Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 41 (7.10.1870)
- Date
- 1870-10-07
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 369 - fer soll eS bei einem liturgischen Verständniffe nicht ankommrn. Mit der Aufnahme des Herrn Wallerstein versichert sich der Borstand förmlich seiner Person, die seinem Engagement treu bleiben und nicht entweder sich auSreißen oder zum Theater laufen würde. *** Der versöhnungslag im Landtag. Ist es auch bisher nicht gelungen, im Landtage eine Versöhnung der beiden Nationalitäten unseres Vaterlandes zu erzielen, so waren wenigstens die jüdischen Dcputirten darauf bedacht, anstatt in der Synagoge, in der Landtagsstube ein Stück ihres Bcr« söhnungstagcS abzuhalten. Als man schon im Vorjahre daran Anstand genommen hatte, wußten streng verfassungöfreundliche Juden den Besuch des Landtages durch jüdische Abgeordnete am Versöhnungstagc damit zu entschuldigen, daß mit dem Wegbleibcn eines oder des andern der Beschlußfähigkeit ein Abbruch geschehen könnte. Heuer war dies anders. Die Deut" scheu waren bekanntlich in der Minorität,wichtiger Debatten gab es an diesem Tage keine, zur Erzielung eines AbstimmungSresultateS bedurfte cs auch nicht der Juden und dennoch fanden sich alle jüdischen Landtagsabgeordnete pünktlich ein. ES liegt keineswegs in unserer Absicht, die jüdischen Dcputirten, die am Versöhnungstage weniger gesprochen mehr geschrieben haben, für ihre religiöse Demonstration zur Rechenschaft zu ziehen, daß aber Dr. TedeSco als Vorsitzender der jüdischen Cultusre« präsentanz, Dr. Wiener als Mitglied derselben an einem Tage, der dem Juden als der heiligste gilt, im Landtagssaale erscheinen, kann und darf uns nicht gleichgiltig lassen. Beide Herren, die sonst vor Wahlen dem jüdischen Wähler Religion heucheln, haben ausschließlich den Juden ihr Mandat zu danken, man mußte demnach erwarten, daß beide Herren, wenn schon in Ermanglung jedes religiösen Sinnes wenigstens auf ihre Wähler Rücksicht nehmen und an diesem einen Tage vom Landtage fern bleiben sollten. Während jüdische Combattanten Alles aufbieten, um selbst auf dem Schlachtfelde den Versöhnungstag durch einen improvisirtcn Gottesdienst zu feiern, feiern unsere jüdischen VcrfassnngScombattanten, in der LandtagSstubc am Fünfkirchenplatze den Versöhnungstag in überströmendem Dankgefühle, daß keine Versöhnung zu Stande gekommen ist. Inland. Neuhaus. Seit drei Jahren bewährt sich in unserem Tempel der geregelte Gottesdienst und trägt zur Verherrlichung desselben Herr Obercantor S. Belak bei, welcher bei seiner wolklingenden Baritonstimme musikalisches Wissen mit liturgischem Verständniß verbindet. Am zweiten NeujahrStage besuchte auch den Tempel der hier stationirte Reserve-RegimentS Kommandant des 75). Lienien-Jnfanterie-Regiments Herr Oberst Ignaz Schmitt von Kehlau ein loyaler, intelligenter Mann und verblieb bis nach Beendigung des MorgengotteSdiensteS. Als der Vorsteher der CultuSgemeiude Herr Ignatz Bobelle zur Thora vorgerufen wnrde, ließ er dem Obersten einen Msestederaed (Segensspruch) machen und spendete zum Neuhauser Lokalarmenfond einen größeren Betrag. Der Oberst dankte für diese nie geahnte Aufmerksainkeit in warmen Worten. — K. Wien. (Jüdische Wallfahrt nach — Schönb r u n n.) Einen große» Auflauf verursachte kürzlich eine kleine Judenhetze, die von mehreren „Strizzis" am Fünfhauser Markte in Szene gesetzt wurde. Dieselben suchten auf alle möglichen Arten Händel nnd Streit mit den Spaziergängern anzufangen, und da ihnen dies mit Schimpfwörtern a la hepp hrpp nicht gelingen wollte, erklärten sie sich als die Feinde der Juden und der jüdischen Schleppträgerinnen, die, mit den kostbarsten Festkleidern angethan, nach Schönbrunn wallfahrteten, theils zu ihrem Vergnügen, theils aber um ihre Sünden in Gestalt von „Brodbröscln" in den große» Teich am „Gloriettezu werfen, welch sinniger Gebrauch „Taschlich-Machen" genannt wird und am Neujahrsfeste geübt wird. Es begann nun ein? Schlägerei zwischen den rauflustigen Strizzis und den Juden, die bald in einen großartigen Exceß auSartcte, der erst nach einer halben Stunde von herbeigckommenen Sicherheitsorganen beigelcgt werden konnte, worauf die Juden ihre unterbrochene Wallfahrt nach Schönbrunn fortsetzen konnten. — (Spende.) Jcrr JonaS Ritter v. Königswarter hak dem von dem Herrn Feldmarschall Erzherzog Albrecht gegründeten DarlehenSfondeS für k. k. Offiziere 20.000 fl. österr. Währ, in einheitlichen StaatSschuldverschreibungcn gespendet. Ausland. Mainz 28. September. Von allen Seiten waren der Redaktion des „Israelit" am Anfänge voriger Woche Briefe von im Felde stehenden isr. Soldaten zngckominen, worin sie ihren Schmerz aussprachcn, daß es ihnen nicht gelinge, für die hohen Feiertage frei zu erhalten. Aehnliche Briefe gingen derselben Redaktion von den Angehörigen der Soldaten und von mehreren Rabbinen zu. Die betreffende Redaktion hat sich entschlossen, Dienstag den 10. September an Se. Majestät den König ihre unterthänigstc Vorstellung tcllegra fisch zu senden, da eine briefliche Bitte bei der gegenwärtigen Hemmung des Verkehrs nicht mehr rechtzeitig angekommen wäre. Hierauf haben Se. Majestät der König von Preußen allerguädigst geruht, dem Anträge des Herausgebers des „Israelit" entsprechend, die im Felde stehenden isr. Soldaten für die beiden Tage des Neujahrsfeste» und für den VersöhnungStag vom Dienste zu dispensiren, vorausgesetzt, daß die betreffenden Truppcnthcile an den genannten Tagen nicht im offenen Kampfe engagirt seien. Im Bivouak vor Metz wurde der Allerhöchste Annccbcfchl am 23. publicirt, im Bivouac vor Paris schon einige Tage früher. Die Freude der meisten unserer für das Vaterland kämpfenden Glaubensgenossen war um so größer, da sie bereit» jede Hoffnung, frei zu erhalten, aufgegrben hatten; Andere wieder erfuhren erst durch den Allerhöchsten Armeebefehl Tag und Datum der hohen Feste, und schätzten sich glücklich, sie nunmehr feiern zu können. Die in Dörfern nnd Städten, wo Synagogen sich befinden bivonakirendcn Israeliten haben sich dem öffentlichen Gottesdienste angeschlofscn. Andere haben sich zu Gruppen von zehn und darüber vereinigt, um auf freiem Felde gemeinsam zum Gotte Israels zu beten. (Israelitische T u r c o s.) Aus Nlm wird dem „Schief. Merk." geschrieben: Unter den gefangenen Turko» sind auch algierischc Söhne Israels, sie waren am letzten Dienstag, dem Neujahrsfeste bcturbant und in Fcstkleidung, nebst einigen israelitischen Infanteristen in der Synagoge und wurden von deutschen Glaubensgenossen zu Tisch geladen. Schon vorher rühmte man, seien sie von diesen mit warmer Kleidung und Wäsche gut versorgt worden. Wie schön zeugt sich der Gemeingcist des über die ganze Erde hin zerstreuten auSerwählten Volkes bei solchen Anlässen! Sic erfüllen eifrig und mit Gesctzfreude die Pflicht der Speisung und der Wohlthätigkeit gegen die Armen und Gefangenen, nnd wir dürfen wohl hinzufügen, daß sie darum wahrlich keine schlechteren VaterlandSfrcundc sind, wie sie denn im Geben überhaupt so manchen Christen beschämen, der einen wohlfeilen Nationalhaß zur Schau trägt. Die Presse darf wohl in dieser großen Zeit einer edlen, großherzigen Gesinnung das Wort reden. Der Pariser „GouloiS" enthält folgende interessante Mittheilung: Ist Herr Eremieux nicht auch ein Vielwisser einer neuen Gattung? — ES scheint, daß er mit seiner Stellung als Mitglied der Regierung unentgeltliche Funktion der Prophetie verbindet. — Einer unserer Freunde unterhielt sich vor einem halben Jahre mit ihm oder vielmehr er hörte