zu sehr. Sonnenthal zählt heute zu den Hauptstützen des wiener BnrgtheaterS und zu den ersten Künstlern im Licbhabcrfache in ganz Deutschland. Herr Wirsing. Direktor deS k. deutschen LandeStheaterS scheint nicht minder wie Laube dem Grundsätze zu huldigen, Talente zu ziehen, während diese die Jntriguen gewisser Bühnenmitglieder, die schon viele Jahre unserem deutschen Theater angehören, aber weder je Talente waren, noch heute auf vollendete Künstlerschaft Anspruch machen können, nicht aufkommen lassen wollctt. Wer wahrer Künstler ist, hat keinen Rivalen zu fürchten, fürchtet er diesen, dann fühlt er sich nicht genug Künstler. Wir behalten uns eS vor, über Herrn Arnau zu referiren, so bald dieser, keinem theatcralischen Staple CheeseS ausgesetzt, in, einem ordentlichen Studium und einer richtigen Auffassung neuer Rollen entsprechenden Zwischenräumen auftreten wird. Anders wäre eS, wenn Herr Arnau in ftüher gespielten Rollen auftreten würde. — In Hamburg im Variete- Theater kommt am 1. Oktober ein Eharaktergemälde, betitelt „König der Juden" zur Aufführung; dasselbe behandelt die Geschichte der Rothschilds; Verfasser ist ein Herr Uffenheim aus Wien. — Die neue Operette von JaqueS Offenbach führt den Titel: „Die Scheidung de« Figaro" und wird zuerst in der Opera Komique in Paris gegeben werden. L. Kriegs-Skizzen. *) Der VersöhnungStag vor — Metz. Einem Privatschreiben eines preußischen Füsiliers israelitischer Religion, der mit her CernirungSarmee vor Metz steht, zu entnehmen, haben mehrere Schlesier und viele Posener beschlossen, den heiligsten Tag „Jomkipur" würdig zu begehen. Es waren einige hundert Marn beisammen Unteroffizier Hirschberg fungirt alSerster, Füsilier Seligmann als zweiter Kantor, die Thora erhalten sie vdn Thörn und so glauben sie, wenn Bazaine sie in Ruhe läßt, auf freiem Felde ihren Gottesdienst zu verrichten; „sonderbar genug," schreibt der Eorrespondent „werden wir uns in Uniform, Pickelhaube und Gcbetmantel ausnehmen. Unsere christlichen Kameraden werden einige hundert Schritte um uns Wache halten, damit wir nicht gestört werden." *) An einem Sabbath Ende August erschien im Tempel in Paris ein jüdischer Soldat Namens Lazard Worms, um für seine LcbenSrettuny Soun nana zu sprechen (Gomel benschen, wie „Jew. Rec.", dem wir dieses entnehmen, schreibt). Er hatte dem 2. Kürassier-Regiment angehört, welches in der Schlacht bei Wörth den Rückzug zu decken hatte, und war einer von den siebzehn Kriegern, welche von dem ganzen Regiment übrig geblieben waren. Er war decorirt und zum Wachtmeister befördert worden. *) Unter den in Wittenberg intcrnirtcn französischen KricgSgefangrurn haben 56 Juden den Kommandanten ersucht, an den gegenwärtigen hohen jüdischen Feiertagen eine Synagoge besuchen zu dürfen. Der Kommandant genehmigte diese- Gesuch sofort und dirigirte die Petenten, da in Wittenberg eine Synagoge nicht exiftirt, nach D e ff a u. Gleichzeitig bestimmte er, daß die BedrckungSmannschaft, Gemeine und Unteroffiziere ausschließlich ans jüdischen GlaubenSgenof« sen bestehen sollte. Sobald dies in der jüdischen Gemeinde