Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 41 (7.10.1870)
- Date
- 1870-10-07
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Orte, wo die Religion der Liebe gepredigt werden soll, zu gehässigen Ausfällen, Denunciationen und schmählichsten Lügen miSbraucht uud so der ungebildete Theil der Bevölkerung für eine Hetz», jagd auf jüdisches Wild empfänglich gemacht wird, während' es die Aufgabe des Seelenhirten fein sollte, seine Schafe auf von Aufklärung, Bildung und Gesittung befruchteten Wiesen weiden, bevor sie selbst im Sumpfe der Demoralisation zu Grunde gehen zu lassen. Rom, die heilige Reliquie des Alterthnn?, ist nuninehr frei, seine Bewohner ohne Unterschied des Glaubens sind frei, mögen Gott jenen, die ein Volk im Elende schmachte» ließen, ebenso verzeihen, wie er den segne, der es aus der ^Knechtschaft erlöst hat. lj. Eine Adresse der römischen Inden. Die israelitische Gemeinde R o m ö hat dein General Eadorna folgende Adresse an den König von Italien übergeben: „Sire! Jetzt, da eine tapfere nationale Armee Rom den Gebrauch seiner Freiheiten ivicdcrgcgcbcn hat und da eS mit ganz Italien dieses glückliche Ercigniß begrüßt, fühlen die Israeliten daS Bedürfniß, Eurer Majestät die Huldigung ihrer unbegränzten Dankbarkeit als Italiener, als Römer lind als Israeliten darzubringcn. § ,,h J Als Italiener sind wir glücklich, daß rin glänzendes Plebiszit binnen Kurzem die nationalen Wünsche in Erfüllung bringt und daß das ruhmvolle Königreich Eurer Majestät mit Rom seiner Integrität und eine immer größere Stabilität erlangt. Als Römer freuen wir uns, daß wir unsere befreite GcburtSstadt mit überströinender Liebe der Umarinung der Schwestcrstadtc und dem Genüsse der Freiheiten Ihrer konstitutionelle» Regierung cntgcgeneilen sehen. \ Als Israeliten, bisher exceplionell schmerzlichen Be?- hältnisscn unterworfen, treten wir freudeersüllt in das allgemeine Recht ein und begrüßen wir den glücklichen Tag, an welchem dasselbe endlich auch in der Stadt siegt, in welcher wir daS Licht erblickt haben. Wir erwähnen hier den Namen Israeliten zum letzten Male. In dem Momente, da wir aus einem Zustande gesetzlicher Jntcrdiktion in das heilige Regime der bürgerlichen Gleichheit treten, ist dies; eine Pflicht der Dankbarkeit. Aber von Ihrem eonstitntionellcn Sceptcr regiert, werden wir außerhalb unserer Tempel uns erinnern, siedete beschlossen ist, begeben wir uns in unsere -Häuslichkeit, um nach dem abermaligen Scgcnertheilen beim Absingen fröhlicher Sabbathmnnen daS seit gestern vorbereitete Mahl im lnstigcn Zirkel cinzunchinen. Und nun begebe» ivir n»S ans die Stätte, wo in sechStägigrm gleiße unter Leitung eincö ehrwürdigen Mannas der Geist unserer Jugend gebildet wird- Bätcr und Mütter, Brüder »nd Schwestern kommet her, horc^ mit welchem Feuer der kleine Knabe seinen Jesaiaü oder Zercmias zitirt und mit welchem Eifer daS jnngc Mädchen die Geschichte unserer Nation widcrgibt, schauet auf das Gewimmel der kleinen Hände über den Köpfen der jungen Gelehrten-Versammlung, wie sich eines dem andern tut Wetteifer juitt Antworten überbictct! Reicht auch der armen, bescheidene» Mutter dort das Brobckartenheft, auf daß sie auch die sichern »nd netten Handjüge ihres geistreichen SöhnleinS bctraäitet! Arltcrn, die ihr das Glück habt, bei solche» Seenen vonThränen der Freude gerührt zu sein, wisiet Dank dem Man» dort, der im Garten drS Herrn solch herrliche Früchte zum Gedeihen bringt I Aach Beendigung dieser gottgefälligen Stunde werden zur Einleitung zum BcSper-GotteSdienst die üblichen Psalmen recitirt. Aach Beschluß der dritten Sabbatandacht wird noch ein kleines dritte» Mal genommen und jetzt vereinige Dich, Gemeinde Israel», daß wir nur Italiener und Römer sein müssen und wir werden es sein. ' Sire! Schwer und tief sind die Wunden, die unS die Vergangenheit geschlagen hat; ökonomische, moralische und intellektuelle Wunden. Wir dürfen eS nicht verhehlen. Unsere ka. tholischen Mitbürger wissen, daß es nicht unsere Schuld war und sie haben uns mit Ausnahmen, die täglich seltener geworden, bisher das gegeben, was sie gekonnt haben, einen starken, wenn auch ohnmächtigen Protest und die wärmsten Sympathien. Bon jetzt ab werden sie gewiß unsere Bemühungen unterstützen, um diese Wunden vernarben zu machen, und uns in Stand zu setzen, dem gemeinsamen Baterlande den größte» Tribut der Dienste und nützlicher Opfer zu leisten. Rom, 23. September 1870. Die Israel ite n Roms. Wochenchronik. *** Der Religionsunterricht im Dbrrgymnasium. Die Profesioren-Enquetc im Unterrichtsministerium hat den Beschluß gefaßt, eö sei der Religionsunterricht im Obergymnasinm als obligater Gegenstand beizubehalten uud die Note aus der Religion solle von Einfluß auf die Fortgangsklasse sein. Die liberale Fraktion in der Enquete verfocht die Ansicht, der Religionsunterricht sei im Obergymnasium gänzlich abzuschaffen; sic wurde indcß von der ultramontaneü Fraktion, welche in der Majorität ist, überstimmt. *** Meisetsynagogr. An den verflossenen NeujahrStagen hat der Eantor Herr' Wallerstein beim Muffaphgottesdienst und auch am Vorabende des VersöhnnngS-FesteS, beim Mnsfaphgottcsdienst und Scklußgebete in solenner und erhebender Weise vorgcbetct. Wir haben dabei einen merklichen Fortschritt in der Kraft seiner Stimme wahrgcnommen, namentlich in Neihlagcbete, wo doch in Allgemeinen die phisischen Kräfte abnchmcn, entwickelte Herr Wallerstein eine Stimmfüllc, wie sie darauf schließen läßt, daß derselbe dem Eantorpostcn vollkommen gewachsen sei- Wir können nur der betreffenden Synagoge zur Aufnahme des Herrn Wallerstem rathen, einem ebenso geschulten und musikalischen Eantor, wie anspruchslosen und anständigen Menschen. Auch letzteres ist hoch in Anschlag zu bringen, auf einen Ton höher oder tieum dein alsbald scheidenden „Wochcngaste" da» gebührende Geleite zu geben. Der Tag geht seinem Ende entgegen, die Sonne, des Tages gütige Herrin wandert alljährlich den Bewohnern der entgegengesetzten Erdhälfte zu, von einem feurigen Abcndroth begleitet. Bald machen sich am blauen Hiinincl ein. zwei, drei wcitstrahlcndc Kcrzchcn sichtbar. Ru» so ziehe hin in Frieden, Frcudcnspender, ziehe hin m Frieden, Friedcubringcr I Kommet, betreten wir noch einmal die heil. Stätte, um dem, „der durch sein Wort den Abend dämmern läßt und mit weiser Einsicht des Tages Zeiten ändert," noch ein Loblied darzubringen. Gute Woch l meine Lieben! Mögen die kommenden sechs Wcrkctage zum Glück und Segen herrannahcni Jetzt werden Lieder gesungen zmn Ausgang des Sabbaths und bei der Hellen Flamme der gedrehten Wachskerze wird der Akt vorgcnommcn, der den eigentlichen Abschluß de? Sabbate» bildet. „So schöpfet denn Dasier in Wonne aus bcti Quellen des Heils l Kommet, Hausgenosien. trinket auch vom Weine de» Segens zuin AuSgange des heil. Tage». O, möge daS Licht dcS Glaubens so hell in unS leuchten wie die Flamme dieser „ Scheide kcrze" und »lögen wir auch theilhaftig werden am jenseitigen Sabbat der ewigen Ruhe Sund Seligkeit I 3g. Baum.